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Montag, 18. Juni 2018

Raceday No. 57 - Škoda Velodom | Rund um Köln

Der Škoda Velodom bei Rund um Köln - definitiv ein Pflichttermin, wenn man aus dem Rheinland kommt und Rennrad fährt. Ich stehe zum allerersten Mal am Start und habe die dumpfe Vorahnung, dass es für mich nicht einfach wird. Aber was heißt eigentlich einfach? Ohne Anstrengung mühelos über die Strecke fliegen und eine super Zeit hinlegen? Könnte ich dann zufrieden sein oder würde ich nicht denken, da sei mehr drin gewesen? Und wann ist es schwer? Wenn die Beine brennen, die Lunge zu platzen droht und jede kleine Welle sich anfühlt wie der Mount Everest? Wenn ich kämpfen muss, während es bei den anderen so leicht aussieht?


Fakt ist: Ich habe mir die Strecke zweimal angeschaut. Einmal bin ich sie komplett abgefahren und beim zweiten Mal haben wir für ein Fotoshooting einige Schlüsselstellen abgeklappert. Ich weiß also, was auf mich zukommt. Ich weiß, dass 650 Höhenmeter auf 68 Kilometern jetzt nicht die Welt sind - aber eben auch nicht nichts. Vor allem, wenn die ersten und die letzten 20 Kilometer so gut wie flach sind (oder nur leicht bergauf bzw. bergab) - dann tummeln sich alle Anstiege mal eben auf den mittleren 28 Kilometern. Nicht falsch verstehen, da liegt keine weltbewegende Wand auf der Strecke, vor der ich so richtig Bammel hätte - außerdem habe ich mir ja sowieso vorgenommen, diese Sache mit der Bergangst mal in den Griff zu kriegen. Ich mache mir keine großen Sorgen um die kurzen und knackigen Dinger in Sand und am Bensberger Schloss, aber ich ahne, dass der lange Anstieg hinter Odenthal (2,2 km mit 5 %) mich von den Gruppen trennen wird, die ich unten im Flachen noch halten kann und oben im Welligen gut gebrauchen könnte.


Fakt ist auch: Ich habe mir nichts vorgenommen. Eigentlich. Die 333 Kilometer ans Meer sind erst eine Woche her und stecken mir natürlich noch in den Knochen. Trotzdem wäre es gelogen, würde ich behaupten, komplett ohne irgendein Ziel ins Rennen zu gehen. Das Wichtigste ist natürlich immer, gesund und gut durchzukommen. Das nächste Minimalziel sollte sein, alles zu geben und hinter nicht zu denken "hättest du mal". Weil ich wirklich nicht einschätzen kann, wie gut oder schlecht ich die Anstiege packe, nehme ich mir als Zeitziel einen ziemlich groben Bereich von 1:50 bis 2 Stunden vor. Das wäre ein Schnitt zwischen 34 und 37 km/h - ersteres traue ich mir absolut zu, auch auf der Strecke, und letzteres wäre schon eine Hausnummer.


Und wie das so ist mit den eigenen Zielen, mit dem Ehrgeiz und der Vernunft - du kannst dir vorher so viel (oder wenig) vornehmen, wie du willst, das Ergebnis kann auf dem Papier okay aussehen, der Kopf kann wissen, dass 1:54:10 Stunden, also 35,8 km/h ganz gut sind. Es kann sich trotzdem scheiße anfühlen.

Wenn so ein Ergebnis rauskommt, kann aber nicht alles scheiße sein. Ziemlich fantastisch sind die ersten 20 Kilometer, die sich wie fliegen anfühlen - bei einem 40er Schnitt auch kein Wunder. Ich hatte seit dem Münsterland Giro im letzten Oktober fast vergessen, wie herrlich es ist, über gesperrte Straßen zu fliegen. Mit mehr als 40 Sachen bergauf sausen ist etwas, das dir nur im Rennen passieren kann. Und diese Mischung ist so bittersüß. Du weißt, das ist schnell, fühlt sich gigantisch an und der erste Berg wird den Spaß gleich beenden. So ist es dann auch. Obwohl ich vorher weiß, dass ich bergauf langsamer bin und mein eigenes Tempo fahren muss, fühlt sich der Wechsel von 42 auf 12 km/h einfach mal beschissen an. Wenn dann noch alle überholen und man gefühlt als einziger bergauf mehr kriecht als fährt, ist es echt schwer, bei Laune zu bleiben. Immerhin entschädigt die Strecke ein bisschen, denn die ist wirklich schön. Das Bergische Land ist grün, wellig, rechts und links der Straße stehen Kühe auf der Wiese. Schon hübsch!


Es geht wieder runter, ein Stückchen halbwegs flach und ich fahre viel alleine. Ich weiß, dass mir bei Kilometer 39 direkt nach einer Kurve der Anstieg in Sand blüht - ein Ort, von dem ich gehört habe, dass die Kölner Rennradfahrer ihn liebevoll "das Kackdorf" nennen. In Sand geht es gut 700 Meter lang kurvig bergauf, mit durchschnittlich 7 %, teilweise bis zu 13. Der Witz ist: Ich weiß, das wird schlimm, aber ich freue mich drauf. Und natürlich bin ich langsam, aber ich überhole tatsächlich Menschen. Ich. Bergauf. In diesem steilen Kackdorf. Ha!


Fünf Kilometer später geht es rauf zum Schloss Bensberg. Nur wenige Meter, aber bei 10 % über Kopfsteinpflaster - ich kann mir schöneres vorstellen. Aber irgendwie ist es mir total egal: Es stehen so viele Zuschauer am Rand, jeder muss hier rauf kämpfen und ich weiß, dass das Stück verdammt kurz ist, Danach geht es quasi nur noch bergab nach Hause. Denkste. Irgendwie habe ich nach meinem Streckentest ausgeblendet, dass es durchaus noch bis Kilometer 50 wellig bleibt und die Strecke erst danach bergab bzw. flach wird. Shit. In meinem Kopf war alles auf "nach Bensberg wird alles gut" programmiert und ich habe wirklich nicht die geringste Lust, hier noch irgendwo bergauf zu fahren, und sei es auch noch so wenig. Ich lasse hier verdammt viel Zeit liegen, bis es endlich ab Forsbach wirklich nur noch runter und zurück nach Köln geht.

