Samstag, 9. Juni 2018

333 km ans Meer: ERG2Nordsee - Vitamin Sea

Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.


Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.

Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.

Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.

Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!

Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?

Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.

Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.


Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.

Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.

Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.

Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.


Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??

Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.

Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.

Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.

Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.

Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.

Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.


Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.

Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.

Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?

Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"


Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.


Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.

Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.

Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).

Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.

Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?

Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!


Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.

Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.

Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.

Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.

Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.

Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.

Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!


Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.


Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!


Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.

"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."

Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden

Gruppenbild: ERG 1900 e.V.