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Samstag, 3. November 2018

Bikepacking: So wird aus dem Rennrad ein Packesel

Kennst du diese Dinge, die dir ewig im Kopf rumschwirren, die du gerne mal machen würdest, "irgendwann, wenn mal Zeit ist"? Die dich zwar reizen, dir aber vielleicht auch ein klitzekleines bisschen Angst einjagen? Die Fragen aufwerfen und kompliziert erscheinen, so dass man sie immer weiter aufschiebt? Ich würde ja gerne, aber ...

Wo schlafen? 

So ging es mir mit dem Bikepacking. Die Idee, mehrere Tage mit dem Rad unterwegs zu sein, beschäftigt mich schon das ganze Jahr. Ich würde gerne nur das allernötigste einpacken, irgendwo hin radeln, unter freiem Himmel übernachten, morgens weiter fahren und abends irgendwo anders das Lager aufschlagen. Romantische Vorstellung, aber leider funktioniert das für mich so (noch) nicht. Ich bin nicht draußen zuhause und ich finde Camping schon mit Zelt blöd. Einfach so irgendwo im Wald schlafen? Ohne mich.

Also Bikepacking mit Hotel-Übernachtung? Zu teuer. Und irgendwie auch uncool. Ich finde keine Antwort auf die Übernachtungsfrage und lege die Reisepläne daher so lange auf Eis, bis mir jemand durch Zufall von warmshowers erzählt - eine Art couchsurfing-Portal für Radfahrer. Das fühlt sich richtig an und ist der Startschuss für meine Planung: Ich überlege, wo ich ein bisschen Zeit her nehmen kann und schaufele mir drei Tage Anfang Oktober frei.

Wo geht's hin?

Drei Tage sind verdammt wenig. Wenn ich zuhause in Düsseldorf losfahren würde, könnte ich im Prinzip nur ein Dreieck fahren und käme nicht sonderlich weit. Nur in eine Richtung und mit dem Zug zurück? Wäre eine Idee, um mehr Strecke zu schaffen, aber möchte ich trotzdem bei dieser ersten Tour vermeiden. Langsam reift die Idee, nicht zuhause zu starten, sondern auf dem Rückweg vom Münsterland Giro eine Nacht bei Freunden zu bleiben, am nächsten Tag Richtung Holland zu radeln, per warmshowers zu übernachten, am zweiten Tag zurück in Deutschland bei anderen Freunden unterzukommen und am letzten Tag zurück nach Hause zu fahren. Das genaue Ziel in Holland bestimmt eine Mischung aus Kilometern, die ich mir zutraue und dem Ort der warmshowers-Zusage: Ein Pärchen in der Nähe von Amersfoort will mich aufnehmen.

Ich will mit dem Rennrad fahren und plane die Strecken mit Strava. Kleinigkeiten passe ich an, beispielsweise möchte ich lieber außen um Städte rum anstatt mittendurch. Wenn bei Google maps irgendetwas spannend aussieht, baue ich einen Umweg ein. Abgesehen von einer Bundesstraße, die definitiv nicht für Fahrräder erlaubt ist und um die ich einen kleinen Schlenker fahre, sind meine Strecken prima. Viele kleine Straßen, Wirtschaftswege, teilweise echte Highlights (Nationalpark Veluwezoom!). Die Navigation funktioniert per Garmin und im Zweifel bei spontanen Änderungen wie einer gesperrten Brücke per maps.

Was muss mit? 

Schneller als ich gucken kann, stehen 50 Teile auf der Packliste. Für nur drei Tage? Brauche ich das wirklich alles? Am meisten Kopfzerbrechen bereitet mir das Wetter. Temperaturen sind von 5-25° angesagt, dazu nass, trocken, windig. Ich erinnere mich an die 333-Kilometer-Tour zur Nordsee, bei der es mehrere Stunden geregnet hat. Im Sommer kein Problem. Aber bei 5° komplett durchnässt sein? Zur Windjacke kommt also noch eine Regenjacke sowie ein zusätzliches langes Trikot, so dass ich mich im Notfall wieder trocken legen könnte.

birzman hat mir ein ganzes Sortiment an Packtaschen zur Verfügung gestellt. Ich will alle ausprobieren und sortiere daher nicht wahnsinnig streng alles möglicherweise Überflüssige aus. Für meine erste Tour gilt: Lieber haben als brauchen! Ich packe meinen Koffer und nehme mit ...

Radklamotten

Trikot kurz, Trikot lang, Thermo-Trikot lang, Hose kurz, Hose lang, Armlinge, Windjacke, Regenjacke, Baselayer, Sport-BH, 3x Socken, Überschuhe, Buff, Handschuhe lang, Handschuhe kurz, Sonnenbrille, Helm, Radschuhe.

Alltagskleidung

Leggings, T-Shirt, dünner Pulli, BH, Ballerinas.

Fahrradzeug

Ersatzschläuche, Luftpumpe, Reifenheber, Multitool, Schloss, Licht, Trinkflasche.

Technik

Handy, Garmin, Powerbank, Ladekabel.

Kulturbeutel

Zahnbürste, Zahnpasta, Deo, Shampoo, Duschgel, Haargummis, Sonnencreme, Pflaster, Kopfschmerztabletten, Haarbürste, Schere.

Sonstiges

Reisehandtuch, Geld, EC-Karte, Krankenkassenkarte, Notfall-Armband, Handyhülle, Kabelbinder, Riegel.

Diese Sachen habe ich nicht angezogen: Überschuhe, Armlinge, Thermotrikot, Regenjacke. Alle anderen Klamotten hatte ich (mehrfach) an. Nicht gebraucht habe ich ansonsten das Handtuch und Notfallsachen wie Schläuche und Tools.

Wohin damit? 

Den meisten Stauraum bietet mit 6 Litern die Sattelstützentasche (Packman Travel Saddle Pack). Die Befestigung entpuppt sich allerdings an meinem recht kleinen Rad als kompliziert. Ich orientiere mich an den Bildern auf der Website, probiere verschiedene Möglichkeiten und zwei Fahrräder aus, frage beim Händler nach - und kriege schon auf dem allerersten Kilometer einer kurzen Testfahrt die Unterseite der Tasche kaputt, weil sie bei jeder Unebenheit den Hinterreifen küsst - ganz egal, wie stramm ich alles festzurre. Weil das so definitiv nicht klappt und ich auf die Tasche nicht verzichten möchte, rüste ich einen Gepäckträger nach. Das Rennradfahrerherz weint, aber diese Lösung ist für mich und mein Rad ziemlich praktisch. Natürlich hat das Rennrad keine Ösen für die Befestigung, aber mit den entsprechenden Schellen ist da schnell nachgeholfen. Mit einer Kombination aus der Befestigung an der Sattelstütze und zwei Spanngurten sitzt die Tasche bombenfest und wackelt im Gegensatz zur normalen Variante seitlich kein bisschen. Sieht halt scheiße aus, ist aber praktisch.

Im Saddle Pack finden sämtliche Kleidungsstücke (Fahrrad und normal), die Schuhe, das Handtuch und der Kulturbeutel (Plastiktüte mit Probierpackungen) Platz. Statt der Sattelstützentasche wäre auch eine Lenkertasche möglich gewesen - da passt theoretisch etwas mehr rein, allerdings ist das Problem mit dem Abstand zum Reifen bei kleinen Rahmen hier ähnlich. Außerdem sind die meisten Lenkertaschen breiter als mein 38-Zentimeter-Lenker und bieten dann doch gar nicht mal so viel Platz - wird schwierig.


Die zwei Rahmentaschen (Packman Travel Frame Pack Planet und Satellite) passen nach Abschrauben der Trinkflaschenhalter haargenau ins Rahmendreieck. Der Planet fasst 3 Liter, der an ihm befestigte Satellite 2,5. Meine außen verlegten Züge stören sich an den Klett-Befestigungen der Taschen überhaupt nicht. In der unteren Tasche sind die schweren Gegenstände wie Werkzeug, Fahrradschloss und anderer Schickschnack. Oben ist alles, woran ich während der Fahrt ohne Kramen in der großen Tasche drankommen will: Armlinge, Handschuhe, Ersatzschläuche usw. Besonders gut bei den beiden Rahmentaschen: Der Reißverschluss ist versteckt, so dass es nicht direkt rein regnen kann.

Die Oberrohrtasche (Packman Travel Top Tube Pack) kenne ich schon von der Tour an die Nordsee. Hier sollten nur leichte Gegenstände verstaut werden, weil die Tasche sonst zu stark nach rechts und links kippt und gegen die Knie stößt. Ich habe die Powerbank, das Handy und diversen Krimskrams wie Schokoriegel hier auf dem Platz von 0,8 Litern untergebracht.

Die Flaschenhalter mussten den Taschen weichen, wohin also mit den Flaschen? Ich habe eine Flaschen-Tasche (Packman Travel Bottle Pack), die an Lenker und Vorbau befestigt wird. Das klappt wahrscheinlich mit einem längeren Vorbau und mehr Platz besser, hält aber auch an meinem Rad. Eine Flasche findet Platz - ich würde für längere Touren also zwei Taschen empfehlen oder woanders noch eine Flasche zum Nachfüllen unterbringen.