Für die letzten 18 Kilometer finde ich wieder eine Gruppe, wechsele das Hinterrad oder erhöhe den Abstand, wenn mir einer zu komisch fährt und schmunzele vor mich hin als ich entdecke, dass der ganze Zug von einem Typ mit einem Trikot angeführt wird, das wie eine Lederhose aussieht. Falls der Kollege aus Bayern kommt, kennt er sich mit Bergen ja sicher aus. Ich freue mich am meisten über den Kreisel auf die Severinsbrücke, weil sich in der Kurve schnell bergauf fahren zur Abwechslung einfach mal geil anfühlt. Ansonsten sind die letzten Meter genau die richtige Mischung aus "oh schade schon vorbei" und "zum Glück gleich geschafft".


Ich weiß, dass ich bei meinem Ergebnis auf hohem Niveau jammere. Und ich kenne meine Baustellen: natürlich die Berge, aber auch meine Einstellung zu Dingen, die ich nicht ändern kann. Sich nicht wie der unfähigste Radfahrer der Welt fühlen, wenn bergauf andere überholen, wäre schon mal ein guter Anfang. Und auch wenn ich weiß, dass ich es bei einem Rennen mit diesem Profil niemals weit vorne in die Ergebnisliste schaffen werde, ist das kein Grund zu kneifen. Natürlich fahre ich gerne flach und schnell, aber andererseits mag ich die Herausforderung - auch wenn ich mich währenddessen von Zeit zu Zeit daran erinnern muss.

Ich bin dieses Rennen nicht nur für mich ganz alleine gefahren. Im Vorfeld des Škoda Velodom war ich ein bisschen das Gesicht des Jedermann-Rennens. Dass aus einer Einladung zur Pressekonferenz gleich ein ganz schön langer Beitrag im WDR werden würde, habe ich anfangs nicht im Entferntesten geahnt. Und auch, wenn ich diesen Fernseh-Trubel ein wenig peinlich finde, freue ich mich über zwei Sachen.


Erstens: Es ist schön, dass neben dem Profirennen auch das Jedermannrennen Beachtung findet. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Frauen unter den Jedermännern anzusprechen und es freut mich wahnsinnig, dass der WDR dem Thema so viel Raum gibt. Auf der kurzen Strecke des Škoda Velodom sind 2070 Männer und 231 Frauen ins Ziel gekommen. Auf der langen waren es 955 Männer und nur 39 Frauen. Da ist auf beiden Distanzen noch ziemlich viel Luft nach oben. Vor allem auf der kurzen Strecke ist die Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h trotz Höhenmeter auch für Jedermänner (und -frauen!) auf dem Rennrad absolut machbar. Wirklich!

Hier geht's zum WDR Bericht über Rund um Köln. Und über ichhasselaufen. Ab Minute 26:40.

Zweitens: Ich freue mich über eure Nachrichten, über den vielen Zuspruch und über jede einzelne, die mich wissen lässt, dass ich ihr den Floh Radrennen ins Ohr gesetzt habe. Allein dafür lohnt es sich.


Dieser Artikel ist in Kooperation mit Rund um Köln entstanden. Danke an Stefan Schwenke, der einen grandiosen Job gemacht hat. Der 2. Juni 2019 ist im Kalender markiert!

Merke: Wer die Helmnummer nicht vernünftig klebt, ist halt auf fast keinem Bild vom Rennen selbst zu sehen... Macht aber nichts, schließlich gibts ja Bewegtbilder und Fotos vom Streckentest.

Fotos: Neil Baynes | Rund um Köln, Streckentest und Pressekonferenz

Samstag, 9. Juni 2018

333 km ans Meer: ERG2Nordsee - Vitamin Sea

Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.


Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.

Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.

Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.

Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!

Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?

Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.

Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.


Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.

Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.

Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.

Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.


Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??

Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.

Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.

Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.

Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.

Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.

Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.


Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.

Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?

Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"


Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.


Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.

Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.

Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).

Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.

Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?

Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!


Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.

Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.

Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.

Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.

Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.

Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.

Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!


Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.


Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!


Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.

"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."

Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden

Gruppenbild: ERG 1900 e.V.

Mittwoch, 23. Mai 2018

Plan für die Saison: Bergangst besiegen

Wir müssen reden. Über Berge. Ich hasse sie. Und ich liebe sie. Irgendwie.

Von vorne: Meine Radfahrer-Karriere begann 2014 mit einer spontanen Anmeldung zum Triathlon. Während ich bis zu diesem Zeitpunkt nur gemütlich im Fitnessstudio auf dem Spinning-Bike gesessen hatte, musste ich plötzlich erfahren, was es heißt, nicht nur ein bisschen Widerstand rein zu drehen, sondern wirklich bergauf zu fahren. Den Anstieg zu sehen. Die brennenden Beine zu spüren. Nach Luft zu schnappen. Langsamer zu werden. So langsam, dass Umfallen droht. Nach vorne zu schauen und festzustellen, dass oben immer noch ganz schön weit weg ist.


Diese Triathlon-Radstrecke ist ein bisschen hügelig und meine größte Sorge war es, dass ich diesen einen, fiesen Berg zweimal erklimmen musste. Der Anstieg - ein Kilometer mit durchschnittlich 3 %, kurz vor Ende um die 9 % - ist eigentlich ein Witz. Er war für mich damals der Endgegner, und es war mir egal, ob das ein kleiner popeliger Hügel in Ratingen Eggerscheidt war oder die Alpen. Natürlich bin dort oben angekommen, aber Spaß hat es nicht gemacht. Ich habe mich genauso gefühlt wie beim Laufeinstieg: langsam und schlechter als alle anderen.

Meine Einstellung zu Bergen beim Radeln hat sich in den nächsten Jahren nicht großartig verändert. Ich könnte mit dem Rennrad auch wunderbar nur flach und schnell fahren. Ich mag es nicht, wenn es langsamer wird - und das lässt sich bergauf ja nun mal schwer vermeiden, wenn man nicht gerade Nairo Quintana heißt. Bei mir wirds langsam. Bei den Jungs, mit denen ich in der Ebene mithalten kann, nicht. Toll. Ich mag das Gefühl nicht, dass der ganze Körper sich gegen den Berg sträubt: die Beine, die Lunge, der Kopf. Das Schlimmste: absteigen und schieben müssen. Das ist mir ein paar Mal passiert. Zuhause, als meine Beine, die Übersetzung und der Anstieg irgendwie nicht so recht zusammen passten. Auf Mallorca, als ich 2015 das erste Mal am Cap Formentor war und fast den kompletten Rückweg zu Fuß zurückgelegt habe, weil einfach gar nichts mehr ging.


