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Samstag, 27. August 2016

Raceday No. 19 - EuroEyes Cyclassics Hamburg 2016

Kommentare :
Ich nehme zwei übertriefende Hände voll Rennradliebe, gieße sie in diesen Artikel und hoffe, sie fließt bei euch aus dem PC oder Handy wieder heraus. Ganz genau so und nicht anders ist das nämlich mit den Cyclassics. Was soll eigentlich noch kommen, nachdem mit dem RAD RACE Battle am Samstag der coolste Teil des Wochenendes schon abgehakt ist? Denkste.


Das Abholen der Startunterlagen geht super schnell - das Inspizieren des Startbeutels allerdings auch. Papiermüll, oh es gibt ein Rad zu gewinnen, Papiermüll, was zur Hölle soll ich mit After Shave??, Wasser (praktisch, aber... naja Wasser!), Riegel (taxofit - ungefähr das beste, was der Beutel zu bieten hat - nur dass es die gleichen auch bei der Nachzielverpflegung gibt), Trinkflasche (schönes Grün! Aber nicht an Bruno...), Teilnehmerinfos. Ganz praktisch, um die Gefahrenstellen auf der Strecke vorab schon mal zu checken (und schön blöd, wenn man dann während der Bodenwellen gerade nur eine Hand am Lenker hat, weil man ja ausgerechnet kurz vorher trinken musste). Mir ist durchaus klar, dass es auch für Sponsoren nicht gerade einfach ist, kostengünstig 20.000 Beutel zu füllen, aber hier ist echt noch Luft nach oben. Aber zum Glück nehme ich nicht wegen der Startbeutel teil, sondern weil ich Rennrad fahren will. Insgesamt bin ich nicht mehr so aufgeregt wie vor dem Velothon in Berlin, ich habe keine Angst. Ich fürchte allerdings, das Rennen könnte im Vergleich zum Battle etwas langweilig werden. Ich weiß ja jetzt, was auf mich zukommt. Diese Magie, etwas zum allerersten Mal zu machen, vermisse ich.


Am Vorabend veranstalten wir unsere eigene Pasta-Party. Mein unschlagbarer Plan, die Sauce aus dem Glas wenigstens mit frischem Gemüse zu bereichern, wird von der Meute nur unter Protest hingenommen. Nachdem die Nudeln (und das Grünzeug) allerdings ohne eine verzogene Miene verputzt sind, besprechen wir unsere Ziele und die Taktik fürs Rennen. Mein Plan sieht vor, schneller als in Berlin zu sein - einen Schnitt von 33,77 km/h gilt es zu schlagen, also wären 34 jetzt schön. Denk ich mir so in all meiner Naivität und mit nicht vorhandener Renn-Erfahrung. Allerdings kenne ich die Strecke nicht und weiß nicht, wie schlimm der Kösterberg wirklich ist, vor dem alle so eindringlich warnen. Wir sind zu dritt und wollen zwar zusammen starten, aber nicht unbedingt zusammen ins Ziel kommen. Ich habe keine Lust, Rücksicht auf irgendwen zu nehmen und möchte andersrum auch nicht, dass jemand auf mich warten muss - wobei ich mir insgeheim als zweites Ziel vorgenommen habe, vor den Jungs zu finishen. Die trauen mir allerdings noch nicht mal den 34er Schnitt zu ("Du kennst den Berg ja nicht! Den darf man echt nicht unterschätzen!"), was bei mir nicht unbedingt dazu beiträgt, den Plan nochmal zu überdenken. Im Gegenteil. Challenge? Accepted!


Start ist um minus 1000 Uhr. Für meinen Startblock zwar erst um 7:58, aber das bedeutet, man soll sich zwischen 7:18 und 7:48 dort einfinden. Puh. Weil ich ungern aus der allerletzten Reihe starten will und auch noch meinen Kleiderbeutel abgeben muss, fahre ich alleine schon mal etwas früher als der Rest los. Die Lust auf das Rennen ist schlagartig da, als ich in der Schanze die ersten anderen Rennradler entdecke, die sich unter Party-Zombies mischen und Richtung Start rollen. Wir sind alle aus dem gleichen Grund hier. Haben alle das gleiche Ziel. 20.000 Starter. Beim größten Radrennen Europas. Ich hab Bock!


Ich treffe die Jungs im Startblock wieder. Ganz schön voll hier, aber trotzdem total entspannt. Endlich dürfen wir losrollen - aus Block G bis zur Startlinie sind das ein paar hundert Meter. Wie beim Velothon ist auch hier der Start gemächlich - wir hoppeln über die Matte für die Zeitmessung, keiner ballert sofort los. Mir geht das alles viel zu langsam, aber die Muskeln sind kalt, erst mal einrollen, Geduld. Scheiß drauf, wenn ich eins nicht habe, ist es Geduld! Ich will nicht warten. Nach zwei Kilometern habe ich wirklich keine Lust mehr auf Bummeln und ziehe das Tempo wenigstens mal auf 30 km/h an. Schon besser. Fühlt sich aber immer noch langsam an.


