Ich hasse laufen.

Featured Posts

swim

bike

run

Mittwoch, 23. Mai 2018

Plan für die Saison: Bergangst besiegen

Wir müssen reden. Über Berge. Ich hasse sie. Und ich liebe sie. Irgendwie.

Von vorne: Meine Radfahrer-Karriere begann 2014 mit einer spontanen Anmeldung zum Triathlon. Während ich bis zu diesem Zeitpunkt nur gemütlich im Fitnessstudio auf dem Spinning-Bike gesessen hatte, musste ich plötzlich erfahren, was es heißt, nicht nur ein bisschen Widerstand rein zu drehen, sondern wirklich bergauf zu fahren. Den Anstieg zu sehen. Die brennenden Beine zu spüren. Nach Luft zu schnappen. Langsamer zu werden. So langsam, dass Umfallen droht. Nach vorne zu schauen und festzustellen, dass oben immer noch ganz schön weit weg ist.


Diese Triathlon-Radstrecke ist ein bisschen hügelig und meine größte Sorge war es, dass ich diesen einen, fiesen Berg zweimal erklimmen musste. Der Anstieg - ein Kilometer mit durchschnittlich 3 %, kurz vor Ende um die 9 % - ist eigentlich ein Witz. Er war für mich damals der Endgegner, und es war mir egal, ob das ein kleiner popeliger Hügel in Ratingen Eggerscheidt war oder die Alpen. Natürlich bin dort oben angekommen, aber Spaß hat es nicht gemacht. Ich habe mich genauso gefühlt wie beim Laufeinstieg: langsam und schlechter als alle anderen.

Meine Einstellung zu Bergen beim Radeln hat sich in den nächsten Jahren nicht großartig verändert. Ich könnte mit dem Rennrad auch wunderbar nur flach und schnell fahren. Ich mag es nicht, wenn es langsamer wird - und das lässt sich bergauf ja nun mal schwer vermeiden, wenn man nicht gerade Nairo Quintana heißt. Bei mir wirds langsam. Bei den Jungs, mit denen ich in der Ebene mithalten kann, nicht. Toll. Ich mag das Gefühl nicht, dass der ganze Körper sich gegen den Berg sträubt: die Beine, die Lunge, der Kopf. Das Schlimmste: absteigen und schieben müssen. Das ist mir ein paar Mal passiert. Zuhause, als meine Beine, die Übersetzung und der Anstieg irgendwie nicht so recht zusammen passten. Auf Mallorca, als ich 2015 das erste Mal am Cap Formentor war und fast den kompletten Rückweg zu Fuß zurückgelegt habe, weil einfach gar nichts mehr ging.


2016 war ich wieder am Cap Formentor, musste dieses Mal nicht wandern, aber hatte auch nicht sonderlich viel mehr Spaß als beim ersten Mal. Natürlich ist die Strecke gigantisch, die Aussicht unschlagbar, aber ich habe auch sehr gelitten und hatte wenig Zeit zum Genießen. Dieses Jahr war es endlich anders, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Während ich zuhause wegen des Marathontrainings kaum auf dem Rad saß und nur flache Runden gedreht habe, habe ich mich auf Mallorca von Anfang an auf die Berge gefreut. Habe an den ersten Tagen bei den welligen Runden im Inneren der Insel auf die Gebirgskette geschielt und von nichts anderem geredet, als dass es mich dort hin zieht. Eine bittersüße Mischung aus Vorfreude und Angst, es könnte wieder scheiße laufen, keinen Spaß machen, zu hart werden. Und doch voller Vorfreude.


Zum ersten Mal hat die Freude überwogen. Der Spaß. Am bergauf Fahren. Dass ich das mal sagen würde! Wie immer liegt der Hund irgendwo da begraben, wo man sich keinen Stress macht. Wo negative Gedanken keinen Platz haben und wo es nur zählt, das eigene Tempo zu fahren, bei dem man sich gut fühlt. Und dann entsteht da auf einmal dieses Gefühl, dass du spürst: Das ist anstrengend, aber du kannst es aushalten, es schaffen, ohne dass es dir dabei so richtig, richtig schlecht geht - das ist fantastisch. Wenn sich die Steigung in den Beinen auf einmal nicht brennend und furchtbar anfühlt, sondern wohlig warm. Wenn du noch eine Frequenz treten kannst, die Sinn ergibt, die nicht sagt: "Was machst du hier eigentlich, steig doch besser ab, du wärst zu Fuß schneller!" Wenn du 10, 11, 12 % Steigung aushalten kannst, wenn sich 7-8 % richtig gut anfühlen und 4-5 % schon fast flach sind. In dieser verkehrten Welt bin ich so glücklich wie noch nie bergauf gefahren. Der Moment, als ich realisiert habe, dass die Anstrengung mir gerade tatsächlich Spaß macht, war genau in der schönsten Kurve der Welt: Cap Formentor, letzter Anstieg, rechts das Meer (und der Abgrund), links eröffnet sich zum ersten Mal der Blick auf den Leuchtturm. Gigantisch. Mit Freudentränchen in den Augen und einem Herz voller Glück bin ich dem Leuchtturm entgegen gerollt und wollte die ganze verdammte Welt umarmen.


Sich aus eigener Kraft mit dem Rad irgendwo rauf kämpfen, macht stolz. Oben zu sein und zu sehen, was man geschafft hat, wie weit man über den Meer ist oder über anderen, kleineren Bergen, ist unheimlich schön. So langsam kann ich das genießen. Es ist nicht mehr nur: "Oh scheiße, endlich bin ich oben, ich wäre fast gestorben!" sondern es ist: "Geil, das war hart, aber hat Spaß gemacht!" Sa Calobra zum Beispiel. 10 Kilometer mit 7 %, die man erst runter eiert, um sie dann wieder hoch zu fahren - vollkommen bekloppt, aber so schrecklich schön. Und was für ein glückseliges Grinsen einem so ein erfolgreich passiertes Col-de-Weißderkuckuck-Schild ins Gesicht tackert ...



Und weil dieses Gefühl, diese Herausforderung, zum Radfahren anscheinend irgendwie dazu gehört, fahren Menschen Rennen mit sehr vielen Höhenmetern. Ich nicht. Aber ich traue mich immerhin mal an dezent hügelige Geschichten heran: Nach dem Škoda Velodom bei Rund um Köln kommt das 24h-Rennen bei Rad am Ring im 4er Team. Ich bin sehr gespannt, wie mich mit der Nordschleife anfreunden werde. Nur eine Woche später geht's in die Rhön, wo man anscheinend dringend Radfahren sollte - ich werde mir das mal angucken. Bei der RHÖN300 kann man 300 km mit 5200 hm fahren. Das ist mir dieses Jahr definitiv viel zu krass. Ich werde mich mit 110 km und 2300 hm begnügen - nicht als Rennen, sondern im RTF-Format. Trotzdem eine Herausforderung und ich freue mich drauf, mal eine andere Ecke von Deutschland auf dem Rad zu sehen als das Rheinland. Wer Lust auf die RHÖN300 bekommen hat und bei der Anmeldung 20 % sparen möchte, gibt einfach diesen Code ein: P_VYFPY6. Der Startplatz sowie der Rabattcode wurden mir vom Veranstalter zur Verfügung gestellt.