Alle Taschen machen auf den ersten Blick einen sehr hochwertigen und gut verarbeiteten Eindruck. Meine Erfahrung mit der sofort aufgescheuerten Unterseite des Saddle Pack trübt dieses Bild - das Material sieht super stabil aus, war aber wirklich nach wenigen Berührungen mit dem Reifen durch. Wenige Zentimeter Abstand reichen also nicht, weil die Tasche während der Fahrt noch etwas nach unten rutscht. Wer ein großes Rad fährt, sollte kein Problem haben, wer ebenfalls eher klein ist, braucht vielleicht eine andere Lösung. Praktisch finde ich, dass jede Tasche verschiedene Möglichkeiten bietet, die Klettverschlüsse zur Befestigung anzubringen - das bei der Oberrohrtasche herauszufinden, hat bei mir zugegeben etwas gedauert. Der Gummizug des Saddle Pack hat außerdem meine Regen- und Windjacke sowie holländische Rosinenbrötchen zuverlässig festgehalten. Im Regen habe ich lediglich die Oberrohrtasche auf der Fahrt zur Nordsee testen können - hier ist die Powerbank darin trocken geblieben. Da der Reißverschluss an dieser Tasche jedoch nicht geschützt ist, wäre ich bei längerem und stärkerem Regen skeptisch. Um die Kleidung im Saddle Pack würde ich mir keine Sorgen machen. Insgesamt reicht das Platzangebot so auch definitiv für mehr als drei Tage. Wer noch Camping-Utensilien auf die Bikepacking Tour mitnehmen möchte, muss entweder geschickter packen, auf manches verzichten oder an die Taschen außen anbauen.

Wie war's?

Nach einem nicht so geilen Renntag in Münster ist die Stimmung kurz vor dem Start meiner Tour auf dem Tiefpunkt. Die Vorstellung, drei Tage lang alleine durch fremde Gegenden zu radeln, ist auf einmal völlig abwegig. Ich will nicht raus aus der Komfortzone, sondern einfach nur nach Hause. Gut, wenn es Menschen gibt, die dich daran erinnern, dass du diese Bikepacking-Sache unbedingt machen wolltest und wie sehr du dich darauf gefreut hast.

Trotzdem fährt der Kopf Achterbahn: Schaffe ich die Strecken, die ich mir vorgenommen habe? Wie fährt sich das Rad mit all dem Gepäck überhaupt? Brauche ich das alles? Habe ich etwas Wichtiges vergessen? Was mache ich eigentlich den ganzen Tag alleine auf dem Rad? Was, wenn mir langweilig wird? Wenn ich gar nicht mehr kann? Wenn das Wetter richtig dreckig wird? Wenn die Streckenplanung scheiße war?


Zum Glück verfliegt die Unsicherheit mit dem Losfahren. Ich liebe das Unterwegssein ab dem ersten Meter: Ja, das Rad ist mit all dem Zusatzgewicht etwas schwerfällig, vor allem bergauf (10% Steigungen lassen mich eine neue Definition von Langsamkeit entdecken). Es ist aber völlig egal, ob das Radeln etwas mühsamer ist als sonst, denn ich habe überhaupt keinen Stress. Es ist mir komplett egal, wie langsam ich bin. Ob das noch was mit Rennradfahren zu tun hat, ob das Ganze jetzt Bikepacking oder Bike-Touring heißen muss - ich scheiße darauf und genieße einfach diese drei Tage, die mir tagsüber ganz alleine gehören und die ich abends nur zu gerne mit meinen Gastgebern teile.

Die Streckenplanung entpuppt sich als absoluter Volltreffer. Am ersten Tag geht es gut 125 Kilometer von Borken nach Amersfoort, über einsame Landstraßen, Wirtschaftswege, mit Gegenwind pünktlich ab der niederländischen Grenze und mit einigen Hügeln. In den Nationalpark Veluwezoom bin ich auf Anhieb völlig verliebt und möchte definitiv zurück kommen. Egal ob mit dem Rennrad, MTB oder zum Wandern.


Der zweite Tag hält 100 Kilometer von Amersfoort nach Kleve bereit und führt mich erst an einen kleinen Kanal (Tipp des Gastgebers), dann durch die Hügel um Amerongen und schließlich an Nederrijn und Waal entlang. Immer am Fluss, lange geradeaus, einmal mit der Fähre rüber. Zuletzt zwischen Nijmegen und Kleve durch Berg en Dal, was seinem Namen alle Ehre macht.

An Tag drei stehen wieder rund 100 Kilometer auf dem Plan: Zurück von Kleve nach Düsseldorf. Der erste knackige Anstieg wartet direkt zu Beginn, danach geht es durch menschenleere hügelige Gegenden. Ich entdecke ein Dorf, in dem Unsere kleine Farm gedreht worden sein muss, außerdem Wiesen mit Hundewelpen, Känguruhs und Alpakas.


Kurz: Mir ist nicht langweilig geworden. Keine Sekunde lang. Stattdessen bin ich ziemlich angefixt und sicher, dass das nicht die letzte Tour war. Manchmal braucht man wohl einen kleinen Schubs in die richtige Richtung - denn eigentlich weiß ich von den letzten Malen ins kalte Wasser springen doch schon längst: Die Dinge, die dich reizen und die dir gleichzeitig ein bisschen Angst machen, sind oft die allerbesten. Deshalb unbedingt machen!

Danke an Denise & Björn, Sharon & Daniel, Nadine & Tim, die mich alle so herzlich aufgenommen und die Tour ermöglicht haben. Het was leuk met jou!
birzman hat mir die Bikepacking Taschen kostenlos zur Verfügung gestellt und die Tour so ebenfalls unterstützt. Dankeschön! 

Dienstag, 16. Oktober 2018

Raceday No. 65 - Münsterland Giro 2018

3. Oktober, Feiertag, traditioneller Münsterland-Giro-Tag. Wir Rheinländer sind ja schnell für Traditionen zu haben: Findet irgendetwas zum dritten Mal statt, ist es Tradition. Zack. Der 13. Münsterland Giro ist also der dritte für mich. Nach meinen Starts 2016 und 2017 bin ich in diesem Jahr wieder dabei. Wieder auf der kurzen Strecke, weil kurz schnell bedeutet und schnell mir Spaß macht. Seit ich bei meinem ersten Start in Münster direkt vierte in der Altersklasse geworden bin, flirte ich ein bisschen mit dem AK-Podium. Blöderweise habe ich bei meinen Überlegungen nicht berücksichtigt, dass ich inzwischen nicht mehr in der AK Frauen, sondern Master 1 bin. Und das ist beim Radfahren nicht unbedingt ein Vorteil.


Der Start aus Block A hingegen könnte ein Vorteil sein - wenn man ihn denn nutzen würde. Wer allerdings zu spät kommt und sich hinten einreiht, hat nicht so wahnsinnig viel davon. Wer dann noch so übermütig ist, auf den ersten zehn Kilometern alle Körner zu verpulvern und ganze Gruppen im Alleingang zu überholen - der darf sich nicht wundern, wenn er an der ersten mikroskopisch kleinen Bodenwelle abgehängt wird. Tschüss!

Für die ersten zehn Kilometer verkündet das Garmin einen Schnitt von 39 km/h. Das ist für mich ziemlich flott. Im letzten Jahr konnte ich das gleiche Tempo auf den ersten 30 Kilometern halten - allerdings waren die auch komplett flach und ich wenigstens ansatzweise im Training. Beides kann ich dieses Jahr nicht wirklich behaupten. Trotzdem wäre es ja gelacht, wenn ich nicht wenigstens versuchen würde, schnell zu sein.


Ich versuche es. Wirklich. Aber es geht nicht. Und es tut weh. Und ich kann das heute nicht aushalten. Das ist der Nachteil, wenn du vorne startest und zu langsam bist: Wenn du alle ziehen lassen musst, bist du ziemlich schnell allein. Nicht so gut fürs Ego, nur überholt zu werden und niemanden zu überholen. Und dann 20 Kilometer warten zu müssen, bis die ersten aus Block B vorbei ziehen. Natürlich zu schnell - die sind ja nicht umsonst die Spitze ihrer Startgruppe.

Auf die Berge (ja, Berge! Es heißt Baumberge und nicht Baumhügel!) hatte ich mich tatsächlich gefreut. Ich erinnere mich noch gut, wie magisch das hier oben vor zwei Jahren im Nebel war. Dieses Mal fehlt mir der Zauber, als ich völlig allein kurbele und kurbele und kurbele, um irgendwann mal oben anzukommen. Statt Nebel gibt es heute Sonnenblumen, die von der Sonne ganz traumhaft angeleuchtet werden. Fantastisch. Ich sterbe. Oben lese ich noch drei weitere Berg-Elefanten auf. Wir verbünden uns.


