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Freitag, 10. Juli 2020

Auf ne Pizza nach Hannover - 280 Kilometer mit dem Rennrad

2020 lässt mir nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Fehlen von Veranstaltungen mit dem Fehlen von Herausforderungen gleichsetzen und dem Schweinehund nachgeben - oder einfach halbwegs vorzeigbar fit bleiben und für spontane Schnapsideen wenigstens eine minimale Grundlage mitbringen. Ich teile meine Entscheidung nach Sportarten auf: Beim Laufen ist es ersteres, beim Radfahren letzteres.

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Ferdi, auch bekannt als Koootsch der Raketenstaffel und ich und Hannover.
Der Jahrestag meiner ersten und letzten Mitteldistanz spült mir Bilder und Erinnerungen in die Foto-App: Wasserstadt Limmer Triathlon 2017 in Hannover; zu viert waren wir aus Düsseldorf angereist, um die Mission Mitteldistanz um allerersten Mal zu vollbringen und "Mission Hannover" heißt noch immer der gemeinsame Gruppenchat. Damals vor drei Jahren war es für uns alle das erste Mal auf der Mitteldistanz, es war emotional, es war zauberhaft und im Rückblick schauen wir wahrscheinlich alle etwas verklärt auf diese eigentlich doch recht schnöde Stadt. Für uns war der Triathlon toll, das airbnb im abbruchreifen Hochhaus toll, die Gegend toll und die Pizza toll. Und das Tiramisu. Beim Betrachten der Fotos poppt dann aus der Laune heraus die spontane Frage auf:


Zwei Wochen später ist eine Übernachtungsgelegenheit gefunden (danke, Lisa und David!), die Zugtickets für die Rückfahrt sind gebucht, die Taschen gepackt, die Route geplant und um kurz vor 5 sitzen wir freitagsmorgens auf den Rädern. Los geht's von Düsseldorf nach Hannover, gut 280 Kilometer für eine Pizza und mindestens 27 Tiramisu.

Wir sind beide alles andere als Frühaufsteher, aber die grobe Kalkulation der Zeitplanung und das Schließen der Pizzeria um 22 Uhr lassen uns keine Wahl. Falls ich aus meiner 333-Kilometer-Tour an die Nordsee eines gelernt habe, dann ist es das: Wenn du den ganzen Tag Sport machen willst, ist vorher nicht schlafen das Blödeste, was du machen kannst. Ich schlafe also immerhin vier Stunden statt damals nur eine und verbringe den Rest der Zeit des Im-Bett-Liegens mit Sorgen machen: Schaffen wir das zu zweit? Wird der Leistungsunterschied zu groß sein? Überlebe ich die Höhenmeter? Ist die kurzfristig und daher etwas lieblos geplante Route Mist? Macht mein Hintern das mit? Ist der neue Sattel besser oder schlechter als der alte und war es eine dämliche Idee, vor wenigen Tagen noch an der Einstellung herum zu schrauben? Kommen wir rechtzeitig an, bevor die Pizzeria schließt? Wird die Pizza noch so lecker sein wie damals nach dem Triathlon?


Erste Worte beim Treffen um 4:44 Uhr: "Was für eine Scheiß-Idee!" Aber da die Rückfahrt bereits gebucht ist und wir uns jetzt schon mal aus dem Bett geschält haben, geht's wohl auch los. Von Düsseldorf führt uns die Strecke über Ratingen nach Essen, wo die ersten Höhenmeter auf uns warten. Bis es so weit ist, haben wir Langschläfer noch genug Gelegenheit, die völlig leeren Straßen und den Sonnenaufgang zu bestaunen. Beides allein schon wunderschön, aber in Kombination mit unserem großen Vorhaben, heute einfach mal bis Hannover zu radeln, ziemlich herrlich. Besser könnte der Start kaum laufen, und auch der erste Anstieg ist vertieft ins Gespräch schneller vorbei als vorher befürchtet. Cleverer Schachzug, den sich hoffentlich alle zukünftigen Mitfahrer merken: Maren ablenken, wenn's bergauf geht.

Da die Frage nach den Taschen immer wieder auftaucht: Bei nur einer Übernachtung brauchen wir nicht viel. Verpflegung für unterwegs, Wechselsachen für die Nacht und die Rückfahrt im Zug passen in die Oberrohrtasche von Birzman* sowie den Backloader von Topeak*. 
Nach Essen kommt Bochum, ungefähr so weit kenne ich mich auch noch aus, aber dann beginnt für mich Neuland. Castrop-Rauxel, Hamm, Beckum - bisher nur in den Staunachrichten schon mal gehört. Wir kratzen gerade an Dortmund vorbei, als mein Hinterreifen sich ein übertrieben großes Metallstück einfängt. Ich hatte schon etwa 400 Jahre keinen Platten mehr, so dass ich das eirige Gefühl erst nicht richtig einordnen kann, bis die Luft dann raus ist und kein Zweifel mehr besteht. Kacke. Der Fehler ist zum Glück schnell gefunden und der Schlauch gewechselt, aber genug Luft will nicht rein. Sie entweicht nicht sofort aus dem neuen Schlauch, aber so richtig rein will sie auch nicht. Ich meine, es könnte reichen, also rollen wir weiter. Der Reifen sieht das anders, es reicht nicht, wir müssen erneut halten und nachpumpen. Ich möchte nicht, dass unsere Tour nach 70 Kilometern schon zu Ende ist, wie traurig wäre das denn? Von Düsseldorf nach Dortmund und den Rest mit dem Zug? Na klasse. Wir haben das leicht krumme Ventil im Verdacht und würden am liebsten die Miniluftpumpe gegen eine schöne Standluftpumpe tauschen - aber woher nehmen morgens vor Öffnung sämtlicher Fahrradläden am Stadtrand von Dortmund? Die Lösung heißt schließlich Autowerkstatt, und zwar gleich zwei verschiedene. Die erste verkauft mir nach ausgiebiger Suche einen Adapter, um das französische Ventil auch an der Tanke aufpumpen zu können und die zweite Werkstatt hilft dann mit Geraderücken des Ventils und Druckluft nach. Endlich! Das Hin und Her kostet uns etwa eine Stunde und hatte meine Hoffnung auf eine Ankunft vor Ladenschluss der Pizzeria kurz geschmälert. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass Ventil und Schlauch auch für die nächsten 200 Kilometer durchhalten. Den Ventil-Adapter* kann man beim nächsten Mal auch gleich von Anfang an einpacken.


Nach einem guten Drittel der Strecke haben wir bereits 500 Höhenmeter auf der Uhr - was so ziemlich genau 500 mehr sind als ich normalerweise fahre. Gut: Immerhin sind sie gleichmäßig über die ganze Strecke verteilt. Schlecht: Es kommen noch 1000.

In Stromberg müssen wir am Ortseingangsschild selbstverständlich für ein Foto anhalten. Als nächstes fahren wir durch Rheda Wiedenbrück und Gütersloh, gefühlt schon absurd weit weg von zuhause. Nur wegen der vielen Berichterstattung in der letzten Zeit kann ich ungefähr einordnen, wo wir sind. Wiedenbrück ist überraschend schön und in Gütersloh nerven die wobbelig gepflasterten Radwege so sehr, dass wir doppelt froh sind, als wir die Stadt endlich hinter uns lassen. Bielefeld liegt als nächstes auf der Route. Ich sorge mich um potentiell schlimme Anstiege im Teutoburger Wald, bekomme dank höhenmetervermeidender Routenplanung jedoch nur nervigen Stadtverkehr. Nicht viel besser.