Breaking: Wo es rauf geht, geht's auch wieder runter. 
Bilder: Jan Peifer (umsturzvegan.de | Coffee & Chainrings), Julia Jachmann, ich.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Raceday No. 54 - Rotterdam Marathon 2018

Mittagshitze. Kilometer 30. Aus dem Schlauch des Trinkrucksacks kommt nichts mehr raus und ich verstehe nicht, warum. Eben ging das noch. Manchmal ist ein Knick im Schlauch, also Rucksack abziehen, Schlauch entwirren, nochmal versuchen. Nichts. Nochmal prüfen. Kein Erfolg. Dann die Erkenntnis: Der Rucksack ist leer. Kein Wasser mehr. Oh Mann! Ich ärgere mich, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Noch zwölf Kilometer. Mit leerem Rucksack. Mein wunderhübscher Plan, dass ich in Rotterdam, dieser niederländischen Sauna, immer etwas zu trinken habe, scheitert also. Es ist heiß und ich will Wasser. Und zwar nicht alle paar Kilometer, sondern jederzeit. Ich will keine blöden Becher, ich will aus dem Schlauch ganz bequem kleine Schlucke trinken. Aber das kann ich nicht mehr, denn ich habe bereits den ganzen Rucksack leer gesoffen. Ich ärgere mich, dass ich absolut nicht bedacht habe, dass das passieren könnte. Anstatt den leeren Trinkrucksack einfach abzuhaken und mich ab jetzt auf die Getränkestände zu konzentrieren, stelle ich das gesamte Vorhaben Rotterdam-Marathon in Frage. Wenn der Plan sowieso schon wankt, warum überhaupt noch weiter machen?


Long story short: 2017 bin ich zuhause in Düsseldorf meinen ersten Marathon gelaufen. Schon beim Finish war mir klar, dass das nicht alles sein kann, dass ich das nochmal machen werde. Weil mich diese Herausforderung reizt, weil es mich antreibt, das noch einmal schaffen zu wollen, es besser zu machen und zufriedener zu sein. Die Gelegenheit kam mit Dein erster Marathon - ein Projekt von bunert und New Balance. Ich bin hier gleich doppelt involviert: Zum einen bei der Organisation des Projekts und zum anderen, weil ich mich entschlossen habe, selbst mitzulaufen. Auch wenn es nicht mein erster Marathon ist, bin ich am Vortag aufgeregter als so mancher Teilnehmer. Mir ist schlecht, ich zittere und bringe keinen geraden Satz raus. Na das kann ja was werden. Der holländische Zaubertrank Jupiler sorgt immerhin dafür, dass ich Schlaf finde.


Am Marathon-Morgen sieht die Welt zum Glück viel besser aus: Ich bin ruhig und voller Vorfreude. Ohne Angst. Und ich habe Bock! Niemand, der ein Herz hat, kann sich der Stimmung entziehen, die am Marathon-Morgen über der Stadt liegt. 15.000 Läufer pilgern die Zielgerade in verkehrter Richtung hinunter zum Start. Aus den Boxen schallt "You'll never walk alone", einige stimmen ein, ich habe einen freudigen Kloß im Hals und die ersten Tränchen des Tages in den Augen. Scheiße, falls ich gestern noch nicht wusste, weshalb ich das mache, dann jetzt. Genau dafür! Für diese Aufregung, diese wunderbare Anspannung und diese elektrisierte Luft.



Rotterdam ist großartig. Schon direkt nach dem Start führt die Strecke das erste Mal über die riesige Erasmus-Brücke. Gefühlt jedes Stückchen Streckenrand ist von Zuschauern gesäumt, die die perfekte Mischung aus Anfeuern und Party feiern finden. Nicht so übertrieben wie in Venlo, sondern sympathisch und herzlich. Mit genug Zeit, Namen abzulesen und einzelne Läufer anzufeuern. Und mit einem Händchen dafür, was die Läufer gebrauchen könnten: Unabhängig von den offiziellen Verpflegungsständen bieten die Zuschauer Wasser, Salzstangen, Gummibärchen oder Orangenscheiben an. Wenn die hier jetzt noch gute Musik und weniger Scooter spielen würden ...


Ich hadere mit meiner Taktik. Der Start war erst um 10.30 Uhr, ich habe vor, 4:30 Stunden zu laufen und dieser Tag ist ausgerechnet der erste, an dem es richtig warm wird. Ich habe lange Läufe bei Minustemperaturen gemacht, war bei Schnee, Regen und Hagel draußen, aber ich bin nicht auf 25° und Sonne eingestellt. Noch nicht, es ist gerade mal Frühling! Ich schwanke zwischen "langsam und ruhig durchlaufen" und "lieber am Anfang nicht zu sehr trödeln (aber auch nicht überpacen), denn hart wird es auf jeden Fall irgendwann - besser du bist dann schon so weit wie möglich gekommen". Der Grat ist schmal. Ich entscheide mich für eine vorsichtige Version von Variante zwei und laufe minimal schneller als geplant - 06:15 statt 6:20 min/km bis Kilometer 25.


Die Beine fühlen sich anfangs nicht gut an, aber ich komme gut rein. Ich treffe den Mittelweg ganz gut, will es auf keinen Fall übertreiben, aber auch nicht länger als nötig unterwegs sein. Die erste Hälfte vergeht trotz Pipipause bei Kilometer 18 schnell. Von den Kilometermarkierungen kommt eine nach der anderen und ich kann die Stimmung genießen. Nach dem zweiten Überqueren der Brücke dämmert mir: So einfach wird es nicht weiter gehen. Ich habe mich gut verpflegt, meine Gels planmäßig genommen und genug getrunken. Die Beine sind mittlerweile gut, trotzdem nehme ich Tempo raus. Da kommt noch einiges auf mich zu.