Ich fahre vorne, drei Mann hinter mir. Als ich nach einer Weile merke, dass trotz meiner Zeichen niemand Anstalten macht, mich in der Führung abzulösen, stattdessen hinter mir aber munter geplaudert wird, stelle ich die Arbeit ein. Prompt kommt der Vorschlag, man könnte ja kreiseln. Ach was! Wie innovativ. Leider verfolgen die drei dabei ein anderes System, als ich es kenne: Anstatt dass der erste sich beim Führungswechsel rausfallen lässt und sich hinten wieder einreiht, soll der letzte an allen vorbei fahren und die Spitze übernehmen. Ich boykottiere diese Taktik.

Endlich sind von hinten wieder Geräusche zu hören: Eine weitere Welle aus Block B rauscht heran und spült zufällig Jan mit sich, den ich direkt beim Start verloren hatte. Endlich sind wir eine große Gruppe, endlich nehmen wir ein vernünftiges Tempo auf und endlich kann ich mal kurz in Ruhe atmen - ohne Panik, das Hinterrad vor mir sofort wieder zu verlieren. An einer engen Kurve passiert es natürlich trotzdem - tschüss Jan, tschüss schöne Gruppe!

Eben hat mir netterweise jemand verraten, dass noch ein kleiner Stich auf der bis hier hin wirklich schönen Strecke liegt. Ich male mir die wildesten Anstiege aus, aber in Wahrheit ist es ein recht harmloser Hügel - dieses Mal tatsächlich. Ich will wieder an die Gruppe ran kommen und gebe alles dafür, um die Lücke wieder zu schließen. Ich fürchte fast, dass ich aufgeben muss, als von hinten Unterstützung naht. Wir holen nicht nur auf, sondern rauschen direkt an der Gruppe vorbei, tschüss Jan!


Es geht nur noch geradeaus, die Straße ist breit, wir halten das Tempo hoch. In Münster selbst nehmen die üblichen drei Kurven nochmal Geschwindigkeit raus. Auf einmal habe ich Jan wieder neben mir. Er fährt heute sein erstes Radrennen, hat seit wenigen Monaten überhaupt erst ein Rennrad. Wir hatten vereinbart, nicht zusammen zu fahren, aber jetzt überqueren wir die Ziellinie zufällig auf die Sekunde genau gleichzeitig: Nach 1:54:34 Stunden.

Mit Platz 31 gesamt und 12 in der AK ist das mein bisher schlechtestes Ergebnis in Münster. Dazu mit 34 km/h im Schnitt auch das langsamste Rennen. Nun. Du kannst nicht immer einen super Tag erwischen. Eine weitere Lektion, die mir gar nicht so gut schmeckt: Du kannst auch nichts erwarten, wenn die letzten Wochen mit arbeiten, studieren, krank sein und faul sein verbracht hast, anstatt auf dem Rad zu sitzen. Auch wenn meine Laune an diesem Feiertag gar nicht so feierlich war: Zum traditionellen Abschluss der Rennradsaison schmecken die Nudeln auf dem Münsteraner Schlossplatz auf jeden Fall am besten. Bis zum nächsten Jahr!


Der Startplatz für den Münsterland Giro wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Dienstag, 2. Oktober 2018

Raceday No. 64 - BMW Berlin-Marathon Inlineskating

Ich stehe in einer Menschenmenge auf der Straße des 17. Juni. Vor mir Videoleinwände und die Siegessäule, hinter mir das Brandenburger Tor und die Ziellinie. Spannung liegt in der Luft. Glockenschläge ertönen. AC/DC - "Hells Bells". Dann die ersten Akkorde. Wen das kalt lässt, der hat kein Herz. Stimmung können sie hier in Berlin, und zwar so richtig. Das habe ich schon vor zwei Jahren gespürt, als mich schon das bloße Zuschauen beim Start des Berlin-Marathons so sehr berührt hat, als würde ich selbst laufen. Dieses Jahr stehe ich zwar an der Marathon-Startlinie, aber ich werde nicht laufen, sondern inlineskaten.


Wie vor dem ersten Radrennen - das 2016 übrigens auch in Berlin war - frage ich mich kurz vor dem Start, ob das alles wirklich eine gute Idee ist. Anders als beim Laufen hängt meine Sicherheit auf der Strecke nicht nur davon ab, ob ich über meine eigenen Füße stolpere, sondern auch davon, was die anderen um mich herum so machen. Genauso könnte ich selbst mit einem Sturz jemanden gefährden, eine Kurve nicht kriegen, mit irgendwem zusammenstoßen. Bumms. Wie schon beim Radrennen male ich mir sämtliche Szenarien vorher aus - mit dem Unterschied, dass ich weitaus besser radfahren als inlineskaten kann. Nun. Ich habe mir das so ausgesucht, also hielt ich den Plan Inline-Marathon anscheinend mal für eine gute Idee.

Das war im Juni. Rollerblade hatte mir den Macroblade 110 3WD zur Verfügung gestellt und ich war von Anfang an angefixt. Die großen Rollen machen Spaß, ermöglichen ziemlich mühelos eine angenehme Geschwindigkeit und schlucken auch schon mal kleine Unebenheiten weg. Trotzdem war mein Training eher minimalistisch. Die längste Strecke war 28 Kilometer lang. Anders als ich es vom Laufen kenne, habe ich nicht mehrere 30er absolviert, sondern bin hin und wieder ein bis zwei Stunden durch die Gegend gerollt, hauptsächlich um mich an das neue Sportgerät zu gewöhnen. Manchmal alltägliche Wege, manchmal Radstrecken. Ob ich mich gut vorbereitet fühle? Nicht wirklich.


Das Kribbeln vor dem Start erinnert mich daran, warum ich das mache. Genau dafür. Erste Herausforderung: Nicht über die Matte für die Zeitmessung beim Start stolpern. Check. Noch eine Parallele zum Radrennen: Mit den ersten Metern nach dem Startschuss ist die Unsicherheit wie weggeblasen. Die Straße ist breit und es ist nicht so voll wie befürchtet. Ich habe ziemlich schnell ein Gefühl, wie das hier funktioniert und durch welche Lücken ich mich durch wieseln kann. Und das wichtigste: Es ist gar nicht schlimm! Ich habe keine Angst.

Stattdessen verliere ich schon auf den ersten Kilometern meine Begleitung, weil mir der Gedanke nicht in den Sinn kommt, dass ich tatsächlich schneller sein könnte. Als plötzlich das Schild für Kilometer 10 auftaucht, realisiere ich, dass ich schon viel mehr Strecke als gefühlt zurück gelegt habe und immer noch alleine bin. Ich richte mich darauf ein, dass das so bleibt, wenn ich nicht warten will. Will ich nicht. Ich will das hier so schnell schaffen, wie es Spaß macht und wie ich heute kann.


Freunde stehen schon eine halbe Ewigkeit am Strausberger Platz, nur um mir einmal kurz zuzujubeln, während ich schnell vorbei husche. Ich hätte nicht gedacht, dass heute überhaupt schon Zuschauer da sind - natürlich ist die Stimmung am Streckenrand nicht mit der am Marathon-Sonntag zu vergleichen, aber ich bin überrascht, wie viel dann doch schon los ist.

Im Gegensatz zum Lauf-Marathon ist so ein Inline-Marathon wunderbar kurzweilig. Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie schnell ich über die Distanz fahren kann und ich habe auch keine Uhr, um den Überblick zu behalten. Also fahre ich einfach und wundere mich über die Kilometer-Schilder. Was, schon Halbmarathon? Geil!

Im Windschatten bin ich bisher noch nicht so richtig gefahren, weil einfach niemand in der Nähe ist, mit dem die Geschwindigkeit passt. Ich überhole viel und werde auch überholt, manchmal von ganzen Zügen, die aufgereiht in gleichen Trikots hintereinander her rollen. Mit einem dieser Züge liefere ich mir ein kleines Rennen im Rennen, wir überholen uns immer wieder gegenseitig. Zum Glück ist die Strecke breit genug und bis auf wenige Ausnahmen macht der Fahrbahnbelag auch Spaß. Irgendwo nach Kilometer 30 geht es eine Zeit lang leicht bergab und der Asphalt rollt ganz wunderbar. Herrlich!


Am Potsdamer Platz werden mir mehrere Sachen gleichzeitig klar: Es ist gleich schon vorbei. In einem Jahr läufst du hier lang. Hier stehen verdammt viele Leute am Rand, die dich anfeuern, als würdest du heute schon einen Marathon laufen. Ich nehme den freudigen Kloß im Hals die nächsten Kilometer mit und trage ihn bis zum Brandenburger Tor. Das Abbiegen auf Unter den Linden, wobei das Brandenburger Tor zum ersten Mal in Sichtweite kommt, ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: Gigantisch. So viel Freude, Dankbarkeit und Erleichterung auf einmal. Unbeschreiblich. Da ist es auch egal, dass die letzten Meter auf den Pflastersteinen nicht mehr so gut rollen. Was für eine Zielgerade!