Mittlerweile sind wir 170 Kilometer gefahren und es wird heiß. Die Stopps häufen sich. Zeit für die erste Tankstellen-Cola. In meiner Fantasie hört NRW kurz hinter Bielefeld auf, allerdings muss ich in der Realität verdammt lange auf die niedersächsische Landesgrenze warten. NRW hält allerdings noch Späße wie Bad Salzuflen (wer denkt sich denn so einen Namen aus?) und Vlotho bereit. Irgendwo zwischen hier und dort, die schmale Straße schlängelt sich gerade zwischen sehr grünen Hügeln entlang, treffen wir auf eine Gruppe Jugendliche auf Hollandrädern. Bierkiste hinten drauf, Musikboxen vorne und locker flockig zu "99 Luftballons" die Hügel rauf. So kann man auch ne gute Zeit haben. Fahrrad, Getränke, Musik, ab zum See, fertig. Wieso wollten wir nochmal unbedingt nach Hannover?


Porta Westfalica heißt wohl nicht ohne Grund so, aber Hauptsache ich muss erst 220 Kilometer bis hier hin radeln, um das festzustellen. Hier hört NRW also auf. Nach dem Ortsteil mit dem klangvollen Namen Eisbergen folgt der einzige halbwegs ernst zu nehmende Anstieg des Tages über das Wesergebirge. Klingt schlimmer, als es ist, denn es geht nie sonderlich hoch, aber immerhin mal drei Kilometer am Stück bergauf. Kenn ich nicht von zuhause, und kenn ich erst recht nicht mit 220 Kilometern und 1000 Höhenmetern in den Beinen. Auch hier funktioniert die Taktik Ablenkung wieder hervorragend, denn ich hatte zuvor bei der Routenplanung entdeckt, dass jemand ausgerechnet hier ein "Bänkle zum Verweilen" als Point of Interest markiert hat. Was kann also schief gehen?

Tatsächlich hält Eisbergen entgegen der Ankündigung weit und breit kein Bänkle zum Verweilen bereit. Einige Kilometer später finden wir glücklicherweise doch noch eines. Mit Schatten!
Es gibt Bergwerke und Schneisen aus kalter Luft, so dass die Abfahrt sich anfühlt wie ein Bad im Baggersee. Bevor noch jemand zu frieren anfangen kann, geht es glücklicherweise wieder bergauf. Der untere Rücken meldet sich so langsam und mit ihm die Erkenntnis, dass mir bisher nicht klar war, wie sehr man den Rücken besonders beim bergauf Radeln gebrauchen kann. Hoch und runter geht's bis Stadthagen "An der Bergkette" entlang. Die Straße heißt tatsächlich so und präsentiert sich dementsprechend idyllisch. Links der Blick auf die eher platte Landschaft (und den Kaliberg), rechts die "Bergkette", mittendurch schlängelt sich die Straße auf und ab. Wirklich schön!

Nicht mehr so schön ist es bei Kilometer 260 kurz hinter Bad Nenndorf, als ich ankündige, dass ich eine Pause brauche, und zwar jetzt sofort. Der Kreislauf schwächelt, die Hitze tut ihr übriges und ich muss einfach kurz im Schatten sitzen. Ich habe das Gefühl, dass es eher mit dem Zug oder Bus als auf dem Rad weitergeht, aber eine Cola und ein paar Cracker ändern meine Meinung. Es geht besser. Wir einigen uns darauf, langsam weiter zu rollen und auf den Radwegen zu bleiben. Sieben Kilometer später sind wir endlich in Stemmen, dem schönsten Dorf im Landkreis 1996, niemanden interessiert das - außer uns, denn wir befinden uns ab jetzt auf der Triathlon-Radstrecke und hatten auch vor drei Jahren schon unseren Spaß mit dieser stolz präsentierten Auszeichnung.


Der letzte Rest unserer Route führt uns weiter über die Triathlon-Strecke und ist heute nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Weißt du noch, genau hier saßen immer diese Zuschauer, dort war der Fotograf, dort die Verpflegung, und ach diese Abfahrt!


Endlich erreichen wir ein Ortsschild von Hannover, selbstverständlich halten wir für ein Foto an. Für die Reservierung in der Pizzeria sind wir sowieso schon etwas spät dran, jetzt kommt es auf die Minute auch nicht mehr an. Hannover! Angekommen! Ob sich darüber schon mal jemand so doll gefreut hat?

Die letzten zwei Kilometer durch die Stadt schaffen wir jetzt auch noch. Auf dem Weg liegt der Stichkanal Linden, Triathlon-Schwimmstrecke. Besser könnte das alles hier gar nicht zusammenpassen. Es ist schön, schon mal hier gewesen zu sein und noch schöner ist es, mit dem Fahrrad aus eigener Kraft zurück zu kehren. Heute morgen um 5 waren wir noch zuhause in Düsseldorf und jetzt sind wir hier. Wir sind wirklich da! Pizza gibt's auch noch und der Magen macht glücklicherweise auch wieder mit - nur fürs Tiramisu reicht's bei mir dann leider nicht mehr. Müssen wir wohl nochmal wieder kommen - vielleicht in drei Jahren, wenn die Foto-App mich an diese Tour erinnert?

Die Frage kam auch schon häufiger: Die fantastische Pizza gibt's bei Francesca & Fratelli. 
Das Wichtigste: Wir haben es vor Ladenschluss geschafft. Hier noch die Zahlen: 283 Kilometer, 1500 Höhenmeter, knapp 12 Stunden Fahrtzeit, 15,5 Stunden insgesamt. Das Beste: Am nächsten Tag auf dem Rad sitzen ist kein Problem - weder für den Rücken noch den Hintern. Der Sattel ist also approved!

Die mit * markierten Links sind Werbelinks. Wenn du über diese Links etwas einkaufst, bekomme ich von Amazon eine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht.

Dienstag, 16. April 2019

Radeln im Dunkeln? - Testbericht: Busch & Müller Ixon Space

Hast du schon einmal im Dunkeln auf dem Rad gesessen? Ich meine nicht den Arbeitsweg durch die Stadt im Winter, sondern ein Rennradtraining auf einsamen Wirtschaftwegen oder eine Nachtfahrt mit dem Mountainbike durch den Wald. Rennrad im Dunkeln finde ich faszinierend. Ich habe das Gefühl, alle Sinne schärfen sich und ich bin unglaublich wachsam, wenn ich in der Dunkelheit über den Asphalt flitze. Aber ich muss zugeben: So richtig in den Wald habe ich mich ohne Tageslicht noch nicht getraut, obwohl im Winter abends in Düsseldorf sogar MTB-Gruppenausfahrten angeboten werden. Da bin ich etwas schissig, fühle mich selbst tagsüber nicht immer sicher genug und hatte bisher auch vor allem ein Problem: keine gescheite Lampe. Diese Ausrede fällt jetzt weg, denn Busch & Müller hat mir das Flaggschiff unter den Akku-Scheinwerfern zur Verfügung gestellt: Ich habe den IXON SPACE* bereits seit Ende letzten Jahres im Einsatz. Das Test-Angebot kam genau zur richtigen Zeit, weil meine alte Lampe ihren Geist aufgegeben hatte und selbst mal eben abends durch die Stadt flitzen nicht mehr drin war.

Nun bin ich also besser ausgestattet, als es mein studentisches Budget jemals zugelassen hätte. Weil ich reine Testberichte so schnarchig finde und zudem überhaupt kein Technik-Experte bin, schreibe ich stattdessen über meine Faszination am Radeln im Dunkeln. Die Infos zur Busch & Müller IXON SPACE findest du weiter unten.


Vor ein paar Wochen habe ich in der Insta Story gefragt, wer schon mal im Dunkeln Rennrad gefahren ist - mehr als die Hälfte hat geantwortet: ich nicht. Warum eigentlich nicht? Natürlich würde ich auch nicht ohne Beleuchtung nachts auf einer Landstraße fahren - aber mit einem guten Licht vorne und hinten, auf Strecken mit wenigen bis gar keinen Autos, am besten in einer Gruppe Radfahrer ist das absolut möglich. Tatsächlich hat das Fahren in der Gruppe im Dunkeln auch etwas für sich: Du musst dich unglaublich konzentrieren und sehr gut aufpassen. Das ist anstrengend, hilft aber auch unheimlich für Tageslicht-Gruppenfahrten, bilde ich mir jedenfalls ein.