Zum Beispiel bei Kilometer 30 das Rucksack-Gate. Blöd, dass mentaler und körperlicher Tiefpunkt hier exakt aufeinander treffen. Ich merke, wie mir die Energie ausgeht, bekomme Kreislaufprobleme, Magenschmerzen und zweifle zum ersten und einzigen Mal. Gehpause. Keine andere Chance. Ich beschließe, dass der Magen schlimmer nicht werden kann und nehme ein Iso-Getränk des Veranstalters - normalerweise mache ich mit meinem empfindlichen Magen damit keine Experimente. Schlimmer als jetzt wäre nur noch Übergeben, danach fühlt es sich gerade nicht an, also rein damit. Wichtiger ist es, den Kreislauf wieder anzuschubsen. Das Iso bleibt drin, also drücke ich das letzte Gel hinterher. Ich schleppe mich mit einer Mischung aus wenig laufen und viel gehen bis Kilometer 34 und auf einmal ist es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.


Ich kann wieder laufen. Mit dem Wissen, dass meine 4:30 Stunden nicht mehr drin sind (außer ich renne die letzen acht Kilometer und das ist keine Option), laufe ich einfach so, wie ich mag. Das ist nicht flott, aber immerhin genauso schnell wie von Kilometer 25-30. Ich freue mich absurd darüber, dass die Beine absolut keine Probleme machen, dass auch der Rest wieder mitspielt und dass ich vor allem wieder laufen will. Da ist nicht genug Ehrgeiz, um noch um irgendeine möglichst schnelle Zeit zu kämpfen, aber immerhin so viel, um nicht komplett zu bummeln. An den Getränkeständen gönne ich mir kurze Pausen, dazwischen laufe ich so, wie es sich gut anfühlt.

Die letzten beiden Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Gleichzeitig sind sie wunderschön, weil die Zuschauerreihen immer dichter werden und das Publikum anders anfeuert als bei Kilometer 5 oder 10. Alle, die hier vorbeilaufen, haben es gleich geschafft. Ich auch. Und daher versuche ich, alles in mich aufzusaugen. All diese Menschen, die Stimmung, diese bittersüße Mischung aus Anstrengung und Glück und Stolz. Ich muss nicht auf jedem Kilometer Spaß am Laufen haben, ich mache das für genau diese Momente. Für das Gefühl, um die letzte Kurve zu biegen und die Zielgerade in schier unerreichbarer Entfernung zu entdecken. Zwei Stimmen im Kopf brüllen gleich laut: "Gleich geschafft!" und "Oh Kacke, noch so weit?!"


Wenn du bis Kilometer 42 gekommen bist, fängst du nicht auf den letzten 200 Metern noch an zu gehen. Oder ans Aufhören zu denken. Wenn du das geschafft hast, läufst du ins Ziel, so schnell wie deine Beine dich noch tragen. Weil es egal ist, wie weit das exakt weg ist - wenn du es sehen kannst, schaffst du auch diese letzten Meter. Als Belohnung gibt es eine goldene Medaille - selbst für Platz 9.000-irgendwas - und eine Rose. Ich halte beides in Ehren, aber ich muss auch verdammt dringend zum Klo. Und was trinken. Und endlich zurück zu den Fans stiefeln, um zu berichten, wie schrecklich und wie schön das war.

04:35:14 Stunden lang habe ich bis auf kurze Begegnungen mit anderen aus dem Team alles mit mir selbst ausgemacht. War alleine zwischen 15.000, komplett abgetaucht in meiner eigenen Marathon-Welt. Ich freue mich drauf, langsam wieder in die Realität zurück zu kehren, und ich weiß mittlerweile: Ich will nochmal in dieses Wasser springen. Nicht mit der Motivation, etwas besser zu machen. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis unter den Bedingungen und zufrieden mit meinem ziemlich schnell gewonnenen Kampf. Ich will das einfach nochmal machen.


Fotos: Christian Siedler. Danke, danke, danke!
Danke an den bunert Onlineshop, an New Balance und an all diese fantastischen Menschen, die dieses Projekt zu dem gemacht haben, was es war: Fantastisch. Danke!

Samstag, 31. März 2018

Laufen - ewige Hassliebe

Wer unter dem Motto "ich hasse laufen" schreibt und dennoch für den zweiten Marathon trainiert, muss sich mitunter die Frage gefallen lassen, ob das denn überhaupt noch stimmt mit dem Hass. Und wenn ja, ob es nicht besser wäre, es dann einfach zu lassen. Gute Fragen. Besonders die zweite beschäftigt mich mit schöner Regelmäßigkeit. Warum sollte jemand etwas tun, das er blöd findet?


Beim Radeln ist es ganz einfach: Ich setze mich aufs Rennrad und fühle mich zuhause. Ich liebe es, mich aus eigener Kraft schnell fortzubewegen. Mich fasziniert es, dass das noch schneller geht, wenn sich eine Gruppe findet, zu der jeder einzelne etwas beisteuern muss, damit am Ende alle schneller sind als allein. Ich liebe den Wind um die Nase, das Pedalieren, das Geräusch vom Freilauf (meiner klingt übrigens sehr schön). Wenn ich beschissene Laune habe, was zugegeben nicht so wahnsinnig oft vorkommt, und dann zwei, drei Stunden radeln war, sieht die Welt hinterher besser aus. Immer.

Automatisches Glück? Nicht beim Laufen

Beim Laufen habe ich diese Glücksgefühle auf Knopfdruck nicht. Ich laufe nicht los und denke: "Ach ist das schön, dass du gerade läufst." Das passiert nicht. Nie. Natürlich ist da nicht mehr diese starke Abwehrhaltung wie ganz zu Beginn, ich bin nicht mehr nach 100 Metern vollkommen aus der Puste und frage mich nicht permanent, was zur Hölle ich eigentlich hier mache. Das nicht. Trotzdem sind die ersten Meter selten unbeschwert und toll, sondern eher eine Pflichtübung. Manchmal ist auch ein ganzer Lauf Pflichtprogramm. Selten Kür.


Manchmal laufe ich mit Freunden, dann bin ich abgelenkt. Freue mich, denjenigen mal wieder zu treffen und dieses oder jenes zu diskutieren. Dabei geht mir allerdings selten durch den Kopf: "Wie schön, dass wir das jetzt ausgerechnet beim Laufen besprechen!" Wir könnten uns auch einfach auf einen Kaffee treffen. Oder auf dem Rad, noch besser. Manchmal stresst mich Begleitung beim Laufen auch. Wenn der andere schneller ist und partout das Tempo nicht anpassen will, immer wieder davon zieht - da kann ich besser alleine laufen. Mache ich auch meistens und freue mich dann, dass ich mich nach niemandem richten muss und nur mich selbst aushalten muss.

Macht das denn wirklich nie Spaß?

