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Montag, 20. November 2017

Raceday No. 51 - Raiba Radcross Kendenich

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Alles, was zählt, ist, heile um die nächste Kurve zu kommen. Nicht in der Matsche ausrutschen, nicht von der Strecke abkommen, mich möglichst nicht um einen Baum wickeln. Nicht zu viel bremsen, nicht zu wenig, bloß nicht in der schlammigen Kurve! Danach wieder antreten, irgendwie raus aus diesem Sumpf und weiter, immer weiter, bis das nächste Hindernis kommt. Die nächste enge Kurve, ein steiler Anstieg, Strohballen, die matschige Wiese, die nicht mehr als Wiese zu erkennen ist, oder die Treppe. Heilige Scheiße, die Treppe. Sie ist mordsmäßig steil, die erdigen Stufen sind ungleichmäßig und verdammt weit auseinander. Zu weit für Menschen mit kurzen Beinen wie mich, und erst recht zu weit, wenn man nicht nur alleine da rauf klettern muss, sondern noch ein Rad über der Schulter hängen hat.



Die Treppe hat eine 400 Meter lange Anfahrt, die eine einzige matschige Rutschpartie ist. Geradeaus fahren ist so gut wie unmöglich und langsam fahren würde stecken bleiben bedeuten - also sieht die Taktik folgendermaßen aus: so schnell es geht dadurch und hoffen, dass niemand zufällig genau auf der Seite überholen will, zu der ich gerade den nächsten unfreiwilligen Haken schlage. Schlamm spritzt mir in die Augen, ich kneife erst das eine zu, probiere vorsichtig, ob ich wieder etwas sehe, dann das andere. Soll eben ein Auge dreckig werden, dann hebe ich mir das andere für später auf - unglaublich ausgeklügelte Rennlogik. Eine Brille würde nur mäßig helfen - weniger Brennen im Auge, aber dafür genauso wenig Sicht. Am Ende der matschigen Gerade warten Strohballen, die mich zum Absteigen zwingen. Direkt dahinter die Treppe aus der Hölle. Während des Schreibens überlege ich, wie mir irgendjemand glauben soll, dass das Spaß macht. Nasse, kalte Füße, überall Matsche am Rad und am Körper, der Puls in astronomischen Höhen, mehr Schnappatmung als alles andere. Schnodder in der Nase und brennende Beine bergauf, absteigen, aufsteigen, weiter fahren, dazu der ständige Nervenkitzel, ob man bei der nächsten schlammigen Wiesen-Durchfahrt auf dem Rad bleibt oder nicht.

NRW Cross-Cup

Ja, es ist schwer zu erklären, wo hier der Spaß zu finden ist, und es sieht auch währenddessen nicht danach aus. Deshalb fange ich mal vorne an: In NRW gibt es diesen Winter eine hübsche Erfindung: Den Genesis NRW Cross-Cup. Auch wenn man als Hobbyfahrer rein gar nichts vom Cup hat, weil nämlich nur Lizenzfahrer in der Gesamtwertung gezählt werden, hat die ganze Geschichte für mich immerhin den Vorteil, dass ich auf die Renntermine aufmerksam geworden bin. In der Hobbyklasse starten kann man nämlich trotzdem - auch wenn man auf die Wertung im Cup verzichten muss.

Los ging's Anfang Oktober in Dorsten auf einer einfachen Strecke bei Dauerregen. In Führung liegend musste ich aussteigen, weil eine Scherbe in der Sandgrube meinem Hinterrad die Luft abgelassen hat. Bis dahin hat's Spaß gemacht - aber einen Kilometer für nichts mit Radschuhen inklusive Rad querfeldein rennen kann ich nur bedingt empfehlen.

Zwei Wochen später ging's in Radevormwald das zweite Mal in den Matsch: Das Wetter ebenfalls crosstauglich feucht, dazu eine anspruchsvolle Strecke mit engen Kurven durch den Wald, Wurzeln, kleinen Anstiegen, einer langen Treppe und einigen anderen Späßen. Wenige Chancen zum Überholen, aber für mich anscheinend leider genau die richtige Strecke, um mich dezent aus dem Leben zu fahren: Nach vier von fünf Runden waren sowohl die Kraft als auch die Konzentration komplett dahin und der Ofen aus. Die Rechnung kommt bei so einer Strecke sofort: zwei kleine Stürze, überholt worden, am Ende Platz 6 von 9.

Das MTB Race

Auf der schwierigen Strecke in Radevormwald kam mir der Gedanke, dass sie mir mit dem
Mountainbike möglicherweise leichter gefallen wäre als mit dem Crosser. In der Hobbyklasse sind oft beide Arten von Rädern erlaubt und so reifte langsam aber sicher die Idee, beim nächsten Mal einfach vor Ort je nach Bedingungen zu entscheiden, mit welchem Rad ich an den Start gehe. Kendenich nimmt mir die Entscheidung ab, weil im Cyclocross-Rennen nur Crosser erlaubt sind - ergibt ja irgendwie auch Sinn. Weil aber auch ein eigenes MTB-Rennen auf dem gleichen Kurs nach dem gleichen Format ausgeschrieben ist, muss ich nicht lange überlegen und melde beides: Erster Start mit dem MTB um 11 Uhr, zweiter Start mit dem Crosser um 15:40 Uhr - beide Rennen 30 Minuten lang, sollte genug Zeit zum Erholen dazwischen sein. Dazu das vermeintlich einfachere zuerst, danach mit dem Vorteil der Streckenkenntnis ins CX-Race. So weit die Theorie.


