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Freitag, 16. Juli 2021

Orbit360 - Spin Spark: Ruhrgebiet rauf und runter

Bisher haben die Orbits mich nach Brandenburg und Hamburg geführt, aber eine Strecke habe ich auch vor der Haustür. Ich meine, wirklich direkt vor der Haustür - vom Wohnzimmerfenster aus kann ich sie sehen. Ich kenne viele Abschnitte der Route, einige Wälder davon seit 20 Jahren sehr gut, andere ein bisschen, aber fast überall bin ich schon mal gewesen. Niemals im Leben würde ich unter normalen Umständen auf die Idee kommen, in diesem Gebiet eine so lange und so hügelige Runde zu fahren, aber ... let's orbit! 

Die Story zum Spin Spark Orbit kannst du dir auch als Podcast anhören, zum Beispiel bei Spotify, iTunes oder überall, wo es Podcasts gibt. In dieser Episode habe ich Nils Laengner zu Gast und spreche mit ihm über unseren Tag auf der Spin-Spark-Strecke. Jule Wagner, die Scouterin der Route, kommt auch zu Wort. 

Foto: Nils Laengner

153 Kilometer und 2200 Höhenmeter also. Plusminus ein bisschen, denn was am Ende getrackt wird, stimmt ja selten exakt mit der vorigen Planung überein. Hängt sicher damit zusammen, dass das Garmin bergauf gerne auf Auto-Pause schaltet - völlig egal übrigens, ob ich hoch kurbele oder wandere. Der Vorteil, wenn man die Gegend kennt: Man weiß, was kommt. Der Nachteil: Man weiß, was kommt.

Absoluter Vorteil: Nicht vor der eigenen Haustür starten, sondern kurz hinter dem eigentlichen Startpunkt in Ratingen Breitscheid/Mintard, so dass der ganze fiese Teil zuerst kommt und die flachsten Kilometer ganz zum Schluss. Das gute daran: Der ganze fiese Teil kommt zuerst. Der Nachteil: Ja. 

Inzwischen weiß ich, dass ich 150 Kilometer im Gelände fahren kann und dass es je nach Untergrund entweder etwas länger dauert (Spooky Sputnik) oder etwas schneller geht (Marsian Mountains). Vor ein paar Monaten, vor dem Start der Orbit-Serie, hatte ich über Spin Spark nachgedacht und überlegt, ob ich dafür nicht lieber zwei Tage einplanen sollte. Overnighter vor der Haustür sozusagen. Ich wusste, dass die Höhenmeter und vor allem ihre Verteilung mir ganz schön zu schaffen machen würden. Ich komme ganz gut auf gleichmäßige, nicht hochintensive Belastungen klar. Lange leicht bergauf. Halbmarathon laufen. So was. Aber immer wieder steil hoch, sofort steil wieder runter und so weiter - dafür bin ich wirklich nicht gemacht. 150 Kilometer langes Intervalltraining sozusagen. Mit meinem aktuellen Fitnesszustand: joa. Wird ein langer Tag.

Die ersten Kilometer morgens um halb 7 sind tatsächlich die schönsten. Nachdem ich die etwas wurzelige Abfahrt am Schloss Landsberg überlebt habe, kurbele ich mich über den Sengenholzer Weg von Kettwig hoch nach Isenbügel. Das Ding ist keine Rampe mehr, sondern eher eine Mauer. Es gibt wirklich einige ekelhafte Möglichkeiten, mit dem Rad aus dem Ruhrtal wieder herauszukommen und das hier ist eine davon. Danke Jule. Ich bin stolz, dass ich nicht absteigen muss und werde ein paar Meter weiter oben mit dem schönsten Blick über das Oefter Tal belohnt: Hügel, Bäume, Morgensonne, etwas Dunst, leuchtende Getreidefelder und ein sich schlängelnder Weg - herrlich. 


An den Tagen zuvor hat es nur geregnet, deshalb ist der Reitweg unten im Oefter Tal komplett matschig. Also hike a bike. Das Motto bleibt, als es mit gut 20 Prozent Steigung über Schotter aus dem Tal wieder heraus geht - nope. Das Votec ist ein fantastisches Rad, aber meine Beine und die Übersetzung werden sich hier nicht einig. Ein wenig später lungert Jule an der Strecke herum und rollt ein paar Kilometer mit. Prima, ich habe jetzt also den Luxus, die Person direkt verfluchen zu können, die sich diesen Spaß hier ausgedacht hat. Ein Trail auf einer Wiese ist fast bis auf Sattelhöhe zugewuchert und ich will die Wette starten, wer später wohl die meisten Zecken hat. 

Nach 35 Kilometern: Velbert Nierenhof, Cycle Café. Super: Endlich mal Raphael hallo sagen, der letztes Jahr diese ganze Orbit-Sache erfunden hat. Außerdem sammele ich Nils ein, der heute etwas mit mir radeln und dabei Fotos für sein Orbit-Buch aufnehmen will. Weniger super: Nierenhof liegt im Tal und ab hier gehts auf jeden Fall nach der kurzen Pause erst mal wieder hoch. Und zwar nicht zu knapp. Die Gegend rund um die Elfringhauser Schweiz ist wahrscheinlich die schönste der Strecke: Hügel, Kühe und mit ein bisschen Fantasie sind wir nicht mehr in der Nähe des Ruhrgebiets, sondern beinahe in Bayern. 


Die Route schlängelt sich vom einen Tal ins nächste. Ich wandere bergauf und rolle bergab. Blöderweise kenne ich mich hier halbwegs aus, so dass ich weiß, wann es wo kürzer ginge, aber natürlich folgen wir brav dem Track. Beim zweiten Stopp im Cycle Café habe ich 67 Kilometer und mehr als 1200 Höhenmeter auf der Uhr - das allein wäre eigentlich schon eine ordentliche Tour für meinen Geschmack. Danke, reicht. 

Auch wenn mehr als die Hälfte der Höhenmeter bereits geschafft ist - das reicht natürlich nicht. Deshalb Cola rein schütten und weiterfahren. Ich hatte schon in den Tagen vor dem Start Rückenschmerzen und die Höhenmeter verbessern die Lage nicht gerade. Zwischenzeitlich weiß ich nicht, ob bergauf radeln oder wandern mehr weh tut, aber ich treffe eine wichtige Entscheidung: Während eines Anstiegs wird nicht über einen möglichen Abbruch entschieden. So. 


Ich sehne den Panoramaradweg herbei. Asphalt und bergab. Nur kurz, aber dafür zweimal eingebaut - danke Jule. Verpflegung ist ein Thema, denn - Überraschung - dieses Orbit ist deutlich anstrengender als die beiden vorigen, so dass ich mit meiner üblichen Tüte Mango nicht weit komme. Immer wieder ruft die Gänsehaut auf meinen Armen laut: "Überanstrengung! Unterzuckerung!", so dass ich Pause machen und irgendwas in den Magen kriegen muss. Der meldet natürlich passenderweise gleich mal Übelkeit, so dass sich das Projekt Energie zuführen durchaus schwierig gestaltet. Beim obligatorischen Tankstellenstop in Wülfrath zwischen den vielen Kalksteinbrüchen sorgen Schokoriegel, Cola und ein kaltes Stück Pizza für neues Leben. 

Und dann gehts nach Hause. Zuerst durch das Dorf, in dem ich wohne, dann rund um meinen Heimatort. Durch Wälder, in denen ich gefühlt jeden Baum kenne. Über lange Geraden, endlich mal flach und gravelig geradeaus. Ich zähle die Kilometer rückwärts, freue mich über die wirklich clevere Wahl des Startpunktes und glaube jetzt langsam daran, dass wir ankommen. Nur noch 40. Nur noch 30. 15. Noch 5. Noch einer. Gleich müssten wir da sein. Vorher steht mitten im Auberg eine Gruppe von 10, 15 Flunkyballspielern, die schnell die Bierflaschen vom Weg räumen, sich rechts und links am Rand zum Spalier aufstellen und uns mit einer La Ola empfangen. Ganz schick für eine Zieleinfahrt nach 12 Stunden!



Titelbild: Nils Laengner 
Fotos 3, 4 und 5: Jule Wagner

Dienstag, 29. Juni 2021

Orbit360 - Marsian Mountains: Powered by Franzbrötchen durch die Lüneburger Heide

Es ist 6 Uhr morgens irgendwo auf einem Wanderparkplatz südlich von Hamburg. Kärntner Hütte heißt die Lokalität hier - wollen die mich eigentlich verarschen? Die Hamburger sagen, hier gibt es so was wie Berge, die Harburger Berge. Berühmt-berüchtigt und bei vielen gefürchtet stelle ich mich vor dem Start aufs Schlimmste ein. Ich habe Christine im Ohr, die mir netterweise einen Schlafplatz angeboten hat und die Strecke schon gefahren ist: "Am Anfang geht's direkt bergauf. Verlier nicht die Nerven, danach wird's besser! Wirklich!" Na schön. Wehe, das stimmt nicht!