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, wie wir mitten in der Nacht in Essen aufgebrochen sind, um 333 Kilometer ans Meer zu fahren. Da war es stockdunkel, die Gruppe fremd und ich müde - erst einmal unbehaglich, aber die frische, kalte Luft hat mich so schlagartig aufgeweckt, dass ich mich schnell daran gewöhnt hatte. Dass wir so früh gestartet sind, hat der ganzen Mission gefühlt noch einmal einen Hauch mehr Wichtigkeit verpasst. Als hätten wir uns auf einem Eroberungszug von Essen bis zur Nordsee befunden. Ganz anders ging es mir bei der ersten Nachtfahrt beim 24h-Rennen bei Rad am Ring. Der Wecker ging um 4:15 Uhr, um 5 Uhr saß ich auf dem Rennrad. Warum zur Hölle? Dabei ging mir anfangs vor allem "wie bescheuert bist du eigentlich?" durch den Kopf, bis mir eingefallen ist, dass ich das mache, weil ich es möchte. Weil es Spaß macht. Weil es etwas anderes ist als das, was du jeden Tag erleben kannst.


Eine Trainings-Nachtfahrt kann man auch zuhause relativ einfach einbauen. Was bei mir immer noch auf der To-Do-Liste steht, ist der Wald bei Nacht. Mit dem Crosser war ich bisher zwar im Dunkeln auf ein paar holprigen Feldwegen unterwegs, aber nicht auf schwierigen, technischen Passagen. Ich werde noch etwas Üben und es dann Ausprobieren! Hilfreich dabei ist natürlich eine vernünftige Beleuchtung und daher jetzt mal zu den Details:

Was kann der Busch & Müller IXON SPACE*?
Erst einmal bietet er 150 Lux - und dass das verdammt viel ist, weiß sogar ich. Der integrierte Lithium-Akku lässt sich über USB aufladen. Andersrum bietet die Lampe sogar eine Powerbank-Funktion und kann das Smartphone oder Garmin laden. Die Lichtstärke lässt sich per Touch-Slider wählen - ohne Probleme mit einem Finger während der Fahrt. Praktischerweise zeigt das leuchtende Display die Restleuchtzeit in der jeweiligen Stufe an (je nach Stufe 2-30 Stunden). Der IXON SPACE kombiniert die Nahfeld-Ausleuchtung mit einem Großflächen-Lichtfeld - das bedeutet, im Gegensatz zu meinem alten Scheinwerfer sehe ich nicht nur den kleinen Bereich direkt vor dem Rad, sondern habe die Fahrbahn breit und weit ausgeleuchtet. Der Akku-Scheinwerfer ist StVZO-zugelassen sowie spritz- und regenwasserdicht. Natürlich gibt es einen Haken, denn wer so viel kann, hat seinen Preis und braucht Platz. Der IXON SPACE ist ganz schön gewaltig: Er ist 12 Zentimeter lang und bringt gut 250 Gramm auf die Küchenwaage. Der UVP ist 199€; der günstigste Online-Preis, den ich gefunden habe, liegt bei ca. 140€. Wie das beeindruckende Lichtfeld in den jeweiligen Stufen genau aussieht, ist am besten auf den Beispielbildern bei Busch & Müller zu sehen.


Meine Meinung:
Erst einmal: Natürlich bin ich völlig befangen. Meine alte Lampe ist kaputt, da hat's ein neuer Scheinwerfer, und dann auch gleich in der Größenordnung wie der IXON SPACE, natürlich erst mal ziemlich leicht. Tatsächlich war mein allererster Eindruck: Heilige Scheiße, was für ein riesiges Gerät! Gerade am Rennrad hat man ja ungern irgendwas Großes zusätzlich am Lenker. Aber ganz ehrlich: Wenn es dunkel ist, ist es auch total egal, wie groß die Lampe ist. Zur Sicherheit gehört selbst etwas sehen und gesehen werden - um beides mache ich mir hiermit definitiv keine Sorgen. Richtig praktisch finde ich die Befestigung, mit der sich der Scheinwerfer superschnell an- und abmontieren lässt, ohne dass eine extra Halterung am Lenker nötig ist. Die Bedienung mit dem Touch-Slider und die Infos im Display sind fette Pluspunkte. Ob die wirklich nötig sind, muss jeder selbst entscheiden - für mich persönlich eher die Kategorie "nice to have". Natürlich darf und sollte das Top-Modell mit komfortabler Bedienung und ein paar Extras aufwarten.

Ich nehme den IXON SPACE auch zum Bikepacking mit - nicht nur wegen des Lichtes, sondern auch wegen der praktischen Funktion, den Scheinwerfer im Notfall als Powerbank nutzen zu können.


Auf der letzten Rennradtour zu zweit im Dunkeln haben wir auf einem ruhigen Weg ausprobiert, was passiert, wenn die Lampe am zweiten Rad ausgeschaltet ist. Beim nebeneinander Fahren ändert sich gar nichts, der IXON SPACE erleuchtet den kompletten Weg und reicht locker für zwei - bevor sich jemand Sorgen macht: Natürlich würde ich das im Straßenverkehr nicht empfehlen und natürlich haben wir den zweiten Scheinwerfer schnell wieder eingeschaltet.

Die anspruchsvollste Strecke, auf der ich jemals im Dunkeln geradelt bin, ist der Nürburgring. Deshalb frage ich mich bei sämtlichen Lampen, ob ich sie auf die Nordschleife nehmen würde - für mich der ultimative Härtetest. Beim IXON SPACE muss ich nicht lange überlegen: Die hellste Stufe habe ich noch nie gebraucht - der ist definitiv Rad-am-Ring-tauglich!

Busch & Müller IXON Space bei Amazon*

Werbehinweis: Der IXON SPACE wurde mir von Busch & Müller kostenfrei überlassen. Danke dafür! Auf die Art oder die Inhalte des Testberichts wurde keinerlei Einfluss genommen. 

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Donnerstag, 4. April 2019

Rennradfrauen: Wir sind viele!

Vor ein paar Wochen habe ich auf Instagram die Frage gestellt, wieso die Frauenquote bei Jedermann-Radrennen so niedrig ist - bei Rund um Köln beispielsweise knapp um die 10 Prozent insgesamt. Ich dachte, vielleicht würde eine Handvoll Leute reagieren, wenn überhaupt. Tatsächlich hat mich die Flut der Reaktionen ziemlich umgehauen, denn mir haben unheimlich viele Frauen und auch einige Männer geschrieben. Auf Insta als direkte Antwort auf die Frage, als private Nachricht oder extra per E-Mail. Das Thema scheint auf jeden Fall zu bewegen und daher möchte ich die häufigsten Antworten noch einmal mit euch teilen und weiterhin Ideen sammeln, wie wir das ändern könnten. Dieser Artikel ist eingebettet in die Aktion "Frauen im Sport", die Hannah von den Ausdauercoaches ins Leben gerufen hat. Meinen Steckbrief für das Projekt findet ihr hier. Ich freue mich, einen kleinen Teil beitragen zu können!


