Sonntag, 22. Mai 2016

Mallorca 2016 Tag 6 - Krönender Abschluss: Cap Formentor

1 Kommentar :
Zwei Mal war ich schon am Cap Formentor. Ein Mal vor einer Ewigkeit mit dem Auto, das letzte Mal vor einem Jahr mit dem Rennrad. Mit brennenden Oberschenkeln, einer Herzfrequenz jenseits von gut und böse und vor allem mit vielen zu Fuß zurückgelegten Metern. Kilometern. Gefühlt hab ich vom Rückweg die meiste Strecke geschoben (ja, wer sein Rad liebt und so weiter, Blödsinn!), mich auf dem Hinweg auch mehr als genug gequält und dazwischen kurz die großartige Aussicht genossen. Dementsprechend schrecklich schön hat sich der Mythos Cap Formentor in mein Hirn gebrannt. Fantastisch und grauenvoll zugleich. "Das Cap" zieht sich seit Beginn der Mallorca-Woche durch sämtliche Fachsimpeleien über Radfahren, Berge und Grenzen, dient zum Vergleich ("Ist dieser Anstieg hier schlimmer als das Cap?" - "Haha, wart mal ab, bis wir wirklich am Cap sind!") ist zum Inbegriff geworden - wovon eigentlich genau?


Nachdem ich das Cap also vehement zur Legende glorifiziert habe, ist hoffentlich allen Teilnehmern unserer Rennradreisetruppe ein wenig mulmig zumute, als wir am letzten Urlaubstag aufbrechen. Seltsam, aber wahr: Ich habe eigentlich gar nicht so richtig Bock. Müssen wir bei der letzten Ausfahrt noch so leiden, können wir nicht irgendwas Schönes machen? Am Strand liegen, vielleicht?

Die Ruhe vor dem Sturm sind wieder die ersten 20 flachen Kilometer: 10 von Can Picafort bis Alcúdia und nochmal 10 bis Port de Pollença - die zufällig immer noch die schönsten Kilometer sind, die ich mir fürs Rennradeln so vorstellen kann. Breiter roter Radweg, flach, direkt am Meer. Ich meine wirklich direkt am Meer. Die Beine wollen ballern (achja, auf einmal doch!), aber sie dürfen nicht so recht. Die Jungs sind so vernünftig Spielverderber und meinen, wir bekommen noch genug zu tun. Mit dem Cap.


Ich hab das Höhenprofil noch recht gut in Erinnerung: Von Null auf gut 200 m rauf, komplett wieder runter, wieder hoch, wieder ein Stückchen runter, nochmal hoch. Dann den ganzen Quatsch zurück. Großer Spaß. Was ich auch noch ziemlich genau weiß: Beim letzten Mal musste ich schon vor dem ersten Aussichtspunkt die Wanderung beginnen. Das würde ich ja jetzt tendenziell schon ganz gerne vermeiden.

Der Berg beginnt direkt hinter dem Ort. Zack. Los gehts. Mit der ersten Serpentine kommt auch noch was anderes: meine Lust. Aufs Radeln. Klettern. Schwitzen. Ich bin am Berg und ich bin angekommen. Hab Bock. Also rauf da. Bis zur zweiten Kurve ist es zu einfach. Ich bin zu schnell, zu gut drin, es kommt mir zu flach vor. Ich bin beeindruckt von Läufern, die hier hoch laufen. Laufen! Hallo! Auf sonen beknackten Berg! Denen fällt wohl auch nichts besseres ein.

Kurze Pause, bis unsere Gruppe wieder komplett ist, dann gehts weiter. Schade eigentlich, dass hier nichts mit Kreide auf der Straße geschrieben steht. Fast ein bisschen langweilig. Also nur treten. Drücken. Ziehen. Klettern. Die Geschwindigkeit fühlt sich unterirdisch an. Dieses Mal mache ich nicht den Fehler, bei jeder Kurve zu glauben, sie könnte die letzte sein. Plötzlich ist sie es dann aber trotzdem: die letzte Kurve, der Aussichtspunkt dahinter, das Chaos aus Autos und Bussen auf dem kleinen Parkplatz. Ha! Die erste Hürde haben wir genommen.

"Bitte nicht die Klippen runter stürzen."