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Falls du meinen ersten Artikel zum Spooky Sputnik Orbit verpasst hast oder dich fragst, was es mit der Orbit360-Sache überhaupt auf sich hat, schau mal hier vorbei. 

Es stimmt, denn es wird schnell besser. Die Strecke ist fluffig und die ersten Kilometer wirklich einfach - ich beginne, den Scouter Anno unbekannterweise ins Herz zu schließen. Was man halt so macht, wenn man alleine unterwegs ist und sich noch nicht mal der Routenberechnungsfehler blicken lässt. Anno meint es gut mit uns Orbitern, er schickt uns über gut fahrbare Wege, die sich zu Beginn durch die Harburger Berge schlängeln. Ich denke darüber nach, wie bescheuert es eigentlich ist, an einem Mittwochmorgen um 6 Uhr irgendwo in der Pampa eine mehr als 150 Kilometer lange Strecke abzufahren, nur weil sie irgendeiner geplant hat. Wie absurd. Und was für ein Privileg es ist, das machen zu können. Spontan einen Tag freizunehmen und dem Körper zu vertrauen, dass er das schon nochmal schaukeln wird. Absurd ja - aber wie schön ist das eigentlich? 

Rennserie bedeutet, nach einem Orbit ist nicht Schluss, sondern der Spaß geht erst so richtig los. Als zweite Strecke habe ich mir Marsian Mountains ausgesucht - 154 Kilometer und 1200 Höhenmeter durch die Lüneburger Heide. Genauso lang wie das Spooky Sputnik vor einer guten Woche, aber fast doppelt so viele Höhenmeter. Trotzdem bin ich nicht nur grandios schlecht vorbereitet, sondern auch ziemlich unaufgeregt. Hat ja einmal geklappt, wird auch wieder klappen. Vielleicht ein bisschen größenwahnsinnig, sich nach einem einzigen Orbit für eine Expertin in Sachen längere Gravelstrecken zu halten. Ich habe die Route nicht exakt studiert, habe mir keine Wasserstellen notiert und auch nicht explizit Erfahrungsberichte anderer Orbiter gelesen. Dass es sandig sein soll, habe ich gehört. Nun gut, das war's beim letzten Mal auch. Bisschen hügeliger jetzt eben. Wird schon werden!

Sich darauf vorzubereiten, wo sich Wasser nachfüllen lässt, ist tatsächlich nicht die allerschlechteste Idee. Praktischerweise nimmt mir Kathi Sigmund diese Aufgabe ab, indem sie mir am Vorabend den Tipp gibt, unbedingt schon in Hanstedt nach nur 40 Kilometern die Flaschen aufzufüllen, weil es dann bis Buchholz bei Kilometer 128 relativ mau aussieht. Ich befolge den Ratschlag und bin froh darüber - alles richtig gemacht. In Hanstedt komme ich auch direkt an einem Bäcker vorbei - Zeit für eine Pipipause und die beste Gelegenheit, die Essensvorräte aufzustocken. Ein Laugenbrötchen und ein Franzbrötchen wandern in die Lenkertasche. Geil! 

Ich war noch nie in der Lüneburger Heide, aber ich habe sie mir so vorgestellt, wie sie mich heute empfängt: relativ menschenleer, mit feinen weißen Sandwegen, sanften Hügeln, einigen Birken, ein paar Rehen und Hasen, viel Weite und ein bisschen Wald drumherum. Schön. Zum Reiten würde ich gern nochmal hier her zurück kommen - auf echten Ponys, nicht auf Carbon-Ponys. Das gleiche dachte ich in der Uckermark auch schon. Wie ironisch, dass das nächste Orbit (Spin Spark) mich in mein bestens bekanntes Ausreitgebiet direkt vor meiner Haustür führen wird. 

Ich habe euch auf Instagram gefragt, was euch zu Marsian Mountains interessiert und herausgekommen sind folgende Fragen:

Was hast du unterwegs alles dabei? 
Verpflegung: zwei große Trinkflaschen, zwei Koffein-Gels und ein Riegel (habe weder die Gels noch den Riegel gegessen, aber besser haben als brauchen), eine Tüte getrocknete Mango. Dazu kamen das Franzbrötchen und ein Schokoriegel an der Tanke, das Laugenbrötchen habe ich nach dem Finish gegessen.
Klamotten: Windjacke, Armlinge.
Fahrradstuff: Schlauch, Luftpumpe, Reifenheber, Multitool, Fahrradschloss, Ventilaufsatz zum Aufpumpen an der Tanke.
Sonstiges: Sonnencreme, Sitzcreme, Geld, Handy, Garmin, Powerbank, Kabelbinder, Maske. 
Nach dem kleinen Sturz im Sand beim ersten Orbit wollte ich eigentlich noch Sprühpflaster oder ähnliches einpacken, habe ich aber natürlich vergessen. 

Was für Reifen fährst du?
Das Votec Testbike kam mit den Continental Terra Trail in 40 mm und tubeless. Die Breite ist möglich, weil wir auf die kleineren 650B Laufräder ausgewichen sind. Ich bin von meinem Crosser nur 35 mm gewöhnt und empfinde die Terra Trail als gleichzeitig super komfortabel und gut rollend - ich hatte zuletzt keine Schwierigkeiten, eine Rennradausfahrt komplett auf Asphalt mitzufahren. 

Was für eine Übersetzung hat das Rad? 
Das Votec VRC Evo hat eine 48/35 Kurbel und 10-33 Kassette. Ich weiß, da ist noch Luft nach oben - das werde ich spätestens beim nächsten wirklich hügeligen Orbit merken. Bei Spooky Sputnik und Marsian Mountains hatte ich damit überhaupt keine Probleme. An die elektronische Schaltung SRAM Force AXS habe ich mich schnell gewöhnt - auch wenn ich zu Beginn tatsächlich erst mal in die Anleitung schauen musste um zu begreifen, wie zur Hölle ich den Umwerfer bediene (mit beiden Schalthebeln gleichzeitig, wer soll da denn drauf kommen?!). 

 

Gab's unterwegs Kaffee und Kuchen?
Nein, bis auf das während der Fahrt gemümmelte Franzbrötchen gab's keine Kuchenpausen. Jeder geht das anders an und ich habe nicht den Anspruch, super schnell zu sein - aber ich möchte wenigstens versuchen, die Pausenzeiten so gering wie möglich zu halten. In der Uckermark hat mir die Hitze einen Strich durch die Rechnung gemacht, dieses Mal habe ich nur 18 Minuten der Gesamtzeit nicht mit Fortbewegung verbracht - das find ich ganz solide.

Wie steht's um die Verfügbarkeit von Pipipausen? 
Jeder Baum ist ein Klo ... Ich versuche, ein gutes Gleichgewicht von Wasser oben rein und unten raus zu finden - eine Pipipause gabs bei der Bäckerei bei Kilometer 40, das wars. 

Gab's Schiebepassagen? 
Nein! Ich hatte Glück, dass es am Vortag oder in der Nacht geregnet hatte - so war der Sand fest und fahrbar. Auch die etwas fiesen Stücke bergauf am Wilseder Berg und Brunsberg bin ich gut hochgekommen - aber mit Unterstützung der Witterungsbedingungen.

Wie kommst du mit so langen Strecken klar und wie motivierst du dich? Ist das zweite Orbit noch spannend, obwohl es nicht mehr neu ist? 

Sehr gute Frage, vor allem die zweite habe ich mir unterwegs auch gestellt. Ich habe gemerkt, dass ich vor dem Start einerseits weniger aufgeregt war als beim ersten Mal und andererseits auch gar nicht gleich viel Bock hatte. Das fand ich schade, denn vor mir lag ein komplett freier, völlig aus der Zeit gefallener Tag in einer schönen Landschaft, die ich noch nicht kannte. Ich hab mich dran erinnert, dass ich das freiwillig mache, dass es meine Entscheidung ist und ich mir das so ausgesucht habe. Wenn beim nächsten Mal die Herausforderung wieder größer ist (Spin Spark - ebenfalls gleich lange Strecke, aber 2200 richtig ekelhafte Höhenmeter), werde ich vorher zu 100 Prozent sehr nervös sein und Schiss haben, das nicht zu schaffen. 
Unterwegs auf dem Marsian Mountains habe ich mich natürlich gefreut, dass es gut lief - die ganze erste Hälfte fiel mir wirklich leicht und war echt fluffig. Das Gefühl, mal ein bisschen flotter unterwegs zu sein und nicht nur am Boden zu kleben, hat Spaß gemacht und hat mich motiviert, weiter zu machen. Als es sich auf der zweiten Hälfte dann etwas gezogen hat, insbesondere ab Kilometer 130, war ich sozusagen Pot-committed: bereits zu viel eingesetzt, um jetzt noch auszusteigen. Zwischenziele helfen mir dann: Noch 2 Kilometer bis zum nächsten Abbiegen, nur noch X Kilometer, dann bleiben nur noch Y übrig, usw. Wenn's unterwegs doof ist, versuche ich mir oft vorzustellen, wie es mir hinterher gehen würde, wenn ich jetzt entweder aufhöre oder so richtig langsam bummele. Geht's mir körperlich wirklich schlecht und brauche ich eine Pause? Oder hab ich nur keine Lust mehr und würde mich später ärgern, nicht durchgezogen zu haben? Kann ich nachher vor mir selbst sagen: Naja, ich bin extra für ein Orbit nach Hamburg gefahren, aber nach 130 Kilometern gings nur noch geradeaus und der Weg war so rumpelig, da hab ich lieber aufgehört? Wohl kaum.