Wir radeln an "unserer" U-Bahn-Station vorbei. Es geht leicht bergauf, es ist mir egal, ich spüre gar nichts. Eine erste kleinere Abfahrt, ich bin mittlerweile gut drin und ziehe das Tempo auch in der Ebene auf irgendwas zwischen 36 und 40. Es läuft. Gefühlt sind die meisten hier routinierter als in Berlin, nur wenige eiern in der Mitte rum, links überholen klappt wunderbar. Vielleicht bin ich auch selbst einfach entspannter. Ziemlich schnell ist die Umgebung ziemlich ländlich. Es geht raus aus Hamburg und bei Schenefeld auf die L103. Eine Landstraße mit Mittelleitplanke - fühlt sich an wie eine Autobahn und ich liebe sie sofort. Wie toll ist der Asphalt hier denn bitte? Ich habe Glück und finde einen Zug, dessen Geschwindigkeit perfekt passt. Das scheint die Mannschaft irgendeines Firmenteams zu sein und einige andere Fahrer haben sich bereits dran gehängt. Ich jetzt auch. Den Firmennamen kann ich nicht entziffern, aber während der nächsten Kilometer habe ich viel Zeit zu studieren, dass sich die Radler vor mir im normalen Leben mit Industriereinigung, Gerüstbau und all solchen Sachen beschäftigen.


Die Gruppe ist fantastisch. Insgesamt bestimmt um die 15, 20 Leute, mal fahren wir Einerreihe, meistens Zweierreihe. Ich kann gar nicht anders, der Windschatten saugt mich einfach mit und wir fliegen über die Autobahn Landstraße. Ich erkläre diesen Teil schon bei km 15 zu meinem Lieblingsstück der Strecke. Ich liebe die Geschwindigkeit, die Gruppe und bin einfach nur froh, dass es so verdammt gut läuft. Ohne Absprachen wird durchgewechselt, das Tempo ist hoch, aber gleichmäßig. Besser gehts nicht! Ich möchte ewig so weiter machen.


Dann kommt eine Kurve und meine neue Lieblingslandstraße ist vorbei. Schade. Insgesamt gerade mal 21 km gefahren. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo wir sind, aber die Dörfer werden immer kleiner. Raus aufs Land. Idyllisch. Und einsam. Die Gruppe ist noch immer zusammen, mittlerweile blicke ich die meiste Zeit auf einen Rücken mit der Aufschrift "Spätzle-Power". Mhm, Nudeln. Generell sieht man in so einem Radrennen ziemlich viele Ärsche, Trikotaufschriften und wenig Landschaft, aber ich bemühe mich, alles um mich herum aufzusaugen. Unser Zug funktioniert einfach viel zu gut, als dass ich mich ausklinken wollte. Ich schiele auf den Tacho. Ungefähr bei km 39 kommt der Berg. Der hat übrigens eine extra Bergwertung ("Unterschätz auf keinen Fall den Berg! Da hab ich schon Leute hoch schieben sehen!"). Mensch Hamburg, was hast du mit uns vor?

In Wedel sehen wir zum ersten Mal die Elbe (und die Bodenwellen) und dann geht es schon mal leicht bergauf - eine gute Einstimmung auf das, was noch kommt. Und eine gute Gelegenheit, die Beine ein klein wenig zu schonen. Zumindest, wenn man die Vernunft gewinnen lässt. Aber schlau ist langweilig. Und pure Vernunft darf niemals siegen. Wir knallen den Anstieg auf dem großen Blatt mit einem 30er Schnitt hoch. Puh. Kann man machen. Die Gruppe bleibt bis zum Kösterberg zusammen, dann reißen ein paar aus und die meisten fallen zurück. Ich bin irgendwo alleine in der Mitte und mache mein eigenes Ding. Erste Zeitmessung für die Bergwertung. Na dann wollen wir mal!


Das hier soll der so großartig angepriesene Berg sein? Das alpine Schreckgespenst im Hamburger Westen? Mittlerweile habe ich gelernt, dass es gar nicht mal DEN Kösterberg gibt, sondern nur Grotiusweg und Kösterbergstraße. Pfffft. Ich sehe es gar nicht ein, dafür aufs kleine Blatt zu schalten. Wiegetritt olé. Das steilste Stück hat wohl an die 6 % Steigung, aber es ist kurz. Der ganze Berg ist kurz. Haben die mich alle verarscht? Auf einmal ist es schon wieder flach. Hä? Das Stück Kopfsteinpflaster ist nicht schön, aber geht vorbei. Nach einer Kurve gehts nochmal rauf und ich erwarte, dass die Oberschenkel dann spätestens jetzt richtig leiden müssen. Der absolute Kracher bleibt allerdings aus und nach gut 500 Metern ist der Spaß vorbei. Ok Hamburg! Du meinst es gut mit uns. Direkt um die Ecke ist übrigens der Waseberg, den die Profis nachmittags gleich mehrfach bezwingen dürfen - mit bis zu 15 % Steigung nochmal ne deutlich andere Hausnummer. Ich bin trotzdem froh, dass das Schlimmste überhaupt kein bisschen schlimm war und habe für die letzen 15 km nur noch eines im Sinn: Tempo.