Nicht alles, was folgt, ist meine Meinung. All das haben mir Frauen als Gründe geschrieben, weshalb sie selbst nicht an Radrennen teilnehmen oder was sie glauben, weshalb die Frauenquote bei Rennen so gering ist:

  • Mit Abstand häufigste Antwort: "ich bin zu untrainiert", "ich bin nicht fit genug"
  • Zweithäufigste Antwort: "ich habe Angst, zu langsam zu sein"
  • "ich glaube, viele trauen sich nicht"
  • Mehr Männer als Frauen fahren Rennrad
  • Angst vor Klickpedalen und der Geschwindigkeit
  • Angst vor dem Fahren in der Gruppe
  • Angst vor Stürzen im Getümmel
  • "ich habe noch nie darüber nachgedacht"
  • "ich habe keine "Buddies" zum Biken und möchte nicht alleine bei Events fahren"
  • gemeinsamer Start mit den Männern
  • Frauen denken, Männer würden rabiat fahren 
  • Frauen sind gescheiter und wissen, wie gefährlich das ist
  • mangelnde Wertschätzung gegenüber Radfahrerinnen
  • keine Lust 
  • Frauen genießen den Sport und wollen sich nicht miteinander messen

Puh, das hat mich teilweise, vor allem bei der Häufung der immer wieder gleichen Antworten, ganz schön ins Grübeln gebracht. Keine Lust - kein Ding! Keiner sollte sich zu irgendetwas gezwungen fühlen, nur weil es gerade scheinbar alle machen. Wenn aber strukturelle Gründe dazu führen, dass bestimmte Gruppen sich etwas nicht zutrauen, dann beschäftigt mich das. Und zwar so sehr, dass ich mir den Kopf darüber zerbreche, wie sich das verändern lässt. Deshalb habe ich auch euch gefragt, was Veranstalter und Radfahrer/innen ändern müssten. Heraus kam dabei das:

  • Frauentouren organisieren
  • sich gegenseitig motivieren
  • respektvoll miteinander umgehen, besonders die schnelleren mit den langsameren Frauen
  • Ehrungen für Frauen (auch bei kleinen Veranstaltungen mit wenigen Starterinnen)
  • getrennte Starts für Männer und Frauen 
  • Vorbilder sichtbar machen


Vor allem der letzte Punkt motiviert mich immer wieder, mit dem Blog und auf Social Media weiterzumachen. Weiterhin Geschichten zu erzählen, zu zeigen was möglich ist, mit Ideen und "einfach mal machen" anzustecken. Hin und wieder bekomme ich Mails, in denen steht: "Du hast mir Mut gemacht, deshalb habe ich mich für XYZ angemeldet". Das freut mich unglaublich! Macht euch gegenseitig weiterhin Mut! Ich möchte nicht akzeptieren, dass es anscheinend häufig ein weibliches Problem ist, sich selbst zu unterschätzen. Die in den meisten Rennen auf den kurzen Strecken geforderte Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit liegt um die 25 km/h. Wer da im Training bei ähnlichem Höhenprofil auch nur halbwegs dran kommt, wird bei gesperrten Straßen, mit Windschatten und Adrenalin keine Probleme haben. Niemand muss also absurd schnell sein, um ein Rennen zu fahren. Man muss sich nur trauen! Bei Läufen oder Triathlons tritt man ja auch ohne Probleme als Breitensportler an. Ich habe jedenfalls noch keinen 10-Kilometer-Läufer gehört: "Ich bin zu langsam, ich habe sowieso keine Chance, vorne mitzulaufen, also lasse ich es lieber."

Thema Vorbilder: Bei vielen der großen Jedermann-Rennen gibt es auch ein Profirennen, spontan fallen mir beispielsweise Rund um Köln, Eschborn-Frankfurt und Hamburg ein. Müsste es nicht konsequenterweise auch Frauenprofirennen im gleichen Kontext geben?

Seit dieser Umfrage sprüht mein Kopf vor Ideen, manche davon sind Hirngespinste und andere werden gerade Realität. Das werden sie aber nur, wenn man nicht nur davon redet, sondern auch Sachen macht: Heute Abend findet deshalb in Köln bei einem Bierchen die erste "Rund um Köln | Frauenrunde" statt. Ich habe mir gedacht, wenn Unsicherheit anscheinend bei vielen ein großes Thema ist, dann hilft es vielleicht, Frauen zusammen zu bringen. Ein Streckentest mit der Frauenrunde folgt Ende des Monats. Danach kann auf jeden Fall keine mehr sagen, sie kenne keine, mit der sie bei Events fahren könne ;-)

Ich würde die Diskussion gerne weiter anstoßen und freue mich auf eure Kommentare auf Facebook, Instagram oder Twitter: Was müsste passieren, damit mehr Frauen an den Startlinien stehen?


Fotos: Neil Baynes für Rund um Köln

Werbung: Wahrscheinlich ist dieser Artikel genau wie das Engagement in Köln Werbung. Die Frauenrunden sind in Absprache mit dem Rund um Köln Škoda Velodom Orgateam entstanden, jedoch auf meine Initiative hin und ohne Gegenleistung. Ich werbe dafür, sich den Sprung ins kalte Wasser zu trauen und mal bei Events teilzunehmen. Ich werbe auch für gegenseitige Bestärkung, für Mut und für das Bilden von Rudeln.

Dienstag, 16. Oktober 2018

Raceday No. 65 - Münsterland Giro 2018

3. Oktober, Feiertag, traditioneller Münsterland-Giro-Tag. Wir Rheinländer sind ja schnell für Traditionen zu haben: Findet irgendetwas zum dritten Mal statt, ist es Tradition. Zack. Der 13. Münsterland Giro ist also der dritte für mich. Nach meinen Starts 2016 und 2017 bin ich in diesem Jahr wieder dabei. Wieder auf der kurzen Strecke, weil kurz schnell bedeutet und schnell mir Spaß macht. Seit ich bei meinem ersten Start in Münster direkt vierte in der Altersklasse geworden bin, flirte ich ein bisschen mit dem AK-Podium. Blöderweise habe ich bei meinen Überlegungen nicht berücksichtigt, dass ich inzwischen nicht mehr in der AK Frauen, sondern Master 1 bin. Und das ist beim Radfahren nicht unbedingt ein Vorteil.


Der Start aus Block A hingegen könnte ein Vorteil sein - wenn man ihn denn nutzen würde. Wer allerdings zu spät kommt und sich hinten einreiht, hat nicht so wahnsinnig viel davon. Wer dann noch so übermütig ist, auf den ersten zehn Kilometern alle Körner zu verpulvern und ganze Gruppen im Alleingang zu überholen - der darf sich nicht wundern, wenn er an der ersten mikroskopisch kleinen Bodenwelle abgehängt wird. Tschüss!

Für die ersten zehn Kilometer verkündet das Garmin einen Schnitt von 39 km/h. Das ist für mich ziemlich flott. Im letzten Jahr konnte ich das gleiche Tempo auf den ersten 30 Kilometern halten - allerdings waren die auch komplett flach und ich wenigstens ansatzweise im Training. Beides kann ich dieses Jahr nicht wirklich behaupten. Trotzdem wäre es ja gelacht, wenn ich nicht wenigstens versuchen würde, schnell zu sein.


Ich versuche es. Wirklich. Aber es geht nicht. Und es tut weh. Und ich kann das heute nicht aushalten. Das ist der Nachteil, wenn du vorne startest und zu langsam bist: Wenn du alle ziehen lassen musst, bist du ziemlich schnell allein. Nicht so gut fürs Ego, nur überholt zu werden und niemanden zu überholen. Und dann 20 Kilometer warten zu müssen, bis die ersten aus Block B vorbei ziehen. Natürlich zu schnell - die sind ja nicht umsonst die Spitze ihrer Startgruppe.

Auf die Berge (ja, Berge! Es heißt Baumberge und nicht Baumhügel!) hatte ich mich tatsächlich gefreut. Ich erinnere mich noch gut, wie magisch das hier oben vor zwei Jahren im Nebel war. Dieses Mal fehlt mir der Zauber, als ich völlig allein kurbele und kurbele und kurbele, um irgendwann mal oben anzukommen. Statt Nebel gibt es heute Sonnenblumen, die von der Sonne ganz traumhaft angeleuchtet werden. Fantastisch. Ich sterbe. Oben lese ich noch drei weitere Berg-Elefanten auf. Wir verbünden uns.


Ich fahre vorne, drei Mann hinter mir. Als ich nach einer Weile merke, dass trotz meiner Zeichen niemand Anstalten macht, mich in der Führung abzulösen, stattdessen hinter mir aber munter geplaudert wird, stelle ich die Arbeit ein. Prompt kommt der Vorschlag, man könnte ja kreiseln. Ach was! Wie innovativ. Leider verfolgen die drei dabei ein anderes System, als ich es kenne: Anstatt dass der erste sich beim Führungswechsel rausfallen lässt und sich hinten wieder einreiht, soll der letzte an allen vorbei fahren und die Spitze übernehmen. Ich boykottiere diese Taktik.