Klar, es gibt auch wunderschöne Läufe. Ich kann mich an eine Handvoll erinnern - bei den meisten davon gibt es irgendeinen besonderen Faktor: eine weitere Strecke als normalerweise, eine abenteuerliche Routenplanung oder eine traumhafte Umgebung. Meine letzten beiden 30er, bei denen einfach alles passte und nichts schwer fiel, sind Beispiele dafür. Oder die Entdeckungstour, bei der aus "lass mal für ein Stündchen in den Wald" spontan ein Halbmarathon querfeldein wurde. Der Lauf mit einem Kollegen am Meer: Dünen rauf, Dünen runter, tiefer Sand, fester Sand, Sonnenuntergang und Meeresrauschen.


In solchen Momenten macht mir das Laufen Spaß. Aber leider läuft nicht immer alles prima, leider bin ich nicht ständig am Meer und leider hab ich auch nicht mehrfach die Woche Zeit, drölf Stunden ohne Ziel durch die Gegend zu juckeln. Wenn ich also weiterhin laufen will - was ich nicht mache, wenn ich nicht für irgendetwas angemeldet bin - dann muss ich den Spaß irgendwo anders her kriegen. Wenn mich also nicht das Laufen selbst glücklich macht, dann ziehe ich meine Freude daran eben nicht aus der Tätigkeit an sich, sondern aus dem, was am Ende dabei rauskommt.

Was macht dich glücklich?

Das kann das Gefühl sein, etwas geschafft zu haben. Im Kleinen: sich aufgerafft zu haben. Im Größeren: eine bestimmte Strecke gelaufen zu sein, die vielleicht für längere Zeit undenkbar war. Das kann eine Zeit in der Ergebnisliste sein. Das kann auch unabhängig von Zeiten das Gefühl sein, alles gegeben zu haben. Womit mich das Laufen am Ende belohnt, und zwar natürlich nicht unbedingt nach jeder langweiligen 10-Kilometer-Brückenrunde, aber inzwischen oft genug nach Zieleinläufen, ist ein hübscher Emotionscocktail aus Zufriedenheit, Dankbarkeit und Stolz.


Dankbarkeit, so leistungsfähig zu sein. Körperlich und mental. Zufrieden und stolz auf das, was ich kann und vorher nicht für möglich gehalten hätte. Das war zu Anfang gar nicht mal so leicht - denn wenn der größte Kritiker zwischen den eigenen Ohren sitzt, gibt es immer etwas auszusetzen. Das hat sich inzwischen geändert. Und es ist eine schöne Erkenntnis, dass mir etwas so positive Gefühle verschafft, dass von der Sache an sich gar nicht so mein Ding ist. Ist es so dann nämlich irgendwie doch. Natürlich hängt das Herz am Rad. Aber ich bin auch eine Läuferin. Was bist du?


Danke für die Bilder an Jan.

Sonntag, 25. Februar 2018

Pläne 2018 - Los geht's mit Rund um Köln

Hallo 2018! Das letzte Jahr ist ziemlich schwer zu toppen (Rückblick auf 2017: Schneller, weiter, dreckiger)! Eigentlich wollte ich dieses Jahr nur noch Radfahren. Weil es mir am meisten Spaß macht, weil ich mit inzwischen drei Rädern genügend Abwechslung habe und vielleicht auch, weil ich es - verglichen mit Schwimmen und Laufen - am besten kann. Wenn ich nicht laufe, fehlt mir nichts. Als ich mich im letzten Herbst aber mühsam wieder auf eine ganz passable Halbmarathon-Form gebracht habe, war's das mit den Plänen, nur zu radeln. Die Laufform wieder aufgeben? Nix da! Außerdem reizen mich die 42 Kilometer wieder.

Erst der Marathon, dann das Vergnügen 

Deshalb lautet mein erstes Ziel für 2018: Rotterdam Marathon. Bis Anfang April liegt der Fokus also auf dem Laufen. Das heißt natürlich nicht, dass ich bis dahin gar nicht radeln werde - wäre auch schön blöd, denn Mitte Juni steht das erste "richtige" Rennen ins Haus: Der Škoda Velodom im Rahmen von Rund um Köln. Endlich!


Warum ausgerechnet Köln? Eigentlich ganz einfach: Nach den großen Rennen in Berlin, Hamburg und Münster stehen sowohl Köln als auch Frankfurt definitiv weit oben auf meiner To-Do-Liste. Und es kann ja nicht angehen, dass ich noch nie beim Rennen in der Nachbarstadt gestartet bin, obwohl es dieses Jahr schon zum 102. Mal stattfindet. Eigentlich hätte ich den Škoda Velodom sehr gern schon letztes Jahr mitgenommen, stand aber am gleichen Tag in Hannover an der Startlinie meiner ersten Mitteldistanz. Dumm gelaufen, aber dieses Jahr kommt definitiv kein Triathlon dazwischen! Ich freue mich auf ein Rennen, das sich ein bisschen wie ein Heimspiel anfühlt, aber eigentlich gar keines ist. Wieso? Einerseits stehen gefühlt sämtliche Düsseldorfer Radfahrkollegen ebenfalls in Köln am Start - andererseits kenne ich die Strecken noch nicht und habe doch ein klitzekleines bisschen Respekt vor den Höhenmetern.

Strecken beim Škoda Velodom

Neben dem Profirennen Rund um Köln gibts beim Škoda Velodom zwei Distanzen für Jedermänner (und -frauen): Die kurze Strecke mit 67 Kilometern und 466 Höhenmetern sowie die lange Strecke mit 127 Kilometern und 1376 Höhenmetern. Wo nehmen die in Köln all die Berge her? Ganz einfach: aus dem Bergischen Land. So geht es auf der kurzen Runde zwar "nur" auf eine maximale Höhe von 250 Metern rauf, allerdings sind die gesamten Höhenmeter nicht so wahnsinnig gut auf die Strecke verteilt - am einen oder anderen Anstieg werde ich voraussichtlich ein bisschen leiden. Vielleicht auch ein bisschen mehr.

Berge?? Ohne mich!

Aber hoffentlich nicht ganz so viel wie Jan - der Coffee & Chainrings Teamkollege hat nämlich (auf der schön flachen Strecke) in Münster letztes Jahr wieder Blut geleckt und daher gehen wir in Köln zusammen an den Start. Wir nehmen noch Wetten an, wer zuerst die Ziellinie überquert...

Damit wir wissen, was uns erwartet, werden wir die Strecke vorher mindestens einmal abfahren. Und ja, vielleicht auch die lange Variante, denn wir sind beide noch unschlüssig, für welche Distanz wir uns anmelden. Ich tendiere ja wie immer zu "kurz und dafür schnell", während der Tenor bei den Kaffee-Jungs bisher eher in die Richtung "wenn schon denn schon" und "für 67 Kilometer das Rad aus dem Keller holen?" ging. Pah! Vielleicht sind wir einmal klug und entscheiden das Ganze nach dem Streckentest. Bis dahin steht auf jeden Fall (neben ziemlich viel Laufen) auf der Agenda: Höhenmeter sammeln! Wir üben dann schon mal ...