2016 war ich wieder am Cap Formentor, musste dieses Mal nicht wandern, aber hatte auch nicht sonderlich viel mehr Spaß als beim ersten Mal. Natürlich ist die Strecke gigantisch, die Aussicht unschlagbar, aber ich habe auch sehr gelitten und hatte wenig Zeit zum Genießen. Dieses Jahr war es endlich anders, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Während ich zuhause wegen des Marathontrainings kaum auf dem Rad saß und nur flache Runden gedreht habe, habe ich mich auf Mallorca von Anfang an auf die Berge gefreut. Habe an den ersten Tagen bei den welligen Runden im Inneren der Insel auf die Gebirgskette geschielt und von nichts anderem geredet, als dass es mich dort hin zieht. Eine bittersüße Mischung aus Vorfreude und Angst, es könnte wieder scheiße laufen, keinen Spaß machen, zu hart werden. Und doch voller Vorfreude.


Zum ersten Mal hat die Freude überwogen. Der Spaß. Am bergauf Fahren. Dass ich das mal sagen würde! Wie immer liegt der Hund irgendwo da begraben, wo man sich keinen Stress macht. Wo negative Gedanken keinen Platz haben und wo es nur zählt, das eigene Tempo zu fahren, bei dem man sich gut fühlt. Und dann entsteht da auf einmal dieses Gefühl, dass du spürst: Das ist anstrengend, aber du kannst es aushalten, es schaffen, ohne dass es dir dabei so richtig, richtig schlecht geht - das ist fantastisch. Wenn sich die Steigung in den Beinen auf einmal nicht brennend und furchtbar anfühlt, sondern wohlig warm. Wenn du noch eine Frequenz treten kannst, die Sinn ergibt, die nicht sagt: "Was machst du hier eigentlich, steig doch besser ab, du wärst zu Fuß schneller!" Wenn du 10, 11, 12 % Steigung aushalten kannst, wenn sich 7-8 % richtig gut anfühlen und 4-5 % schon fast flach sind. In dieser verkehrten Welt bin ich so glücklich wie noch nie bergauf gefahren. Der Moment, als ich realisiert habe, dass die Anstrengung mir gerade tatsächlich Spaß macht, war genau in der schönsten Kurve der Welt: Cap Formentor, letzter Anstieg, rechts das Meer (und der Abgrund), links eröffnet sich zum ersten Mal der Blick auf den Leuchtturm. Gigantisch. Mit Freudentränchen in den Augen und einem Herz voller Glück bin ich dem Leuchtturm entgegen gerollt und wollte die ganze verdammte Welt umarmen.


Sich aus eigener Kraft mit dem Rad irgendwo rauf kämpfen, macht stolz. Oben zu sein und zu sehen, was man geschafft hat, wie weit man über den Meer ist oder über anderen, kleineren Bergen, ist unheimlich schön. So langsam kann ich das genießen. Es ist nicht mehr nur: "Oh scheiße, endlich bin ich oben, ich wäre fast gestorben!" sondern es ist: "Geil, das war hart, aber hat Spaß gemacht!" Sa Calobra zum Beispiel. 10 Kilometer mit 7 %, die man erst runter eiert, um sie dann wieder hoch zu fahren - vollkommen bekloppt, aber so schrecklich schön. Und was für ein glückseliges Grinsen einem so ein erfolgreich passiertes Col-de-Weißderkuckuck-Schild ins Gesicht tackert ...



Und weil dieses Gefühl, diese Herausforderung, zum Radfahren anscheinend irgendwie dazu gehört, fahren Menschen Rennen mit sehr vielen Höhenmetern. Ich nicht. Aber ich traue mich immerhin mal an dezent hügelige Geschichten heran: Nach dem Škoda Velodom bei Rund um Köln kommt das 24h-Rennen bei Rad am Ring im 4er Team. Ich bin sehr gespannt, wie mich mit der Nordschleife anfreunden werde. Nur eine Woche später geht's in die Rhön, wo man anscheinend dringend Radfahren sollte - ich werde mir das mal angucken. Bei der RHÖN300 kann man 300 km mit 5200 hm fahren. Das ist mir dieses Jahr definitiv viel zu krass. Ich werde mich mit 110 km und 2300 hm begnügen - nicht als Rennen, sondern im RTF-Format. Trotzdem eine Herausforderung und ich freue mich drauf, mal eine andere Ecke von Deutschland auf dem Rad zu sehen als das Rheinland. Wer Lust auf die RHÖN300 bekommen hat und bei der Anmeldung 20 % sparen möchte, gibt einfach diesen Code ein: P_VYFPY6. Der Startplatz sowie der Rabattcode wurden mir vom Veranstalter zur Verfügung gestellt.

Breaking: Wo es rauf geht, geht's auch wieder runter. 
Bilder: Jan Peifer (umsturzvegan.de | Coffee & Chainrings), Julia Jachmann, ich.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Raceday No. 54 - Rotterdam Marathon 2018

Mittagshitze. Kilometer 30. Aus dem Schlauch des Trinkrucksacks kommt nichts mehr raus und ich verstehe nicht, warum. Eben ging das noch. Manchmal ist ein Knick im Schlauch, also Rucksack abziehen, Schlauch entwirren, nochmal versuchen. Nichts. Nochmal prüfen. Kein Erfolg. Dann die Erkenntnis: Der Rucksack ist leer. Kein Wasser mehr. Oh Mann! Ich ärgere mich, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Noch zwölf Kilometer. Mit leerem Rucksack. Mein wunderhübscher Plan, dass ich in Rotterdam, dieser niederländischen Sauna, immer etwas zu trinken habe, scheitert also. Es ist heiß und ich will Wasser. Und zwar nicht alle paar Kilometer, sondern jederzeit. Ich will keine blöden Becher, ich will aus dem Schlauch ganz bequem kleine Schlucke trinken. Aber das kann ich nicht mehr, denn ich habe bereits den ganzen Rucksack leer gesoffen. Ich ärgere mich, dass ich absolut nicht bedacht habe, dass das passieren könnte. Anstatt den leeren Trinkrucksack einfach abzuhaken und mich ab jetzt auf die Getränkestände zu konzentrieren, stelle ich das gesamte Vorhaben Rotterdam-Marathon in Frage. Wenn der Plan sowieso schon wankt, warum überhaupt noch weiter machen?