Führst du unterwegs Selbstgespräche? 
Ja. Meistens nicht laut, aber ich achte auf meine Gedanken. Wenn sie in eine negative Richtung abdriften ("Du eierst hier so langsam rum, andere können das viel schneller!"), versuche ich das so schnell es geht zu bemerken und abzustellen. Wenn es schwer wird, sage ich mir im Kopf bewusst Positives, ganz egal ob das in dem Moment stimmt oder nicht ("Du kannst das, du machst das super, du wirst hier gut hoch fahren!"). Selbstgesprächs-Klassiker: "Es dauert, so lange wie es dauert und es geht, so schnell wie es geht."

Zurück in die Heide. Die erste Hälfte ist rum und ich rechne vorsichtig hoch, dass ich insgesamt in unter 8 Stunden wieder am Ausgangspunkt sein könnte. Die Heidelandschaft ist mal weitläufiger und mal etwas waldiger, einmal geht es über einen hölzernen Pfad und ansonsten ist weit und breit nur Grün zu sehen. Und heller Sand. Meinen Weg kreuzen einige Rehe, Hasen und ein Nacktwanderer. Oben auf dem Wilseder Berg rolle ich an einem Orbiter-Duo vorbei und ärgere mich später, dass ich nicht angehalten habe. Aber die Zeit läuft und meine Freude darüber, den Berg hochgefahren und nicht gewandert zu sein, sorgt dafür, dass ich lieber schnell wieder runter düsen möchte, als oben dann doch zu halten. 

Den zweiten Stopp hebe ich mir bis kurz vor Buchholz auf, weil eine Tankstelle direkt auf der Strecke liegt. Wasser auffüllen, Schokoriegel nachtanken. Weiter gehts. Ein bisschen asphaltierter Radweg, ein bisschen bergauf aus der Hölle mit der Wahl zwischen Pest und Cholera (Kopfsteinpflaster oder grober Schotter), dann wartet der nächste Wald. Mein oben angekündigter Tiefpunkt kommt bei Kilometer 130, als das Navi mir anzeigt, dass es für sechs langweilige Kilometer geradeaus geht und der Weg jetzt nicht gerade vom feinsten ist. Eher so im Gegenteil. Betonplatten reihen sich aneinander und allerhand Zeug liegt darauf. Sechs Kilometer! Nur geradeaus! Warum?! Irgendwann sind es noch fünf, aber sie werden nicht weniger, dieser Weg will mich verarschen, oder das Garmin, und Anno - bis eben fand ich dich nett! Ich stelle die Ansicht auf dem Navi um, so dass ich weder die bereits gefahrenen Kilometer sehe, noch die Distanz bis zur nächsten Abbiegung. Wer sechs Kilometer geradeaus fährt, hat auch Zeit für ein kleines Video - gehen immerhin auch ein paar Sekunden vorbei. 

Kaum zu fassen, aber irgendwann kommt auch endlich die nächste Abbiegung, und noch ein Stückchen später gehts auf Asphalt durch ein Wohngebiet bergab und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Wie fliegen. Das Vergnügen ist kurz, denn schon bald gehts im Wald wieder bergauf, aber mir ist alles egal, denn gleich ist es geschafft. Ich darf mir wieder die Strecke angucken: Noch 10 Kilometer, noch 5. Dann kommt der Startpunkt in den Kartenausschnitt. Nur noch bis da hin zurück! Das kleine Stück! Freundlicherweise geht es nicht nur hoch, sondern auch nochmal runter. Nach 8:33 Stunden: geschafft! 

Ein weiteres Orbiter-Duo trifft fast zeitgleich mit mir am Parkplatz ein - schöner Zufall mitten unter der Woche die exakt gleiche Zeit zu erwischen. Jetzt ist die Gelegenheit, kurz zu plaudern. Mit Blick auf mein Auto kommt die Frage, ob ich extra aus Düsseldorf angereist sei, das sei ja ein Einsatz. Jo Freunde.. wer nicht gerade in Hamburg wohnt, hat in diesem Jahr nicht drei bzw. vier Orbits direkt vor der Tür und muss etwas weiter fahren. Könnte sich für NRW 2022 möglicherweise ändern :)

Zweites Orbit: check!

Donnerstag, 17. Juni 2021

Orbit360 - Spooky Sputnik: Wälder, Seen, der Routenberechnungsfehler und ich

Ich bin da in etwas hinein geraten. Es ist eine komische Bubble, in der ich mich dabei ertappe, völlig unironisch Sätze zu sagen wie: "150 Kilometer und 700 Höhenmeter? Das ist eine der kurzen und einfachen Strecken." Oder: "Ich hab ein Kilo gekochte Kartoffeln in der Fahrradtasche." Ja klar. Ich hatte bei meinem ersten Orbit zwar keine Kartoffeln dabei, aber dafür zwei Stücke Pizza vom Abend zuvor. 

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Orbit? Was ist das?

Orbit360 ist eine Gravel-Rennserie, bei der es in diesem Jahr 18 Routen gibt, die querfeldein jeweils 150 bis 200 Kilometer im Kreis führen. An Höhenmetern ist von 500 bis mehr als 4000 auch alles dabei. Die Bodenbeschaffenheit vermeidet Asphalt größtenteils und hat stattdessen alles zu bieten, was es zwischen Schotter, Waldwegen, Sand, Wiese und Geröll so gibt. Für jedes gefinishte Orbit innerhalb von 10 Wochen gibt es Punkte, die schnellsten 30 Fahrer:innen bekommen Extrapunkte und wer mehr Orbits schafft, bekommt auch noch Serienpunkte. Ich hatte letztes Jahr schon große Lust, mir die NRW-Strecke in der Eifel anzutun, habe mich dann aber mangels geeigneten Rades dagegen entschieden. Dieses Jahr haben Orbit360 und Votec den oder die Super Orbiter:in gesucht und mit einem Testrad gelockt, das für die Dauer der Serie zur Verfügung gestellt wird. Ich hab mich beworben und mir eine doofe Geschichte dazu ausgedacht: Mit meinem alten Crosser bräuchte ich gar nicht starten, da könnte ich auch gleich zu Fuß gehen - was ich auch tun würde, wenn ich das Votec für die Orbits gewinne. Nun, ich werde dieses Jahr noch eine lange Wanderung machen müssen. Entweder haben mich viele Leute gern und gönnen mir ein tolles Rad für ein paar Wochen, oder sie wollen mich leiden sehen. Oder beides. 

Die Vorbereitung 

Nennenswerte Radfahrten im letzten halben Jahr: Eine Woche #Festive500 zwischen den Feiertagen und dann Orbit #rideFAR 180 Kilometer im März. Auf der Straße. Ansonsten hier und da mal ein bisschen, aber nichts, was man im Entferntesten als Training bezeichnen könnte. Wieso? Schweinehund, Wetter, noch keine Routinen am neuen Wohnort, dies das. Aber jetzt: Endlich ein Ziel. Oder mehrere. Orbits finishen. Lange Strecken kenne ich auf Asphalt, aber nicht im Gelände. Ich hatte fast vergessen, wie es sich anfühlt, so ein richtiger Rookie zu sein und keine Ahnung zu haben, was man da eigentlich genau tut - aber jetzt weiß ichs wieder. Ich habe ordentlichen Respekt vor so vielen Kilometern und Höhenmetern und der Zeit und Kraft, die das alles bei ruppigen Untergründen kostet. Blöderweise bin ich aktuell wirklich ziemlich untrainiert und fühle mich auch genauso. Bleibt nur ein Ausweg: Mut zur Langsamkeit. 