Zu den Zahlen: Ich hatte gedacht, den Inline-Marathon unter zwei Stunden zu finishen, wäre schön. Währenddessen hatte ich keinen Überblick über meinen schönsten und konstantesten Marathon: Exakt eine Sekunde war die zweite Hälfte langsamer als die erste. Insgesamt haben die 42,195 Kilometer 1:47:35 Stunden gedauert. Macht einen Schnitt von 23,5 km/h, womit ich fürs allererste Mal inklusive Erkältung definitiv mehr als zufrieden bin.

Und nun? Fest steht: Ich komme wieder. Der Lauf-Startplatz für 2019 ist dank des Finishs beim Berlin-Marathon Inlineskating schon jetzt sicher. Ich möchte aber definitiv nochmal inlineskaten, weil es mir wahnsinnig viel Spaß gemacht hat. Direkt am Vortag muss es nicht sein, Berlin kommt also erst 2020 wieder in Frage. Ansonsten gibt es leider nicht mehr allzu viele Inline-Marathons. Duisburg habe ich auf dem Schirm, die Lieblingsstadt Madrid steht auch weit oben auf der Wunschliste ... Ich fange schon mal an zu sparen und baue auf dem Weg dahin vielleicht den einen oder anderen Inline-Halbmarathon ein.



Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Rollerblade entstanden. Die Inlineskates wurden mir kostenfrei zur Verfügung gestellt. Vielen lieben Dank!

Montag, 20. August 2018

Triathlon, Marathon, Ultra? - Gar nichts muss ich!

Mein Leben hat keine Bucket List. Marathon laufen? Einmal im Leben einen Ironman finishen? Steht und stand nie auf irgendeiner Liste. Marathon bin ich trotzdem gelaufen, inzwischen zweimal. Und wenn ich mich aktuell in meinem Umfeld online und offline so umschaue, könnte mich ziemlich leicht der Gedanke beschleichen, dass ich damit eigentlich ziemlich öde bin. Mehr ein Jogger als ein Läufer. Inzwischen scheint es nämlich dazu zu gehören, Ultra zu laufen. Mindestens 50 Kilometer dürfen es schon sein, gerne mehr. Entweder flach auf einer winzigen Runde im Kreis oder am besten mit möglichst vielen Höhenmetern. Achso, jeder Waldlauf ist übrigens auch ein Trailrun, aber bitte weit und bergig. Was, du läufst nur große Wettkämpfe auf der Straße? Total Mainstream.


Das ist die Läufer-Bubble. Meine normalen Freunde differenzieren nicht zwischen bekloppt und #allebekloppt. Vor einer Weile habe ich mit einer sehr guten Freundin, einer Gelegenheitsjoggerin, gesprochen. Sie habe das Gefühl, jeder sei auf einmal Triathlet. Als gäbe es einen gesellschaftlichen Druck, einmal an einem Triathlon teilzunehmen. Die vielen Jedermänner bei den Veranstaltungen, egal ob Marathon oder Triathlon, suggerierten den Zuschauern, das könne jeder. Und wenn es schon jeder kann, wenn also selbst diejenigen, die in ihrem ganzen Leben noch nie Sport gemacht haben, sich auf einmal vom Sprint zur Olympischen Distanz vorarbeiten und so weiter - dann bekäme man als eigentlich gar nicht so unsportlicher Zuschauer schon fast ein schlechtes Gewissen.

Ist das jetzt gut, weil jemand denkt: "Oh stark, wenn der das kann, dann kann ich das auch!" oder ist es schlecht, wenn man einen Druck verspürt, an Events teilzunehmen und den Haken auf der Bucket List zu machen? Kann man eigentlich mit einem Marathon noch irgendwen beeindrucken? Muss es nicht eher ein Ultra sein oder eben eine Triathlon-Langdistanz - oder ist die nicht inzwischen auch fast schon Standard und nur noch etwas Besonderes, wenn die Bedingungen so richtig menschenfeindlich sind?

Wem willst du's eigentlich zeigen?

Bleiben wir mal beim Thema Eindruck schinden. Mir schwirren dazu viele Gedanken durch den Kopf. Einer geht so: Jede sportliche Leistung kann für jemanden persönlich herausragend sein. Besonders, unvorstellbar, beeindruckend. Das können die ersten fünf Kilometer am Stück nach jahrelanger Sport-Abstinenz sein, das kann der erste Triathlon sein, der erste (Halb-)Marathon, 70 oder 100 Kilometer, eine Langdistanz, drei Langdistanzen hintereinander, ein vor dem Besenwagen gefinishtes Rennen, ein mehrwöchiges Radrennen quer über einen kompletten Kontinent. Ich habe Respekt vor allen diesen Leistungen und ich erlebe das gleiche aus meinem sportlichen Umfeld. Sportler kannst du also relativ leicht beeindrucken, weil sie - wenn sie nicht bei schwierigen Downhills mehrfach auf den Kopf gefallen sind - wissen, wie sich das anfühlt, was du geleistet hast. Wenn sie es nicht aus eigener Erfahrung wissen, können sie es erahnen. Sie wissen, wie unerreichbar weit weg ein Ziel erscheinen kann. Sie wissen, wie sich durchhalten anfühlt. Die Nicht-Sportler beeindruckst du noch leichter - denn wer keine 10 Kilometer laufen kann, findet 42 genauso unvorstellbar wie 50. 80 hören sich dann natürlich nochmal krasser an, sind aber genauso weit weg im #allebekloppt-Universum.

Der zweite Gedanke geht so: Warum zur Hölle wollen wir eigentlich irgendwen beeindrucken und vor allem wen? Wenn es bei den Sportlern und den Nicht-Sportlern mit der Anerkennung eigentlich so einfach ist, wer bleibt übrig?
Du. Dein eigenes Ego. Und das ist erfahrungsgemäß in den seltensten Fällen zufrieden. Schau dich doch nur mal um! So viele sind schneller als du, legen weitere Distanzen zurück, nehmen an mehr Rennen teil, haben mehr Spaß dabei, erleben die cooleren Sachen, wuppen den Spagat aus Arbeit, Familie, Freunde, Haushalt und Sport so viel müheloser.


Ich habe mir an die eigene Nase gefasst und überlegt, aus welchen Motiven heraus ich welche sportliche Herausforderung eigentlich angegangen bin. Der erste 5-Kilometer-Lauf? Ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Hindernislauf. Der erste Volkstriathlon? Eine Schnapsidee aus Neugierde, ob ich das schaffen kann. Aber dann, die ersten zehn Kilometer, die erste Olympische Distanz, der erste Halbmarathon. Ich glaube nicht, dass all das nur aus mir selbst entstanden ist, dass ich das nur für mich gewollt habe. Vielmehr spielt eine Selbstverständlichkeit da rein, dass es eben so weiter geht. Wenn du fünf Kilometer laufen kannst, dann auch zehn. Wenn du einen Sprint schaffst, warum nicht auch eine Olympische Distanz? Wenn die Olympische klappt, beginnst du automatisch, über die Mitteldistanz nachzudenken. Weil es der nächste Schritt ist. Wenn du 42 Kilometer laufen kannst, wieso dann nicht auch 50? Wenn du 50 ...

Zwei Herzen

Natürlich spielt unser Umfeld eine entscheidende Rolle. Bin ich der einzige in meinem Bekanntenkreis, der Sport treibt und an Wettkämpfen teilnimmt? Oder habe ich lauter Freunde um mich herum, die gemeinsam mit mir Pläne schmieden, die sich ebenfalls steigern oder schon drei Schritte weiter sind? An dieser Stelle schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Einerseits finde ich es toll, sich anstecken zu lassen. Unbedarft an Dinge heranzugehen, die auf einmal erreichbar erscheinen, weil sie in einem bestimmten Umfeld normal wirken - für dich selbst aber vielleicht etwas ganz großes sind, was du dich allein nicht getraut hättest. Es ist toll, zusammen Schnapsideen auszuhecken, und ich liebe es, andere mit Ideen anzufixen. Deshalb schreibe ich diesen Blog. Ich freue mich wie Bolle, wenn mir wieder jemand schreibt: Danke, du hast mich motiviert, ich kaufe mir jetzt ein Rennrad. Oder ich fahre mein erstes Rennen. Starte beim Triathlon.

Begeisterung überschwappen zu lassen und andere anzustecken, ist etwas Großartiges. Es ist so schön, neue Dinge auszuprobieren, auf die man alleine nie gekommen wäre. Aber kann das auch schaden? Erzeugen die super-sportlichen Freunde unbewusst einen Druck, selbst auch immer mehr erreichen zu wollen? Steigern wir uns zu schnell in sportliche Herausforderungen hinein? Das kann mit Sicherheit passieren. Aber es liegt an uns, ob wir das Wettrennen um höher, schneller, weiter mitmachen.


Ich bin ziemlich sicher, dass ich ohne meine Freunde keine Mitteldistanz angegangen wäre. Zu viert zusammen etwas so großes zum ersten Mal machen - das ist eine ziemlich schöne einmalige Sache. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein, auch und gerade weil ich das alleine nicht gemacht hätte. Trotzdem denke ich, dass es wichtig ist, sich nicht immer nur von der Euphorie leiten zu lassen und so andauernd in Dinge hinein zu rutschen, für die man (noch) nicht bereit ist, die aber alle machen. Von denen man glaubt, man müsste sie auch machen.