In der Praxis stellt sich heraus, dass die Geschichte mit dem MTB weniger einfach ist als gedacht. Meine Fahrtechnik-Skills sind so gut wie nicht vorhanden, schon gar nicht bei solchen matschigen Bedingungen. Der einzige Gedanke, der mir hilft: Das hast du in Daun auch geschafft. Die gleichen Umstände, aber eine viel schwierigere und längere Strecke. Mit richtigen Bergen, richtigen Downhills und nicht so einer Kindergeburtstags-Rutschpartie und einer lächerlichen Treppe, die sowieso alle zu Fuß gehen müssen. Achja, die Treppe. Während ich mich Stufe um Stufe hoch kämpfe, danke ich Markus, dem großzügigen MTB-Ausleiher aus den Coffee & Chainrings-Reihen dafür, dass sein Rad so verdammt leicht ist. Es könnte auch alles noch schlimmer sein!


Das Rennen selbst hält eine neue Situation für mich bereit: Auf dem MTB starten nur vier Frauen, zwei davon habe ich seit Beginn nicht mehr gesehen und die dritte fährt vor mir. Ich überhole sie ausgerechnet an den blöden Strohballen vor der furchtbaren Treppe und muss mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie es ist, so ein Rennen von vorne zu fahren. In Dorsten hat der Plattfuß alle taktischen Überlegungen im Keim erstickt, daher ist die Führungsposition für mich neu. All in und den Vorsprung möglichst weit ausbauen? Auf die Gefahr hin, dann gegen Ende einzugehen? Oder lieber konstant weiter machen und gucken, was passiert? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es geil oder scheiße finde, vorne zu sein, weil diese Position mich unter Druck setzt. Viel entspannter ist ja die zweite Stelle, so lange du den ersten noch im Blick hast - du bleibst dran, machst dir keinen Stress, sparst Kräfte und überholst im richtigen Moment. Oder?


Ich will eine Runde später am einzigen steilen Anstieg ein bisschen zu viel und brauche danach ein paar Meter mehr zum Klarkommen - zack, ist die Zweite wieder an mir vorbei und ich kann in diesem Moment nichts entgegensetzen. So viel zur komfortablen zweiten Position - jetzt habe ich sie und mache rein gar nichts draus. Nochmal rankommen ist utopisch, also konzentriere ich mich wieder auf die Kurven, die Bäume, den Matsch, die Treppen, die Strohballen ... und bringe den zweiten Platz ins Ziel.


Das CX Race 

Vier Stunden später. Nachdem ich eine halbe Stunde lang nass und kalt auf der Suche nach dem Autoschlüssel umher geirrt bin, habe ich mittlerweile geduscht, zum ersten Mal heute etwas gegessen und fühle mich so langsam wieder wie ein Mensch. Ich bin trocken und wenn ich unter dem Heizpilz stehe und die Hände nach oben strecke auch halbwegs warm. Zum Elite-Rennen kommt die Sonne raus, obwohl für den ganzen Tag Regen angesagt war. Ich schaue mir das Duell zwischen MTB- und Rennradprofi auf dem Crosser an - Ben Zwiehoff fährt das Ding vor Nils Politt nach Hause, ziemlich lässig zum Zuschauen. Gerade in dem Moment, als ich so langsam wieder ans Warmfahren denken müsste, schüttet es wie aus Eimern. Ich hab keinen Bock mehr. Nicht nochmal in die Kälte, nicht nochmal nass und dreckig werden, möchte am liebsten einfach nicht starten.


Kneifen ist natürlich keine Option, also drehe ich eine Aufwärmrunde mit dem Crosser. Ich will wissen, wie die Strecke sich auf dem anderen Rad anfühlt, mache mir Sorgen um den steilen Anstieg und vor allem um die Matsche. Bergauf reicht die Kombination von Übersetzung und Beinen nicht - im Gegensatz zum MTB muss ich hoch laufen. Die Matsche ist weniger schlimm als befürchtet - Karlson pflügt sich tapfer durch das, was von der Wiese übrig ist, wenn ich nur nicht zu viel denke, geradeaus schaue und so schnell wie irgendwie möglich durch fahre. So richtig ist die Lust aber immer noch nicht wieder zurück. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, fängt es an zu schneien. Ja verdammt, mir ist kalt, aber doch nicht so! Der Schnee kommt plötzlich und in dicken Flocken. Natürlich bleibt rein gar nichts liegen, aber das ist egal. Ich bin froh, dass der Regen aufgehört hat und von diesen magischen weißen Dingern abgelöst wird. Der erste Schnee! Zum Start des Crossrennens! Kannste dir nicht ausdenken. Wie im Bilderbuch.


Mit dem Schnee kommt schlagartig meine Lust aufs Rennen zurück. Ich will da raus, gucken, was geht und vor allem herausfinden, wie ich mit dem Crosser über den Kurs komme. Ich habe lange nachgedacht, was mich am Rennen Fahren so reizt. Warum brauche ich den Wettstreit? Für die Anerkennung hinterher? Von Freunden und Familie, von mir selbst, online? Alles für die Likes? Wem will ich was beweisen? Es gibt auf Instagram den schönen Hashtag #findsomewheretoloseyourself. Ich verliere mich auf dem Rad. Gleichzeitig finde ich mich. Ich bin so sehr im Moment, im Hier und Jetzt, fokussiere mich auf die Kurven, die Bodenbeschaffenheit, die Schaltung, die Fahrer um mich herum, die Hindernisse, meine Atmung, meine Beine. Nichts anderes ist wichtig. Waren da vorhin noch Magenkrämpfe, Herzschmerz, Weltschmerz, irgendein anderes verdammtes Geschissel? Es ist alles egal. Zählt nicht. Denn ich muss über diese Strohballen.