Long story short: 2017 bin ich zuhause in Düsseldorf meinen ersten Marathon gelaufen. Schon beim Finish war mir klar, dass das nicht alles sein kann, dass ich das nochmal machen werde. Weil mich diese Herausforderung reizt, weil es mich antreibt, das noch einmal schaffen zu wollen, es besser zu machen und zufriedener zu sein. Die Gelegenheit kam mit Dein erster Marathon - ein Projekt von bunert und New Balance. Ich bin hier gleich doppelt involviert: Zum einen bei der Organisation des Projekts und zum anderen, weil ich mich entschlossen habe, selbst mitzulaufen. Auch wenn es nicht mein erster Marathon ist, bin ich am Vortag aufgeregter als so mancher Teilnehmer. Mir ist schlecht, ich zittere und bringe keinen geraden Satz raus. Na das kann ja was werden. Der holländische Zaubertrank Jupiler sorgt immerhin dafür, dass ich Schlaf finde.


Am Marathon-Morgen sieht die Welt zum Glück viel besser aus: Ich bin ruhig und voller Vorfreude. Ohne Angst. Und ich habe Bock! Niemand, der ein Herz hat, kann sich der Stimmung entziehen, die am Marathon-Morgen über der Stadt liegt. 15.000 Läufer pilgern die Zielgerade in verkehrter Richtung hinunter zum Start. Aus den Boxen schallt "You'll never walk alone", einige stimmen ein, ich habe einen freudigen Kloß im Hals und die ersten Tränchen des Tages in den Augen. Scheiße, falls ich gestern noch nicht wusste, weshalb ich das mache, dann jetzt. Genau dafür! Für diese Aufregung, diese wunderbare Anspannung und diese elektrisierte Luft.



Rotterdam ist großartig. Schon direkt nach dem Start führt die Strecke das erste Mal über die riesige Erasmus-Brücke. Gefühlt jedes Stückchen Streckenrand ist von Zuschauern gesäumt, die die perfekte Mischung aus Anfeuern und Party feiern finden. Nicht so übertrieben wie in Venlo, sondern sympathisch und herzlich. Mit genug Zeit, Namen abzulesen und einzelne Läufer anzufeuern. Und mit einem Händchen dafür, was die Läufer gebrauchen könnten: Unabhängig von den offiziellen Verpflegungsständen bieten die Zuschauer Wasser, Salzstangen, Gummibärchen oder Orangenscheiben an. Wenn die hier jetzt noch gute Musik und weniger Scooter spielen würden ...


Ich hadere mit meiner Taktik. Der Start war erst um 10.30 Uhr, ich habe vor, 4:30 Stunden zu laufen und dieser Tag ist ausgerechnet der erste, an dem es richtig warm wird. Ich habe lange Läufe bei Minustemperaturen gemacht, war bei Schnee, Regen und Hagel draußen, aber ich bin nicht auf 25° und Sonne eingestellt. Noch nicht, es ist gerade mal Frühling! Ich schwanke zwischen "langsam und ruhig durchlaufen" und "lieber am Anfang nicht zu sehr trödeln (aber auch nicht überpacen), denn hart wird es auf jeden Fall irgendwann - besser du bist dann schon so weit wie möglich gekommen". Der Grat ist schmal. Ich entscheide mich für eine vorsichtige Version von Variante zwei und laufe minimal schneller als geplant - 06:15 statt 6:20 min/km bis Kilometer 25.


Die Beine fühlen sich anfangs nicht gut an, aber ich komme gut rein. Ich treffe den Mittelweg ganz gut, will es auf keinen Fall übertreiben, aber auch nicht länger als nötig unterwegs sein. Die erste Hälfte vergeht trotz Pipipause bei Kilometer 18 schnell. Von den Kilometermarkierungen kommt eine nach der anderen und ich kann die Stimmung genießen. Nach dem zweiten Überqueren der Brücke dämmert mir: So einfach wird es nicht weiter gehen. Ich habe mich gut verpflegt, meine Gels planmäßig genommen und genug getrunken. Die Beine sind mittlerweile gut, trotzdem nehme ich Tempo raus. Da kommt noch einiges auf mich zu.

Zum Beispiel bei Kilometer 30 das Rucksack-Gate. Blöd, dass mentaler und körperlicher Tiefpunkt hier exakt aufeinander treffen. Ich merke, wie mir die Energie ausgeht, bekomme Kreislaufprobleme, Magenschmerzen und zweifle zum ersten und einzigen Mal. Gehpause. Keine andere Chance. Ich beschließe, dass der Magen schlimmer nicht werden kann und nehme ein Iso-Getränk des Veranstalters - normalerweise mache ich mit meinem empfindlichen Magen damit keine Experimente. Schlimmer als jetzt wäre nur noch Übergeben, danach fühlt es sich gerade nicht an, also rein damit. Wichtiger ist es, den Kreislauf wieder anzuschubsen. Das Iso bleibt drin, also drücke ich das letzte Gel hinterher. Ich schleppe mich mit einer Mischung aus wenig laufen und viel gehen bis Kilometer 34 und auf einmal ist es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.


Ich kann wieder laufen. Mit dem Wissen, dass meine 4:30 Stunden nicht mehr drin sind (außer ich renne die letzen acht Kilometer und das ist keine Option), laufe ich einfach so, wie ich mag. Das ist nicht flott, aber immerhin genauso schnell wie von Kilometer 25-30. Ich freue mich absurd darüber, dass die Beine absolut keine Probleme machen, dass auch der Rest wieder mitspielt und dass ich vor allem wieder laufen will. Da ist nicht genug Ehrgeiz, um noch um irgendeine möglichst schnelle Zeit zu kämpfen, aber immerhin so viel, um nicht komplett zu bummeln. An den Getränkeständen gönne ich mir kurze Pausen, dazwischen laufe ich so, wie es sich gut anfühlt.