Endlich sind von hinten wieder Geräusche zu hören: Eine weitere Welle aus Block B rauscht heran und spült zufällig Jan mit sich, den ich direkt beim Start verloren hatte. Endlich sind wir eine große Gruppe, endlich nehmen wir ein vernünftiges Tempo auf und endlich kann ich mal kurz in Ruhe atmen - ohne Panik, das Hinterrad vor mir sofort wieder zu verlieren. An einer engen Kurve passiert es natürlich trotzdem - tschüss Jan, tschüss schöne Gruppe!

Eben hat mir netterweise jemand verraten, dass noch ein kleiner Stich auf der bis hier hin wirklich schönen Strecke liegt. Ich male mir die wildesten Anstiege aus, aber in Wahrheit ist es ein recht harmloser Hügel - dieses Mal tatsächlich. Ich will wieder an die Gruppe ran kommen und gebe alles dafür, um die Lücke wieder zu schließen. Ich fürchte fast, dass ich aufgeben muss, als von hinten Unterstützung naht. Wir holen nicht nur auf, sondern rauschen direkt an der Gruppe vorbei, tschüss Jan!


Es geht nur noch geradeaus, die Straße ist breit, wir halten das Tempo hoch. In Münster selbst nehmen die üblichen drei Kurven nochmal Geschwindigkeit raus. Auf einmal habe ich Jan wieder neben mir. Er fährt heute sein erstes Radrennen, hat seit wenigen Monaten überhaupt erst ein Rennrad. Wir hatten vereinbart, nicht zusammen zu fahren, aber jetzt überqueren wir die Ziellinie zufällig auf die Sekunde genau gleichzeitig: Nach 1:54:34 Stunden.

Mit Platz 31 gesamt und 12 in der AK ist das mein bisher schlechtestes Ergebnis in Münster. Dazu mit 34 km/h im Schnitt auch das langsamste Rennen. Nun. Du kannst nicht immer einen super Tag erwischen. Eine weitere Lektion, die mir gar nicht so gut schmeckt: Du kannst auch nichts erwarten, wenn die letzten Wochen mit arbeiten, studieren, krank sein und faul sein verbracht hast, anstatt auf dem Rad zu sitzen. Auch wenn meine Laune an diesem Feiertag gar nicht so feierlich war: Zum traditionellen Abschluss der Rennradsaison schmecken die Nudeln auf dem Münsteraner Schlossplatz auf jeden Fall am besten. Bis zum nächsten Jahr!


Der Startplatz für den Münsterland Giro wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Mittwoch, 8. August 2018

Raceday No. 60 - Rad am Ring 24h-Rennen

Erste Runde 

Der Staffelstab ist eine Trinkflasche mit Transponder, die man nicht öffnen darf und aus der man auch nicht trinken kann. Unser Startfahrer Ansgar übergibt mir die wichtigste Flasche und wünscht mir viel Spaß. Er kennt die Strecke in und auswendig und ist gespannt, wie ich die Nordschleife finden werde. Die grüne Hölle. Eine 90 Jahre alte Rennstrecke, die bereits 1976 als zu gefährlich für die Formel 1 eingestuft wurde. Na wunderbar. Insgesamt hat die Runde mit der Grand Prix Strecke 26 Kilometer, etwa 580 Höhenmeter und 93 Kurven. Das einzige, was ich vorher weiß: Es gibt steile Abfahrten und steile Anstiege. In der Fuchsröhre knacken einige Radfahrer die 100 km/h, während es an der Hohen Acht mit bis zu 17 Prozent bergauf geht. Es besteht also die Gefahr, dass ich hier rückwärts wieder runter rolle.

Mehr weiß ich nicht, als ich zum ersten Mal von der zwar harmlosen, aber auch schon irgendwie coolen Grand Prix Strecke auf die Nordschleife abbiege. Diese Asphaltkilometer, die wir schon vor zehn Jahren bei Rock am Ring als heiligen Boden bezeichnet haben. An deren Rand man campen konnte, wenn man keinen Bock auf Kuhwiese hatte. Heute ist weniger Rock'n'Roll. Die Strecke verpasst mir ganz von allein einen Rausch. Um die 20 Meter Breite, rechts und links die rot-weißen Begrenzungen, dahinter Wiese. Zum allerersten Mal bergab, in die Kurven. Ich verliebe mich auf Anhieb. Der Mythos Nordschleife liegt einfach in der Luft, ich habe ihn unter meinen Reifen und mein Herz hüpft wie wahnsinnig, weil ich hier fahren darf. Hier mit dem Rad runter zu düsen, die Kurven zu nehmen, dabei immer im Hinterkopf, dass es gleich noch länger runter geht, noch krasser wird, und dann einige Kilometer lang steil wieder rauf. Das Glücksgefühl, hier Rennrad zu fahren, vermischt mit dem Respekt vor der Strecke - ein bittersüßer Cocktail, der mich bis zur Hälfte der Runde trägt.


Im Vorbeifahren lese ich die historischen Namen der Streckenabschnitte. Schwedenkreuz, Adenauer Forst, Metzgesfeld, Exmühle, Bergwerk. Abfahrten wechseln sich mit kurzen Anstiegen ab. Bei einigen gelangt man mit genug Schwung bis nach oben, bei anderen bleibt man einfach stehen, wenn man nicht rechtzeitig runter schaltet. Wo war jetzt eigentlich die Fuchsröhre? Inzwischen geht es schon seit einer Weile bergauf und wird immer steiler. Und warum heißt es eigentlich ausgerechnet Klostertal, wenn die Strecke mit acht, neun, zehn Prozent bergauf führt?

Es zieht sich. Ewig. Ich glaube, mein Garmin ist kaputt, denn es zeigt permanent 11,8 km/h an und nichts anderes mehr. Vielleicht sind auch nur die Beine kaputt. Endlich wieder ein halbwegs flaches Stück vor dem Caracciola-Karussell: "Flache" vier bis fünf Prozent, klasse. Nach der Steilkurve (wie gut, dass ich schon mal auf der Bahn war!) kann ich kurz durchatmen, danach geht es in das letzte Stück rauf zur Hohen Acht. Ich warte darauf, dass die 17 Prozent mich umhauen, dass ich rückwärts den Berg wieder runter rutsche, einfach umkippe oder absteigen muss. Nichts davon passiert. Ich sehe schon von unten einen Zielbogen und hoffe, dass er den höchsten Punkt markiert. Allerdings traue ich mich nicht, bei den Nebenmännern zu fragen. Die Gefahr, dass ich sofort absteige und mich auf die Wiese setze, falls mir irgendwer verrät, dass es danach noch weiter rauf geht, ist zu groß.


Oben ist zum Glück wirklich oben. Das Schild "Ab jetzt Kette rechts!" lässt mich hoffen, dass es jetzt wieder angenehmer wird. Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten, Galgenkopf. Rauf und runter, aber im Vergleich  zu den vier Kilometern von der Exmühle bis zur Hohen Acht alles kein Problem. Die Döttinger Höhe zieht sich noch ein bisschen, Windschatten wäre bei diesem langen Stück geradeaus praktisch. Bisher habe ich mich von anderen Radfahrern aus Angst vor Stürzen möglichst ferngehalten, aber hier wäre ein hübscher Zug schon ziemlich fein. Ich merke, wie ich die restlichen Kilometer rückwärts zähle. Was bin ich froh, erst einmal nur eine Runde fahren zu müssen! Nach mir sind wieder die anderen drei dran.

Endlich ist die Zielgerade in Sicht. Danach noch schnell die drei, vier Kurven bis zu unserem Camp und Übergabe der Staffel-Flasche. Ich fühle mich ein kleines bisschen besonders, weil ich jetzt im gleichen Club wie Ansgar bin und mitreden kann, während das Debüt von Christian und Jan noch aussteht. Wir schicken den dritten Fahrer auf die Strecke. Wie wars? "Geil! Aber auch hart! Total krass! Viel Spaß!" Ansgar schiebt "Genieß es!" hinterher, was irgendwie der beste Tipp ist. Die Nordschleife fordert viel, aber sie gibt dir auch alles.