Das neue Pony ist also hier eingetroffen und so wagen das Votec VRC Evo und ich einen ersten Ausflug in den Orbit-Kosmos. Was für eine organisatorische, vor allem logistische und zeitliche, aber auch finanzielle Herausforderung hinter einer über ganz Deutschland verteilten Rennserie steckt, wird mir spätestens bei der Planung meiner Starts dann auch klar. Ein glücklicher Zufall will es so, dass ich eine Mitfahrgelegenheit von Düsseldorf nach Templin finde - sonntags hin, montags zurück. Kurz durchrechnen, ob die Abfahrtszeit machbar ist oder ob ich mich gleich beim ersten Start mit einem engen Zeitfenster zu sehr unter Druck setze, aber: 12 Stunden brutto sollten machbar sein und noch Zeit für eine Dusche lassen.

Essen ist wichtig!

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie lange ich wirklich für 152 Kilometer im Gelände brauche und auch nicht, wie ich mich währenddessen verpflege. Ich packe folgendes in die Taschen: zwei Riegel, zwei Koffein-Gels, zwei Tüten getrocknete Mango (bei #rideFAR hatte ich eine verspeist und denke jetzt: viel hilft viel) und einen Apfel. Weil vom Abendessen noch Pizza übrig ist (seriously!), wickele ich mir die beiden Stücke auch noch in Wachstücher und hoffe, irgendwann wird der Moment kommen, an dem ich nichts Süßes mehr will und mich darüber freue. Die Kartoffel-Philosophie sozusagen. Als Start lege ich 5 Uhr morgens fest, damit ich pünktlich zur Rückfahrt wieder da bin. Um kurz vor halb 6 komme ich an meinem selbstgewählten Startpunkt auf der Route an. An einem Montagmorgen um diese Zeit sind keine Menschen unterwegs, aber dafür ein Fuchs. Ich halte die Augen offen, weil ich gehört habe, dass es auch Wölfe und Seeadler in der Gegend geben soll - gesehen habe ich nichts davon. 

Die Uckermark besteht aus Kiefernwäldern und Seen. Die ersten Stunden fühlen sich magisch an: die großen, schlanken Bäume, Nebel über Feldern und Wasser, völlige Einsamkeit und Stille bis auf Vogelgezwitscher und Fahrradgeräusche. Ein Kuckuck ruft, Silhouetten von Kranichen zeichnen sich auf dem Feld ab. Ganz und gar nicht meine Uhrzeit, aber ich spüre keine Müdigkeit. Generell sind Tage, an denen man solche Vorhaben wie Orbits angeht, irgendwie aus der Zeit gefallen. Klar ist das hier eigentlich ein Rennen und klar steht meine Gesamtzeit am Ende in einem Ranking, aber in erster Linie fahre ich ja, um anzukommen. Um herauszufinden, wie 152 Kilometer in der sandigen Uckermark sich so anfühlen. Wie es ist, wenn ich so lange mit mir selbst alleine bin, wann ich mir auf den Keks gehe und wie ich damit umgehe. Es ist ziemlich schön, einen Tag lang nichts anderes im Kopf zu haben als Fortbewegung und Verpflegung. 

 

Die liebe Technik

Was mir zuerst auf den Wecker geht, ist das Sitzen. Die Hose ist erprobt, sie hat schon 280 Kilometer auf dem Rennrad mitgemacht. Den Sattel fand ich bei meinen kurzen Testfahrten in Ordnung und so dachte ich: Sitzcreme regelt. Turns out: Sitzcreme regelt gar nichts, schon nach 12 Kilometern muss ich sie neu auftragen. Uff. Wenn das so weitergeht, wird der Tag lang und schmerzhaft. Die Technik bietet ebenfalls Potential für Aufreger: Ich habe die Route aus der Komoot-Collection heruntergeladen und navigiere mit einem Garmin 1000. Eigentlich. Wenn da nicht der Routenberechnungsfehler wäre. Der wird mir nämlich alle paar Sekunden angezeigt, woraufhin ich ihn wegdrücke, um dann wieder die Route zu sehen. Manchmal wandert die Karte nicht schnell genug weiter, oft weiß das Gerät nicht, wo ich gerade bin, manchmal habe ich wegen ruppigem Boden auch einfach keine Hand frei, um aufs Display zu tippen und den Fehler zu entfernen. 

Noch nie war ein Routenberechnungsfehler so hartnäckig. Von Zeit zu Zeit kommt einer, dann geht er wieder. Dieser hier bleibt. Spätestens alle 30 Sekunden ist er wieder da. Ich mag ihn nicht. Ich möchte, dass er verschwindet. Nach 50 Kilometern beginne ich zu akzeptieren, dass er nicht weggehen wird. Er wird mich begleiten, und anstatt mich darüber aufzuregen, freunde ich mich mit ihm an. Der Routenberechnungsfehler und ich, wir machen das hier heute zusammen. 

Hin und wieder gesellt sich noch eine Streckenabweichung dazu. Ich mag sie noch weniger. Sie ist echt nervig, aber nun gut, sie ist nun mal da. Ich verpasse Abzweigungen, weil ich den Fehler zu spät wegdrücke oder weil die Karte nicht nachlädt oder das GPS ungenau ist. Anhalten, umdrehen, weitermachen. 

Ich verstehe irgendwann, dass Sitzprobleme und Fehlermeldung wegdrücken zusammenhängen, weil ich alle paar Sekunden nur eine Hand am Lenker habe und das Gewicht verlagere. Ich creme nochmal ordentlich nach und versuche darauf zu achten, beim ständigen Tippen aufs Navi nicht zu sehr hin und her zu rutschen. It's magic: Keine Schmerzen mehr ab der Freundschaft mit dem Routenberechnungsfehler und selbst am Ende der Tour keine Wehwehchen an sensiblen Stellen zu beklagen. 

Langsamkeit aushalten

Was ich am Rennradfahren liebe, ist, dass man sich fast mühelos schnell fortbewegen kann. Beim Crossen oder Graveln liebe ich es, mitten in der Natur zu sein, aber ich kämpfe echt damit, mich an die Langsamkeit zu gewöhnen. Mit 10 km/h über einen Waldweg zu eiern ist einfach so weit entfernt von der Art von Radfahren, an der mein Herz hängt. Und immer dann, wenn es gerade mal ein bisschen besser und zügiger rollt, kommt neuer Sand daher. Danke Brandenburg. 

Ich versuche, Zwischenzeiten hochzurechnen. Wie lange wird es dauern, wenn ich so langsam weiterfahre? Die Überlegung beruhigt mich in keiner Weise, also fahre ich einfach. Ich freue mich über Einsamkeit, Bäume, Wasser, Vögel, Rehe, Hasen. Über den Abstecher auf einen alten russischen Militärflughafen - Spooky Sputnik, I feel you. Über einen flowigen Trail direkt an der Havel. Über eine Eisdiele, obwohl ich gar keine Pause machen wollte. Aber Hitze und eine verpasste Möglichkeit, Wasser nachzufüllen, zwingen mich zur Pause. Mein Mund fühlt sich so trocken an, dass ich kaum schlucken kann - da muss definitiv ein Eis rein. Und Cola. Und mehr Wasser. Während es beim Start heute Morgen noch 8° waren, sind es jetzt 29°. 

Finish

Das bisschen Zivilisation in Fürstenberg liegt schnell hinter mir, schon führt die Route mich wieder in den Wald, wieder über holprige Wege und so langsam wird es wirklich zäh. Ich zweifle nicht daran, anzukommen. Was hätte ich auch für eine Wahl? Der Handyempfang ist gleich Null, Bahnhöfe sind eher spärlich gesät und außerdem bin ich ja nicht in die Uckermark gefahren, um aufzuhören, wenn es ein bisschen anstrengend wird. Der Rücken will hin und wieder mal gedehnt werden, aber abgesehen davon geht es mir gut. Vor einigen Kilometern, als ich bis zu den Knöcheln im Sand gesteckt habe (und einmal unfreiwillig auf dem Rücken lag und mir den Wald von unten angesehen habe), da habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als Asphalt. Ein Rennrad und stumpf geradeaus. Kopf aus und gib ihm. Mein Wunsch wird erfüllt, nach ungefähr 135 Kilometern bin ich auf einmal auf einer zauberhaften Fahrradstraße und kann mein Glück kaum fassen. Es rollt von selbst! Wie fliegen! Ohne Anstrengung! Ich realisiere langsam, dass ich es bald geschafft habe und bekomme Lust, nochmal ein wenig reinzutreten. So muss sich das anfühlen! 

Ich feiere die Wahl meines Startpunktes, der mir den schönsten Radweg zum Ende beschert hat - und dafür die anstrengendsten Teile der Strecke direkt zu Beginn. Und dann - nach 152 Kilometern, 10 Stunden und 20 Minuten, bin ich wieder am Start angelangt. Hier war ich heute Morgen schon mal - fühlt sich an, wie in einem anderen Leben. Ein Tag, an dem die Zeit still steht, obwohl sie die ganze Zeit läuft. Erstes Orbit: check! 