Du musst gar nichts. Nur Apfelmus.

Wenn ich eines in den letzten vier Jahren Ausdauer-Sport gelernt habe, dann ist es, auf meinen Körper zu hören. Ruhetage einzuhalten. Mich zu erholen. Nicht unendlich weiter zu machen, "weil es so viel Spaß macht" und dann ja nicht schaden kann. Oder weil es alle machen. Zum Glück bewahrt mich meine Faulheit vor Übertraining. Wenn ich mir irgendwann trotzdem zutraue, eine absurde Anzahl von Kilometern und Höhenmetern durch die Gegend zu rennen oder mit dem Rad mehrere Länder zu durchqueren, dann würde ich mir keine Sorgen darum machen, dass es zu viel sein könnte. Weil ich immer im Hinterkopf habe, wie außergewöhnlich derartige Vorhaben sind, wie wenig normal. Wir müssen nämlich gar nichts. Niemand muss Marathon laufen, oder Ultra oder auch nur einen Kilometer. Wir müssen gar nichts. Aber wir könnten.

Hier auf dem Blog gibt es keine Kommentarfunktion mehr. Schreib mir deine Gedanken zum Thema gerne unter den Beitrag auf Facebook, Instagram oder Twitter. Bist du auch zwiegespalten, was das Anstecken unter Freunden, Bekannten und der eigenen Timeline angeht? Glaubst du, es gibt einen gewissen Druck, bestimmte Dinge einmal im Leben zu erleben? 

Fotos: Christian Siedler

Mittwoch, 8. August 2018

Raceday No. 60 - Rad am Ring 24h-Rennen

Erste Runde 

Der Staffelstab ist eine Trinkflasche mit Transponder, die man nicht öffnen darf und aus der man auch nicht trinken kann. Unser Startfahrer Ansgar übergibt mir die wichtigste Flasche und wünscht mir viel Spaß. Er kennt die Strecke in und auswendig und ist gespannt, wie ich die Nordschleife finden werde. Die grüne Hölle. Eine 90 Jahre alte Rennstrecke, die bereits 1976 als zu gefährlich für die Formel 1 eingestuft wurde. Na wunderbar. Insgesamt hat die Runde mit der Grand Prix Strecke 26 Kilometer, etwa 580 Höhenmeter und 93 Kurven. Das einzige, was ich vorher weiß: Es gibt steile Abfahrten und steile Anstiege. In der Fuchsröhre knacken einige Radfahrer die 100 km/h, während es an der Hohen Acht mit bis zu 17 Prozent bergauf geht. Es besteht also die Gefahr, dass ich hier rückwärts wieder runter rolle.

Mehr weiß ich nicht, als ich zum ersten Mal von der zwar harmlosen, aber auch schon irgendwie coolen Grand Prix Strecke auf die Nordschleife abbiege. Diese Asphaltkilometer, die wir schon vor zehn Jahren bei Rock am Ring als heiligen Boden bezeichnet haben. An deren Rand man campen konnte, wenn man keinen Bock auf Kuhwiese hatte. Heute ist weniger Rock'n'Roll. Die Strecke verpasst mir ganz von allein einen Rausch. Um die 20 Meter Breite, rechts und links die rot-weißen Begrenzungen, dahinter Wiese. Zum allerersten Mal bergab, in die Kurven. Ich verliebe mich auf Anhieb. Der Mythos Nordschleife liegt einfach in der Luft, ich habe ihn unter meinen Reifen und mein Herz hüpft wie wahnsinnig, weil ich hier fahren darf. Hier mit dem Rad runter zu düsen, die Kurven zu nehmen, dabei immer im Hinterkopf, dass es gleich noch länger runter geht, noch krasser wird, und dann einige Kilometer lang steil wieder rauf. Das Glücksgefühl, hier Rennrad zu fahren, vermischt mit dem Respekt vor der Strecke - ein bittersüßer Cocktail, der mich bis zur Hälfte der Runde trägt.


Im Vorbeifahren lese ich die historischen Namen der Streckenabschnitte. Schwedenkreuz, Adenauer Forst, Metzgesfeld, Exmühle, Bergwerk. Abfahrten wechseln sich mit kurzen Anstiegen ab. Bei einigen gelangt man mit genug Schwung bis nach oben, bei anderen bleibt man einfach stehen, wenn man nicht rechtzeitig runter schaltet. Wo war jetzt eigentlich die Fuchsröhre? Inzwischen geht es schon seit einer Weile bergauf und wird immer steiler. Und warum heißt es eigentlich ausgerechnet Klostertal, wenn die Strecke mit acht, neun, zehn Prozent bergauf führt?

Es zieht sich. Ewig. Ich glaube, mein Garmin ist kaputt, denn es zeigt permanent 11,8 km/h an und nichts anderes mehr. Vielleicht sind auch nur die Beine kaputt. Endlich wieder ein halbwegs flaches Stück vor dem Caracciola-Karussell: "Flache" vier bis fünf Prozent, klasse. Nach der Steilkurve (wie gut, dass ich schon mal auf der Bahn war!) kann ich kurz durchatmen, danach geht es in das letzte Stück rauf zur Hohen Acht. Ich warte darauf, dass die 17 Prozent mich umhauen, dass ich rückwärts den Berg wieder runter rutsche, einfach umkippe oder absteigen muss. Nichts davon passiert. Ich sehe schon von unten einen Zielbogen und hoffe, dass er den höchsten Punkt markiert. Allerdings traue ich mich nicht, bei den Nebenmännern zu fragen. Die Gefahr, dass ich sofort absteige und mich auf die Wiese setze, falls mir irgendwer verrät, dass es danach noch weiter rauf geht, ist zu groß.


Oben ist zum Glück wirklich oben. Das Schild "Ab jetzt Kette rechts!" lässt mich hoffen, dass es jetzt wieder angenehmer wird. Wippermann, Brünnchen, Pflanzgarten, Galgenkopf. Rauf und runter, aber im Vergleich  zu den vier Kilometern von der Exmühle bis zur Hohen Acht alles kein Problem. Die Döttinger Höhe zieht sich noch ein bisschen, Windschatten wäre bei diesem langen Stück geradeaus praktisch. Bisher habe ich mich von anderen Radfahrern aus Angst vor Stürzen möglichst ferngehalten, aber hier wäre ein hübscher Zug schon ziemlich fein. Ich merke, wie ich die restlichen Kilometer rückwärts zähle. Was bin ich froh, erst einmal nur eine Runde fahren zu müssen! Nach mir sind wieder die anderen drei dran.

Endlich ist die Zielgerade in Sicht. Danach noch schnell die drei, vier Kurven bis zu unserem Camp und Übergabe der Staffel-Flasche. Ich fühle mich ein kleines bisschen besonders, weil ich jetzt im gleichen Club wie Ansgar bin und mitreden kann, während das Debüt von Christian und Jan noch aussteht. Wir schicken den dritten Fahrer auf die Strecke. Wie wars? "Geil! Aber auch hart! Total krass! Viel Spaß!" Ansgar schiebt "Genieß es!" hinterher, was irgendwie der beste Tipp ist. Die Nordschleife fordert viel, aber sie gibt dir auch alles.

1:02 Stunden habe ich für meine Runde gebraucht. Ich hatte keine Vorstellung, wie schlimm oder nicht schlimm die Höhenmeter sein würden und hatte eine grobe Stunde angepeilt - kommt hin. Abgesehen davon habe ich den großartigen Plan ausgeheckt, die erste Runde erst einmal langsam anzugehen, um die Strecke kennenzulernen. Steigern kann man sich ja hinterher immer noch. Denkste. Die erste Runde wird auch 24 Stunden später noch meine schnellste sein.

Zweite Runde 

Die anderen drei sind alle etwas schneller unterwegs, so dass ich meine Pause dahinschwinden sehe. Obwohl ich gefühlt eben erst zurück gekommen bin, sitze ich nach knapp drei Stunden schon wieder auf dem Rad. Die Vorfreude hält bis zur ersten dezenten Welle. Scheiße! Wieso merke ich schon in der zweiten Runde meine Beine? Das kann ja noch lustig werden. In den Abfahrten bin ich immernoch vorsichtig, traue mir aber mehr zu als in der ersten Runde. Die größte Angst: Bei Rechtskurven, die ich nicht innen fahren will, zu weit nach links zu geraten und von einem schnelleren Fahrer von hinten abgeräumt zu werden. Ich blicke mich also lieber 27x um, bevor ich in eine Kurve fahre.