Wir tun, was man am Aussichtspunkt tun muss: Das Rad die Treppenstufen hochtragen, aufs Meer runter gucken, Fotos machen und sich von Autofahrern entgeistert fragen lassen, ob wir wirklich mit dem Rad hier hin gefahren sind, also so echt jetzt. Nein, wir haben die Räder im Kofferraum extra mitgenommen, um damit anzugeben.

Bevor es weiter geht, mache ich alle bekloppt, dass das ja nur der erste Anstieg war, dass sie bloß nicht glauben sollen, wir hätten es bald geschafft, dass wir die ganze Scheiße jetzt wieder runter müssen und dass das echt saumäßig ärgerlich ist, weil wir dann ja den nächsten Berg wieder von ganz unten hoch müssen. Und zurück, hab ich überhaupt schon erwähnt, dass der Leuchtturm ja ne beschissene Zwickmühle ist, weil es keinen anderen Weg zurück gibt als den Hinweg? Oder einen Hubschrauber?


Also denn, erste Abfahrt, wieder runter auf Höhe des Meeresspiegels. Zum Glück sind das hier nur gut 2,5 km bergab und nicht 1000 wie beim Kloster Lluc vor zwei Tagen. Das ist noch akzeptabel. Natürlich bremse ich trotzdem mehr als die drei anderen zusammen. Unten angekommen gehts durch den Ziegenwald und schon wieder leicht bergauf. Man kriegt ja nix geschenkt hier. Ein Gel und eine abgesprungene Kette später gehts dann an den nächsten richtigen Anstieg.

Die Beine sind noch zu gebrauchen, der Berg macht Spaß. Nur den Tunnel finde ich doof, schaffe es aber dieses Mal wenigstens, die Sonnenbrille vorher abzusetzen. Bergauf durch den Tunnel ist irgendwie uncool. Er ist dunkel, eng und zieht sich. Ich bin froh, als ich auf der anderen Seite wieder rauskomme. Bis zum Leuchtturm geht es noch ein wenig auf und ab. Das einzige, was hier richtig nervt, ist der Seitenwind. Vor allem an den Stücken zwischen den Bergen. Links Klippen: 150, 200 Meter und runter bis zum Meer. Rechts Felsen und ein paar Grashalme. Dazwischen: Straße. Und Wind, Wind, Wind. Ich möchte hier so langsam wie möglich entlang fahren, weil ich meine, dann besser auf die Böen reagieren zu können. Je aufrechter ich sitze, desto mehr Angriffsfläche biete ich aber dem Wind - noch ne tolle Zwickmühle.


Irgendwie schaffe ich es, doch nicht von der Straße abzukommen. Wider Erwarten zerschellt auch niemand samt Rad an den Felsen, stattdessen kommt meine Lieblingskurve auf der Strecke: Es geht auf gut 200 Metern Höhe geradeaus direkt aufs Meer zu, bis die Straße im letzten Moment plötzlich eine Kurve im Wilde-Maus-Stil macht. Nach der Biegung sehen wir zum ersten Mal den Leuchtturm und sausen ihm bergab entgegen - nur um dann die allerletzten Meter ein letztes Mal hoch zu klettern. Geschafft!


Wir sind da und ich bin etwas erstaunt, denn es geht mir gut. Klar, das war kein Spaziergang, aber ich habe keine Sekunde gedacht, es sei zu viel, ich könnte nicht mehr, wollte nicht mehr. Alles gut! Eine überteuerte Cola gönne ich mir trotzdem und mal kurz hinsetzen und die Beine ausstrecken tut auch gut. Und das Wichtigste: von oben aufs Meer runter gucken. Aussicht genießen. Berge bestaunen. Stolz sein. Vorsichtig schon mal den Anstieg für die Rückfahrt in Augenschein nehmen.


Der ist zwar eigentlich gar nicht so wild, aber mit komplett kalten Beinen macht er relativ wenig Spaß. Ziemlich genau gar keinen. Kacke. Wenn das so weit geht, wird der Rückweg ja ein Spaß - und ungefähr genauso aussehen wie im letzten Jahr: Wandertag. Ich befürchte das Schlimmste, will aber wenigstens nicht am allerersten Berg schon aufgeben. Die Beine machen zu, aber der Kopf will noch weiter, will unbedingt da hoch und zwar auf dem Rad und nicht zu Fuß. Und so kommen wir oben an. Erste kleine Abfahrt, Beine lockern, nächster Anstieg. Ha! Geht ja doch. Die Beine sind wieder warm und ich bin drin.