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Buch: Cape to Cape - Jonas Deichmann, Philipp Hympendahl, Tim Farin

Vom Nordkap nach Kapstadt - 18.000 Kilometer mit dem Fahrrad. Mieser Vergleich: Das ist etwa viermal so viel, wie ich im Jahre fahre. Nur eben nicht in 365 Tagen, sondern in 73 Tagen und durch alle möglichen Länder und Klimazonen. Keine Frage, das Abenteuer ist groß, die Geschichte gibt einiges her und ist super spannend. Der Extrem-Abenteurer Jonas Deichmann und der Fotograf Philipp Hympendahl sind diese Herausforderung angetreten. Philipp ist mir ein Begriff, weil wir beide aus Düsseldorf kommen und manchmal mit der gleichen Rennradgruppe unterwegs sind, deshalb habe ich die Reise im letzten Jahr schon über Social Media verfolgt. Seit kurzem gibt's im Delius Klasing Verlag das Buch dazu: Cape to Cape*. Ich habe mein Rezensionsexemplar im Herbst mitgenommen, als ich einen Nachmittag bei einem Gravel Event einen Verpflegungspunkt betreut habe. Bei Sonnenschein auf der Wiese verging die Zeit ruckzuck - und am nächsten Vormittag war ich durch mit den 160 Seiten. Definitiv eine kurzweilige Lektüre!


Nach den zwei Tagen hatte ich das Gefühl, all das Gelesene selbst erst einmal verarbeiten zu müssen. Was für ein Ritt! Unvorstellbar für mich, so viele Erlebnisse und so viele Kilometer in so wenig Zeit unterzubringen. 

Was mir am Buch inhaltlich besonders gut gefällt: Der Autor Tim Farin schafft es, die unterschiedlichen Einstellungen der beiden Fahrer schön zu transportieren. An so ein Mammut-Projekt gibt es nämlich komplett verschiedene Herangehensweisen und dieser Einblick ist für mich ein echter Mehrwert neben schönen Bildern und tollen Geschichten. Für mich kommt rüber: Es gibt kein richtig oder falsch. Du kannst das so angehen oder eben so. 


Ebenfalls ein riesiger Pluspunkt sind die wirklich starken Fotos. Klar, das war zu erwarten, wenn Philipp Hympendahl involviert ist, aber dennoch: Was für Eindrücke! Was mir ein wenig fehlt, sind hierzu mehr Infos: Wie sind die Fotos entstanden, musste oft aneinander vorbei geradelt werden, war der Prozess nervig oder natürlich, wie wurde die Ausrüstung transportiert? Manche Bilder wirken durch den Druck leider etwas grisselig, was den Gesamteindruck für mich jedoch nicht wahnsinnig trübt. Die Mischung aus Bildband und Text ist absolut gelungen. 


Die Story nimmt den Leser vom Nordkap mit bis nach Kapstadt und dazwischen durch sämtliche Länder und Stationen. Die Reise ist so vielfältig, die Eindrücke und Anekdoten so zahlreich, obwohl eigentlich nicht viel passiert, weil in erster Linie Rad gefahren wird. Sehr lange. Jeden Tag. Trotzdem gibt es mehr als genug zu berichten und Cape to Cape* fesselt mich ab der ersten Seite. Als überflüssig empfinde ich die Cliffhanger am Ende vieler Kapitel - die hat das Buch absolut nicht nötig, denn ich hätte es so oder so kaum weglegen können. 

Die Sprache hingegen könnte teilweise ein wenig emotionaler sein - hin und wieder habe ich das Gefühl, nicht so richtig dabei zu sein, sondern nachträglich auf das Szenario zu blicken. Das liegt in der Natur der Sache, wenn keiner der Protagonisten das Buch schreibt, sondern ein externer Autor - und ist zweifelsohne eine riesige Herausforderung, die an manchen Stellen gut und an anderen weniger gut gelingt. Nicht falsch verstehen, das ist Kritik auf sehr hohem Niveau - ich finde das Buch großartig, für meinen Geschmack könnte es nur noch etwas tiefer gehen. 


Viele Stellen führen mir die Größe und Tragweite der Aktion nochmal herrlich vor Augen: Beispielsweise wie eine Krankenschwester sich über die unbedingt zu behandelnden Sitzprobleme äußert, der Patient am nächsten Morgen aber schon wieder auf dem Rad sitzt; oder die Entfernung zum nächsten guten Radladen von läppischen 400 Kilometern. Ok, cool. 

Cape to Cape* ist das richtige Buch für (Rad-)sportler und andere Langstrecken-Fans, die Lust auf Abenteuerluft und ästhetische Bilder haben. Neben viel "krass, was man alles machen kann" hinterlässt das Buch auch den Wunsch, selbst rauszugehen und etwas zu erleben. Es müssen ja nicht gleich 18.000 Kilometer sein.


Cape to Cape
Jonas Deichmann, Philipp Hympendahl, Tim Farin
Delius Klasing Verlag
29,90 Euro
160 Seiten
erschienen am 2. September 2020

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Freitag, 10. Juli 2020

Auf ne Pizza nach Hannover - 280 Kilometer mit dem Rennrad

2020 lässt mir nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Fehlen von Veranstaltungen mit dem Fehlen von Herausforderungen gleichsetzen und dem Schweinehund nachgeben - oder einfach halbwegs vorzeigbar fit bleiben und für spontane Schnapsideen wenigstens eine minimale Grundlage mitbringen. Ich teile meine Entscheidung nach Sportarten auf: Beim Laufen ist es ersteres, beim Radfahren letzteres.

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Ferdi, auch bekannt als Koootsch der Raketenstaffel und ich und Hannover.
Der Jahrestag meiner ersten und letzten Mitteldistanz spült mir Bilder und Erinnerungen in die Foto-App: Wasserstadt Limmer Triathlon 2017 in Hannover; zu viert waren wir aus Düsseldorf angereist, um die Mission Mitteldistanz um allerersten Mal zu vollbringen und "Mission Hannover" heißt noch immer der gemeinsame Gruppenchat. Damals vor drei Jahren war es für uns alle das erste Mal auf der Mitteldistanz, es war emotional, es war zauberhaft und im Rückblick schauen wir wahrscheinlich alle etwas verklärt auf diese eigentlich doch recht schnöde Stadt. Für uns war der Triathlon toll, das airbnb im abbruchreifen Hochhaus toll, die Gegend toll und die Pizza toll. Und das Tiramisu. Beim Betrachten der Fotos poppt dann aus der Laune heraus die spontane Frage auf:


Zwei Wochen später ist eine Übernachtungsgelegenheit gefunden (danke, Lisa und David!), die Zugtickets für die Rückfahrt sind gebucht, die Taschen gepackt, die Route geplant und um kurz vor 5 sitzen wir freitagsmorgens auf den Rädern. Los geht's von Düsseldorf nach Hannover, gut 280 Kilometer für eine Pizza und mindestens 27 Tiramisu.

Wir sind beide alles andere als Frühaufsteher, aber die grobe Kalkulation der Zeitplanung und das Schließen der Pizzeria um 22 Uhr lassen uns keine Wahl. Falls ich aus meiner 333-Kilometer-Tour an die Nordsee eines gelernt habe, dann ist es das: Wenn du den ganzen Tag Sport machen willst, ist vorher nicht schlafen das Blödeste, was du machen kannst. Ich schlafe also immerhin vier Stunden statt damals nur eine und verbringe den Rest der Zeit des Im-Bett-Liegens mit Sorgen machen: Schaffen wir das zu zweit? Wird der Leistungsunterschied zu groß sein? Überlebe ich die Höhenmeter? Ist die kurzfristig und daher etwas lieblos geplante Route Mist? Macht mein Hintern das mit? Ist der neue Sattel besser oder schlechter als der alte und war es eine dämliche Idee, vor wenigen Tagen noch an der Einstellung herum zu schrauben? Kommen wir rechtzeitig an, bevor die Pizzeria schließt? Wird die Pizza noch so lecker sein wie damals nach dem Triathlon?


Erste Worte beim Treffen um 4:44 Uhr: "Was für eine Scheiß-Idee!" Aber da die Rückfahrt bereits gebucht ist und wir uns jetzt schon mal aus dem Bett geschält haben, geht's wohl auch los. Von Düsseldorf führt uns die Strecke über Ratingen nach Essen, wo die ersten Höhenmeter auf uns warten. Bis es so weit ist, haben wir Langschläfer noch genug Gelegenheit, die völlig leeren Straßen und den Sonnenaufgang zu bestaunen. Beides allein schon wunderschön, aber in Kombination mit unserem großen Vorhaben, heute einfach mal bis Hannover zu radeln, ziemlich herrlich. Besser könnte der Start kaum laufen, und auch der erste Anstieg ist vertieft ins Gespräch schneller vorbei als vorher befürchtet. Cleverer Schachzug, den sich hoffentlich alle zukünftigen Mitfahrer merken: Maren ablenken, wenn's bergauf geht.