Es läuft einfach zu gut, um nicht schneller zu fahren. Trifft sich auch gut, dass es erst mal 5 km bergab geht. Genau bei km 46 spült die Strecke uns an die Elbe. Ach, Hamburg! Wie schön du bist. Noch 10 km. Elbchaussee. Wir kennen uns noch vom Hamburg-Triathlon vor ein paar Wochen. Ich liebe die Strecke. Sie ist ehrlich. Geht nur geradeaus. Und rauf. Ich spüre keine Anstrengung mehr, bin völlig besessen davon, ins Ziel zu rasen, möglichst schnell, auch wenn es gerade so schön ist - die alte Zwickmühle. Eine richtige Gruppe findet sich nicht, aber ein paar einzelne, die ähnlich denken. Das Ding nach Hause fahren. Und auf einmal fliegst du mit 37 Sachen bergauf, als gäbe es kein Morgen.

Noch 5 km bis zum Ziel. Es geht über die Königstraße, dann die Reeperbahn. 2 km. Kein Außen mehr. Kein Halten mehr. Noch drei Kurven. Vorbei am Rathausmarkt. Auf die Mönckebergstraße. Hier bin ich gestern schon beim Battle hochgesprintet. Jetzt sind noch mehr Zuschauer da und machen aus der Einkaufsstraße einen beschissenen, lauten Zielkanal. Gemütlich über die Ziellinie rollen kommt überhaupt nicht in die Tüte, von daher: all out. Ich will mir hinterher nicht vorwerfen können, nicht alles gegeben zu haben. Noch Luft nach oben gehabt zu haben.


Keine Vorwürfe. Nur Euphorie! Liebes Hamburg, das hat sehr viel Spaß gemacht!

Ich habe keinen Sturz gesehen, das Wetter war untypisch spitzenmäßig und es gibt einfach echt mal absolut nichts, das besser hätte laufen können. Einziger Kritikpunkt vor allem im Vergleich zum Velothon: Die Sehenswürdigkeiten am Streckenrand sind doch eher spärlich gesät. Die Dörfer rund um Hamburg sind zwar schön, aber nichts besonderes. Deshalb muss ich im nächsten Jahr definitiv auf der 100-km-Strecke an den Start gehen und mich die Köhlbrandbrücke hoch quälen. Ich freu mich drauf!

Meine Cyclassics in Zahlen:
56,7 km
1:36:17
Schnitt 35,33 km/h

Platz gesamt: 939 von 5063
Platz bei den Frauen: 62 von 1025
Platz in der Altersklasse: 19 von 165
Bergwertung: 24 von 1025

Ich gebe normalerweise nicht viel auf die Platzierungen. Aber wenn ich mir überlege, dass ich vor zwei Jahren nicht mal ein Rennrad besessen habe und die Cyclassics mein zweites Rennen waren, dann bin ich da grade einfach mal fucking stolz darauf. "Ist ja bei den Frauen auch nicht so schwer, vorne dabei zu sein" - alles schon gehört. Fahrt erst mal selber schneller.


Danke, dass ich das alles mitmachen durfte, für die Möglichkeit, für das Markenbotschafter-Dasein. Diese Radrenn-Sache zu machen, war eine der besten Entscheidungen des Jahres. Warum? Weil das einfach mit nichts vergleichbar ist. Die gesperrten Straßen, die großartigen Abschnitte der Strecke, die Gruppen, die sich gegenseitig ziehen und blind verstehen, die verdammte Geschwindigkeit. Die Beine, die kurbeln, kurbeln, kurbeln. Das Herz, das spätestens beim Blick auf den Tacho einen Sprung macht. Aus eigener Kraft lange schnell fahren ist offenbar ein simples Rezept, um mich sehr glücklich zu machen. Wir sind in Hamburg, ich möchte Enno Bunger zitieren: "Es gibt Dinge, die begreift man nur, wenn man sie nicht erklärt." Das hier ist so ein Ding.

Wer jetzt Lust bekommen hat und auch mal Rennluft schnuppern will: Eine sehr gute Gelegenheit gibts am 18. September 2016 zuhause in Düsseldorf: Das alltours Race am Rhein auf einem Teil der Tour de France Strecke 2017. Ich bin dabei. Wer nicht radeln will: Helfer werden auch noch gesucht, klickt mal rein.