Das Auf und Ab ist auszuhalten, der einzig richtige doofe Moment ist der Tunnel. Dieses Mal setze ich die Sonnenbrille nicht ab, weil ich ja nur schnell eben bergab da durch rollen muss. Dämliche Idee. Ganz dämlich. Ich seh das Licht am Ende des Tunnels und sonst gar nichts. Mir wird schwummrig. Das Licht fängt an zu tanzen. Ein Auto kommt mir entgegen, ich bin damit beschäftigt, geradeaus zu fahren und zu bremsen. Habe keine Hand frei, um endlich die Brille abzusetzen, schaffe es aber trotzdem irgendwie, nicht überfahren zu werden und auch nicht gegen die Wand zu knallen. Schön. Tunnel vorbei, alles gut. Und dann gehts so runter, wie mir das gefällt: 3,5 km Zeit um 100 hm zurückzulegen und zwar geradeaus durch den Wald. Ok, der riecht nach Ziegen. Aber ansonsten ist es spitze. Endlich schnell fahren! Ohne Kurven, Klippen, Seitenwind.


Wir sind wieder ganz unten angekommen und ich rechne damit, dass der Spaß jetzt aufhört. Es geht ein letztes Mal rauf: auf 200 hm und zwar 3 km lang. Drei. Das ist ungefähr nichts. Wenn man schiebt, dauern diese 3 km ziemlich lange. Ich konzentriere mich auf den Asphalt vor mir, drücke und ziehe und versuche den niedrigsten Gang so lange wie möglich aufzusparen. Für Notfälle. Man darf sich den Straßenverlauf echt nicht angucken. Marcus weicht mir nicht von der Seite (das ist gut) und gibt Kommentare ab: "Ach du Scheiße! Guck mal da hoch!" (das ist nicht gut). Ich gucke nicht hoch. Dann kriechen wir um die Kurve und ich sehe, was er meint. Scheiße.

Es sieht schlimmer aus, als es ist. Wirklich. Aber nach reden ist mir nicht mehr zumute, also kurbeln wir schweigend und keuchend nebeneinander her. Nächste Kurve. Echt nah am Meer. Würde das Radeln mir nicht schon den Atem rauben, wäre es die Aussicht. Krasser Scheiß, die ist echt unglaublich schön! Und die Mischung ist so großartig: Die Anstrengung am Berg und gleichzeitig dieser dermaßen fantastische Blick auf dunkelblaues Wasser, schroffe Felsen und strahlend blauen Himmel. Diese Farben! Der Wahnsinn.

Schwer zu lesen, was oben auf der neuen Lieblingsmütze steht: Born to climb. Ha!
Die Steigung in der nächsten Kurve ist auch der Wahnsinn. Ich weiß, dass wir gleich oben sind, gleich, bald, irgendwann, nicht mehr weit. Den ersten Aussichtspunkt kann ich schon erahnen. Aber diese Steigung, Scheißdreck. Du kannst nicht mehr, wenn du "Ich kann nicht mehr" nicht mehr sagen kannst. Ich kann noch was sagen. "Es gibt keinen Schmerz!" Völlig am Ende, aber irgendwo finde ich noch ein Lachen und informiere Marcus und alle übrigen Radfahrer in der Nähe lautstark darüber, dass es keinen Schmerz gibt. Die letzten Meter schaffen wir jetzt auch noch. Irgendwie. 300 Meter. Ein Schild kündigt den Aussichtspunkt an. 150 Meter. So langsam dämmert mir, dass wir keinen Meter gewandert sind, sondern die ganze Scheiße komplett mit allem rauf und runter geradelt sind. Haha, geil!

Kurz warten, bis der Rest da ist und dann ist auch schon wieder Zeit, mir in die Hose zu machen. Die letzte Abfahrt. Ich will nicht. Würde am liebsten einfach schön flach bis nach Hause radeln. Flach und schnell. Hilft ja nichts, ich muss da runter. Zur Abwechslung fahren mein Vater und Marc vor, Marcus bleibt - vermutlich notgedrungen - erst mal hinter mir. Und selbst ich lahme Ente werde aufgehalten, weil vor mir eine Frau tatsächlich noch langsamer und noch vorsichtiger den Berg runter rollt. Schön zu sehen, dass jemand noch mehr Angst hat als ich. Das ist selbst mir zu langsam, also fasse ich mir ein Herz und überhole. Ich! Überhole! Bergab! Hahaha.