Die letzten beiden Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Gleichzeitig sind sie wunderschön, weil die Zuschauerreihen immer dichter werden und das Publikum anders anfeuert als bei Kilometer 5 oder 10. Alle, die hier vorbeilaufen, haben es gleich geschafft. Ich auch. Und daher versuche ich, alles in mich aufzusaugen. All diese Menschen, die Stimmung, diese bittersüße Mischung aus Anstrengung und Glück und Stolz. Ich muss nicht auf jedem Kilometer Spaß am Laufen haben, ich mache das für genau diese Momente. Für das Gefühl, um die letzte Kurve zu biegen und die Zielgerade in schier unerreichbarer Entfernung zu entdecken. Zwei Stimmen im Kopf brüllen gleich laut: "Gleich geschafft!" und "Oh Kacke, noch so weit?!"


Wenn du bis Kilometer 42 gekommen bist, fängst du nicht auf den letzten 200 Metern noch an zu gehen. Oder ans Aufhören zu denken. Wenn du das geschafft hast, läufst du ins Ziel, so schnell wie deine Beine dich noch tragen. Weil es egal ist, wie weit das exakt weg ist - wenn du es sehen kannst, schaffst du auch diese letzten Meter. Als Belohnung gibt es eine goldene Medaille - selbst für Platz 9.000-irgendwas - und eine Rose. Ich halte beides in Ehren, aber ich muss auch verdammt dringend zum Klo. Und was trinken. Und endlich zurück zu den Fans stiefeln, um zu berichten, wie schrecklich und wie schön das war.

04:35:14 Stunden lang habe ich bis auf kurze Begegnungen mit anderen aus dem Team alles mit mir selbst ausgemacht. War alleine zwischen 15.000, komplett abgetaucht in meiner eigenen Marathon-Welt. Ich freue mich drauf, langsam wieder in die Realität zurück zu kehren, und ich weiß mittlerweile: Ich will nochmal in dieses Wasser springen. Nicht mit der Motivation, etwas besser zu machen. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis unter den Bedingungen und zufrieden mit meinem ziemlich schnell gewonnenen Kampf. Ich will das einfach nochmal machen.


Fotos: Christian Siedler. Danke, danke, danke!
Danke an den bunert Onlineshop, an New Balance und an all diese fantastischen Menschen, die dieses Projekt zu dem gemacht haben, was es war: Fantastisch. Danke!

Samstag, 31. März 2018

Laufen - ewige Hassliebe

Wer unter dem Motto "ich hasse laufen" schreibt und dennoch für den zweiten Marathon trainiert, muss sich mitunter die Frage gefallen lassen, ob das denn überhaupt noch stimmt mit dem Hass. Und wenn ja, ob es nicht besser wäre, es dann einfach zu lassen. Gute Fragen. Besonders die zweite beschäftigt mich mit schöner Regelmäßigkeit. Warum sollte jemand etwas tun, das er blöd findet?


Beim Radeln ist es ganz einfach: Ich setze mich aufs Rennrad und fühle mich zuhause. Ich liebe es, mich aus eigener Kraft schnell fortzubewegen. Mich fasziniert es, dass das noch schneller geht, wenn sich eine Gruppe findet, zu der jeder einzelne etwas beisteuern muss, damit am Ende alle schneller sind als allein. Ich liebe den Wind um die Nase, das Pedalieren, das Geräusch vom Freilauf (meiner klingt übrigens sehr schön). Wenn ich beschissene Laune habe, was zugegeben nicht so wahnsinnig oft vorkommt, und dann zwei, drei Stunden radeln war, sieht die Welt hinterher besser aus. Immer.

Automatisches Glück? Nicht beim Laufen

Beim Laufen habe ich diese Glücksgefühle auf Knopfdruck nicht. Ich laufe nicht los und denke: "Ach ist das schön, dass du gerade läufst." Das passiert nicht. Nie. Natürlich ist da nicht mehr diese starke Abwehrhaltung wie ganz zu Beginn, ich bin nicht mehr nach 100 Metern vollkommen aus der Puste und frage mich nicht permanent, was zur Hölle ich eigentlich hier mache. Das nicht. Trotzdem sind die ersten Meter selten unbeschwert und toll, sondern eher eine Pflichtübung. Manchmal ist auch ein ganzer Lauf Pflichtprogramm. Selten Kür.


Manchmal laufe ich mit Freunden, dann bin ich abgelenkt. Freue mich, denjenigen mal wieder zu treffen und dieses oder jenes zu diskutieren. Dabei geht mir allerdings selten durch den Kopf: "Wie schön, dass wir das jetzt ausgerechnet beim Laufen besprechen!" Wir könnten uns auch einfach auf einen Kaffee treffen. Oder auf dem Rad, noch besser. Manchmal stresst mich Begleitung beim Laufen auch. Wenn der andere schneller ist und partout das Tempo nicht anpassen will, immer wieder davon zieht - da kann ich besser alleine laufen. Mache ich auch meistens und freue mich dann, dass ich mich nach niemandem richten muss und nur mich selbst aushalten muss.

Macht das denn wirklich nie Spaß?

Klar, es gibt auch wunderschöne Läufe. Ich kann mich an eine Handvoll erinnern - bei den meisten davon gibt es irgendeinen besonderen Faktor: eine weitere Strecke als normalerweise, eine abenteuerliche Routenplanung oder eine traumhafte Umgebung. Meine letzten beiden 30er, bei denen einfach alles passte und nichts schwer fiel, sind Beispiele dafür. Oder die Entdeckungstour, bei der aus "lass mal für ein Stündchen in den Wald" spontan ein Halbmarathon querfeldein wurde. Der Lauf mit einem Kollegen am Meer: Dünen rauf, Dünen runter, tiefer Sand, fester Sand, Sonnenuntergang und Meeresrauschen.


In solchen Momenten macht mir das Laufen Spaß. Aber leider läuft nicht immer alles prima, leider bin ich nicht ständig am Meer und leider hab ich auch nicht mehrfach die Woche Zeit, drölf Stunden ohne Ziel durch die Gegend zu juckeln. Wenn ich also weiterhin laufen will - was ich nicht mache, wenn ich nicht für irgendetwas angemeldet bin - dann muss ich den Spaß irgendwo anders her kriegen. Wenn mich also nicht das Laufen selbst glücklich macht, dann ziehe ich meine Freude daran eben nicht aus der Tätigkeit an sich, sondern aus dem, was am Ende dabei rauskommt.