Fotocredits: Alle bis auf das erste Medaillenfoto: Christian Siedler.

Donnerstag, 25. August 2016

Raceday No. 18 - RAD RACE Battle Hamburg 2016

Kommentare :

Ob es wohl eine gute Idee ist, am Tag vor den Cyclassics ein Sprintrennen zu fahren? Antwort Freund 1: "Also ich würds ja nicht machen!" Antwort Freund 2: "Bist du bescheuert?" Antwort Freund 3: "Coole Sache, hast du denn ein Outfit dafür?" Scheiße, nein, hab ich nicht. Beim RAD RACE sind nur coole Leute mit coolen Rädern am Start und ich komm dann da mit meinem Altherren-Bianchi und rosa Helm an? Jo. Genau so siehts aus.

In Hamburg fährt das Fahrrad außerhalb der Stoßzeiten kostenlos mit - yay!
 

Das RAD RACE Battle funktioniert simpel: 190 Meter die Mönckebergstraße raufballern. Gestartet wird wie beim Zeitfahren von einer Rampe im sogenannten gehaltenen Track Stand, das heißt man sitzt fahrbereit und eingeklickt auf dem Rad und wird von hinten festgehalten. 128 Männer und 32 Frauen fahren gegeneinander, bei den Jungs in den ersten beiden Runden 4 gegen 4, wobei die ersten zwei weiter kommen, und bei uns Mädels direkt 1 gegen 1 und die schnellere ist in der nächsten Runde. Am Ende weiß man, wer die besten Sprintbeine hat oder einfach nur die coolste Socke ist.


Samstagnachmittag in Hamburg, das RAD RACE hat die Zielgerade der Cyclassics gekapert, die Rampe und eine Nebelmaschine aufgebaut, ein paar Fahnen aufgehängt und die Musik aufgedreht. Gute Musik! Rise Against. Jimmy Eat World. Ich bin ja fest davon überzeugt, dass Leute, die gute Musik hören, keine schlechten Menschen sein können. Trotzdem steh ich erst mal wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rum und traue mich nicht so recht zum freien Training. Ich möchte unbedingt üben, die Rampe runter zu fahren, weil ich immer noch nicht weiß, mit welchem Gang ich starte.


Letzte Woche habe ich genau einmal sprinten geübt: Aus dem Stand, eingeklickt in beide Pedale, mit festgehalten werden und dann 200 m treten, was die Beine hergeben. In der Theorie. In der Praxis hatte ich eine Scheißangst, dass ich nicht sicher genug festgehalten werde, sofort umkippe oder spätestens dann zur Seite plumpse, wenn man mich loslässt und ich starten soll. Ich musste feststellen, dass 200 m so kurz gar nicht mal sind und dass man die Wahl hat zwischen einem relativ leichten Antritt, dann aber später schalten muss, oder direkt einen dicken Gang nimmt, um das Schalten zu vermeiden und dafür am Anfang aber nicht von der Stelle kommt. Zwickmühle. Schließlich überschlagen sich die Experten und ich bin kurz vor dem Rennen soweit gehirngewaschen, dass mir der Gedanke: "Wer schaltet, verliert sofort!" erfolgreich implantiert ist. Mit der Rampe soll aber alles besser werden.


Nachdem ich die Lage ausführlich sondiert habe, entscheide ich mich für einen Kaltstart von der Rampe. Es stehen zwar Rollentrainer zum Aufwärmen bereit, aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich da sturzfrei mit dem Rad rauf und wieder runter kommen soll, also lasse ichs bleiben und klettere lieber die Rampe rauf. Und damit das hier nicht läuft wie bei meinem Tattoo, als die Tätowiererin munter drauf los stach und nach der halben Eule erstaunt feststellte: "Oh! Das ist dein erstes Tattoo? Achso!!!" und ich kurz darauf das Bewusstsein verlor, erzähle ich dem Helfer da oben auf der Rampe direkt mal als allererstes, dass das hier meine Premiere ist und ich mich über Tipps freue. Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?!


DO EPIC SHIT. Drucken die RAD RACE Leute auf ihre T-Shirts. Wenn es episch ist, von einer beknackten Rampe zu rollen, dann mache ich das jetzt also. Ich klettere aufs Rad, klicke auf beiden Seiten ein und werde dieses Mal nicht so wackelig wie beim Üben gehalten. Alles cool. "Sag Bescheid, wenn du so weit bist." Äh. Jo. Er lässt los, ich trete an, Bruno rollt. Haha! Das ist großartig! Die Rampe ist spitze, die Strecke super. Es geht leicht bergauf, ich spüre nichts davon. Ich traue mich nicht, voll reinzutreten, will die Kräfte fürs Battle aufsparen. Aber irgendwie muss ich das mit dem richtigen Gang jetzt rauskriegen. Also gleich nochmal.