Fotos: sportograf.com

Die Startplätze für den Škoda Velodom werden uns vom Veranstalter zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns artig und berichten im Gegenzug ein wenig von der blanken Angst beim Streckencheck und unserer wahnsinnig ausgeklügelten Vorbereitung. Hier und auf coffeeandchainrings.de.

Freitag, 22. Dezember 2017

2017 - Schneller, weiter, dreckiger

Ich habe mir angewöhnt, am Ende des Jahres einmal zurück zu blicken - nicht, um damit zu prahlen, was ich alles Supertolles erreicht habe, sondern um mir vor Augen zu führen, wo die Entwicklung in den letzten zwölf Monaten hin gegangen ist. Was war Anfang des Jahres anders als jetzt? Was habe ich zum ersten Mal gemacht? Was lief gut, wo ist Luft nach oben? Was hat am meisten Spaß gemacht und was möchte ich fürs nächste Jahr mitnehmen? Zuerst ein paar Zahlen zu meiner Saison 2017:


Zahlen, Daten, Fakten 2017

Anzahl der Startlinien, an denen ich in diesem Jahr gestanden habe: 25
Davon im Wasser: 4
Davon auf dem Rad: 13
Bleiben für Laufschuhe übrig: 8

Distanzen:
Kürzestes Rennen (Strecke): Rad Race Battle in Hamburg, 190 Meter
Längstes Rennen (Strecke): am gleichen Wochenende wie das Rad Race: Cyclassics Hamburg, 120 km

Zeiten:
Kürzestes Rennen (Zeit): keine Zeitmessung beim Rad Race Battle, daher Neusser Erftlauf über 5 km in 24:33 Minuten
Längstes Rennen (Zeit): Mitteldistanz beim Wasserstadt Triathlon Hannover, 06:28:03 Stunden

Härtestes Rennen: Es steht 1:1 zwischen der Mitteldistanz in Hannover und dem MTB-Halbmarathon in Daun. Das Lachen täuscht.


Größte Schnapsidee: Erst bei der Duisburger Winterlaufserie Halbmarathon laufen und nur eine Stunde später zum ersten Mal Cyclocross-Rennen in Düsseldorf fahren. Nicht klug, aber geil.

Magischster Rennmoment: Mit Kettcars "48 Stunden" im Ohr und Tränen in den Augen bei den Cyclassics realisieren, was Erfolg für mich bedeutet.

Schönster Lauf: Halbmarathon beim Rhein City Run. Sich nach einer Nacht ohne Schlaf mit Null Erwartungen selbst überraschen: unbezahlbar.

Schönstes Finish: Hannover. Weil so eine Mitteldistanz eine verdammt verrückte Geschichte für mich ist und einfach alles stimmte. Triathlon-Familie vor Ort, perfekte Mischung aus vollkommen erschöpft und vollkommen glücklich und dazu unglaubliche Dankbarkeit für großartige, während des Rennens kennengelernte Menschen, die mich nicht mehr allein gelassen und kurz vor der Wunsch-Zeit über die Ziellinie geschoben haben.


Trainingskilometer 2017:
Laufen: 882 km - minimalistisch, aber ausreichend!
Rad: 4707 km; 21.391 hm - das ist für einen Radfahrer nicht viel, für mich aber einfach mal 2.000 km mehr als 2016.
Schwimmen: Geschwommen bin ich auch schon mal.

Trainingsstunden 2017:
Laufen: 90 Stunden 19 Minuten
Rad: 194 Stunden, 48 Minuten
Schwimmen: Ob sich der Aufwand fürs Schwimmen in Stunden messen lässt, ist fraglich.

Erste Male 2017

Klar, hier stehen dieses Jahr einige größere Sachen in der Liste. Aber es sind auch die kleineren, die das Herz hüpfen lassen.

Erster Marathon: 
Ich bin im April meinen ersten Marathon gelaufen. Zuhause in Düsseldorf, halbwegs heimlich und mit allerbester Unterstützung von Freunden und Familie. Ich kann mir kein schöneres Debüt vorstellen! Auch wenn einige Kilometer sehr hart waren, habe ich beim Finish gewusst, dass das nicht alles sein kann. Ich werde das nochmal machen!

Hier geht's zu den Artikeln:
Heimliche Marathon-Vorbereitung Teil 1
Heimliche Marathon-Vorbereitung Teil 2
Mein erster Marathon: Metro Marathon Düsseldorf 2017


Erste Triathlon Mitteldistanz: 
Im Juni stand die erste Triathlon Mitteldistanz im Kalender. Mein Respekt vor einem Wettkampf, der voraussichtlich nochmal zwei Stunden länger als der Marathon dauert, war auf jeden Fall gigantisch - und ist es auch immer noch. Das ist das Faszinierende an der Mitteldistanz: Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich bin unheimlich froh und stolz, dass ich es geschafft habe, aber die ganze Sache flößt mir immer noch einen Heidenrespekt ein. Dieser Zustand fern ab von Zeit und Raum, während der Kopf sich ausschaltet (meistens!) und den Körper funktionieren lässt, ist absurd und zugleich spannend. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich drei Stunden komplett alleine auf dem Rad rumgekriegt habe. Ich weiß auch nicht, wieso ich überhaupt noch auf die Laufstrecke gegangen bin, wieso ich eine zweite Runde gelaufen bin. Nichts davon habe ich in diesen Momenten bewusst entschieden, sondern einfach gemacht. Ich bin sehr dankbar für drei wunderbare Begegnungen auf der Laufstrecke, dir mir den Arsch und vielleicht sogar das Finish gerettet haben. Aber: Ich weiß nicht, ob ich mir das nochmal antun muss.

Wasserstadt Triathlon Hannover - Mitteldistanz 2017



Erstes Cyclocross-Rennen: 
Schnapsidee galore: Erst seit ein paar Tagen einen Crosser besitzen, Null Erfahrungen im Gelände haben, einfach mal ein Rennen fahren und unmittelbar vorher noch Halbmarathon laufen. Hört sich maximal bescheuert an, hat aber funktioniert. Ich habe mein Herz auf Anhieb ans Crossen verloren. Und wie.