Was macht dich glücklich?

Das kann das Gefühl sein, etwas geschafft zu haben. Im Kleinen: sich aufgerafft zu haben. Im Größeren: eine bestimmte Strecke gelaufen zu sein, die vielleicht für längere Zeit undenkbar war. Das kann eine Zeit in der Ergebnisliste sein. Das kann auch unabhängig von Zeiten das Gefühl sein, alles gegeben zu haben. Womit mich das Laufen am Ende belohnt, und zwar natürlich nicht unbedingt nach jeder langweiligen 10-Kilometer-Brückenrunde, aber inzwischen oft genug nach Zieleinläufen, ist ein hübscher Emotionscocktail aus Zufriedenheit, Dankbarkeit und Stolz.


Dankbarkeit, so leistungsfähig zu sein. Körperlich und mental. Zufrieden und stolz auf das, was ich kann und vorher nicht für möglich gehalten hätte. Das war zu Anfang gar nicht mal so leicht - denn wenn der größte Kritiker zwischen den eigenen Ohren sitzt, gibt es immer etwas auszusetzen. Das hat sich inzwischen geändert. Und es ist eine schöne Erkenntnis, dass mir etwas so positive Gefühle verschafft, dass von der Sache an sich gar nicht so mein Ding ist. Ist es so dann nämlich irgendwie doch. Natürlich hängt das Herz am Rad. Aber ich bin auch eine Läuferin. Was bist du?


Danke für die Bilder an Jan.

Sonntag, 25. Februar 2018

Pläne 2018 - Los geht's mit Rund um Köln

Hallo 2018! Das letzte Jahr ist ziemlich schwer zu toppen (Rückblick auf 2017: Schneller, weiter, dreckiger)! Eigentlich wollte ich dieses Jahr nur noch Radfahren. Weil es mir am meisten Spaß macht, weil ich mit inzwischen drei Rädern genügend Abwechslung habe und vielleicht auch, weil ich es - verglichen mit Schwimmen und Laufen - am besten kann. Wenn ich nicht laufe, fehlt mir nichts. Als ich mich im letzten Herbst aber mühsam wieder auf eine ganz passable Halbmarathon-Form gebracht habe, war's das mit den Plänen, nur zu radeln. Die Laufform wieder aufgeben? Nix da! Außerdem reizen mich die 42 Kilometer wieder.

Erst der Marathon, dann das Vergnügen 

Deshalb lautet mein erstes Ziel für 2018: Rotterdam Marathon. Bis Anfang April liegt der Fokus also auf dem Laufen. Das heißt natürlich nicht, dass ich bis dahin gar nicht radeln werde - wäre auch schön blöd, denn Mitte Juni steht das erste "richtige" Rennen ins Haus: Der Škoda Velodom im Rahmen von Rund um Köln. Endlich!


Warum ausgerechnet Köln? Eigentlich ganz einfach: Nach den großen Rennen in Berlin, Hamburg und Münster stehen sowohl Köln als auch Frankfurt definitiv weit oben auf meiner To-Do-Liste. Und es kann ja nicht angehen, dass ich noch nie beim Rennen in der Nachbarstadt gestartet bin, obwohl es dieses Jahr schon zum 102. Mal stattfindet. Eigentlich hätte ich den Škoda Velodom sehr gern schon letztes Jahr mitgenommen, stand aber am gleichen Tag in Hannover an der Startlinie meiner ersten Mitteldistanz. Dumm gelaufen, aber dieses Jahr kommt definitiv kein Triathlon dazwischen! Ich freue mich auf ein Rennen, das sich ein bisschen wie ein Heimspiel anfühlt, aber eigentlich gar keines ist. Wieso? Einerseits stehen gefühlt sämtliche Düsseldorfer Radfahrkollegen ebenfalls in Köln am Start - andererseits kenne ich die Strecken noch nicht und habe doch ein klitzekleines bisschen Respekt vor den Höhenmetern.

Strecken beim Škoda Velodom

Neben dem Profirennen Rund um Köln gibts beim Škoda Velodom zwei Distanzen für Jedermänner (und -frauen): Die kurze Strecke mit 67 Kilometern und 466 Höhenmetern sowie die lange Strecke mit 127 Kilometern und 1376 Höhenmetern. Wo nehmen die in Köln all die Berge her? Ganz einfach: aus dem Bergischen Land. So geht es auf der kurzen Runde zwar "nur" auf eine maximale Höhe von 250 Metern rauf, allerdings sind die gesamten Höhenmeter nicht so wahnsinnig gut auf die Strecke verteilt - am einen oder anderen Anstieg werde ich voraussichtlich ein bisschen leiden. Vielleicht auch ein bisschen mehr.

Berge?? Ohne mich!

Aber hoffentlich nicht ganz so viel wie Jan - der Coffee & Chainrings Teamkollege hat nämlich (auf der schön flachen Strecke) in Münster letztes Jahr wieder Blut geleckt und daher gehen wir in Köln zusammen an den Start. Wir nehmen noch Wetten an, wer zuerst die Ziellinie überquert...

Damit wir wissen, was uns erwartet, werden wir die Strecke vorher mindestens einmal abfahren. Und ja, vielleicht auch die lange Variante, denn wir sind beide noch unschlüssig, für welche Distanz wir uns anmelden. Ich tendiere ja wie immer zu "kurz und dafür schnell", während der Tenor bei den Kaffee-Jungs bisher eher in die Richtung "wenn schon denn schon" und "für 67 Kilometer das Rad aus dem Keller holen?" ging. Pah! Vielleicht sind wir einmal klug und entscheiden das Ganze nach dem Streckentest. Bis dahin steht auf jeden Fall (neben ziemlich viel Laufen) auf der Agenda: Höhenmeter sammeln! Wir üben dann schon mal ...


Fotos: sportograf.com

Die Startplätze für den Škoda Velodom werden uns vom Veranstalter zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns artig und berichten im Gegenzug ein wenig von der blanken Angst beim Streckencheck und unserer wahnsinnig ausgeklügelten Vorbereitung. Hier und auf coffeeandchainrings.de.