Wenn acht Frauen und etwa 50 Männer im Rennen sind, ist es ziemlich unmöglich, den Überblick über die eigene Platzierung zu behalten. Ich weiß, dass einige Frauen hinter und andere vor mir sind, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele. Eine Zuschauerin ruft mir "Platz XY!!" zu, ich verstehe nichts, brülle zurück, höre die Antwort nicht. An der Sandgrube kennen Zuschauer meinen Namen, feuern großartig an, aber ich kann nicht aufsehen, bin damit beschäftigt, wieder auf das verdammte Rad zu klettern und einzuklicken. Der Sand und die Matsche in den Cleats machen das unmöglich. Ich donnere die Schuhe wie blöd gegen die Pedale, damit der ganze Scheiß raus fällt, eiere dabei durch die nächste Kurve. Mädchen, irgendwann musst du mal wieder treten!



Ich überhole eine Frau und weiß immer noch nicht, an welcher Position ich jetzt liege. Wenn du keine Ahnung hast, fährst du halt so, als ginge es ums Podium. Geht es auch tatsächlich - allerdings anders als gedacht. Ich werde noch auf der Zielgeraden wieder überholt und dann trotzdem zur Siegerehrung aufgerufen. Zum zweiten Mal heute. Hä? Freude, Verwirrung, zurück in der Realität. Schließlich stellt sich heraus, dass die theoretisch Drittplatzierte gar nicht in der Hobbyklasse hätte starten dürfen - meine Freude ist trotzdem ein kleines bisschen getrübt, weil ich ja eigentlich nur Vierte bin.



Wie auch immer - zwei Rennen, zwei Mal komplett nass und dreckig werden, zwei Räder einsauen bis zum Geht nicht mehr, kein Mal stürzen, zwei Mal aufs Podium klettern dürfen. Das macht Spaß! Weiter geht's am 16. Dezember in Pulheim. Ich freu mich drauf!


Danke an Christian Siedler für Begleitung und fantastische Bilder. Noch mehr Bilder gibt's hier.

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Raceday No. 49 - Rhein City Run 2017

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Halbmarathon also. Der dritte dieses Jahr - sollte eigentlich kein Thema sein. Eigentlich. Wäre da nicht nach der Mitteldistanz im Juni diese Unlust zu laufen gewesen. Im Anschluss standen nur noch zwei Sprint-Triathlons an - wozu für fünf Kilometer trainieren, wenn der Marathon und der Halbe aus dem Triathlon noch so frisch sind? Eben. Nach dem letzten (wunderbaren!) Triathlon im Juli in Hamburg dann: Wieso überhaupt noch laufen? Es ist Sommer, ich will radfahren! Neuer Plan: viele Kilometer auf dem Rennrad und ein paar auf dem MTB. Irgendwann dämmerte es dann: So ganz ohne Laufen wirst du nicht durch den Halbmarathon im Oktober kommen. Verdammt.


Erschreckend, wie schnell die Form wieder gefühlt bei Null angelangt ist, wie zäh die ersten Läufe sind. Und wie mühsam, dass man immer wieder von vorn anfängt, wenn man nicht einmal dran bleibt. Ich bin im Sommer nicht dran geblieben. Von Ende Juli bis zum Halbmarathon Mitte Oktober zählt Strava genau elf Läufe. Elf! Die machen andere in zwei Wochen. Ich trödele stattdessen so rum, quäle mich fünf Kilometer durch den Wald und finde alles scheiße. Es dauert bis Mitte September, bis ich wenigstens den Hauch von Regelmäßigkeit ins Training kriege und sich das Ganze entfernt wieder wie Laufen anfühlt. Fazit: Das mach ich auch nicht nochmal - entweder bleib ich dabei oder ich häng die Lauferei an den Nagel. Dieses Wieder-Anfangen ist Pest und Cholera zusammen!


Es wäre das Einfachste gewesen, den Halbmarathon nicht zu laufen. Warum auch gleich 21 Kilometer? Im Juli und August hat die Strecke mir ernsthaft Sorgen bereitet, aber ich wollte mich nicht abmelden. Wollte zwar auch nicht wirklich was dafür tun, aber trotzdem laufen. Geile Kombination. Das Ganze nur deshalb, weil ich mich zusammen mit drei Arbeitskollegen angemeldet habe. Zwei davon sind krank oder verletzt, der dritte interessiert sich nicht die Bohne für Wettkämpfe und läuft nur, weil ich auch laufe. Und bevor gar keiner von uns an den Start geht, laufe ich eben. Ohne nennenswerte Vorbereitung, ohne Erwartungen, ohne Schlaf (Ironman Hawaii Night lässt grüßen), aber mit Ehrgeiz. Ehrgeiz, das irgendwie zu packen und zu finishen, und am besten bitte auch nicht langsamer als beim letzten Mal. Na klar! Wenns weiter nichts ist!


Ich erwarte nicht ernsthaft, dass ich heute unter 2 Stunden laufe, weil ich nicht mal weiß, ob ich die Distanz überhaupt noch drauf habe. Aber das wäre ja alles noch blöder, wenn es nicht irgendein Ziel gäbe, das mich 21 Kilometer lang beschäftigt - ob ich es hinterher erreiche oder nicht, steht ja auf einem anderen Blatt. Deshalb lautet der Harakiri-Plan: 5:40er Pace von Anfang bis Ende, und zwar zu zweit. Der Kollege hat keine Einwände und keine Uhr, also bin ich für Zeit- und Geschwindigkeitsmanagement zuständig. Super, ich mit meiner oldschool Uhr, die den Puls und die Minuten anzeigen kann, nicht aber die aktuelle Pace. Immerhin kann mir unmöglich langweilig werden, denn ich werde 21 Kilometer lang Kopfrechnen.


In meiner sagenhaften und nicht zum Nachahmen empfohlenen Vorbereitung war keiner der elf Läufe länger als 14 Kilometer. Und nur fünf waren überhaupt länger als zehn Kilometer. Dass ich konditionell halbwegs fit bin, weiß ich vom Radfahren und von der Leistungsdiagnostik, die ich letztens von der Arbeit aus beim Projekt Dein Erster Marathon mitmachen durfte. Die Frage ist also nicht: Schaffe ich das? Sondern: Ab wann tut es weh? Und will ich das aushalten?