Da die Frage nach den Taschen immer wieder auftaucht: Bei nur einer Übernachtung brauchen wir nicht viel. Verpflegung für unterwegs, Wechselsachen für die Nacht und die Rückfahrt im Zug passen in die Oberrohrtasche von Birzman* sowie den Backloader von Topeak*. 
Nach Essen kommt Bochum, ungefähr so weit kenne ich mich auch noch aus, aber dann beginnt für mich Neuland. Castrop-Rauxel, Hamm, Beckum - bisher nur in den Staunachrichten schon mal gehört. Wir kratzen gerade an Dortmund vorbei, als mein Hinterreifen sich ein übertrieben großes Metallstück einfängt. Ich hatte schon etwa 400 Jahre keinen Platten mehr, so dass ich das eirige Gefühl erst nicht richtig einordnen kann, bis die Luft dann raus ist und kein Zweifel mehr besteht. Kacke. Der Fehler ist zum Glück schnell gefunden und der Schlauch gewechselt, aber genug Luft will nicht rein. Sie entweicht nicht sofort aus dem neuen Schlauch, aber so richtig rein will sie auch nicht. Ich meine, es könnte reichen, also rollen wir weiter. Der Reifen sieht das anders, es reicht nicht, wir müssen erneut halten und nachpumpen. Ich möchte nicht, dass unsere Tour nach 70 Kilometern schon zu Ende ist, wie traurig wäre das denn? Von Düsseldorf nach Dortmund und den Rest mit dem Zug? Na klasse. Wir haben das leicht krumme Ventil im Verdacht und würden am liebsten die Miniluftpumpe gegen eine schöne Standluftpumpe tauschen - aber woher nehmen morgens vor Öffnung sämtlicher Fahrradläden am Stadtrand von Dortmund? Die Lösung heißt schließlich Autowerkstatt, und zwar gleich zwei verschiedene. Die erste verkauft mir nach ausgiebiger Suche einen Adapter, um das französische Ventil auch an der Tanke aufpumpen zu können und die zweite Werkstatt hilft dann mit Geraderücken des Ventils und Druckluft nach. Endlich! Das Hin und Her kostet uns etwa eine Stunde und hatte meine Hoffnung auf eine Ankunft vor Ladenschluss der Pizzeria kurz geschmälert. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass Ventil und Schlauch auch für die nächsten 200 Kilometer durchhalten. Den Ventil-Adapter* kann man beim nächsten Mal auch gleich von Anfang an einpacken.


Nach einem guten Drittel der Strecke haben wir bereits 500 Höhenmeter auf der Uhr - was so ziemlich genau 500 mehr sind als ich normalerweise fahre. Gut: Immerhin sind sie gleichmäßig über die ganze Strecke verteilt. Schlecht: Es kommen noch 1000.

In Stromberg müssen wir am Ortseingangsschild selbstverständlich für ein Foto anhalten. Als nächstes fahren wir durch Rheda Wiedenbrück und Gütersloh, gefühlt schon absurd weit weg von zuhause. Nur wegen der vielen Berichterstattung in der letzten Zeit kann ich ungefähr einordnen, wo wir sind. Wiedenbrück ist überraschend schön und in Gütersloh nerven die wobbelig gepflasterten Radwege so sehr, dass wir doppelt froh sind, als wir die Stadt endlich hinter uns lassen. Bielefeld liegt als nächstes auf der Route. Ich sorge mich um potentiell schlimme Anstiege im Teutoburger Wald, bekomme dank höhenmetervermeidender Routenplanung jedoch nur nervigen Stadtverkehr. Nicht viel besser.


Mittlerweile sind wir 170 Kilometer gefahren und es wird heiß. Die Stopps häufen sich. Zeit für die erste Tankstellen-Cola. In meiner Fantasie hört NRW kurz hinter Bielefeld auf, allerdings muss ich in der Realität verdammt lange auf die niedersächsische Landesgrenze warten. NRW hält allerdings noch Späße wie Bad Salzuflen (wer denkt sich denn so einen Namen aus?) und Vlotho bereit. Irgendwo zwischen hier und dort, die schmale Straße schlängelt sich gerade zwischen sehr grünen Hügeln entlang, treffen wir auf eine Gruppe Jugendliche auf Hollandrädern. Bierkiste hinten drauf, Musikboxen vorne und locker flockig zu "99 Luftballons" die Hügel rauf. So kann man auch ne gute Zeit haben. Fahrrad, Getränke, Musik, ab zum See, fertig. Wieso wollten wir nochmal unbedingt nach Hannover?


Porta Westfalica heißt wohl nicht ohne Grund so, aber Hauptsache ich muss erst 220 Kilometer bis hier hin radeln, um das festzustellen. Hier hört NRW also auf. Nach dem Ortsteil mit dem klangvollen Namen Eisbergen folgt der einzige halbwegs ernst zu nehmende Anstieg des Tages über das Wesergebirge. Klingt schlimmer, als es ist, denn es geht nie sonderlich hoch, aber immerhin mal drei Kilometer am Stück bergauf. Kenn ich nicht von zuhause, und kenn ich erst recht nicht mit 220 Kilometern und 1000 Höhenmetern in den Beinen. Auch hier funktioniert die Taktik Ablenkung wieder hervorragend, denn ich hatte zuvor bei der Routenplanung entdeckt, dass jemand ausgerechnet hier ein "Bänkle zum Verweilen" als Point of Interest markiert hat. Was kann also schief gehen?

Tatsächlich hält Eisbergen entgegen der Ankündigung weit und breit kein Bänkle zum Verweilen bereit. Einige Kilometer später finden wir glücklicherweise doch noch eines. Mit Schatten!
Es gibt Bergwerke und Schneisen aus kalter Luft, so dass die Abfahrt sich anfühlt wie ein Bad im Baggersee. Bevor noch jemand zu frieren anfangen kann, geht es glücklicherweise wieder bergauf. Der untere Rücken meldet sich so langsam und mit ihm die Erkenntnis, dass mir bisher nicht klar war, wie sehr man den Rücken besonders beim bergauf Radeln gebrauchen kann. Hoch und runter geht's bis Stadthagen "An der Bergkette" entlang. Die Straße heißt tatsächlich so und präsentiert sich dementsprechend idyllisch. Links der Blick auf die eher platte Landschaft (und den Kaliberg), rechts die "Bergkette", mittendurch schlängelt sich die Straße auf und ab. Wirklich schön!

Nicht mehr so schön ist es bei Kilometer 260 kurz hinter Bad Nenndorf, als ich ankündige, dass ich eine Pause brauche, und zwar jetzt sofort. Der Kreislauf schwächelt, die Hitze tut ihr übriges und ich muss einfach kurz im Schatten sitzen. Ich habe das Gefühl, dass es eher mit dem Zug oder Bus als auf dem Rad weitergeht, aber eine Cola und ein paar Cracker ändern meine Meinung. Es geht besser. Wir einigen uns darauf, langsam weiter zu rollen und auf den Radwegen zu bleiben. Sieben Kilometer später sind wir endlich in Stemmen, dem schönsten Dorf im Landkreis 1996, niemanden interessiert das - außer uns, denn wir befinden uns ab jetzt auf der Triathlon-Radstrecke und hatten auch vor drei Jahren schon unseren Spaß mit dieser stolz präsentierten Auszeichnung.


Der letzte Rest unserer Route führt uns weiter über die Triathlon-Strecke und ist heute nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Weißt du noch, genau hier saßen immer diese Zuschauer, dort war der Fotograf, dort die Verpflegung, und ach diese Abfahrt!


Endlich erreichen wir ein Ortsschild von Hannover, selbstverständlich halten wir für ein Foto an. Für die Reservierung in der Pizzeria sind wir sowieso schon etwas spät dran, jetzt kommt es auf die Minute auch nicht mehr an. Hannover! Angekommen! Ob sich darüber schon mal jemand so doll gefreut hat?

Die letzten zwei Kilometer durch die Stadt schaffen wir jetzt auch noch. Auf dem Weg liegt der Stichkanal Linden, Triathlon-Schwimmstrecke. Besser könnte das alles hier gar nicht zusammenpassen. Es ist schön, schon mal hier gewesen zu sein und noch schöner ist es, mit dem Fahrrad aus eigener Kraft zurück zu kehren. Heute morgen um 5 waren wir noch zuhause in Düsseldorf und jetzt sind wir hier. Wir sind wirklich da! Pizza gibt's auch noch und der Magen macht glücklicherweise auch wieder mit - nur fürs Tiramisu reicht's bei mir dann leider nicht mehr. Müssen wir wohl nochmal wieder kommen - vielleicht in drei Jahren, wenn die Foto-App mich an diese Tour erinnert?