Freitag, 22. Dezember 2017

2017 - Schneller, weiter, dreckiger

Ich habe mir angewöhnt, am Ende des Jahres einmal zurück zu blicken - nicht, um damit zu prahlen, was ich alles Supertolles erreicht habe, sondern um mir vor Augen zu führen, wo die Entwicklung in den letzten zwölf Monaten hin gegangen ist. Was war Anfang des Jahres anders als jetzt? Was habe ich zum ersten Mal gemacht? Was lief gut, wo ist Luft nach oben? Was hat am meisten Spaß gemacht und was möchte ich fürs nächste Jahr mitnehmen? Zuerst ein paar Zahlen zu meiner Saison 2017:


Zahlen, Daten, Fakten 2017

Anzahl der Startlinien, an denen ich in diesem Jahr gestanden habe: 25
Davon im Wasser: 4
Davon auf dem Rad: 13
Bleiben für Laufschuhe übrig: 8

Distanzen:
Kürzestes Rennen (Strecke): Rad Race Battle in Hamburg, 190 Meter
Längstes Rennen (Strecke): am gleichen Wochenende wie das Rad Race: Cyclassics Hamburg, 120 km

Zeiten:
Kürzestes Rennen (Zeit): keine Zeitmessung beim Rad Race Battle, daher Neusser Erftlauf über 5 km in 24:33 Minuten
Längstes Rennen (Zeit): Mitteldistanz beim Wasserstadt Triathlon Hannover, 06:28:03 Stunden

Härtestes Rennen: Es steht 1:1 zwischen der Mitteldistanz in Hannover und dem MTB-Halbmarathon in Daun. Das Lachen täuscht.


Größte Schnapsidee: Erst bei der Duisburger Winterlaufserie Halbmarathon laufen und nur eine Stunde später zum ersten Mal Cyclocross-Rennen in Düsseldorf fahren. Nicht klug, aber geil.

Magischster Rennmoment: Mit Kettcars "48 Stunden" im Ohr und Tränen in den Augen bei den Cyclassics realisieren, was Erfolg für mich bedeutet.

Schönster Lauf: Halbmarathon beim Rhein City Run. Sich nach einer Nacht ohne Schlaf mit Null Erwartungen selbst überraschen: unbezahlbar.

Schönstes Finish: Hannover. Weil so eine Mitteldistanz eine verdammt verrückte Geschichte für mich ist und einfach alles stimmte. Triathlon-Familie vor Ort, perfekte Mischung aus vollkommen erschöpft und vollkommen glücklich und dazu unglaubliche Dankbarkeit für großartige, während des Rennens kennengelernte Menschen, die mich nicht mehr allein gelassen und kurz vor der Wunsch-Zeit über die Ziellinie geschoben haben.


Trainingskilometer 2017:
Laufen: 882 km - minimalistisch, aber ausreichend!
Rad: 4707 km; 21.391 hm - das ist für einen Radfahrer nicht viel, für mich aber einfach mal 2.000 km mehr als 2016.
Schwimmen: Geschwommen bin ich auch schon mal.

Trainingsstunden 2017:
Laufen: 90 Stunden 19 Minuten
Rad: 194 Stunden, 48 Minuten
Schwimmen: Ob sich der Aufwand fürs Schwimmen in Stunden messen lässt, ist fraglich.

Erste Male 2017

Klar, hier stehen dieses Jahr einige größere Sachen in der Liste. Aber es sind auch die kleineren, die das Herz hüpfen lassen.

Erster Marathon: 
Ich bin im April meinen ersten Marathon gelaufen. Zuhause in Düsseldorf, halbwegs heimlich und mit allerbester Unterstützung von Freunden und Familie. Ich kann mir kein schöneres Debüt vorstellen! Auch wenn einige Kilometer sehr hart waren, habe ich beim Finish gewusst, dass das nicht alles sein kann. Ich werde das nochmal machen!

Hier geht's zu den Artikeln:
Heimliche Marathon-Vorbereitung Teil 1
Heimliche Marathon-Vorbereitung Teil 2
Mein erster Marathon: Metro Marathon Düsseldorf 2017


Erste Triathlon Mitteldistanz: 
Im Juni stand die erste Triathlon Mitteldistanz im Kalender. Mein Respekt vor einem Wettkampf, der voraussichtlich nochmal zwei Stunden länger als der Marathon dauert, war auf jeden Fall gigantisch - und ist es auch immer noch. Das ist das Faszinierende an der Mitteldistanz: Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich bin unheimlich froh und stolz, dass ich es geschafft habe, aber die ganze Sache flößt mir immer noch einen Heidenrespekt ein. Dieser Zustand fern ab von Zeit und Raum, während der Kopf sich ausschaltet (meistens!) und den Körper funktionieren lässt, ist absurd und zugleich spannend. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich drei Stunden komplett alleine auf dem Rad rumgekriegt habe. Ich weiß auch nicht, wieso ich überhaupt noch auf die Laufstrecke gegangen bin, wieso ich eine zweite Runde gelaufen bin. Nichts davon habe ich in diesen Momenten bewusst entschieden, sondern einfach gemacht. Ich bin sehr dankbar für drei wunderbare Begegnungen auf der Laufstrecke, dir mir den Arsch und vielleicht sogar das Finish gerettet haben. Aber: Ich weiß nicht, ob ich mir das nochmal antun muss.

Wasserstadt Triathlon Hannover - Mitteldistanz 2017



Erstes Cyclocross-Rennen: 
Schnapsidee galore: Erst seit ein paar Tagen einen Crosser besitzen, Null Erfahrungen im Gelände haben, einfach mal ein Rennen fahren und unmittelbar vorher noch Halbmarathon laufen. Hört sich maximal bescheuert an, hat aber funktioniert. Ich habe mein Herz auf Anhieb ans Crossen verloren. Und wie.

Erstes Crossrennen: Cyclingworld Cyclocross Challenge
NRW Cross Cup 2017 inklusive hochgradig philosophischer Erklärung, was an Crossrennen so wunderbar ist


Erstes Rennrad Kriterium: 
Meine bisherigen Rennrad-Rennen waren groß und mit vielen gesperrten Straßen: Berlin, Hamburg, Münster. Kriterien sind ein kleines bisschen spezieller, werden von Vereinen organisiert und finden auf kleinen Rundkursen statt, auf denen mehrere Runden gefahren werden. Das Teilnehmerfeld ist deutlich überschaubarer. Der Anspruch ist ein bisschen höher als bei den großen Rennen, weil man sehr viele Kurven fahren und somit sehr oft antreten muss - trotzdem ist es nicht so, als seien nur Profis am Start. Es gibt auch Hobby-Kriterien und es tut gar nicht weh, da mitzumachen. Direkt beim ersten Start durfte ich allerdings erfahren, wie das so läuft mit den Frauen im Radsport - extra Wertung? Siegerehrung? Fehlanzeige.