Ich weiß es nicht, aber ich bin gespannt darauf und habe Bock, es herauszufinden. Die vergangene Nacht kann in jeder Hinsicht ja nur beflügeln - der absolute Wahnsinn, was Patrick Lange da in Kona für einen Lauf hingelegt hat. Da kriegt man ja schon fast wieder Lust auf Triathlon! Und im Vergleich zum Ironman in den Gluten der Hölle ist so ein kleiner Halbmarathon bei hübschem Laufwetter ja mehr so ein Kindergeburtstag. Go for it!


Aus einem mir schleierhaften Grund starten wir relativ weit vorn aus dem ersten Startblock. Mit der angepeilten Zielzeit von knapp unter 2 Stunden sollten wir eigentlich ganz hinten stehen, aber da wir zu spät sind, quetschen wir uns an der Seite rein und sind jetzt also die Idioten, die den anderen auf den ersten Kilometern im Weg sind. Gar nicht gut fürs Ego, denn alle überholen uns. Wir überholen niemanden. Schade. Immerhin laufen wir den ersten Kilometer exakt mit 5:40 min/km, das muss man ohne GPS-Uhr auch erst mal hinkriegen! Vor lauter Euphorie über mein gigantisches Gefühl fürs Tempo rennen wir die nächsten fünf Kilometer direkt mal zu schnell: jeweils um die 15 Sekunden zu flott. Erst bei Kilometer sieben ziehe ich die Bremse - ich will nicht noch einmal den gleichen Fehler wie letztes Jahr machen, als ich 14 Kilometer lang sehenden Auges ins Verderben gerannt bin und dann nichts mehr ging. Voll vernünftig jetzt und so!


Die Strecke folgt dem Rhein in Richtung Norden und ist wirklich traumhaft. Eine bunte Kette aus 3000 Läufern in allen möglichen und unmöglichen Farben schlängelt sich von Düsseldorf nach Duisburg. In keine Richtung ist irgendein Ende in Sicht. Wunderbar. So langsam knallt die Sonne richtig und ich bin froh, dass ich so wenig wie möglich angezogen habe. Ich bin weiterhin gespannt, was das Experiment Halbmarathon noch so für mich bereit hält und versuche, beim Blick auf die Uhr nicht zu euphorisch zu sein, bevor das Ding im Ziel ist.  Es ist anstrengend, aber läuft.


Ab Kilometer zwölf wird es ein klein wenig zäh, und zwar nicht nur bei mir. Drei Kilometer später trennen sich unsere Wege - das wars also mit dem Plan, zusammen über die Ziellinie zu laufen. Gedanken von Kilometer 15-17: Scheiß drauf, das laufe ich jetzt auch alleine nach Hause! Bei Kilometer 18 dann ein leichter Einbruch begleitet von einer mittelschweren Sinnkrise: Wer zur Hölle braucht schon ein Finish unter zwei Stunden? Keine Sau interessiert das, du hast nicht trainiert, sei froh, dass du überhaupt noch auf den Beinen bist, aber mach mal ein bisschen langsamer, wozu noch quälen?


Kilometer 19 verläuft schon wieder etwas weniger schleppend. Dann der Blick auf die Uhr. Wenn du jetzt die Beine in die Hand nimmst, wird das noch was mit den 2 Stunden! Dazu muss nur aus der aktuellen 6:20 eine 5:20 min/km werden. Wird sie auch. Einen Kilometer lang. Ich renne den 20. Kilometer, als ginge es um Leben und Tod, ich will diese Zeit, will das schaffen, bei diesem verdammt langen Lauf nach dieser verdammt kurzen Nacht. Fünf Minuten später will ich's nicht mehr. Bei der Marke für Kilometer 20 wird klar: Das schaffe ich nicht noch einmal. Auch wenn es nur fünf Minuten sind. Ist nicht. Geht nicht. Ich weiß, dass es nichts mehr wird, aber ich will nicht komplett aufgeben. Ich bin stolz, dass bei so einem Lauf, bei dem ich wirklich mit gar nichts rechnen konnte, ein so knappes Ergebnis raus kommt. Dass ich zwischendurch zwar nicht mehr wollte, aber der Schweinehund nicht das Ruder übernommen hat. Keine wahnsinnigen Einbrüche, keine Wanderungen, alles rausgeholt. Die Beine wollen schon lange nicht mehr, aber der Kopf hat sie ins Ziel getragen. Nach 2:00:30 Stunden.


Das klingt bitter, weil es nur 31 Sekunden sind, die zur sub2 fehlen. 31 Sekunden, die ich zu Beginn zu schnell war, in der Mitte vertrödelt habe und am Ende nicht mehr rausholen konnte. Aber das Fantastische ist: Es juckt mich nicht. Kein Stück. Ich weiß, wie ich mich bei Überqueren der Ziellinie gefühlt habe: Platt, aber glücklich. Und genau so soll es sein. Ich hadere kein bisschen. Denke nicht das Übliche "hättest du mal besser hier oder da dieses oder jenes gemacht". Ich denke: Das habe ich mit unterirdischer Vorbereitung nach einer schlaflosen Nacht ziemlich gut hingekriegt! Und: Neue Bestzeit ist neue Bestzeit, auch wenns nur acht Sekunden sind. Deshalb bin ich auf die Medaille zur Abwechslung mal ehrlich stolz, weil sie mich an zwei Sachen erinnert:
1. Druck raus, Leichtigkeit an! Ich kann das, wenn ich will.
2. Mach nie wieder sone Scheiße ohne Training. Der Muskelkater kam direkt aus der Hölle, war schlimmer als nach der doppelten Strecke und dauerte bis Mittwoch. Don't try this at home!