Nach ein paar Proberunden weiß ich, welchen Gang ich fahren will ("Wer schaltet, verliert!") und treffe endlich Katharina, meine Gegnerin im ersten Battle. Nachdem die Startlisten raus waren, hatte ich versucht rauszukriegen, mit welcher Rakete ich es zu tun bekomme und trotz meiner machmal NSA-verdächtigen Recherche-Skills genau gar nichts rausgefunden. Meine ungooglebare Konkurrentin ist mir so unbekannt dann allerdings doch nicht: Wir folgen uns auf Twitter und Instagram, sie liest hier schon eine Weile mit und tatsächlich bin ich ein kleines bisschen mit Schuld daran, dass sie an diesem Wochenende überhaupt in Hamburg ist. Nach meinem Bericht vom Velothon kam sie auf die Idee, mit dem soeben neu erworbenen Rennrad nicht nur bei Triathlons zu starten, sondern dass Radrennen ja auch ne ganz lustige Sache sein könnten. Unglaublich! Wenn meine Schreiberei hier so was bewirkt, macht mich das unheimlich glücklich und ein kleines bisschen stolz. Sentimentale Kackscheiße beiseite, jetzt sind wir Battle-Gegnerinnen. Tatsächlich haben wir beide nicht damit gerechnet, auch nur eine einzige Runde weiter zu kommen, aber da wir ja jetzt gegeneinander antreten, dämmert uns langsam, dass eine von uns gewinnen und ins Achtelfinale einziehen muss. Nur eine kann Germany's Next... Ach egal.

Zuerst sind die Männer dran, und zwar so lange, bis von 128 nur noch 32 übrig sind. Genug Zeit zum Zuschauen, Leute treffen, die Hände wie eine Wahnsinnige an die Bande klatschen und dann - warm machen. Ich komm ja nicht drum herum. Nachdem ich mittlerweile festgestellt habe, dass hier keiner beißt, quatsche ich einfach das erstbeste Mädel an, das gerade erfolgreich von der Rolle runtergeklettert ist. Sie erklärt mir wie es geht (eigentlich total einfach, aber ey! Man weiß ja nie!) und verrät mir, dass sie heute auch zum ersten Mal mit dem Rad auf der Rolle war. Fazit nach dem Aufwärmen: Wie geil ist das denn bitte? Ich brauch ne Rolle! Und zwar ne freie! Hey RooDol, wie wärs mit uns? ;-)

Katharinas und mein Start rückt näher. Wir warten unten vor der Rampe und ich schiele auf ihr Ritzelpaket. Was für einen Gang sie wohl fährt? Einen leichten. Einen deutlich leichteren als ich. Scheiße. Damit kommt sie bestimmt am Start besser weg. Sind 190 m zu kurz, um sie wieder einzuholen? Ich schalte einen Gang runter. Und wieder hoch. Ist doch bescheuert, ich ändere doch jetzt nix an meiner Taktik, nur weil sie so einen niedrigen Gang fährt! Vielleicht schaltet sie ja ("Bloß nicht schalten!!"). Aber der dicke Gang ist am Anfang schon doof. Ich schalte wieder runter. Und bleibe dabei. Himmel!


Wir müssen auf die Rampe. Ich erwische nicht meinen Lieblingsfesthalter, der mich zu Beginn so nett eingewiesen hat, aber der andere macht das auch gut. Da stehen wir also oben auf der Rampe. Absurd, ausgerechnet Katharina und ich. Der Moderator nennt unsere Namen, wir sitzen bereits startklar auf den Rädern, meine Beine sind aus Pudding. Ich versuche, gleichzeitig fokussiert und möglichst böse nach vorn zu gucken. Starre das Ziel an. Der Moderator erzählt immer noch, meine Beine zittern mittlerweile, wann gehts denn endlich mal los? Countdown. "5, 4, 3, 2, 1, KICK IT!"



Ich kicke es. Start-Ziel-Sieg. Komme gut von der Rampe, kurbele was das Zeug hält, freue mich über den unfassbaren Lärm, den die Zuschauer genau dann produzieren, wenn ich an ihnen vorbei fliege und dann bin ich als erste im Ziel. Sauber! Achtelfinale! Erst mal bei Katharina entschuldigen, dass ich sie so abgezogen habe. Wieder ist ein bisschen Zeit, bei den Kerlen zuzuschauen, dann gehts wieder auf die Rolle, mittlerweile bin ich darin Profi. Ein Blick auf die schlaue Liste verrät mir die Startnummer meiner nächsten Gegnerin. Sie sitzt auf der Rolle neben mir. Ich schiele möglichst unauffällig rüber. Na prima. Sie fährt ein Fixie. Nicht irgendeins, sondern so ein fancy geschecktes von 8bar, dazu das passende Trikot und ich bin mir sicher, dass mein zweites Battle das letzte für heute sein wird.