Inzwischen weiß ich, wo die Fuchsröhre ist und freue mich über eine lange Abfahrt, bei der man die Kurven fast ignorieren kann. Trotzdem traue ich mich nicht von Anfang an, die Bremse komplett zu lösen. Erst als ich alles einsehen kann, mache ich die Bremse auf und werde immer schneller. In der ersten Runde war die Straße hier noch vom Regen nass, mittlerweile ist zum Glück alles abgetrocknet. Ich fliege. Ich kann währenddessen nicht nach unten gucken, sondern halte den Lenker fest, will nicht denken, aber schwanke zwischen "ist das geil" und "ach du scheiße". Erst im nächsten Anstieg wage ich den Blick aufs Garmin: bergauf noch 77 km/h. Strava verrät mir später, dass die Höchstgeschwindigkeit bei 81,7 km/h lag. Ich glaube, wer hier völlig ohne Angst runter fährt, tickt nicht ganz sauber. Meine Mischung aus Respekt und Euphorie bringt mich irgendwie sicher durch die Runde.

Zumindest bis zur Kurve Wehrseifen, als ich jemanden im Kiesbett liegen sehe. Zwei Fahrer stehen etwas ratlos daneben, es ist noch kein Krankenwagen da. Mich irritiert, dass die beiden so weit weg stehen und sich keiner direkt um den Verletzten kümmert, deshalb halte ich an. Frage, ob sie noch Hilfe brauchen und erkenne im gleichen Moment: ja. Ein Rettungswagen ist bereits informiert, ich kann eigentlich gar kein Blut sehen, aber jetzt kann ich es doch und kümmere mich um den Fahrer am Boden. Ich denke nicht, sondern funktioniere nur. Versuche, ihn zu beruhigen, überhaupt erst einmal zu ihm durch zu dringen, mit ihm zu sprechen. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Notärztin eintrifft, weiß ich, dass es für mich nichts mehr zu tun gibt. Ich fahre weiter, auch wenn ich nichts lieber will als zurück am Camp sein.

Die Hälfte der Runde liegt noch vor mir, damit also auch die Anstiege. Ich will nicht mehr. Aber da ich auch nicht hier bleiben kann, fahre ich weiter. Irgendwie. Mein Kopf ist leer. Meine Beine auch. Mein Ehrgeiz liegt irgendwo mit einem kaputten Rennrad im Grünstreifen. Ich schiebe die letzten Meter der Hohen Acht und es ist mir nicht mal peinlich. Ich rolle zurück zu den anderen und denke, ich muss irgendwie die Fassung bewahren, damit meine Ablösung nicht mit einem schlechten Gefühl auf die Strecke geht. Als er weg ist, kommt alles raus. Bis eben habe ich funktioniert, aber jetzt nicht mehr.

Dritte Runde 

Ich brauche eine Pause. Körperlich und mental. Ich gehe duschen, versuche auf andere Gedanken zu kommen. Mir ist schlecht, aber ich esse, weil irgendwie Energie rein muss. Tortellini mit Tomatensauce. Als die Zeit verstreicht, wird mir klar, dass ich die nächste Runde nicht mehr im Hellen fahren werde. Ich würde am liebsten gar nicht mehr fahren, aber ich ahne: Wenn ich jetzt kneife und mich nicht wieder aufs Rennrad setze, wars das mit mir und der Nordschleife. Ich blicke der neu gewonnenen Angst vor Kurven, Abfahrten und Stürzen also lieber jetzt gleich ins Auge als irgendwann später.

Als ich gegen 22 Uhr starte, ist die Sonne bereits untergegangen, aber es ist noch nicht stockdunkel. Christian sagt, ich soll die Lichter genießen. Das mache ich. Die Grand Prix Strecke leuchtet so wunderbar. Viele Teams haben als Erkennungszeichen Lichterketten, leuchtende Gartenzwerge, Weihnachtsdeko oder gleich Leuchtreklame installiert. Ich schaffe es tatsächlich, die Atmosphäre aufzusaugen. Beim Abbiegen auf die Nordschleife nehme ich mir vor, es so langsam wie nötig anzugehen. Mir so viel Zeit zu nehmen, wie ich brauche.


Die Dämmerung weicht der Dunkelheit. Ich bin froh, dass ich im Winter schon öfters im Dunkeln Rennrad gefahren bin. Dass ich dieses Gefühl schon kenne, wenn die Sicht schlechter wird und alle anderen Sinne sich schärfen. Anspannung und Konzentration sind auf Maximum. Alles ist plötzlich unheimlich laut: der Wind in den Ohren, der Freilauf. Ich rausche bergab. Die Ankunft im nächsten Anstieg ist ein Auftauchen aus dem rauschenden Ozean. Eine völlig andere Welt. Eine totenstille Welt, die nur daraus besteht, dass viele rote Lichter aufgereiht bergauf kriechen. Vereinzelt höre ich Atemgeräusche oder mal eine ratternde Schaltung. Niemand spricht. Wir sind viele, eine ganze Armee aus roten Punkten, wir haben alle das gleiche Ziel, aber niemand ist zu Smalltalk aufgelegt.

Das langsamere Tempo tut mir gut. Ich beschließe, dass ich die Hohe Acht dieses Mal hoch fahre, egal was kommt. Hinterher stelle ich fest, dass ich damit nicht schneller war als in der Runde zuvor zu Fuß, aber immerhin stolz, es mir selbst noch einmal bewiesen zu haben. Meine Kopfschmerzen, die ich schon seit der zweiten Runde mit mir rumschleppe, nehmen zu, so dass ich die anderen zurück im Camp um eine längere Pause bitte. Es ist nach 23 Uhr und ich kann mir nicht vorstellen, um 2 Uhr schon wieder auf dem Rad zu sitzen. Ich brauche eine Pause für den Kopf und eine Mütze Schlaf.

Vierte Runde 

Als um 4.15 Uhr der Wecker klingelt, frage ich mich, was die Scheiße soll und was ich hier eigentlich mache. Es ist kühl draußen und schön warm in meinem Schlafsack. Warum zur Hölle sollte ich jetzt das Zelt verlassen? Wer ist eigentlich auf diese bescheuerte Idee gekommen, ein 24h-Rennen zu veranstalten und Leute mitten in der Nacht radfahren zu lassen?

Es ist 5 Uhr und ich sitze auf dem Rennrad. Zum ersten Mal mit langem Trikot, weil 13° in den Abfahrten dann doch ein bisschen frisch sind. Die Sinnfrage verlässt mich zum Glück gleich mit dem Losfahren: Ich mache das, weil ich es möchte. Weil ich das Radfahren liebe, weil diese Strecke der Hammer ist, weil wir ein Team sind und weil wir das irgendwie zu Ende bringen. Und weil jeder eben beisteuert, was er kann. Ein Gedanke hält mich besonders bei Laune: Wenn ich von der Runde zurückkehre, wird es hell sein.


Nur noch einmal in die dunklen Abfahrten. Ins rauschende Meer, um in der Stille zwischen den roten Punkten wieder aufzutauchen. Endlich dämmert es. Die Sonne schafft es noch nicht so richtig durch die Wolken, aber der Himmel färbt sich wunderbar rot. Jemand vor mir hält an, um ein Foto zu machen. Ich speichere alles in meinem Kopf, will den Moment nicht vergessen. Die Berge würde ich gern vergessen. Sie werden mit jeder Runde schwerer. Meine Beine sind inzwischen Blei. Ich kann bergauf keine annähernd sinnvolle Trittfrequenz mehr fahren. Und trotzdem überhole ich in diesem Schneckentempo noch den einen oder anderen (der vermutlich die drölfzigste Runde als Einzelfahrer dreht). Einmal ruft mir von hinten jemand "Starke Leistung!" hinterher und ich weiß nicht, ob es ironisch oder ernst gemeint ist. Ich krieche weiter nach oben, habe längst kein Zeitziel mehr für irgendeine meiner Runden. Ankommen zählt. Nur irgendwie gut durchkommen.

Ende

Ich lege mir zurecht, wie ich den anderen freudestrahlend zurufe: "Ich habe euch den Tag mitgebracht!" Blöd nur, dass keiner am Camp ist, als ich zurückkomme. Einer duscht, zwei schlafen. Hallo hier, Teamdings?! Weil in der Nacht wegen einer ausgefallenen Lampe einmal getauscht wurde, weiß wohl keiner mehr, wer jetzt dran ist. Schließlich erklärt sich einer bereit, muss aber erst noch frühstücken. Und ein bisschen wach werden. Das Gute daran: Sollten wir nächstes Jahr noch einmal starten, haben wir bei den Wechseln auf jeden Fall Luft nach oben gelassen. Ich kündige schon einmal vorsichtig an, dass meine Beine extrem durch sind und ich nicht weiß, ob eine fünfte Runde drin ist. Dann stelle ich den Wecker auf weitere drei Stunden und krabbele zurück ins Zelt. 

Dieses Mal stehe ich vor dem Wecker auf und hadere mit mir. Ich würde gern noch eine Runde fahren. Ich möchte es später nicht bereuen, sie ausgelassen zu haben. Aber ich weiß, dass meine Beine echt am Ende sind und dass es für uns um nichts geht. Vier Runden klingt verdammt wenig. 100 Kilometer und über 2200 Höhenmeter hören sich schon etwas anders an. Ich bereue nichts, weil ich weiß, dass ich nicht zum letzten Mal hier war.