Danke für bezaubernde und sehr echte Fotos an Christian Siedler. Danke Lena, du treuer Fan! Danke Lukas für 15 Kilometer kurzweilige Begleitung - wir machen das nochmal! 

Dienstag, 10. Oktober 2017

Raceday No. 47 - Münsterland Giro 2017

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"Es ist Oktober und es riecht nach Start und Muskelöl." Was zur Hölle redet der Moderator denn da? Ich weiß nicht, wie Start riecht, aber ich turne gerade in einem Dixi und weiß, dass es hier auf jeden Fall nicht nach Muskelöl riecht. Ich stolpere wieder nach draußen, ziehe eine frische Brise Münsteraner Startluft in die Nase und schiebe Jan in Block B. Der Startblock ist schon ziemlich voll, so dass wir uns ganz hinten einreihen müssen - das bin ich selbst Schuld, weil ich aufs Aufwärmen bestanden habe und auf den extra Skoda-Startblock verzichte, wo auch immer der sein mag. Einerseits, weil ich so kurz vor dem Startschuss keine Zeit mehr mit Suchen vertrödeln möchte und andererseits, weil ich glaube, dass Jan vielleicht lieber nicht alleine hier rumstehen würde. Es ist sein erstes Rennen, er fährt erst seit diesem Frühjahr wieder Rennrad und so langsam beginnt er zu hyperventilieren. Mehr von ihm gibt's demnächst bei Coffee & Chainrings.


Ich murmele irgendwas in Richtung "Wir machen das schon!" und schwupps rollen wir zur Startlinie. Block A ist seit zweieinhalb Minuten auf der Strecke und damit über alle Berge. Wo wir gerade dabei sind: Die Strecke ist flach wie Holland. Ich freue mich darauf, weil sich damit meine übliche "Wann-werde-ich-dieses-Mal-am-Berg-abreißen-lassen-müssen?"-Frage erübrigt. Für mich Klops ist eine flache Strecke der Jackpot. Letztes Jahr bin ich trotz Höhenmetern vierte in meiner Altersklasse geworden, daher ist das Ziel für heute klar: Treppchen. Wenn alles passt.

Und wie es passt. Mit 65 Kilometern ist die Strecke verdammt kurz, deshalb ist meine Taktik nicht sonderlich ausgeklügelt: Vollgas von Anfang an. Ich will hinterher bloß nicht denken, da wäre noch was drin gewesen. Ich will alles rausholen. Dig deep. Die Beine sind gut, der Kopf ist da. Ich habe Bock. Nach fünf Kilometern ist der Schnitt verdammt nah an der 40. Hoppla. Ich weiß nicht, wie lange ich das halten kann, aber ich will es rausfinden. Ich halte mich nicht lange mit zu langsamen Gruppen auf, sondern überhole, wann immer es sich anbietet. Harakiri. Fahre im Alleingang Lücken zu, wenn es sein muss. Das ist der einzige Vorteil beim Start aus dem hinteren Teil des Blocks: Egodusche auf den ersten Kilometern. Das Feld von hinten aufräumen.

Schöne Mischung kurz vor dem Start: Vorfreude und Angst
Ich investiere viel, aber bekomme auch was zurück: eine kleine, aber feine Gruppe, deren Tempo mir genau in den Kram passt. Klein bedeutet, dass jeder mal ran muss - is nix mit hinter 50 Mann im Windschatten verstecken. Ich trage bei, was ich kann und atme durch, sobald ich wieder abgelöst werde - was freundlicherweise meist eher früher als später passiert. Das ist das Geile am Rennradfahren: Zusammen bist du schneller als allein. Es bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken. Meine einzige Mission ist es, dran zu bleiben. Hinterrad halten. Aufmerksam bleiben. Die Position nicht streitig machen lassen. Irgendwann wird die Gruppe größer und ich werde durchgereicht. Das ist scheiße, weil offenbar alle meinen, man müsse in Einer-Reihe fahren und man an Position 18 schon mal leicht übersehen kann, wenn es an Stelle 10 abreißt. Ich versuche, so wachsam zu bleiben, wie es nur geht, aber finde mich mehr als einmal im abgekoppelten hinteren Teil des Zuges wieder und muss zusehen, dass ich den Anschluss an "meine" Gruppe wieder finde. Die drei, vier Trikots, die ich für gut befunden und mir eingeprägt habe, möchte ich bis zum Schlossplatz vor mir sehen.

Mein eigenes Trikot in Skoda-Grün versteckt sich unter meiner Windjacke. Ich bin heute also inkognito als Teil des Skoda Veloteams unterwegs, was eine hübsche Mischung aus Startplatz, Trikot und Rundum-Sorglos-Paket bedeutet: Eigene Pastaparty, Frühstück, Verpflegung nach dem Rennen. Man könnte meinen, diese Auto-Leute seien nur am Essen - festzuhalten ist auf jeden Fall, dass sie sich prima um uns Fahrer und unsere Räder kümmern. Zurück zur Windjacke. Nach 30 Kilometern mit einem Schnitt von 39,5 km/h laut Garmin schlägt die Strecke einen Haken und der Wind kommt mal von vorn, mal von der Seite. Ich bin immer noch in der gleichen Gruppe wie eben, aber anscheinend hat niemand hier dem Wind irgendetwas entgegen zu setzen.