Scheiß auf ne vernünftige Aeroposition! Ich bin ein Erdmännchen!
Nun denn. "KICK IT!" Wieder komme ich grandios schnell von der Rampe und überlege noch währenddessen, ob das wohl schon als Fehlstart durchgeht. Von meiner Nachbarin ist nichts zu sehen - vielleicht wird das ja doch noch was? Sieht gut aus. Bis ein bunt gefleckter Blitz an mir vorbei schießt. War klar. Vorher philosophiere ich noch wild, dass die Fahrer auf dem Fixed Gear höchstens am Anfang ein klein wenig im Nachteil sind, aber wenn sie das Teil einmal ans Laufen gebracht haben... ist nix mehr zu machen. Verdammt, warum genau hatte ich mich eben für den niedrigeren Gang entschieden? Ich versuche nochmal ranzukommen - keine Chance. RAD RACE Battle, das wars! Ich will meiner Gegnerin zum Sieg gratulieren, aber sie muss erst mal gefühlt einen Kilometer ausrollen. Hoffentlich gewinnt sie das Ding jetzt wenigstens! Alles Daumen drücken hilft allerdings nichts, in der nächsten Runde fliegt sie auch raus. Schade.


#raceface - wäre eigentlich auch mal ne schöne Fotoreihe
Nach dem Battle bleibt ein kleines bisschen was-wäre-wenn und hätte-ich-nicht-doch-noch übrig. 190 Meter sind arschkurz, da muss alles verdammt gut passen - von der ausgelosten Gegnerin bis zur richtigen Übersetzung und den Beinen, die nur eine einzige Chance haben. Das macht das Format knallhart - aber auch saugeil. Bis zum nächsten Mal optimiere ich die Aerodynamik und übe den einen oder anderen Sprint - Ortsschilder sollten fürs erste ja auch reichen. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, ich will nochmal! Wenn ihr mal die Gelegenheit habt, bei einem RAD RACE zuzugucken oder zu starten: Macht das! Unbedingt!


Fotocredits: Christian Siedler. Merci.
Noch mehr absolut sehenswerte Bilder vom gesamten RAD RACE Battle findet ihr hier.

Donnerstag, 11. August 2016

Slow fat triathlete - Handlungsempfehlung für den Umgang mit Idioten

Kommentare :
In den letzten Tagen machte ein Bericht einer Triathletin im Netz die Runde, der mich zuerst sprachlos und dann wütend gemacht hat. Nicht nur mich, sondern hunderte, die auf allen Kanälen munter kommentierten. Wer's nicht mitgekriegt hat, bitte einmal hier entlang und Christinas etwas anderen Rennbericht lesen. Kurz: Sie wurde während eines Wettkampfs von Zuschauern behindert und als "fette Sau" beschimpft. Dass das gar nicht geht, da sind wir uns wohl alle einig. Nun, nicht alle: Ein Kommentator war der Meinung, das Problem läge ja eindeutig bei ihr selbst - achja, klar. Manche fassen sich eben auch an den Kopf und greifen ins Leere. So. Im Prinzip wäre dazu jetzt alles gesagt. Einige Blogger-Kollegen wie der Trailrunner's Dog fordern mehr Respekt, Triathlove macht die Geschichte richtig sauer. Mich auch. Mich macht vor allem sauer, dass wir über das Thema überhaupt sprechen müssen.


Und weil ich ja nun mal optisch auch nicht gerade dem Idealbild einer Triathletin entspreche, betrifft mich das Ganze auch. Ich habs nur noch nie thematisiert. Ich will schon lange einen Artikel schreiben, der bisher noch nie so richtig raus wollte, aber jetzt ist verdammt nochmal der richtige Zeitpunkt dafür. Wilde Aneinanderreihung von Gedanken und Erlebtem:

2014. Kurz vor meinem ersten Triathlon. Mir dämmert, dass ich in einem hautengen Anzug nicht nur schwimmen und radfahren, sondern auch noch laufen muss. Ich möchte den Anblick eigentlich keinem antun und ich möchte vor allem nicht diejenige sein, die ihre schwabbeligen Beine, Po und Bauch im Einteiler durch ihre Heimatstadt schiebt. Ein Telefonat mit Georg, Triathlon-Urgestein aus dem Ort und Organisator des Ratingen-Triathlons, stimmt mich um: "Ach mach dir doch keinen Kopf wegen 5 kg zu viel. Die Leute gucken vielleicht erst mal, aber am Ende sind die beeindruckt von dem, was du leistest." 5 kg?! Haha, danke für die Blumen. Wir reden eher so über 15-20 zu viel. Ich glaube ihm trotzdem, gehe an den Start und den Rest der Geschichte kennt ihr.