Erstes Kriterium: Rund um Bockum
Preis von Bochum Wiemelhausen - hoppla, irgendwie bin ich Bochumer Stadtmeisterin geworden.


Erstes Mountainbike Rennen: 
Irgendwie bin ich da in etwas hinein geraten. Mountainbike fand ich nie spannend. Wenn man mit den Coffee & Chainrings Boys rumhängt, lässt es sich allerdings nicht vermeiden, dass die Begeisterung für die breiten Reifen über schwappt. Da ich mit dem Crosser ja schon erste Erfahrungen im Gelände sammeln konnte, wollte ich dann auch wissen, wie sich eigentlich so ein MTB unterm Hintern anfühlt. Die Antwort ist: zuerst ungewohnt, mittlerweile aber ziemlich gut. Inzwischen weiß ich sowohl die Federung als auch die Übersetzung zu schätzen. Während meines ersten Rennens habe ich das etwas anders gesehen: 65 km, 1300 hm bei Regen quer durch die Eifel. Ich bin vorher noch nie im Regen durch den Wald gefahren und hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sich 1300 Höhenmeter anfühlen würden. Sie fühlen sich scheiße an. Überlebt habe ich trotzdem irgendwie - Ansgar sei Dank.

Vulkanbike MTB Halbmarathon


Und sonst so?

2017 war das Jahr der Tour de France in Düsseldorf. Was für ein Spektakel! Was für Emotionen. Ich war gleich dreifach involviert:
Im April bin ich unter anderem mit André Greipel, John Degenkolb und einigen anderen Radprofis ein Stück der Tour-Etappe testweise gefahren. Ja, mit dem Rad! Kreisch!
Schließlich dann im Juli: Grand Départ in Düsseldorf. Ein Erlebnis der Kategorie once in a lifetime.
Tissot hatte zu Inside Tour de France eingeladen: Ich war zwei Tage in Frankreich und durfte hinter die Kulissen der Tour schauen, auf der gesperrten Strecke radeln, mit dem Helikopter über das Rennen fliegen und lauter verrückte Sachen machen. Danke dafür!


Seit 2017 bin ich außerdem ein Teil von Coffee & Chainrings. Hinter dieser wunderbaren Truppe steckt ein kleiner, aber feiner Haufen Fahrrad-Enthusiasten, von denen einige online sehr aktiv sind und andere kaum. Alle vereint, dass sie das Herz am rechten Fleck haben und verdammt gute Typen sind. Auch wenn wir uns nicht immer einig sind, schätze ich den Austausch, das Anfixen mit bekloppten Ideen und den Teamgeist. An der Stelle noch einmal ein riesiges Dankeschön an Ansgar, ohne den ich meine MTB-Erfahrung in der Eifel wahrscheinlich ein Stück weit traumatischer in Erinnerung hätte, und an Markus für einfach alles.


Triathlon: Nach der Mitteldistanz reizt mich zurzeit kein neues Ziel. Ich habe meine Triathlon-Saison schon im Juli beendet - nach den Sprints in Düsseldorf und Hamburg. Besonders an Hamburg denke ich gerne zurück, weil einfach alles gepasst hat. Ein schöner Abschluss - und bisher stehen keine neuen Pläne im Kalender.

Scheiß Wetter: Kann mir gar nix mehr. Ich erinnere mich noch sehr oft an Braver Than The Elements im März - 90 km radeln bei 8° und Dauerregen. Wenn man das einmal hinter sich hat, ist irgendwie auch alles egal. Zum Beispiel der erste Triathlon der Saison in Gladbeck, Olympische Distanz bei Gewitter. Aber nicht nur auf dem Rennrad war es 2017 nass, sondern auch im Gelände: Dass mein erstes MTB-Rennen so ins Wasser fallen könnte, hatte ich vorher nicht in Betracht gezogen - schön blöd. Beim Cyclocross rechnet man ja schon eher mit Dreck und Matsch - und irgendwie ist von Mal zu Mal weniger von meinem Gesicht zu erkennen.


Mach immer, was dein Herz dir sagt: Es ist das pure Glück, etwas zu unternehmen und im selben Moment zu wissen, dass man gerade nichts auf der Welt lieber tun würde. Um minus 1000 Uhr den ersten Sonnenstrahlen entgegen fahren, raus aus Hamburg, die Köhlbrandbrücke rauf. Die Cyclassics waren für mich sehr emotional und erkenntnisreich - manche studieren Philosophie, ich fahre halt Rad ... Aber auch beim Laufen habe ich eine sinnvolle Erkenntnis gewonnen: Du bist immer dann am besten, wenn's dir eigentlich egal ist. So wie beim Rhein City Run von Düsseldorf nach Duisburg.  


Ich bin 2017 das eine oder andere Mal mehr ins kalte Wasser gesprungen, habe Dinge geübt, die ich nicht gut kann, die mir trotzdem Spaß machen und andere Dinge zu den Akten gelegt, die mir weniger viel Spaß machen - schwimmen zum Beispiel. Ich habe viele großartige Menschen kennengelernt. Ich habe Grenzen verschoben, viel Neues ausprobiert und versucht, mich weiterhin in Gelassenheit zu üben. Das klappt nicht immer - fragt mal alle, die in der Woche vor dem Marathon mit mir zu tun hatten! Ich bin dankbar für ein Jahr, in dem ich ohne nennenswerte Verletzungspausen ausprobieren konnte, was möglich ist, was ich kann, was ich möchte und was ich noch viel besser können möchte.

2018 gehört übrigens nicht nur sämtlichen Arten von Fahrrädern, sondern auch weiterhin den Laufschuhen. Und zwar nicht nur kurz und schnell, sondern auch nochmal lange und langsam. Beim Radfahren warten auch unterschiedliche Herausforderungen: Von sehr weit bis rund um die Uhr bis kurz und intensiv wird alles dabei sein. Ich freu mich drauf und danke euch, dass ihr dabei seid! Kommt gut ins neue Jahr!