Das coolste Rad habe ich übrigens nicht während des Rennens gesichtet.
Ich weiß nicht, ob die Vorderen kämpfen oder nur rumeiern, aber die Reihen dahinter langweilen sich. Inzwischen sind wir viele und ich bin eingekesselt. Komme nicht raus. Suche mir meinen Weg und komme dann doch raus, aber wo soll ich hin? Wieder Flucht nach vorn, allein? Das probiere ich genau einmal, es kostet sehr viel mehr Körner als eben und bringt genau gar nichts. Aus der breiten Straße wird eine Art schmaler Wirtschaftsweg und hier knubbelt es sich wie auf einer RTF. Weil ich sowieso nirgendswo hin flüchten kann und bei dem Tempo mehr als genug Luft zum Quatschen habe, mische ich mich in das Gespräch meiner beiden Nebenmänner ein. Insgeheim bewundere ich die Oberschenkel des einen schon ein paar Kilometer lang, außerdem fahren beide hübsche Retro Renner. Passenderweise kommt der eine sogar aus Düsseldorf - für Gesprächsstoff ist also gesorgt.

Ganz so viel Zeit zum Unterhalten bleibt dann doch nicht, weil wir auf die Bundesstraße abbiegen, die uns nahezu schnurgerade bis ins Ziel führen wird. Ich hoffe darauf, dass sich hier endlich nochmal was am Tempo ändert, aber die Gruppe ist inzwischen so riesig, dass auf einmal ein ganz anderes Problem auftaucht: Stop & Go. Die Fahrweise ist furchtbar unruhig und mich beschleicht das blöde Gefühl, dass das nicht lange gut gehen wird. Geht es auch nicht: Ein paar Reihen weiter vorne knallt es. Das Geräusch, wie Alu und Carbon auf Asphalt aufschlagen, ist echt das letzte, was man im Rennen hören möchte. Ich widerstehe dem Drang, in die Eisen zu gehen und weiche über den Grünstreifen aus. Glück gehabt. Verdammtes Glück. Nur fünf Kilometer vor dem Ziel ist ein Sturz ja so unnötig wie das ay in okay. Die nächsten Kilometer verbringe ich mit Atmen, Kopfschütteln und diskutiere mit den Nebenmännern, dass das leider absehbar war. Wie schön wäre es, wenn alle mal nicht nur auf sich selbst achten würden, sondern auch auf ihr Umfeld. Wenn sie ihre Kräfte richtig einschätzen, die Aufmerksamkeit oben halten und einfach vernünftig fahren würden. Schließlich wollen wir alle gesund ankommen.

Ohne gute Menschen wäre der Quatsch ja nur halb so schön. Glückwunsch zum Finish an Jan, Annette und Christian! 
Bis zum allerletzten Kilometer dauert es, bis ich den Schreck verdaut habe. Die Ziellinie rückt näher und alle ziehen nochmal am Tempo. Endlich. Ich komme in der großen Gruppe ins Ziel - leider nicht ganz so überglücklich wie letztes Jahr, sondern in erster Linie froh, ohne Zwischenfälle durchgekommen zu sein. Die erste Rennhälfte macht mich zufrieden und stolz - die zweite war ziemlich durchwachsen. Münster selbst kann überhaupt nichts dafür: Die Strecke ist schön, die Zuschauer großartig. Klar gibt es viele Abschnitte, auf denen höchstens mal ein paar Kühe zu sehen sind, aber auch das hat seinen Charme. In den Dörfern sind auf jeden Fall alle auf den Beinen und feuern an, als würde hier später noch die Tour de France vorbei kommen. Kommt sie ja gefühlt auch - die Startliste des Profirennens liest sich einfach mal wie das Who is who des Radsports. Kann man machen!

Bleiben noch die Zahlen:
65 Kilometer, 1:46:11 Stunden, bedeutet 36,7 km/h.
Platz 7 von 40 in der Altersklasse und 18 von 212 gesamt.
Weit weg vom ursprünglichen Ziel, aber dafür mit der Lektion: Selbst wenn die Beine gut sind und der Wille da ist, gibt es im Radrennen noch drölf andere Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen. Muss man ja auch erst mal lernen. Danke Münster, danke Skoda, war schön mit euch! Hoffentlich bis zum nächsten Jahr!

Dienstag, 12. September 2017

Raceday No. 46 - Vulkanbike MTB-Halbmarathon

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Wenn ich die Matschkruste vom Garmin abwische, kann ich für einen kurzen Moment sehen, wie weit wir schon gekommen sind – aber nur so lange, bis neue braune Spritzer die Sicht versperren. 35 Kilometer. Wenn ich mich für die kurze Distanz entschieden hätte, wäre ich jetzt im Ziel. Hab ich aber nicht. Bin ich also nicht. Als ich vor fünf Wochen eine Probefahrt auf dem Mountainbike gedreht habe und es leihweise mit nach Hause nehmen durfte, habe ich beschlossen, dass 35 Kilometer keine Herausforderung sind, die mich reizt. Jetzt habe ich den Salat: 65 Kilometer, 1300 Höhenmeter. In der Eifel. Bei Regen. Selbst Schuld.




Ich versuche, irgendwo den Galgenhumor wieder zu finden, aber ich weiß langsam nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Von Anfang an keine guten Beine, bergauf heißt es also nur irgendwie überstehen. Das habe ich mir selbst eingebrockt, schließlich musste ich die Woche ja unbedingt schon ein Kriterium und ein kleines Cyclocross-Rennen fahren. Bergab kommt die Angst dazu: Ich bin noch nie bei solchen nassen Bedingungen gefahren. Ich vertraue den Bremsen nicht, dem Grip im Schlamm schon gar nicht, fürchte möglicherweise plötzlich auftauchende Wurzeln, Steine oder ganze Bäume. Und ich bin nass. Bei jedem Aufstehen spüre ich, wie ein kaltes Rinnsal an mir herunterläuft und es sich im Polster bequem macht. Widerwillig setze ich mich zurück in die eiskalte Badewanne, die einmal meine Hose war. Zum Glück habe ich mich für die Neopren-Überschuhe entschieden, die immerhin das Gröbste von den Füßen fernhalten. Kalt und nass sind sie trotzdem. Die Handschuhe werden mit der Nässe immer rutschiger. Meine Brille liegt irgendwo in der ersten Abfahrt, stattdessen habe ich jetzt Dreck und eine Fliege im Auge.