1:02 Stunden habe ich für meine Runde gebraucht. Ich hatte keine Vorstellung, wie schlimm oder nicht schlimm die Höhenmeter sein würden und hatte eine grobe Stunde angepeilt - kommt hin. Abgesehen davon habe ich den großartigen Plan ausgeheckt, die erste Runde erst einmal langsam anzugehen, um die Strecke kennenzulernen. Steigern kann man sich ja hinterher immer noch. Denkste. Die erste Runde wird auch 24 Stunden später noch meine schnellste sein.

Zweite Runde 

Die anderen drei sind alle etwas schneller unterwegs, so dass ich meine Pause dahinschwinden sehe. Obwohl ich gefühlt eben erst zurück gekommen bin, sitze ich nach knapp drei Stunden schon wieder auf dem Rad. Die Vorfreude hält bis zur ersten dezenten Welle. Scheiße! Wieso merke ich schon in der zweiten Runde meine Beine? Das kann ja noch lustig werden. In den Abfahrten bin ich immernoch vorsichtig, traue mir aber mehr zu als in der ersten Runde. Die größte Angst: Bei Rechtskurven, die ich nicht innen fahren will, zu weit nach links zu geraten und von einem schnelleren Fahrer von hinten abgeräumt zu werden. Ich blicke mich also lieber 27x um, bevor ich in eine Kurve fahre.

Inzwischen weiß ich, wo die Fuchsröhre ist und freue mich über eine lange Abfahrt, bei der man die Kurven fast ignorieren kann. Trotzdem traue ich mich nicht von Anfang an, die Bremse komplett zu lösen. Erst als ich alles einsehen kann, mache ich die Bremse auf und werde immer schneller. In der ersten Runde war die Straße hier noch vom Regen nass, mittlerweile ist zum Glück alles abgetrocknet. Ich fliege. Ich kann währenddessen nicht nach unten gucken, sondern halte den Lenker fest, will nicht denken, aber schwanke zwischen "ist das geil" und "ach du scheiße". Erst im nächsten Anstieg wage ich den Blick aufs Garmin: bergauf noch 77 km/h. Strava verrät mir später, dass die Höchstgeschwindigkeit bei 81,7 km/h lag. Ich glaube, wer hier völlig ohne Angst runter fährt, tickt nicht ganz sauber. Meine Mischung aus Respekt und Euphorie bringt mich irgendwie sicher durch die Runde.

Zumindest bis zur Kurve Wehrseifen, als ich jemanden im Kiesbett liegen sehe. Zwei Fahrer stehen etwas ratlos daneben, es ist noch kein Krankenwagen da. Mich irritiert, dass die beiden so weit weg stehen und sich keiner direkt um den Verletzten kümmert, deshalb halte ich an. Frage, ob sie noch Hilfe brauchen und erkenne im gleichen Moment: ja. Ein Rettungswagen ist bereits informiert, ich kann eigentlich gar kein Blut sehen, aber jetzt kann ich es doch und kümmere mich um den Fahrer am Boden. Ich denke nicht, sondern funktioniere nur. Versuche, ihn zu beruhigen, überhaupt erst einmal zu ihm durch zu dringen, mit ihm zu sprechen. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Notärztin eintrifft, weiß ich, dass es für mich nichts mehr zu tun gibt. Ich fahre weiter, auch wenn ich nichts lieber will als zurück am Camp sein.

Die Hälfte der Runde liegt noch vor mir, damit also auch die Anstiege. Ich will nicht mehr. Aber da ich auch nicht hier bleiben kann, fahre ich weiter. Irgendwie. Mein Kopf ist leer. Meine Beine auch. Mein Ehrgeiz liegt irgendwo mit einem kaputten Rennrad im Grünstreifen. Ich schiebe die letzten Meter der Hohen Acht und es ist mir nicht mal peinlich. Ich rolle zurück zu den anderen und denke, ich muss irgendwie die Fassung bewahren, damit meine Ablösung nicht mit einem schlechten Gefühl auf die Strecke geht. Als er weg ist, kommt alles raus. Bis eben habe ich funktioniert, aber jetzt nicht mehr.

Dritte Runde 

Ich brauche eine Pause. Körperlich und mental. Ich gehe duschen, versuche auf andere Gedanken zu kommen. Mir ist schlecht, aber ich esse, weil irgendwie Energie rein muss. Tortellini mit Tomatensauce. Als die Zeit verstreicht, wird mir klar, dass ich die nächste Runde nicht mehr im Hellen fahren werde. Ich würde am liebsten gar nicht mehr fahren, aber ich ahne: Wenn ich jetzt kneife und mich nicht wieder aufs Rennrad setze, wars das mit mir und der Nordschleife. Ich blicke der neu gewonnenen Angst vor Kurven, Abfahrten und Stürzen also lieber jetzt gleich ins Auge als irgendwann später.

Als ich gegen 22 Uhr starte, ist die Sonne bereits untergegangen, aber es ist noch nicht stockdunkel. Christian sagt, ich soll die Lichter genießen. Das mache ich. Die Grand Prix Strecke leuchtet so wunderbar. Viele Teams haben als Erkennungszeichen Lichterketten, leuchtende Gartenzwerge, Weihnachtsdeko oder gleich Leuchtreklame installiert. Ich schaffe es tatsächlich, die Atmosphäre aufzusaugen. Beim Abbiegen auf die Nordschleife nehme ich mir vor, es so langsam wie nötig anzugehen. Mir so viel Zeit zu nehmen, wie ich brauche.


Die Dämmerung weicht der Dunkelheit. Ich bin froh, dass ich im Winter schon öfters im Dunkeln Rennrad gefahren bin. Dass ich dieses Gefühl schon kenne, wenn die Sicht schlechter wird und alle anderen Sinne sich schärfen. Anspannung und Konzentration sind auf Maximum. Alles ist plötzlich unheimlich laut: der Wind in den Ohren, der Freilauf. Ich rausche bergab. Die Ankunft im nächsten Anstieg ist ein Auftauchen aus dem rauschenden Ozean. Eine völlig andere Welt. Eine totenstille Welt, die nur daraus besteht, dass viele rote Lichter aufgereiht bergauf kriechen. Vereinzelt höre ich Atemgeräusche oder mal eine ratternde Schaltung. Niemand spricht. Wir sind viele, eine ganze Armee aus roten Punkten, wir haben alle das gleiche Ziel, aber niemand ist zu Smalltalk aufgelegt.

Das langsamere Tempo tut mir gut. Ich beschließe, dass ich die Hohe Acht dieses Mal hoch fahre, egal was kommt. Hinterher stelle ich fest, dass ich damit nicht schneller war als in der Runde zuvor zu Fuß, aber immerhin stolz, es mir selbst noch einmal bewiesen zu haben. Meine Kopfschmerzen, die ich schon seit der zweiten Runde mit mir rumschleppe, nehmen zu, so dass ich die anderen zurück im Camp um eine längere Pause bitte. Es ist nach 23 Uhr und ich kann mir nicht vorstellen, um 2 Uhr schon wieder auf dem Rad zu sitzen. Ich brauche eine Pause für den Kopf und eine Mütze Schlaf.

Vierte Runde 

Als um 4.15 Uhr der Wecker klingelt, frage ich mich, was die Scheiße soll und was ich hier eigentlich mache. Es ist kühl draußen und schön warm in meinem Schlafsack. Warum zur Hölle sollte ich jetzt das Zelt verlassen? Wer ist eigentlich auf diese bescheuerte Idee gekommen, ein 24h-Rennen zu veranstalten und Leute mitten in der Nacht radfahren zu lassen?