Die letzten 24 Stunden waren wir wie in einem Tunnel verschwunden. Kaum genug Zeit, all die vielen tollen radfahrenden Menschen zu treffen, die sich hier tummeln. So viel zu tun mit essen, schlafen, fahren, mitfiebern, warten, den Pavillon bei Windböen festhalten und und und. Dass diese wunderbare anstrengende Zeit gleich vorbei ist, wird mir klar, als wir zur Zielgerade fahren, um auf unsere Teamkameraden zu warten und gemeinsam über die Ziellinie zu rollen. Rechts und links der Strecke stehen Rennradfahrer und Mountainbiker bunt durcheinander gemischt. 8er, 4er, 2er-Teams, Fans von Einzelfahrern, alle. Jeder, der irgendwas mit einem der 24h-Rennen zu tun hat, wartet hier auf seinen Fahrer, sein Team. Endlich sind wir komplett und Ansgar fragt, ob wie über die Ziellienie hahnern. Nein! Kein Sturz auf den letzten Metern! Nebeneinander fahren muss reichen.

Im Team mit dem Motto "Erlebnis vor Ergebnis" haben wir 20 Runden zusammengekriegt. Macht 520 Kilometer, 11.000 Höhenmeter und vier ziemlich müde, aber glückliche Fahrer. Der beste Einzelfahrer hat übrigens 27 Runden geschafft, das beste 4er Team 32. Der helle Wahnsinn. Also, es ist so: So hart das war, ich habe mein Herz an den Ring verloren. Spätestens jetzt. Ich komme wieder! Und ich möchte am liebsten dazu beitragen, dass mehr Frauenteams auf der Strecke sind. Bei den 8er-Teams waren es nur vier, bei 4er-Teams genau 20, wenn ich richtig in die Ergebnisliste geschaut habe. Und davon sind 17 Teams mehr als 20 Runden gefahren - das ist ne Ansage! Auch die Rundenzeiten sind verdammt flott. Ich geh dann noch ein bisschen trainieren ...


So, was noch?

Einschlafen geht nach diesem Wochenende übrigens ungefähr so: Ins Bett legen, Gute Nacht sagen, Augen zumachen, schlafen. Bäm!

Christian hat dieses Mal übrigens nicht nur großartige Fotos, sondern auch ein hübsches Video gemacht. Das gibt's hier zu sehen. Bis zum Ende gucken. Viel Spaß!


Der Veranstalter von Rad am Ring hat uns den Startplatz zu vergünstigten Konditionen zur Verfügung gestellt. Es gab in keiner Form Einflussnahme auf die Berichterstattung. Vielen Dank, dass wir dabei sein durften und bis zum nächsten Mal!

Donnerstag, 28. Juni 2018

Wir fahren nach Berlin!

Seit ich 2016 beim Berlin-Marathon zugeschaut habe, lässt mich der Gedanke nicht los, diesen Marathon irgendwann im Leben einmal zu laufen. Diese Gänsehaut, als ich während des Starts auf der Siegessäule stand, habe ich nicht vergessen. Ebenso wenig den Zieleinlauf durchs Brandenburger Tor. Blöd: Du kannst dich nicht einfach anmelden, sondern musst im Losverfahren Glück haben. Das lässt sich mit #skatetorun umgehen: BMW Berlin-Marathon Inlineskating 2018 finishen, vorher bei der Anmeldung den Code angeben und einen garantierten Startplatz für den Lauf 2019 erhalten. Da bin ich dabei! 

Inline-Marathon jetzt also. Öfter mal was Neues! Ich denke, wenn ich die Strecke laufen kann, kann ich sie auch skaten und mache mir daher keine großartigen Sorgen, das Ziel nicht zu erreichen. Als Jugendliche habe ich bei uns im Ort fast jeden Weg auf Inlineskates zurückgelegt, in den letzten Jahren standen haben die Skates allerdings etwas Staub angesetzt. Schon genug Bewegung mit schwimmen, radeln, laufen - wozu noch inlineskaten? Und vor allem wann? 

Inlineskaten für Läufer (und Laufhasser)

Tatsächlich ärgert es mich ein bisschen, nicht früher darauf gekommen zu sein, das Inlineskaten einfach als Alternativtraining zum Laufen zu sehen. Perfekt für mich, weil Laufen ja bekanntlich nicht meine liebste Disziplin ist. Auf der BMW Berlin-Marathon Inlineskating Website heißt es, Ausdauersportler sollten auf Vielseitigkeit setzen, um entscheidende Muskelgruppen nicht durch zu einseitiges Training zu vernachlässigen. Inlineskaten sei ein Ganzkörpertraining, das nicht nur die Beine, sondern auch die Rumpfmuskulatur kräftige - und macht zumindest mir ungefähr eine Million Mal mehr Spaß als jedes Stabitraining! Eine verbesserte Koordination gibt es noch obendrauf.

Vor allem für Läufer spannend: Inlineskaten trainiert das Herz-Kreislauf-System und die Muskulatur, aber gönnt dem Körper dabei gleichzeitig eine Pause, weil die Belastung für die Gelenke viel geringer als beim Laufen ist. Am besten lassen sich lange, langsame Recovery-Runs im Trainingsplan durch eine Inlineskating-Einheit ersetzen. Mehr Infos dazu gibt's hier.

Die Inlineskates

Weil meine alten Skates aus dem letzten Jahrtausend stammen, freue ich mich besonders über die Unterstützung von Rollerblade. Ich rolle nämlich ab sofort mit dem Macroblade 110 3WD durch die Gegend - und wie! Neu daran für mich: Nur drei Rollen und die haben mit 110 Millimetern auch noch einen viel größeren Durchmesser als ich gewohnt bin. Perfekt für die lange Strecke.

Erster Test im Büro, nachdem das Paket angekommen ist: Wackelig. Und ich stehe so weit oben! Ohje, das kann ja was werden ... Zweiter Test, draußen auf verkehrsarmen Wegen, sicherheitshalber mit kompletter Schutzausrüstung: Ganz schön geil! 

Natürlich habe ich nicht die perfekte Technik drauf, aber ich kann mich fortbewegen und bremsen. Keine Stürze bisher zu vermelden! Das Fahrgefühl ist großartig - ich bin überrascht, wie mühelos und schnell das geht! Meinen Freund, der den Marathon eine Stunde schneller läuft als ich, hänge ich beim ersten Training locker ab. Wie wunderbar, auch mal bei irgendetwas schneller zu sein! 

Berlin, Berlin!

Während ich bei der Anmeldung für den BMW Berlin-Marathon Inlineskating noch dachte, ich mache das nur wegen der Startplatzgarantie für den Lauf und sehe das Ganze eher als Sightseeing auf Skates, habe ich mittlerweile die leise Ahnung, dass ich das Rennen doch nicht ganz so gemütlich angehen werde. Dafür macht es einfach viel zu viel Spaß! Dieses Gefühl, sich auf gutem Asphalt aus eigener Kraft schnell und geschmeidig fortzubewegen, erinnert mich an alles, was ich am Rennradfahren liebe. Inklusive Fahrtwind und Radmütze unter dem Helm! 

Natürlich habe ich von Zeiten absolut keine Ahnung. Der Zielschluss in Berlin liegt bei 2:30 Stunden. Für den Marathon! 42,195 Kilometer also. Klingt erst mal irre schnell, aber angeblich sind sogar unter zwei Stunden für durchschnittlich trainierte Ausdauersportler relativ einfach möglich. Ich denke, genug Kondition bringe ich mit - in den nächsten Wochen heißt es an der Technik feilen und auch mal Windschatten fahren üben. Ich freue mich wahnsinnig drauf! Berlin, du kannst kommen!


Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Rollerblade entstanden. Die Inlineskates wurden mir kostenfrei zur Verfügung gestellt. Ich hab mich sofort verliebt. Vielen lieben Dank!

Montag, 18. Juni 2018

Raceday No. 59 - Škoda Velodom | Rund um Köln

Der Škoda Velodom bei Rund um Köln - definitiv ein Pflichttermin, wenn man aus dem Rheinland kommt und Rennrad fährt. Ich stehe zum allerersten Mal am Start und habe die dumpfe Vorahnung, dass es für mich nicht einfach wird. Aber was heißt eigentlich einfach? Ohne Anstrengung mühelos über die Strecke fliegen und eine super Zeit hinlegen? Könnte ich dann zufrieden sein oder würde ich nicht denken, da sei mehr drin gewesen? Und wann ist es schwer? Wenn die Beine brennen, die Lunge zu platzen droht und jede kleine Welle sich anfühlt wie der Mount Everest? Wenn ich kämpfen muss, während es bei den anderen so leicht aussieht?