Erstes Crossrennen: Cyclingworld Cyclocross Challenge
NRW Cross Cup 2017 inklusive hochgradig philosophischer Erklärung, was an Crossrennen so wunderbar ist


Erstes Rennrad Kriterium: 
Meine bisherigen Rennrad-Rennen waren groß und mit vielen gesperrten Straßen: Berlin, Hamburg, Münster. Kriterien sind ein kleines bisschen spezieller, werden von Vereinen organisiert und finden auf kleinen Rundkursen statt, auf denen mehrere Runden gefahren werden. Das Teilnehmerfeld ist deutlich überschaubarer. Der Anspruch ist ein bisschen höher als bei den großen Rennen, weil man sehr viele Kurven fahren und somit sehr oft antreten muss - trotzdem ist es nicht so, als seien nur Profis am Start. Es gibt auch Hobby-Kriterien und es tut gar nicht weh, da mitzumachen. Direkt beim ersten Start durfte ich allerdings erfahren, wie das so läuft mit den Frauen im Radsport - extra Wertung? Siegerehrung? Fehlanzeige.

Erstes Kriterium: Rund um Bockum
Preis von Bochum Wiemelhausen - hoppla, irgendwie bin ich Bochumer Stadtmeisterin geworden.


Erstes Mountainbike Rennen: 
Irgendwie bin ich da in etwas hinein geraten. Mountainbike fand ich nie spannend. Wenn man mit den Coffee & Chainrings Boys rumhängt, lässt es sich allerdings nicht vermeiden, dass die Begeisterung für die breiten Reifen über schwappt. Da ich mit dem Crosser ja schon erste Erfahrungen im Gelände sammeln konnte, wollte ich dann auch wissen, wie sich eigentlich so ein MTB unterm Hintern anfühlt. Die Antwort ist: zuerst ungewohnt, mittlerweile aber ziemlich gut. Inzwischen weiß ich sowohl die Federung als auch die Übersetzung zu schätzen. Während meines ersten Rennens habe ich das etwas anders gesehen: 65 km, 1300 hm bei Regen quer durch die Eifel. Ich bin vorher noch nie im Regen durch den Wald gefahren und hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sich 1300 Höhenmeter anfühlen würden. Sie fühlen sich scheiße an. Überlebt habe ich trotzdem irgendwie - Ansgar sei Dank.

Vulkanbike MTB Halbmarathon


Und sonst so?

2017 war das Jahr der Tour de France in Düsseldorf. Was für ein Spektakel! Was für Emotionen. Ich war gleich dreifach involviert:
Im April bin ich unter anderem mit André Greipel, John Degenkolb und einigen anderen Radprofis ein Stück der Tour-Etappe testweise gefahren. Ja, mit dem Rad! Kreisch!
Schließlich dann im Juli: Grand Départ in Düsseldorf. Ein Erlebnis der Kategorie once in a lifetime.
Tissot hatte zu Inside Tour de France eingeladen: Ich war zwei Tage in Frankreich und durfte hinter die Kulissen der Tour schauen, auf der gesperrten Strecke radeln, mit dem Helikopter über das Rennen fliegen und lauter verrückte Sachen machen. Danke dafür!


Seit 2017 bin ich außerdem ein Teil von Coffee & Chainrings. Hinter dieser wunderbaren Truppe steckt ein kleiner, aber feiner Haufen Fahrrad-Enthusiasten, von denen einige online sehr aktiv sind und andere kaum. Alle vereint, dass sie das Herz am rechten Fleck haben und verdammt gute Typen sind. Auch wenn wir uns nicht immer einig sind, schätze ich den Austausch, das Anfixen mit bekloppten Ideen und den Teamgeist. An der Stelle noch einmal ein riesiges Dankeschön an Ansgar, ohne den ich meine MTB-Erfahrung in der Eifel wahrscheinlich ein Stück weit traumatischer in Erinnerung hätte, und an Markus für einfach alles.


Triathlon: Nach der Mitteldistanz reizt mich zurzeit kein neues Ziel. Ich habe meine Triathlon-Saison schon im Juli beendet - nach den Sprints in Düsseldorf und Hamburg. Besonders an Hamburg denke ich gerne zurück, weil einfach alles gepasst hat. Ein schöner Abschluss - und bisher stehen keine neuen Pläne im Kalender.

Scheiß Wetter: Kann mir gar nix mehr. Ich erinnere mich noch sehr oft an Braver Than The Elements im März - 90 km radeln bei 8° und Dauerregen. Wenn man das einmal hinter sich hat, ist irgendwie auch alles egal. Zum Beispiel der erste Triathlon der Saison in Gladbeck, Olympische Distanz bei Gewitter. Aber nicht nur auf dem Rennrad war es 2017 nass, sondern auch im Gelände: Dass mein erstes MTB-Rennen so ins Wasser fallen könnte, hatte ich vorher nicht in Betracht gezogen - schön blöd. Beim Cyclocross rechnet man ja schon eher mit Dreck und Matsch - und irgendwie ist von Mal zu Mal weniger von meinem Gesicht zu erkennen.


Mach immer, was dein Herz dir sagt: Es ist das pure Glück, etwas zu unternehmen und im selben Moment zu wissen, dass man gerade nichts auf der Welt lieber tun würde. Um minus 1000 Uhr den ersten Sonnenstrahlen entgegen fahren, raus aus Hamburg, die Köhlbrandbrücke rauf. Die Cyclassics waren für mich sehr emotional und erkenntnisreich - manche studieren Philosophie, ich fahre halt Rad ... Aber auch beim Laufen habe ich eine sinnvolle Erkenntnis gewonnen: Du bist immer dann am besten, wenn's dir eigentlich egal ist. So wie beim Rhein City Run von Düsseldorf nach Duisburg.  


Ich bin 2017 das eine oder andere Mal mehr ins kalte Wasser gesprungen, habe Dinge geübt, die ich nicht gut kann, die mir trotzdem Spaß machen und andere Dinge zu den Akten gelegt, die mir weniger viel Spaß machen - schwimmen zum Beispiel. Ich habe viele großartige Menschen kennengelernt. Ich habe Grenzen verschoben, viel Neues ausprobiert und versucht, mich weiterhin in Gelassenheit zu üben. Das klappt nicht immer - fragt mal alle, die in der Woche vor dem Marathon mit mir zu tun hatten! Ich bin dankbar für ein Jahr, in dem ich ohne nennenswerte Verletzungspausen ausprobieren konnte, was möglich ist, was ich kann, was ich möchte und was ich noch viel besser können möchte.

2018 gehört übrigens nicht nur sämtlichen Arten von Fahrrädern, sondern auch weiterhin den Laufschuhen. Und zwar nicht nur kurz und schnell, sondern auch nochmal lange und langsam. Beim Radfahren warten auch unterschiedliche Herausforderungen: Von sehr weit bis rund um die Uhr bis kurz und intensiv wird alles dabei sein. Ich freu mich drauf und danke euch, dass ihr dabei seid! Kommt gut ins neue Jahr!