Die Frage kam auch schon häufiger: Die fantastische Pizza gibt's bei Francesca & Fratelli. 
Das Wichtigste: Wir haben es vor Ladenschluss geschafft. Hier noch die Zahlen: 283 Kilometer, 1500 Höhenmeter, knapp 12 Stunden Fahrtzeit, 15,5 Stunden insgesamt. Das Beste: Am nächsten Tag auf dem Rad sitzen ist kein Problem - weder für den Rücken noch den Hintern. Der Sattel ist also approved!

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Samstag, 7. Dezember 2019

Stirnlampe im Test: Petzl Swift RL

Sechs Jahre habe ich es geschafft, ohne Stirnlampe zu laufen. Sieht doof aus, brauch ich nicht, will ich nicht. Meine Laufstrecken im Dunkeln beschränken sich normalerweise auf zwei Varianten: ein beleuchteter Park oder direkt am Rhein, ebenfalls beleuchtet. Die Wege dort hin in der Stadt selbst sind auch hell genug. In den Wald im Dunkeln? Nur wenn jemand mit Lampe neben mir läuft. Und selbst das finde ich eigentlich blöd, weil ich das Gefühl nicht mag, nur den kleinen Bereich im Schein der Lampe zu sehen und rundherum gar nichts. Ohne Stirnlampe nehme ich gefühlt mehr wahr. Ich fühle mich eingeengt, wenn vor mir nur ein kleiner Lichtkegel auf und ab hüpft und alles drumherum nur schwarz ist.

Nun ja, der Nachteil daran, wenn andere eine Lampe haben und du nicht: Läufste einmal hintereinander, siehste gar nix mehr. Und so habe ich letztens dann tatsächlich fertig gebracht, was ich bisher immer belächelt habe: Ich bin beim Laufen gestürzt. Wurzel nicht gesehen, gestolpert, einmal der Länge nach den Boden geküsst. Außer blauen Flecken und einer aufgeschürften Hand ist zwar nichts passiert, aber solche Stunts möchte ich in Zukunft doch lieber vermeiden. Trotzdem möchte ich auch mal abends eine waldige Strecke laufen. Eine Stirnlampe muss also her.

Anforderungen an eine Stirnlampe 

Als bisheriger Stirnlampenverweigerer habe ich natürlich keinerlei Ahnung, was so eine Maschine alles können muss außer leuchten. Deshalb habe ich auf Instagram mal nachgefragt, was euch bei einer Stirnlampe wichtig ist und herausgekommen ist dabei das:

  • geringes Gewicht
  • hohe Leuchtkraft
  • soll bequem sein und nicht rutschen
  • breite Ausleuchtung
  • mit Rücklicht
  • preiswert
  • Akku sollte hinten sein
  • Verstellbarkeit des Winkels; Abblenden können bei Gegenverkehr
  • lange Akkulaufzeit
  • mehrere Stufen
  • Nachhaltigkeit: Akku statt Batterie
  • wasserdicht

Wow krass, was so ein simples Gerät wie eine Stirnlampe theoretisch alles können kann. Die eierlegende Wollmilchsau, also eine leichte, helle und günstige Stirnlampe zum Laufen wird wahrscheinlich schwierig zu finden sein. Mein Testobjekt Petzl Swift RL* ist schon mal weder super leicht noch besonders günstig, aber dafür extrem hell. Hier aber erst einmal die harten Fakten:

Petzl Swift RL

  • 900 Lumen maximale Leuchtkraft
  • intelligente Lichtstärkeanpassung Reactive Lighting
  • Lithium-Ionen-Akku mit 2350 mAh
  • ergonomisches Kopfband
  • 100 Gramm
  • IPX4-Zertifizierung (spritzwassergeschützt)
  • UVP: 99 Euro, online zurzeit ca. 80 Euro

Klingt erst einmal nach einem ziemlichen Monster - für das, was die Lampe kann, ist sie aber tatsächlich vergleichsweise kompakt und leicht. Petzl unterscheidet zwischen Active und Performance Stirnlampen - die Active Reihe eignet sich für normales Laufen, während die Performance Lampen auch für Trailrunning, Mountainbiken und Skitouren empfohlen werden. Sie passen ihre Leuchtkraft automatisch der Helligkeit der Umgebung an. Es kommt also ganz darauf an, wo die Stirnlampe eingesetzt werden soll: Fürs Laufen in der Stadt oder auf Straßen, wo von Zeit zu Zeit eine Laterne steht, reicht definitiv auch eine kleinere, schwächere Lampe - die dann auch leichter und preiswerter ist. Auf Instagram wurde mir mehrfach die Petzl Bindi* empfohlen, die auf jeden Fall in die Kategorie superleicht und klein fällt. Ein Mittelding zwischen Bindi und Swift ist beispielsweise die Petzl Actik*.


Swift RL*


Actik*


Bindi*

Der erste Test 

Da ich ja in der Stadt sowieso ohne Stirnlampe laufe, habe ich die Swift RL direkt mal mit in den Wald genommen. Beim ersten Lauf nur in ein kleines Wäldchen und beim zweiten Test direkt mal bei Regen in den "richtigen" Wald. Das Band ist weich gepolstert und wie bei einer Schwimmbrille hinten zweigeteilt - der Sitz ist wirklich bombenfest und nicht unangenehm - trotzdem war es für mich anfangs ungewohnt, jetzt auf einmal was am Kopf zu haben. Beim ersten Lauf habe ich die Lampe nach sechs Kilometern an meine Begleitung abgegeben, weil ich Kopfschmerzen bekommen habe - da spielte aber sehr wahrscheinlich auch mit rein, dass es mir an dem Tag generell beim Laufen nicht so gut ging und alles irgendwie doof war. Der Akku ist bei der Swift RL vorne, daher ist das Gewicht nicht so gut verteilt. Beim zweiten Lauf waren zehn Kilometer alleine mit Lampe allerdings kein Thema mehr - ohne Kopfschmerzen.

Im Vergleich zu den weniger starken Lampen, die ich von meinen Laufbegleitungen so kenne, kann ich mit der Swift RL auf jeden Fall angeben: Sie ist heller als alle Stirnlampen, die ich bisher erlebt habe. Was mir mindestens genauso wichtig ist: Sie leuchtet nicht nur einen winzigen Kreis vor meinen Füßen halbwegs aus, sondern schön breit den gesamten Weg und zwar auch einige Meter vor mir. So habe ich überhaupt nicht mehr das Gefühl, einem kleinen funzeligen Lichtschein durch ein dunkles Nichts hinterher zu rennen, sondern ich habe mehr Überblick und kann auch weiter Entferntes wahrnehmen. Je nach Einstellung leuchtet die Petzl Swift RL 35 bis 150 Meter weit - mit der geringsten Leuchtkraft laut Hersteller bis zu 50 Stunden lang. Das habe ich nicht ausprobiert!

Ein Knopf für alles 

Die Swift RL hat zur Bedienung genau einen Knopf, mit dem man die zwei verschiedenen Modi (Standard oder Reactive Lighting) und jeweils drei Stufen auswählen kann. Es gibt eine mechanische Tastensperre, so dass die Lampe sich nicht beim Transport unabsichtlich einschalten kann - ziemlich gut. Dass sonst alle Funktionen über nur eine Taste zu steuern sind, finde ich nicht besonders praktisch, zumindest den An/Aus Knopf hätte ich gerne extra. Wenn ich aus einer helleren Stufe nämlich in eine schwächere schalten möchte, geht die Lampe immer die Reihe durch: Bin ich beispielsweise in Stufe 2 und möchte in 1, muss ich erst in 3 schalten, dann aus, dann wieder in 1. Ist natürlich logisch, denn woher soll die Stirnlampe wissen, ob ich es gern heller oder dunkler hätte - aber den kurzen Moment, in dem es beim Laufen ganz dunkel ist, könnte man mit einem extra Schalter für Ein und Aus vermeiden.

Das Wechseln zwischen den Stufen übernimmt die Petzl Swift RL auch alleine, wenn man möchte. Im Reactive Modus misst ein Sensor die Helligkeit und passt die Leuchtkraft automatisch an - das funktioniert auch tatsächlich sehr zuverlässig. In diesem Modus verspricht der Hersteller eine längere Leuchtdauer, einen höheren Sichtkomfort und natürlich weniger manuelles Umstellen.