Mein Hintern schläft ein. Da ist irgendwas taub geworden und das fühlt sich nicht gut an. Der Matsch ist magnetisch und hält mein Rad und mich am Boden fest. Es geht bergauf, die Beine wollen nicht mehr, die Lunge auch nicht, der Kopf schon längst nicht mehr. Wieder wische ich das Garmin frei. 40 Kilometer. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie zur Hölle ich noch verdammte 25 Kilometer mit wer weiß wie vielen Höhenmetern schaffen soll. Ich weiß es einfach nicht. Die Stimmung ist ganz kurz vorm endgültigen Kippen – und zwar in keine schöne Richtung. Nichts möchte ich lieber als das Rad hinschmeißen, mich daneben auf die Wiese setzen und keinen Meter mehr weiterfahren. Die Zeit anhalten. Sitzen bleiben oder hinlegen, einfach nur abwarten und nichts mehr tun. Das wäre schön. Mir ist alles so egal. Es fehlt nicht viel, aber ich kann das nicht bringen. Ansgar ist direkt hinter mir, ich weiß nicht, wie er das aushält, in diesem nicht vorhandenen Tempo hier den Berg rauf zu kriechen. Wahrscheinlich entdeckt er gerade eine neue Art von Langsamkeit. Vielleicht meditiert er. Vielleicht löst er nebenbei komplizierte Mathe-Aufgaben. Vielleicht schreibt er auch schon mal gedanklich einen Artikel vor. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mir jetzt hier nicht die Blöße geben und mich wie ein trotziges Kind heulend auf den Boden werfen kann.




Der zweite Verpflegungspunkt rettet mich. Anhalten, endlich ein Grund zum Anhalten. Ich will alles. Neues Iso für den Matschhaufen, unter dem sich meine Trinkflasche verbirgt, Banane, Cola. Kurz mal stehen bleiben, die Tränen runterschlucken, durchatmen. Und dann irgendwann weiter. Zu Fuß, weil ich an diesem Anstieg unter gar keinen Umständen wieder anfahren kann. Ich rede mir ein, dass die Cola mich ins Ziel bringen wird. Ich sage es laut, damit ich es selbst glaube. Trag mich ins Ziel, Cola! Noch 25 Kilometer. Wer weiß, was die noch so Schönes bereithalten.
Eine Abfahrt zum Beispiel. Und als ob mir die Tatsache, dass es bergab geht, nicht allein schon hektische Stressflecken ins Gesicht treiben würde, hat diese hier auch noch eine Mischung aus Matsche, Wurzeln, Kurven und Bäumen zu bieten. Ich will da nicht runter. Aber ich muss. Ansgar fährt vor. Ich verliere ihn schnell aus den Augen, suche mir meinen eigenen Weg. Für meine Begriffe ist das hier ganz schön steil. Und rutschig. Geradezu halsbrecherisch. Auf wundersame Weise bringe ich es irgendwie fertig, im Ganzen inklusive Rad unten anzukommen, wo Ansgar auf mich wartet. Ich beschwere mich über die Abfahrt. Er lobt mich, wie gut ich sie gemeistert habe. Vor Schreck falle ich in der Kurve um.



Scheißdreck. Ich würde gerne darüber lachen können, dass ich eine schwierige Abfahrt schaffe, nur um danach wie zum ersten Mal mit Klickpedalen an der Ampel umzukippen, aber ich bin nicht mehr zu Scherzen aufgelegt. Also schon wieder Tränen. Ellenbogen und Knie schmerzen. Jemand hält an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Naja, ein Taxi ins Ziel wäre fein. Nein, keine Hilfe. Ich kündige an, dass ich weiterfahren kann, aber nochmal kurz atmen muss. Beruhig dich. Es geht weiter, zum Glück ist der Weg nicht mehr so anspruchsvoll. Als Ansgar mich kurz wegen einer Pinkelpause allein lässt, kommt der Kloß im Hals zurück. Nicht weil ich alleine bin, zur Abwechslung stresst die Strecke mich gerade wirklich mal nicht, sondern weil ich mir das anders vorgestellt habe. In der kurzen Zeit habe ich in den letzten Wochen das Mountainbiken liebgewonnen, hübsche Unterschiede zum Cyclocross entdeckt und angefangen, eine komplett neue Radsport-Welt ins Herz zu schließen. Und jetzt vergieße ich bittere Tränen, weil mir der Spaß abhanden gekommen ist. Weil mich unter Druck setzt, dass mich alle, aber auch alle überholen. Bergauf, bergab, auf flacher Strecke. Weil es mich danach genauso beunruhigt, dass niemand mehr in unserer Nähe ist. Sind wir die letzten? Weil meine Beine und ich heute keinen Berg mehr hoch wollen. Weil ich in fast jeder Abfahrt Angst habe.

Ich muss aufhören. Aufhören zu heulen und das irgendwie zu Ende bringen. Wenn Ansgar gleich zurück kommt und ich immer noch so aufgelöst bin, wird der arme Kerl ja gar nicht wissen, was er noch mit mir machen soll. Also Zähne zusammenbeißen jetzt. Doofe Mantras aufsagen. Es geht, so schnell es geht und es dauert, so lange es eben dauert.