Montag, 20. November 2017

Raceday No. 51 - Raiba Radcross Kendenich

Alles, was zählt, ist, heile um die nächste Kurve zu kommen. Nicht in der Matsche ausrutschen, nicht von der Strecke abkommen, mich möglichst nicht um einen Baum wickeln. Nicht zu viel bremsen, nicht zu wenig, bloß nicht in der schlammigen Kurve! Danach wieder antreten, irgendwie raus aus diesem Sumpf und weiter, immer weiter, bis das nächste Hindernis kommt. Die nächste enge Kurve, ein steiler Anstieg, Strohballen, die matschige Wiese, die nicht mehr als Wiese zu erkennen ist, oder die Treppe. Heilige Scheiße, die Treppe. Sie ist mordsmäßig steil, die erdigen Stufen sind ungleichmäßig und verdammt weit auseinander. Zu weit für Menschen mit kurzen Beinen wie mich, und erst recht zu weit, wenn man nicht nur alleine da rauf klettern muss, sondern noch ein Rad über der Schulter hängen hat.



Die Treppe hat eine 400 Meter lange Anfahrt, die eine einzige matschige Rutschpartie ist. Geradeaus fahren ist so gut wie unmöglich und langsam fahren würde stecken bleiben bedeuten - also sieht die Taktik folgendermaßen aus: so schnell es geht dadurch und hoffen, dass niemand zufällig genau auf der Seite überholen will, zu der ich gerade den nächsten unfreiwilligen Haken schlage. Schlamm spritzt mir in die Augen, ich kneife erst das eine zu, probiere vorsichtig, ob ich wieder etwas sehe, dann das andere. Soll eben ein Auge dreckig werden, dann hebe ich mir das andere für später auf - unglaublich ausgeklügelte Rennlogik. Eine Brille würde nur mäßig helfen - weniger Brennen im Auge, aber dafür genauso wenig Sicht. Am Ende der matschigen Gerade warten Strohballen, die mich zum Absteigen zwingen. Direkt dahinter die Treppe aus der Hölle. Während des Schreibens überlege ich, wie mir irgendjemand glauben soll, dass das Spaß macht. Nasse, kalte Füße, überall Matsche am Rad und am Körper, der Puls in astronomischen Höhen, mehr Schnappatmung als alles andere. Schnodder in der Nase und brennende Beine bergauf, absteigen, aufsteigen, weiter fahren, dazu der ständige Nervenkitzel, ob man bei der nächsten schlammigen Wiesen-Durchfahrt auf dem Rad bleibt oder nicht.

NRW Cross-Cup

Ja, es ist schwer zu erklären, wo hier der Spaß zu finden ist, und es sieht auch währenddessen nicht danach aus. Deshalb fange ich mal vorne an: In NRW gibt es diesen Winter eine hübsche Erfindung: Den Genesis NRW Cross-Cup. Auch wenn man als Hobbyfahrer rein gar nichts vom Cup hat, weil nämlich nur Lizenzfahrer in der Gesamtwertung gezählt werden, hat die ganze Geschichte für mich immerhin den Vorteil, dass ich auf die Renntermine aufmerksam geworden bin. In der Hobbyklasse starten kann man nämlich trotzdem - auch wenn man auf die Wertung im Cup verzichten muss.

Los ging's Anfang Oktober in Dorsten auf einer einfachen Strecke bei Dauerregen. In Führung liegend musste ich aussteigen, weil eine Scherbe in der Sandgrube meinem Hinterrad die Luft abgelassen hat. Bis dahin hat's Spaß gemacht - aber einen Kilometer für nichts mit Radschuhen inklusive Rad querfeldein rennen kann ich nur bedingt empfehlen.

Zwei Wochen später ging's in Radevormwald das zweite Mal in den Matsch: Das Wetter ebenfalls crosstauglich feucht, dazu eine anspruchsvolle Strecke mit engen Kurven durch den Wald, Wurzeln, kleinen Anstiegen, einer langen Treppe und einigen anderen Späßen. Wenige Chancen zum Überholen, aber für mich anscheinend leider genau die richtige Strecke, um mich dezent aus dem Leben zu fahren: Nach vier von fünf Runden waren sowohl die Kraft als auch die Konzentration komplett dahin und der Ofen aus. Die Rechnung kommt bei so einer Strecke sofort: zwei kleine Stürze, überholt worden, am Ende Platz 6 von 9.

Das MTB Race

Auf der schwierigen Strecke in Radevormwald kam mir der Gedanke, dass sie mir mit dem
Mountainbike möglicherweise leichter gefallen wäre als mit dem Crosser. In der Hobbyklasse sind oft beide Arten von Rädern erlaubt und so reifte langsam aber sicher die Idee, beim nächsten Mal einfach vor Ort je nach Bedingungen zu entscheiden, mit welchem Rad ich an den Start gehe. Kendenich nimmt mir die Entscheidung ab, weil im Cyclocross-Rennen nur Crosser erlaubt sind - ergibt ja irgendwie auch Sinn. Weil aber auch ein eigenes MTB-Rennen auf dem gleichen Kurs nach dem gleichen Format ausgeschrieben ist, muss ich nicht lange überlegen und melde beides: Erster Start mit dem MTB um 11 Uhr, zweiter Start mit dem Crosser um 15:40 Uhr - beide Rennen 30 Minuten lang, sollte genug Zeit zum Erholen dazwischen sein. Dazu das vermeintlich einfachere zuerst, danach mit dem Vorteil der Streckenkenntnis ins CX-Race. So weit die Theorie.


In der Praxis stellt sich heraus, dass die Geschichte mit dem MTB weniger einfach ist als gedacht. Meine Fahrtechnik-Skills sind so gut wie nicht vorhanden, schon gar nicht bei solchen matschigen Bedingungen. Der einzige Gedanke, der mir hilft: Das hast du in Daun auch geschafft. Die gleichen Umstände, aber eine viel schwierigere und längere Strecke. Mit richtigen Bergen, richtigen Downhills und nicht so einer Kindergeburtstags-Rutschpartie und einer lächerlichen Treppe, die sowieso alle zu Fuß gehen müssen. Achja, die Treppe. Während ich mich Stufe um Stufe hoch kämpfe, danke ich Markus, dem großzügigen MTB-Ausleiher aus den Coffee & Chainrings-Reihen dafür, dass sein Rad so verdammt leicht ist. Es könnte auch alles noch schlimmer sein!