Mitte 2015. Ungefragt bekomme ich mitgeteilt, es sei ja komisch, dass ich gar nicht abgenommen hätte, wo ich doch jetzt so viel Sport mache. Diese Feststellung erreicht mich nicht etwa im passenden Kontext von einer vertrauten Person, die echtes Interesse an der Analyse der Situation hat, sondern von einem Freund meiner Eltern während einer Party vor versammelter Mannschaft. Ich fühle mich bloßgestellt und möchte ausrasten. Stattdessen sage ich nur irgendwas blödes und gehe früh.

Herbst 2015. Meine erste Kurzdistanz. Es sind 4 (ziemlich profilierte) Radrunden zu fahren, dementsprechend oft komme ich an den etwas spärlich gesäten Zuschauern vorbei. Ein älterer Herr ruft: "Weiter so, hast bestimmt schon ein Kilo verloren jetzt!" Und findet sich dabei ziemlich witzig. Ich möchte hoffen, dass das der gleiche Idiot wie aus Christinas Geschichte war, aber ich fürchte, es gibt noch mehr davon. Glücklicherweise hat mich das im Rennen nur geärgert und nicht ernsthaft irritiert, es war mir nicht mal eine Erwähnung im Artikel wert und ich hatte die Sache vergessen. Bis gestern.

Ich habe kein dickes Fell. Manchmal wirkt das vielleicht so, aber ich habe es nicht. Das erste Jahr meiner Lauf-Karriere hat mich ein Gedanke immer begleitet: Das ist nicht meins. Ich kann das versuchen, so lange ich will, aber es ist offensichtlich, dass ich dafür nicht gemacht bin. Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin das dicke Mädchen mit dem witzigen Blog, das jetzt mal auf Läuferin und Triathletin macht.


Ende 2015. Ich bin zum Schwimmen verabredet. Es ist nicht so ganz klar, was für eine Art von Verabredung das ist, wahrscheinlich geht es nicht einfach nur ums Training, aber so ein richtiges Date ist das auch nicht, irgendwas dazwischen. Eine Verabredung im Schwimmbad ist normalerweise undenkbar. Aber so was von! Klar, ich bin jede Woche im Schwimmbad, dort sehen mich ständig Leute, die Wasserballjungs kennen mich besser im Badeanzug als angezogen - aber das ist was anderes. Vor jemandem, mit dem ich noch nie zusammen schwimmen war, auf einmal halbnackt herumlaufen? Alptraum. Eigentlich. Und dann finde ich mich auf einmal zuhause im Badeanzug vor dem Spiegel wieder und überlege nur noch, ob ich die graue oder die rote Badekappe nehme. Was ich sehe, ist bei weitem nicht perfekt, aber ich bin stolz. Stolz auf einen Körper, der zu diesem Zeitpunkt zwei Volkstriathlons und eine Kurzdistanz geschafft hat, der einen Halbmarathon gelaufen ist und dem man das nicht ansieht. Ich muss es aber nicht sehen. Ich weiß es. Bei diesem Treffen im Schwimmbad ist nichts peinlich - und übrigens war es doch ein rein sportliches Date ;-)

2016. Ich habe keine negativen Gedanken mehr beim Laufen. Ich kann mir zwar immer noch Schöneres vorstellen, als im Trisuit wie auf dem Präsentierteller zu laufen. Aber ich kann den Kopf ausschalten, mich auf was anderes fokussieren, es keine Rolle mehr spielen lassen. Ich denke auch nicht mehr oft darüber nach, wer auf dem Rad beim Windschattenfahren jetzt eigentlich gerade dazu gezwungen ist, auf meinen voluminösen Hintern zu starren. Im Gegenteil: Ich freue mich, dass diese Beine mit den austrainierten Oberschenkeln und strammen Waden der Vordermänner mithalten können.


Noch immer ist das ein sensibles Thema. Ja, ich habe in den letzten Wochen ein paar Kilo abgenommen. Gar nicht mal so irre viele und gar nicht mal so bewusst. Ich schiebe das auf die hohe Intensität beim Radeln zurzeit und mache mir ein klein wenig Sorgen, wie ich das über den Winter retten soll, wo man nicht mal eben den halben Samstag im Sattel verbringen kann (nein, 6 Stunden auf der Rolle sind keine Option). Meistens ist es mir unangenehm, darauf angesprochen zu werden, früher schlimmer als heute. Typischer Dialog: "Hast du abgenommen?" - "Öh, ja nö, bisschen vielleicht." Immer rede ich das klein, sage, dass ja noch viel Luft noch oben sei, das noch was ginge, das ich nicht fertig bin. Ich rede nicht gern darüber. Schluss damit jetzt! Ich thematisiere das genau jetzt.