Es ist 5 Uhr und ich sitze auf dem Rennrad. Zum ersten Mal mit langem Trikot, weil 13° in den Abfahrten dann doch ein bisschen frisch sind. Die Sinnfrage verlässt mich zum Glück gleich mit dem Losfahren: Ich mache das, weil ich es möchte. Weil ich das Radfahren liebe, weil diese Strecke der Hammer ist, weil wir ein Team sind und weil wir das irgendwie zu Ende bringen. Und weil jeder eben beisteuert, was er kann. Ein Gedanke hält mich besonders bei Laune: Wenn ich von der Runde zurückkehre, wird es hell sein.


Nur noch einmal in die dunklen Abfahrten. Ins rauschende Meer, um in der Stille zwischen den roten Punkten wieder aufzutauchen. Endlich dämmert es. Die Sonne schafft es noch nicht so richtig durch die Wolken, aber der Himmel färbt sich wunderbar rot. Jemand vor mir hält an, um ein Foto zu machen. Ich speichere alles in meinem Kopf, will den Moment nicht vergessen. Die Berge würde ich gern vergessen. Sie werden mit jeder Runde schwerer. Meine Beine sind inzwischen Blei. Ich kann bergauf keine annähernd sinnvolle Trittfrequenz mehr fahren. Und trotzdem überhole ich in diesem Schneckentempo noch den einen oder anderen (der vermutlich die drölfzigste Runde als Einzelfahrer dreht). Einmal ruft mir von hinten jemand "Starke Leistung!" hinterher und ich weiß nicht, ob es ironisch oder ernst gemeint ist. Ich krieche weiter nach oben, habe längst kein Zeitziel mehr für irgendeine meiner Runden. Ankommen zählt. Nur irgendwie gut durchkommen.

Ende

Ich lege mir zurecht, wie ich den anderen freudestrahlend zurufe: "Ich habe euch den Tag mitgebracht!" Blöd nur, dass keiner am Camp ist, als ich zurückkomme. Einer duscht, zwei schlafen. Hallo hier, Teamdings?! Weil in der Nacht wegen einer ausgefallenen Lampe einmal getauscht wurde, weiß wohl keiner mehr, wer jetzt dran ist. Schließlich erklärt sich einer bereit, muss aber erst noch frühstücken. Und ein bisschen wach werden. Das Gute daran: Sollten wir nächstes Jahr noch einmal starten, haben wir bei den Wechseln auf jeden Fall Luft nach oben gelassen. Ich kündige schon einmal vorsichtig an, dass meine Beine extrem durch sind und ich nicht weiß, ob eine fünfte Runde drin ist. Dann stelle ich den Wecker auf weitere drei Stunden und krabbele zurück ins Zelt. 

Dieses Mal stehe ich vor dem Wecker auf und hadere mit mir. Ich würde gern noch eine Runde fahren. Ich möchte es später nicht bereuen, sie ausgelassen zu haben. Aber ich weiß, dass meine Beine echt am Ende sind und dass es für uns um nichts geht. Vier Runden klingt verdammt wenig. 100 Kilometer und über 2200 Höhenmeter hören sich schon etwas anders an. Ich bereue nichts, weil ich weiß, dass ich nicht zum letzten Mal hier war.


Die letzten 24 Stunden waren wir wie in einem Tunnel verschwunden. Kaum genug Zeit, all die vielen tollen radfahrenden Menschen zu treffen, die sich hier tummeln. So viel zu tun mit essen, schlafen, fahren, mitfiebern, warten, den Pavillon bei Windböen festhalten und und und. Dass diese wunderbare anstrengende Zeit gleich vorbei ist, wird mir klar, als wir zur Zielgerade fahren, um auf unsere Teamkameraden zu warten und gemeinsam über die Ziellinie zu rollen. Rechts und links der Strecke stehen Rennradfahrer und Mountainbiker bunt durcheinander gemischt. 8er, 4er, 2er-Teams, Fans von Einzelfahrern, alle. Jeder, der irgendwas mit einem der 24h-Rennen zu tun hat, wartet hier auf seinen Fahrer, sein Team. Endlich sind wir komplett und Ansgar fragt, ob wie über die Ziellienie hahnern. Nein! Kein Sturz auf den letzten Metern! Nebeneinander fahren muss reichen.

Im Team mit dem Motto "Erlebnis vor Ergebnis" haben wir 20 Runden zusammengekriegt. Macht 520 Kilometer, 11.000 Höhenmeter und vier ziemlich müde, aber glückliche Fahrer. Der beste Einzelfahrer hat übrigens 27 Runden geschafft, das beste 4er Team 32. Der helle Wahnsinn. Also, es ist so: So hart das war, ich habe mein Herz an den Ring verloren. Spätestens jetzt. Ich komme wieder! Und ich möchte am liebsten dazu beitragen, dass mehr Frauenteams auf der Strecke sind. Bei den 8er-Teams waren es nur vier, bei 4er-Teams genau 20, wenn ich richtig in die Ergebnisliste geschaut habe. Und davon sind 17 Teams mehr als 20 Runden gefahren - das ist ne Ansage! Auch die Rundenzeiten sind verdammt flott. Ich geh dann noch ein bisschen trainieren ...


So, was noch?

Einschlafen geht nach diesem Wochenende übrigens ungefähr so: Ins Bett legen, Gute Nacht sagen, Augen zumachen, schlafen. Bäm!

Christian hat dieses Mal übrigens nicht nur großartige Fotos, sondern auch ein hübsches Video gemacht. Das gibt's hier zu sehen. Bis zum Ende gucken. Viel Spaß!


Der Veranstalter von Rad am Ring hat uns den Startplatz zu vergünstigten Konditionen zur Verfügung gestellt. Es gab in keiner Form Einflussnahme auf die Berichterstattung. Vielen Dank, dass wir dabei sein durften und bis zum nächsten Mal!

Montag, 18. Juni 2018

Raceday No. 59 - Škoda Velodom | Rund um Köln

Der Škoda Velodom bei Rund um Köln - definitiv ein Pflichttermin, wenn man aus dem Rheinland kommt und Rennrad fährt. Ich stehe zum allerersten Mal am Start und habe die dumpfe Vorahnung, dass es für mich nicht einfach wird. Aber was heißt eigentlich einfach? Ohne Anstrengung mühelos über die Strecke fliegen und eine super Zeit hinlegen? Könnte ich dann zufrieden sein oder würde ich nicht denken, da sei mehr drin gewesen? Und wann ist es schwer? Wenn die Beine brennen, die Lunge zu platzen droht und jede kleine Welle sich anfühlt wie der Mount Everest? Wenn ich kämpfen muss, während es bei den anderen so leicht aussieht?


Fakt ist: Ich habe mir die Strecke zweimal angeschaut. Einmal bin ich sie komplett abgefahren und beim zweiten Mal haben wir für ein Fotoshooting einige Schlüsselstellen abgeklappert. Ich weiß also, was auf mich zukommt. Ich weiß, dass 650 Höhenmeter auf 68 Kilometern jetzt nicht die Welt sind - aber eben auch nicht nichts. Vor allem, wenn die ersten und die letzten 20 Kilometer so gut wie flach sind (oder nur leicht bergauf bzw. bergab) - dann tummeln sich alle Anstiege mal eben auf den mittleren 28 Kilometern. Nicht falsch verstehen, da liegt keine weltbewegende Wand auf der Strecke, vor der ich so richtig Bammel hätte - außerdem habe ich mir ja sowieso vorgenommen, diese Sache mit der Bergangst mal in den Griff zu kriegen. Ich mache mir keine großen Sorgen um die kurzen und knackigen Dinger in Sand und am Bensberger Schloss, aber ich ahne, dass der lange Anstieg hinter Odenthal (2,2 km mit 5 %) mich von den Gruppen trennen wird, die ich unten im Flachen noch halten kann und oben im Welligen gut gebrauchen könnte.