Das Rennen selbst hält eine neue Situation für mich bereit: Auf dem MTB starten nur vier Frauen, zwei davon habe ich seit Beginn nicht mehr gesehen und die dritte fährt vor mir. Ich überhole sie ausgerechnet an den blöden Strohballen vor der furchtbaren Treppe und muss mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie es ist, so ein Rennen von vorne zu fahren. In Dorsten hat der Plattfuß alle taktischen Überlegungen im Keim erstickt, daher ist die Führungsposition für mich neu. All in und den Vorsprung möglichst weit ausbauen? Auf die Gefahr hin, dann gegen Ende einzugehen? Oder lieber konstant weiter machen und gucken, was passiert? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es geil oder scheiße finde, vorne zu sein, weil diese Position mich unter Druck setzt. Viel entspannter ist ja die zweite Stelle, so lange du den ersten noch im Blick hast - du bleibst dran, machst dir keinen Stress, sparst Kräfte und überholst im richtigen Moment. Oder?


Ich will eine Runde später am einzigen steilen Anstieg ein bisschen zu viel und brauche danach ein paar Meter mehr zum Klarkommen - zack, ist die Zweite wieder an mir vorbei und ich kann in diesem Moment nichts entgegensetzen. So viel zur komfortablen zweiten Position - jetzt habe ich sie und mache rein gar nichts draus. Nochmal rankommen ist utopisch, also konzentriere ich mich wieder auf die Kurven, die Bäume, den Matsch, die Treppen, die Strohballen ... und bringe den zweiten Platz ins Ziel.


Das CX Race 

Vier Stunden später. Nachdem ich eine halbe Stunde lang nass und kalt auf der Suche nach dem Autoschlüssel umher geirrt bin, habe ich mittlerweile geduscht, zum ersten Mal heute etwas gegessen und fühle mich so langsam wieder wie ein Mensch. Ich bin trocken und wenn ich unter dem Heizpilz stehe und die Hände nach oben strecke auch halbwegs warm. Zum Elite-Rennen kommt die Sonne raus, obwohl für den ganzen Tag Regen angesagt war. Ich schaue mir das Duell zwischen MTB- und Rennradprofi auf dem Crosser an - Ben Zwiehoff fährt das Ding vor Nils Politt nach Hause, ziemlich lässig zum Zuschauen. Gerade in dem Moment, als ich so langsam wieder ans Warmfahren denken müsste, schüttet es wie aus Eimern. Ich hab keinen Bock mehr. Nicht nochmal in die Kälte, nicht nochmal nass und dreckig werden, möchte am liebsten einfach nicht starten.


Kneifen ist natürlich keine Option, also drehe ich eine Aufwärmrunde mit dem Crosser. Ich will wissen, wie die Strecke sich auf dem anderen Rad anfühlt, mache mir Sorgen um den steilen Anstieg und vor allem um die Matsche. Bergauf reicht die Kombination von Übersetzung und Beinen nicht - im Gegensatz zum MTB muss ich hoch laufen. Die Matsche ist weniger schlimm als befürchtet - Karlson pflügt sich tapfer durch das, was von der Wiese übrig ist, wenn ich nur nicht zu viel denke, geradeaus schaue und so schnell wie irgendwie möglich durch fahre. So richtig ist die Lust aber immer noch nicht wieder zurück. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, fängt es an zu schneien. Ja verdammt, mir ist kalt, aber doch nicht so! Der Schnee kommt plötzlich und in dicken Flocken. Natürlich bleibt rein gar nichts liegen, aber das ist egal. Ich bin froh, dass der Regen aufgehört hat und von diesen magischen weißen Dingern abgelöst wird. Der erste Schnee! Zum Start des Crossrennens! Kannste dir nicht ausdenken. Wie im Bilderbuch.


Mit dem Schnee kommt schlagartig meine Lust aufs Rennen zurück. Ich will da raus, gucken, was geht und vor allem herausfinden, wie ich mit dem Crosser über den Kurs komme. Ich habe lange nachgedacht, was mich am Rennen Fahren so reizt. Warum brauche ich den Wettstreit? Für die Anerkennung hinterher? Von Freunden und Familie, von mir selbst, online? Alles für die Likes? Wem will ich was beweisen? Es gibt auf Instagram den schönen Hashtag #findsomewheretoloseyourself. Ich verliere mich auf dem Rad. Gleichzeitig finde ich mich. Ich bin so sehr im Moment, im Hier und Jetzt, fokussiere mich auf die Kurven, die Bodenbeschaffenheit, die Schaltung, die Fahrer um mich herum, die Hindernisse, meine Atmung, meine Beine. Nichts anderes ist wichtig. Waren da vorhin noch Magenkrämpfe, Herzschmerz, Weltschmerz, irgendein anderes verdammtes Geschissel? Es ist alles egal. Zählt nicht. Denn ich muss über diese Strohballen.


Wenn acht Frauen und etwa 50 Männer im Rennen sind, ist es ziemlich unmöglich, den Überblick über die eigene Platzierung zu behalten. Ich weiß, dass einige Frauen hinter und andere vor mir sind, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele. Eine Zuschauerin ruft mir "Platz XY!!" zu, ich verstehe nichts, brülle zurück, höre die Antwort nicht. An der Sandgrube kennen Zuschauer meinen Namen, feuern großartig an, aber ich kann nicht aufsehen, bin damit beschäftigt, wieder auf das verdammte Rad zu klettern und einzuklicken. Der Sand und die Matsche in den Cleats machen das unmöglich. Ich donnere die Schuhe wie blöd gegen die Pedale, damit der ganze Scheiß raus fällt, eiere dabei durch die nächste Kurve. Mädchen, irgendwann musst du mal wieder treten!



Ich überhole eine Frau und weiß immer noch nicht, an welcher Position ich jetzt liege. Wenn du keine Ahnung hast, fährst du halt so, als ginge es ums Podium. Geht es auch tatsächlich - allerdings anders als gedacht. Ich werde noch auf der Zielgeraden wieder überholt und dann trotzdem zur Siegerehrung aufgerufen. Zum zweiten Mal heute. Hä? Freude, Verwirrung, zurück in der Realität. Schließlich stellt sich heraus, dass die theoretisch Drittplatzierte gar nicht in der Hobbyklasse hätte starten dürfen - meine Freude ist trotzdem ein kleines bisschen getrübt, weil ich ja eigentlich nur Vierte bin.



Wie auch immer - zwei Rennen, zwei Mal komplett nass und dreckig werden, zwei Räder einsauen bis zum Geht nicht mehr, kein Mal stürzen, zwei Mal aufs Podium klettern dürfen. Das macht Spaß! Weiter geht's am 16. Dezember in Pulheim. Ich freu mich drauf!


Danke an Christian Siedler für Begleitung und fantastische Bilder. Noch mehr Bilder gibt's hier.