Fazit 

Positiv zu erwähnen ist auf jeden Fall die umweltfreundliche Verpackung. Statt Plastik-Hülle ist alles in Pappe sicher verstaut. Schön wäre es, wenn bei der Lampe in dieser Preisklasse direkt ein Etui zur Aufbewahrung oder Transport dabei wäre - tatsächlich gibt es eines, was man für ein paar Euro dazu kaufen kann. Es gibt auch weiteres Zubehör wie Ersatz-Kopfbänder (die man übrigens abnehmen und waschen kann), Ersatz-Akku sowie Haken zur Befestigung am Helm. Das Laden funktioniert über Micro-USB, was ich recht praktisch finde - immerhin nicht noch ein zusätzliches Kabel, das zuhause rumfliegt. Der Anschluss ist allerdings nicht über eine Gummilippe oder ähnliches geschützt - da er unter der Lampe angebracht ist, passiert bei Regen trotzdem nichts.

Dass der Akku nicht hinten ist und das ganze Gewicht vorne lastet, hat mich nur beim ersten Lauf gestört - danach hatte ich mich daran gewöhnt. Das Kopfband sitzt wirklich gut und ist reflektierend, so dass man auch gesehen wird. Die Verstellbarkeit des Winkels nutze ich gerne und viel, da ich je nach Bodenbeschaffenheit lieber direkt vor mir oder etwas weiter in die Ferne sehe.

Braucht jetzt jeder eine so helle Stirnlampe? Ich denke nein. Hätte ich eine Stirnlampe in der Preisklasse gekauft? Wahrscheinlich nicht. Würde ich sie wieder hergeben? Auf keinen Fall. Im Vergleich zu den funzeligen Lampen, die ich vorher kannte, löst die Swift RL für mich genau das Problem, was mich bisher vom Laufen mit Stirnlampe abgehalten hat: Ich sehe nicht nur einen winzigen Kreis vor mir, sondern den Weg in seiner gesamten Breite und kann auch mehrere Meter vor mir noch genug erkennen. Wer also eine schwächere Lampe hat und damit zufrieden ist, braucht definitiv nicht zu wechseln. Sollten die Sportarten aber schneller oder anspruchsvoller werden, wie beispielsweise beim Mountainbiken oder Trailrunning, dann hat eine leistungsstärkere Stirnlampe schon ihre Berechtigung.


Werbehinweis: Die Petzl Swift RL wurde mir von Petzl kostenfrei überlassen. Danke dafür! Auf die Art oder die Inhalte des Testberichts wurde keinerlei Einfluss genommen.

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Samstag, 30. November 2019

Raceday No. 78 - Berlin Marathon 2019

Patsch. Patsch. Patsch. Bei jedem Schritt gibt das Wasser in den Schuhen ein matschiges Geräusch von sich. Die Socken sind ebenfalls komplett durchnässt, Hose und Shirt sowieso. Es gibt keinen trockenen Quadratzentimeter Stoff an meinem Körper. Selbst beim Trinkrucksack bin ich nicht sicher, ob er ausläuft oder ob das alles Regen ist. Tropft da Schweiß von meiner Augenbraue? Oder nur Wasser?

Eigentlich laufe ich gern bei Regen. Er kühlt angenehm, es wird nie zu heiß und irgendwann ist es auch egal, wie nass man ist. Nur ist es blöderweise heute anstrengender als sonst. Ich bin bei Kilometer 15. Es liegen noch 27 Kilometer vor mir. Kein Schritt fällt mir leicht, von Anfang an ist der Puls weit oben, obwohl ich langsam laufe. Wirklich langsam. Bei Kilometer 10 bin ich genau in meinem sehr tief gestapelten Zeitplan. Bei 15 ebenso. Kurze Pipipause. Wenn es jetzt schon so hart ist, wie soll ich dann noch drei Stunden lang weiterlaufen? Es sollte sich jetzt noch halbwegs leicht anfühlen. Es fühlt sich allerdings beinahe an wie ein schneller 10er. Wenn ich noch mehr Tempo raus nehme, gehe ich. Halbmarathon. Immer noch in der geplanten Zeit, ganz langsam. Es geht nichts mehr. Ich gehe.


Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig Respekt vor richtig langen Marathon-Zeiten hatte. In acht Stunden 42 Kilometer walken kann theoretisch jeder gesunde Mensch mit zwei Beinen, es macht halt nur kaum einer. Dauert ja auch einfach ewig. In Berlin ist mir ein bisschen klarer geworden, was es eigentlich bedeutet, wenn es schon früh nicht gut läuft und man früh merkt, das wird heute lange dauern. Sehr lange. Und was es dann doch für eine Leistung ist - vor allem eine mentale - diese Ziellinie zu erreichen.

Dieser Abschnitt ist leicht falsch zu verstehen. Ich meine damit nicht, dass ein Marathon erst ab einer bestimmten Zeit "etwas zählt". Ich will damit auch nicht sagen, dass ich körperlich in Berlin nichts geleistet hätte. Ich will einfach darauf hinaus, dass etwas, was im ersten Moment verhältnismäßig einfach wirkt (nämlich lange gehen oder sehr langsam laufen), dann doch gar nicht mehr so einfach ist, wenn man sich die ganze Dauer vor Augen führt. Fünf, sechs, sieben oder gar acht Stunden. Das muss man schon ziemlich wollen.


Ich hatte mir 2018 mit dem Inlinemarathon den Startplatz für den Lauf gesichert. Also keine Lotterie, sondern sicherer Startplatz, bezahlen muss man dann natürlich zweimal. Egal, once in a lifetime. Seit ich in Berlin das erste Mal zugeschaut hatte, wollte ich dort laufen. Die Atmosphäre ist besonders, die Strecke toll, der Zieleinlauf durchs Brandenburger Tor schwer zu toppen. 125 Euro Startgebühr sind ziemlich happig, aber günstiger wirds in den nächsten Jahren wohl kaum, daher dachte ich: Jetzt oder nie. Ich habe lange überlegt, ob ich mich wirklich in diesem Jahr anmelden will, weil die Voraussetzungen für ein Marathontraining durchaus besser sein könnten als in den letzten beiden Semestern des Studiums. Klausurphase und Abschlussarbeit, dazu noch ein fast vierwöchiger Urlaub und überhaupt Training im Sommer. Viele Gründe, die dagegen gesprochen haben, aber schließlich hat das Herz sich durchgesetzt. Ich wollte laufen.


Das einzig Gute, wenn man schon vorher weiß, dass der Zeitpunkt nicht ideal ist: Keine Gelegenheit, um hohe Erwartungen entstehen zu lassen.Trotzdem schwierig, das im Kopf umzusetzen, wenn man generell dazu neigt, sich zu viel Druck zu machen. In Berlin klappt genau das. Das erste Mal ans Aufgeben denke ich nach 15 Kilometern. Danach immer wieder. Mein Deal mit mir selbst geht so: Ich laufe bis Kilometer 33, dort steht meine Freundin Steffi. Dann kann ich mit ihr zusammen nach Hause fahren. Bei Kilometer 31 oder 32 wird mir dann klar: Wenn ich es bis hier hin geschafft habe, schaffe ich es auch bis ins Ziel. Ich habe keine Beschwerden, die groß genug sind, um auszusteigen. "Es läuft einfach nicht", reicht nicht.

Ein Läufer vor mir fängt unheimlich schief an "With or without you" von U2 zu singen. Eine andere Läuferin stimmt ein. Ich singe nicht mit, muss aber ziemlich grinsen. Was für ein Moment! "I can't liiiiiiive with or without you...."


Auf dem Kudamm entschließt Steffi sich spontan, mich ein gutes Stück zu begleiten. Ich habe mich mittlerweile so sehr mit der Situation angefreundet, dass ich ihr freudig mitteile, dass es heute leider scheiße läuft und länger dauern wird. Sie erzählt mir, dass Jan bereits im Ziel ist, und zwar locker unter seiner Wunschzeit. Das freut mich unheimlich und ist genau die Sorte Nachricht, die ich gerade brauche. Ich weiß, dass die letzten 9 Kilometer noch lang werden können, aber es ist mir jetzt egal, wie lange sie noch dauern. Ich laufe, wenn ich kann, und ich gehe, wenn ich muss.

Die letzten Kilometer kenne ich schon vom Skaten im letzten Jahr und vom Halbmarathon im April. Es ist aber doch etwas anderes, gegen Ende des Marathons auf Unter den Linden abzubiegen. Die Menschenmengen, das Brandenburger Tor, all dieser Lärm. "Ihr seid alle Helden" meint ein Werbebanner. Kopfsteinpflaster, nur noch wenige Meter. Die Ziellinie ist in Sichtweite. Nach 4:47 Stunden laufe ich endlich darüber. Mein dritter Marathon ist zugleich der langsamste. Es ist mir egal. Ein anderes Schild sagt: "Strangers are proud of you". Ich bin es auch.