Fakt ist auch: Ich habe mir nichts vorgenommen. Eigentlich. Die 333 Kilometer ans Meer sind erst eine Woche her und stecken mir natürlich noch in den Knochen. Trotzdem wäre es gelogen, würde ich behaupten, komplett ohne irgendein Ziel ins Rennen zu gehen. Das Wichtigste ist natürlich immer, gesund und gut durchzukommen. Das nächste Minimalziel sollte sein, alles zu geben und hinter nicht zu denken "hättest du mal". Weil ich wirklich nicht einschätzen kann, wie gut oder schlecht ich die Anstiege packe, nehme ich mir als Zeitziel einen ziemlich groben Bereich von 1:50 bis 2 Stunden vor. Das wäre ein Schnitt zwischen 34 und 37 km/h - ersteres traue ich mir absolut zu, auch auf der Strecke, und letzteres wäre schon eine Hausnummer.


Und wie das so ist mit den eigenen Zielen, mit dem Ehrgeiz und der Vernunft - du kannst dir vorher so viel (oder wenig) vornehmen, wie du willst, das Ergebnis kann auf dem Papier okay aussehen, der Kopf kann wissen, dass 1:54:10 Stunden, also 35,8 km/h ganz gut sind. Es kann sich trotzdem scheiße anfühlen.

Wenn so ein Ergebnis rauskommt, kann aber nicht alles scheiße sein. Ziemlich fantastisch sind die ersten 20 Kilometer, die sich wie fliegen anfühlen - bei einem 40er Schnitt auch kein Wunder. Ich hatte seit dem Münsterland Giro im letzten Oktober fast vergessen, wie herrlich es ist, über gesperrte Straßen zu fliegen. Mit mehr als 40 Sachen bergauf sausen ist etwas, das dir nur im Rennen passieren kann. Und diese Mischung ist so bittersüß. Du weißt, das ist schnell, fühlt sich gigantisch an und der erste Berg wird den Spaß gleich beenden. So ist es dann auch. Obwohl ich vorher weiß, dass ich bergauf langsamer bin und mein eigenes Tempo fahren muss, fühlt sich der Wechsel von 42 auf 12 km/h einfach mal beschissen an. Wenn dann noch alle überholen und man gefühlt als einziger bergauf mehr kriecht als fährt, ist es echt schwer, bei Laune zu bleiben. Immerhin entschädigt die Strecke ein bisschen, denn die ist wirklich schön. Das Bergische Land ist grün, wellig, rechts und links der Straße stehen Kühe auf der Wiese. Schon hübsch!


Es geht wieder runter, ein Stückchen halbwegs flach und ich fahre viel alleine. Ich weiß, dass mir bei Kilometer 39 direkt nach einer Kurve der Anstieg in Sand blüht - ein Ort, von dem ich gehört habe, dass er bei den Kölner Rennradfahrern berühmt-berüchtigt ist. In Sand geht es gut 700 Meter lang kurvig bergauf, mit durchschnittlich 7 %, teilweise bis zu 13. Der Witz ist: Ich weiß, das wird schlimm, aber ich freue mich drauf. Und natürlich bin ich langsam, aber ich überhole tatsächlich Menschen. Ich. Bergauf. Ha!


Fünf Kilometer später geht es rauf zum Schloss Bensberg. Nur wenige Meter, aber bei 10 % über Kopfsteinpflaster - ich kann mir schöneres vorstellen. Aber irgendwie ist es mir total egal: Es stehen so viele Zuschauer am Rand, jeder muss hier rauf kämpfen und ich weiß, dass das Stück verdammt kurz ist, Danach geht es quasi nur noch bergab nach Hause. Denkste. Irgendwie habe ich nach meinem Streckentest ausgeblendet, dass es durchaus noch bis Kilometer 50 wellig bleibt und die Strecke erst danach bergab bzw. flach wird. Shit. In meinem Kopf war alles auf "nach Bensberg wird alles gut" programmiert und ich habe wirklich nicht die geringste Lust, hier noch irgendwo bergauf zu fahren, und sei es auch noch so wenig. Ich lasse hier verdammt viel Zeit liegen, bis es endlich ab Forsbach wirklich nur noch runter und zurück nach Köln geht.

Für die letzten 18 Kilometer finde ich wieder eine Gruppe, wechsele das Hinterrad oder erhöhe den Abstand, wenn mir einer zu komisch fährt und schmunzele vor mich hin als ich entdecke, dass der ganze Zug von einem Typ mit einem Trikot angeführt wird, das wie eine Lederhose aussieht. Falls der Kollege aus Bayern kommt, kennt er sich mit Bergen ja sicher aus. Ich freue mich am meisten über den Kreisel auf die Severinsbrücke, weil sich in der Kurve schnell bergauf fahren zur Abwechslung einfach mal geil anfühlt. Ansonsten sind die letzten Meter genau die richtige Mischung aus "oh schade schon vorbei" und "zum Glück gleich geschafft".


Ich weiß, dass ich bei meinem Ergebnis auf hohem Niveau jammere. Und ich kenne meine Baustellen: natürlich die Berge, aber auch meine Einstellung zu Dingen, die ich nicht ändern kann. Sich nicht wie der unfähigste Radfahrer der Welt fühlen, wenn bergauf andere überholen, wäre schon mal ein guter Anfang. Und auch wenn ich weiß, dass ich es bei einem Rennen mit diesem Profil niemals weit vorne in die Ergebnisliste schaffen werde, ist das kein Grund zu kneifen. Natürlich fahre ich gerne flach und schnell, aber andererseits mag ich die Herausforderung - auch wenn ich mich währenddessen von Zeit zu Zeit daran erinnern muss.

Ich bin dieses Rennen nicht nur für mich ganz alleine gefahren. Im Vorfeld des Škoda Velodom war ich ein bisschen das Gesicht des Jedermann-Rennens. Dass aus einer Einladung zur Pressekonferenz gleich ein ganz schön langer Beitrag im WDR werden würde, habe ich anfangs nicht im Entferntesten geahnt. Und auch, wenn ich diesen Fernseh-Trubel ein wenig peinlich finde, freue ich mich über zwei Sachen.


Erstens: Es ist schön, dass neben dem Profirennen auch das Jedermannrennen Beachtung findet. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Frauen unter den Jedermännern anzusprechen und es freut mich wahnsinnig, dass der WDR dem Thema so viel Raum gibt. Auf der kurzen Strecke des Škoda Velodom sind 2070 Männer und 231 Frauen ins Ziel gekommen. Auf der langen waren es 955 Männer und nur 39 Frauen. Da ist auf beiden Distanzen noch ziemlich viel Luft nach oben. Vor allem auf der kurzen Strecke ist die Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h trotz Höhenmeter auch für Jedermänner (und -frauen!) auf dem Rennrad absolut machbar. Wirklich!

Hier geht's zum WDR Bericht über Rund um Köln. Und über ichhasselaufen. Ab Minute 26:40.

Zweitens: Ich freue mich über eure Nachrichten, über den vielen Zuspruch und über jede einzelne, die mich wissen lässt, dass ich ihr den Floh Radrennen ins Ohr gesetzt habe. Allein dafür lohnt es sich.


Dieser Artikel ist in Kooperation mit Rund um Köln entstanden. Danke an Stefan Schwenke, der einen grandiosen Job gemacht hat. Der 2. Juni 2019 ist im Kalender markiert!

Merke: Wer die Helmnummer nicht vernünftig klebt, ist halt auf fast keinem Bild vom Rennen selbst zu sehen... Macht aber nichts, schließlich gibts ja Bewegtbilder und Fotos vom Streckentest.

Fotos: Neil Baynes | Rund um Köln, Streckentest und Pressekonferenz

Samstag, 9. Juni 2018

333 km ans Meer: ERG2Nordsee - Vitamin Sea

Du kannst dir diesen Artikel auch als Podcast anhören, zum Beispiel hier auf Spotify. 

Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.


Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.

Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.

Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.

Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!

Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?

Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.

Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.


Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.

Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.

Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.

Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.


Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??

Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.

Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.

Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.

Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.

Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.

Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.


Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.

Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?

Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"


Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.


Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.

Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.

Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).

Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.

Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?

Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!


Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.

Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.

Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.

Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.

Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.

Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.

Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!


Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.


Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!


Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.

"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."

Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden

Gruppenbild: ERG 1900 e.V.