So langsam fängt es an, zumindest auf den geraden Strecken Spaß zu machen. Die Kurven bleiben beschissen. Es gibt tatsächlich Autofahrer, die in der Kurve überholen. Und mir somit auf meiner Spur entgegen kommen. Wäre ich nicht so langsam gewesen und hätte nicht so gut bremsen können und wäre ich nicht eh so weit außen gewesen... Echt ätzend. Wegen solcher Situationen habe ich bergab Angst. Schön zu wissen, dass wenigstens noch einer von unserer Truppe hinter mir ist. Falls mal irgendwas ist. Was auch immer. Zack, schon schießt er vorbei. Ok, dann krieg ich das auch alleine hin. Es geht ziemlich lange geradeaus, nur noch ein paar Kurven und dann komme ich tatsächlich unten an. Komplett. Die drei warten auf mich und ich muss erst mal feiern, dass ich die Abfahrt überstanden habe, wir alle, das ganze Cap, das ganze verdammte Ding und zwar auf dem Rad. Komplett.


Es geht nach Hause und die Beine sind noch nicht leer. Auf dem Rückweg darf ich noch was ballern - es ist die letzte Ausfahrt, die letzte Chance und ich will jede Gelegenheit nutzen. Also flitzen wir zurück von Port de Pollença über Alcúdia nach Can Picafort. Was für ein großartiges Gefühl, dass diese Sache mit dem Cap zwar mordsmäßig anstrengend war, aber noch nicht genug. Notiz fürs nächste Jahr: Mehr Berge.


Am Ende stehen auf dem Tacho: 80 km, Schnitt 21,8 km/h. Die Höhenmeter sind etwas strittig: Mein Strava behauptet 1.688, lügt aber vermutlich. Denn die Garmins von Marc und Marcus haben jeweils um die 930 hm getrackt. Hm. Ist ja so ähnlich.



Fazit:

Tiersichtungen lebendig: 18 Ziegen auf der Hinfahrt. Zurück habe ich bis 4 mitgezählt, bis mir eingefallen ist, es könnten auch die gleichen wie auf dem Hinweg sein - nächstes Mal also ne Spraydose zum Ziegen-Markieren mitnehmen.

Tiersichtungen tot: keine. Schön!

Autos: Sind scheiße. Überholen knapp, um dann direkt vor dir rechts abzubiegen. Oder überholen im Gegenverkehr in der Kurve. Gehts noch?

Berge: Schrecklich schön. Wenn die Abfahrten nicht wären, noch schöner.

Kilometer: In einer Woche Mallorca sind wir knapp 340 km geradelt. 270 waren es im Vorjahr, nächstes Mal dürfen es gerne noch ein paar mehr werden.

Zum Hotel geschlepptes Wasser: 27 Liter.

Verzehrte Oliven: 126.

Leute: Ich verstehe die Radfahrer nicht so ganz, die so eine großartige Strecke ganz alleine fahren. Kann bestimmt auch schön sein. Ist aber garantiert nicht mal halb so toll wie mit den richtigen Leuten. Ich vermute, nur wer mal zusammen einen Berg hochgekurbelt ist, kennt sich wirklich. Wenn die Beine schwer und die Luft knapp werden, ist keine Zeit mehr, sich zu verstellen. Danke, es hat riesigen Spaß mit euch gemacht! Ich freu mich drauf, mit dem einen Teil von euch den Velothon Berlin und mit dem anderen Teil die Cyclassics Hamburg zu rocken!


1 Kommentar :

  1. Schöne Beschreibung, habe vieles wiedererkannt (auch den Horror im Tunnel). Bin vor zwei Jahren von Cala Ratjada aus zum Cap gefahren, und das war eine meiner tollsten Touren ever.

    Was das Alleinefahren angeht, muss ich sagen, dass es meinem Genuss überhaupt keinen Abbruch tut. Grade den landschaftlichen Reiz kann ich intensiver genießen, wenn ich mir dabei nicht noch einen Kopp um Mitfahrer und Gruppendynamik machen muss.

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