Bei einer wirklich furchteinflößenden Abfahrt empfehlen die Jungs von der Feuerwehr den Chickenway. Ich hake nochmal nach, ob die Abkürzung wirklich erlaubt ist und muss dann keine Sekunde mehr überlegen. Wenn die Streckenposten das Stück schon als “ziemlich heikel” ankündigen, bin ich der letzte Mensch, der da runter fahren wird. Nur noch zehn Kilometer. Das könnte also doch noch was werden mit der Ankunft im Ziel. Der letzte richtige Anstieg wartet bei Kilometer 53,5: Er ist 1,2 Kilometer lang und hat 10 % Steigung. Also genau das richtige zu diesem Zeitpunkt. Ich habe nicht mehr die Beine und nicht mehr den Biss, hier irgendwie hoch zu kurbeln. Also gehe ich zu Fuß. Konditionell kommt das von der Anstrengung her ungefähr aufs Gleiche raus, aber die Beine kommen auf Laufen besser klar. Mir ist nichts mehr peinlich. Selbst hier hoch wandern ist anstrengend, aber fühlt sich nicht mal so wahnsinnig nach Versagen an, sondern nur wie der Versuch, irgendwie diese verdammte Ziellinie zu erreichen. Die folgende Abfahrt führt über eine steile, rutschige Wiese mit Kurve. Ich klicke auf einer Seite aus und balanciere wie ein Seiltänzer über dem Abgrund. Nur eben ohne Eleganz.

Die Strecke führt noch einmal an einem der Maare vorbei und dafür liebe ich diese Vulkanbike-Geschichte wirklich. Sofern man Zeit zum Gucken hat, ist der Ausblick unheimlich schön. Ich genieße die spärlich gesäten Momente, die mich nicht stressen, die einfach schön sind. In denen man die Konzentration nicht bei 150 % oben halten muss, sondern mal kurz atmen und sich umsehen kann. Der Blick auf das strahlend blaue Wasser, das wunderschön und zugleich ein bisschen gruselig ist und mich an Top Of The Lake denken lässt. Der märchenhafte Tunnel aus Bäumen, den die Sonne hellgrün leuchten lässt. Die Ponys am Streckenrand, die ungerührt weiter grasen und denen es scheißegal ist, ob hier gerade hunderte Radfahrer vorbei kommen oder nicht. Die kleinen Bäche und Teiche, einsame Hütten und Bänke, die dazu einladen, sich niederzulassen und eine Brotzeit zu zelebrieren. Ja, es ist wirklich wunderschön rund um Daun. Man kann hier bestimmt super mountainbiken und nen tollen Tag haben. Bei schönem Wetter. Ohne einen Beinahe-Herzstillstand nach dem anderen.


Mein Lichtblick ist ein Radweg, den Ansgar mir schon vor einigen Kilometern angekündigt hat. Schon seit einer Weile freue ich mich über jedes noch so kurze Stück Asphalt, weil die technischen Herausforderungen dabei gleich Null sind, weil der Kopf entspannen kann, weil es hier einfach rollt. Jeder normale Mountainbiker schläft wahrscheinlich vor Langeweile ein, aber ich sehne das bekannte Terrain herbei. Der Radweg ist fantastisch. Obwohl es ziemlich spaßbefreit ist, mit einem MTB auf Asphalt zu versuchen, schnell zu fahren, freue mich wie ein Kind an Weihnachten. Ist das schön! Oh, wie sehr ich diesen Radweg liebe. Bei knapp 40 km/h und mit Wind im Gesicht fühle ich mich endlich wieder zuhause. Das Herz schlägt stärker für die Straße. Noch.

Der letzte Anstieg mit 8 % nervt nochmal, aber er ist kurz und das Ziel ist nah. Diese beschissene Ziellinie. Vor ein paar Stunden hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich sie aus eigener Kraft erreichen würde. Dummerweise ist es ja genau das, was uns immer wieder diese bekloppten Sachen machen lässt.



Ansgar entdeckt Denise und Christian am Rand, diese fantastischen Menschen, die nicht nur mit mir hier hin gefahren sind, sondern die mich sogar gefahren haben, damit ich im Auto noch dösen konnte. Die den halben Tag im Regen an der Strecke verbracht haben, um mich matschiges Etwas viereinhalb Stunden später wieder in die Arme zu schließen. Die Triathlon-Gang kann auch MTB - danke dafür!




Ein riesiges Dankeschön geht auch von Herzen an das Coffee & Chainrings Team, das mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ohne die Großzügigkeit und das Vertrauen von Markus wäre mein Start nicht möglich gewesen - denn dann hätte ich nämlich nicht nur 1,5 Kilometer laufen müssen, sondern die komplette Strecke. Danke für die Fahrrad-Leihgabe und das unermüdliche Bestärken, dass ich das kann. Gleiches gilt für Daniel: Danke fürs Zeit Nehmen und Motivieren. Tim, auch wenn deine Pläne manchmal vielleicht utopisch sind, hast du mir trotzdem Mut gemacht. Ansgar, ich habe es schon während unserer Reise oft genug festgestellt: Ohne dich wäre das extrem schwierig bis unmöglich geworden. Danke für deine Begleitung und fürs ins Ziel Schleppen! Das hast du ziemlich gut hingekriegt!

Und bevor sich das jetzt in Richtung Oscar-Rede abdriftet: Ist ja schon gut, ich verspreche euch, ich mach das nochmal!

Die Ergebnisse findet ihr übrigens hier bei Coffee & Chainrings.




P.S. Wer aufgepasst hat, wundert sich vielleicht über Raceday No. 46, weil der letzte Artikel über die Cyclassics die 43 hat. Das liegt daran, dass No. 44 das Wappen von Pulheim und No. 45 die Cyclingworld Cyclocross Challenge ist - auch wenn die keine eigenen Artikel bekommen haben, will ich mal in alter Frank-Turner-Manier richtig weiter zählen.

P.P.S. Wahrscheinlich ahnt ihr es schon, alle Bilder stammen vom großartigen Christian Siedler. Danke!