Fakt ist: Ich habe mir die Strecke zweimal angeschaut. Einmal bin ich sie komplett abgefahren und beim zweiten Mal haben wir für ein Fotoshooting einige Schlüsselstellen abgeklappert. Ich weiß also, was auf mich zukommt. Ich weiß, dass 650 Höhenmeter auf 68 Kilometern jetzt nicht die Welt sind - aber eben auch nicht nichts. Vor allem, wenn die ersten und die letzten 20 Kilometer so gut wie flach sind (oder nur leicht bergauf bzw. bergab) - dann tummeln sich alle Anstiege mal eben auf den mittleren 28 Kilometern. Nicht falsch verstehen, da liegt keine weltbewegende Wand auf der Strecke, vor der ich so richtig Bammel hätte - außerdem habe ich mir ja sowieso vorgenommen, diese Sache mit der Bergangst mal in den Griff zu kriegen. Ich mache mir keine großen Sorgen um die kurzen und knackigen Dinger in Sand und am Bensberger Schloss, aber ich ahne, dass der lange Anstieg hinter Odenthal (2,2 km mit 5 %) mich von den Gruppen trennen wird, die ich unten im Flachen noch halten kann und oben im Welligen gut gebrauchen könnte.


Fakt ist auch: Ich habe mir nichts vorgenommen. Eigentlich. Die 333 Kilometer ans Meer sind erst eine Woche her und stecken mir natürlich noch in den Knochen. Trotzdem wäre es gelogen, würde ich behaupten, komplett ohne irgendein Ziel ins Rennen zu gehen. Das Wichtigste ist natürlich immer, gesund und gut durchzukommen. Das nächste Minimalziel sollte sein, alles zu geben und hinter nicht zu denken "hättest du mal". Weil ich wirklich nicht einschätzen kann, wie gut oder schlecht ich die Anstiege packe, nehme ich mir als Zeitziel einen ziemlich groben Bereich von 1:50 bis 2 Stunden vor. Das wäre ein Schnitt zwischen 34 und 37 km/h - ersteres traue ich mir absolut zu, auch auf der Strecke, und letzteres wäre schon eine Hausnummer.


Und wie das so ist mit den eigenen Zielen, mit dem Ehrgeiz und der Vernunft - du kannst dir vorher so viel (oder wenig) vornehmen, wie du willst, das Ergebnis kann auf dem Papier okay aussehen, der Kopf kann wissen, dass 1:54:10 Stunden, also 35,8 km/h ganz gut sind. Es kann sich trotzdem scheiße anfühlen.

Wenn so ein Ergebnis rauskommt, kann aber nicht alles scheiße sein. Ziemlich fantastisch sind die ersten 20 Kilometer, die sich wie fliegen anfühlen - bei einem 40er Schnitt auch kein Wunder. Ich hatte seit dem Münsterland Giro im letzten Oktober fast vergessen, wie herrlich es ist, über gesperrte Straßen zu fliegen. Mit mehr als 40 Sachen bergauf sausen ist etwas, das dir nur im Rennen passieren kann. Und diese Mischung ist so bittersüß. Du weißt, das ist schnell, fühlt sich gigantisch an und der erste Berg wird den Spaß gleich beenden. So ist es dann auch. Obwohl ich vorher weiß, dass ich bergauf langsamer bin und mein eigenes Tempo fahren muss, fühlt sich der Wechsel von 42 auf 12 km/h einfach mal beschissen an. Wenn dann noch alle überholen und man gefühlt als einziger bergauf mehr kriecht als fährt, ist es echt schwer, bei Laune zu bleiben. Immerhin entschädigt die Strecke ein bisschen, denn die ist wirklich schön. Das Bergische Land ist grün, wellig, rechts und links der Straße stehen Kühe auf der Wiese. Schon hübsch!


Es geht wieder runter, ein Stückchen halbwegs flach und ich fahre viel alleine. Ich weiß, dass mir bei Kilometer 39 direkt nach einer Kurve der Anstieg in Sand blüht - ein Ort, von dem ich gehört habe, dass die Kölner Rennradfahrer ihn liebevoll "das Kackdorf" nennen. In Sand geht es gut 700 Meter lang kurvig bergauf, mit durchschnittlich 7 %, teilweise bis zu 13. Der Witz ist: Ich weiß, das wird schlimm, aber ich freue mich drauf. Und natürlich bin ich langsam, aber ich überhole tatsächlich Menschen. Ich. Bergauf. In diesem steilen Kackdorf. Ha!


Fünf Kilometer später geht es rauf zum Schloss Bensberg. Nur wenige Meter, aber bei 10 % über Kopfsteinpflaster - ich kann mir schöneres vorstellen. Aber irgendwie ist es mir total egal: Es stehen so viele Zuschauer am Rand, jeder muss hier rauf kämpfen und ich weiß, dass das Stück verdammt kurz ist, Danach geht es quasi nur noch bergab nach Hause. Denkste. Irgendwie habe ich nach meinem Streckentest ausgeblendet, dass es durchaus noch bis Kilometer 50 wellig bleibt und die Strecke erst danach bergab bzw. flach wird. Shit. In meinem Kopf war alles auf "nach Bensberg wird alles gut" programmiert und ich habe wirklich nicht die geringste Lust, hier noch irgendwo bergauf zu fahren, und sei es auch noch so wenig. Ich lasse hier verdammt viel Zeit liegen, bis es endlich ab Forsbach wirklich nur noch runter und zurück nach Köln geht.

Für die letzten 18 Kilometer finde ich wieder eine Gruppe, wechsele das Hinterrad oder erhöhe den Abstand, wenn mir einer zu komisch fährt und schmunzele vor mich hin als ich entdecke, dass der ganze Zug von einem Typ mit einem Trikot angeführt wird, das wie eine Lederhose aussieht. Falls der Kollege aus Bayern kommt, kennt er sich mit Bergen ja sicher aus. Ich freue mich am meisten über den Kreisel auf die Severinsbrücke, weil sich in der Kurve schnell bergauf fahren zur Abwechslung einfach mal geil anfühlt. Ansonsten sind die letzten Meter genau die richtige Mischung aus "oh schade schon vorbei" und "zum Glück gleich geschafft".


Ich weiß, dass ich bei meinem Ergebnis auf hohem Niveau jammere. Und ich kenne meine Baustellen: natürlich die Berge, aber auch meine Einstellung zu Dingen, die ich nicht ändern kann. Sich nicht wie der unfähigste Radfahrer der Welt fühlen, wenn bergauf andere überholen, wäre schon mal ein guter Anfang. Und auch wenn ich weiß, dass ich es bei einem Rennen mit diesem Profil niemals weit vorne in die Ergebnisliste schaffen werde, ist das kein Grund zu kneifen. Natürlich fahre ich gerne flach und schnell, aber andererseits mag ich die Herausforderung - auch wenn ich mich währenddessen von Zeit zu Zeit daran erinnern muss.

Ich bin dieses Rennen nicht nur für mich ganz alleine gefahren. Im Vorfeld des Škoda Velodom war ich ein bisschen das Gesicht des Jedermann-Rennens. Dass aus einer Einladung zur Pressekonferenz gleich ein ganz schön langer Beitrag im WDR werden würde, habe ich anfangs nicht im Entferntesten geahnt. Und auch, wenn ich diesen Fernseh-Trubel ein wenig peinlich finde, freue ich mich über zwei Sachen.


Erstens: Es ist schön, dass neben dem Profirennen auch das Jedermannrennen Beachtung findet. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, die Frauen unter den Jedermännern anzusprechen und es freut mich wahnsinnig, dass der WDR dem Thema so viel Raum gibt. Auf der kurzen Strecke des Škoda Velodom sind 2070 Männer und 231 Frauen ins Ziel gekommen. Auf der langen waren es 955 Männer und nur 39 Frauen. Da ist auf beiden Distanzen noch ziemlich viel Luft nach oben. Vor allem auf der kurzen Strecke ist die Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h trotz Höhenmeter auch für Jedermänner (und -frauen!) auf dem Rennrad absolut machbar. Wirklich!

Hier geht's zum WDR Bericht über Rund um Köln. Und über ichhasselaufen. Ab Minute 26:40.

Zweitens: Ich freue mich über eure Nachrichten, über den vielen Zuspruch und über jede einzelne, die mich wissen lässt, dass ich ihr den Floh Radrennen ins Ohr gesetzt habe. Allein dafür lohnt es sich.


Dieser Artikel ist in Kooperation mit Rund um Köln entstanden. Danke an Stefan Schwenke, der einen grandiosen Job gemacht hat. Der 2. Juni 2019 ist im Kalender markiert!

Merke: Wer die Helmnummer nicht vernünftig klebt, ist halt auf fast keinem Bild vom Rennen selbst zu sehen... Macht aber nichts, schließlich gibts ja Bewegtbilder und Fotos vom Streckentest.

Fotos: Neil Baynes | Rund um Köln, Streckentest und Pressekonferenz

Samstag, 9. Juni 2018

333 km ans Meer: ERG2Nordsee - Vitamin Sea

Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.


Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.

Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.

Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.

Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!

Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?

Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.

Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.


Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.

Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.

Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.

Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.


Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??

Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.

Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.

Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.

Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.

Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.

Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.


Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.

Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?

Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"


Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.


Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.

Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.

Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).

Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.

Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?

Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!


Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.

Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.

Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.

Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.

Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.

Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.

Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!


Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.


Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!


Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.

"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."

Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden

Gruppenbild: ERG 1900 e.V.