Wir müssen nicht immer stark sein
Mich betrifft Christinas Erfahrung. Sie macht mich traurig und wütend und ich möchte Menschen, die einen Athleten als "fette Sau" beschimpfen, am liebsten rechts und links eine verpassen. Und denen, die glauben, es sei das Problem von jedem selbst, wenn man so etwas an sich heran lässt, denen erst recht. Es gehört eine verdammte Portion Mut dazu, sich bei einem Thema, das man sowieso nicht gerne bespricht, hinzustellen und zu sagen: "Wenn ihr Witze auf meine Kosten macht und mich respektlos behandelt, verletzt mich das." Wir müssen nicht immer stark sein, nur weil andere Arschlöcher sind. Judith Riemer hat dazu heute ganz wunderbar passend geschrieben: Wenn dein Herz übergewichtig ist, dann ist es völlig egal, wie viel du abnimmst.

Ich möchte auch gar keine küchenpsychologische Analyse beginnen, welche eigenen Komplexe jemanden dazu bringen, sich so zu verhalten, wie die Zuschauer bei Christinas Triathlon. Aber ich möchte - da es ja anscheinend 2016 wirklich noch nötig ist - darauf aufmerksam machen, dass das nicht ok ist. Beschreiben, wie es innen drin so aussehen kann, auch wenn man nach außen stark ist. Solltet ihr mal bei einer Veranstaltung am Rand daneben stehen und so etwas miterleben, sei es eine so direkte Beleidigung oder auch nur Gerede: Unternehmt was. Unternehmt irgendwas! Fragt denjenigen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat, ob er sein Verhalten eigentlich sportlich findet, fragt nach seiner Marathon-Bestzeit* oder ob er eigentlich schon so dumm geboren wurde. Lasst diese Idioten nur nicht glauben, sie seien witzig.


*Ich bin natürlich nicht der Meinung, dass schnellere Sportler auf langsamere herabschauen dürfen - ganz im Gegenteil. Kommen die ach so witzigen Sprüche allerdings von denjenigen, die sich selbst höchstens vom Sofa zum Kühlschrank bewegen, kann man ihnen die eigene Unsportlichkeit im Vergleich durchaus gerne mal aufzeigen. Unter Sportlern ist das Ganze noch tragischer, habe ich aber zum Glück noch nie erlebt. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass gerade wir Läufer und Triathleten ganz genau wissen, was die anderen leisten. Trotzdem kann es nicht schaden, sich hin und wieder bewusst zu machen, dass schwächere und stärkere Sportler jeweils genauso über sich selbst hinauswachsen - nur eben auf anderen Ebenen. Dass sie kämpfen. Grenzen verschieben. Unermüdlich trainieren. Vielleicht mal straucheln. Sich verbessern. Wo kommen wir hin, wenn wir uns dabei nicht mehr gegenseitig bestärken?

Sonntag, 31. Juli 2016

Problem zwischen den Ohren: Tipps gegen Angst vorm Schwimmen im Freiwasser

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Lauter erste Male in letzter Zeit: Das erste Radrennen, der erste Triathlon im Freiwasser. Einerseits liebe ich es, Dinge zum ersten Mal zu machen. Alles Neue ist aufregend. Andererseits ist es auch ein bisschen beängstigend. Oh Mann, was habe ich mir vor dem Velothon für Sorgen gemacht! Und dann, im Rennen: Alles wie weggeblasen. Kein Zweifel, kein ungutes Gefühl, einfach nur Spaß. Beim Schwimmen im Freiwasser ist das bei mir leider ganz und gar nicht so.


Ich bin vor einem Jahr das erste Mal im See geschwommen. Absurd, mit 28 Jahren Schwimmvereinsmitgliedschaft auf dem Buckel und diversen Rettungsschwimmscheinen. Es war vorher einfach nicht nötig. Damals hat es mich einiges an Überwindung gekostet, im See den Kopf unter Wasser zu lassen. Kraul zu schwimmen. Ich habe mich im Freiwasser kein Stück sicher gefühlt, aber musste ich ja auch nicht, weil ich nur Triathlons in Schwimmbädern gemeldet hatte. Diese Baustelle wollte ich 2016 angehen. Von vier Triathlons dieses Jahr sind drei im Freiwasser.

Ins Wasser? Muss ich? 
Anfang der Saison hatte ich das Glück, einen Neoprenanzug zu gewinnen. Das hat nur geklappt, weil über 600 von euch tatsächlich für mein beklopptes Foto auf "gefällt mir" gedrückt haben. Danke dafür! Das Ganze ist nicht nur toll, weil ich sonst jetzt keinen Neo hätte, sondern weil das Ding mir auch die Angst vor dem Freiwasser ein kleines bisschen genommen hat. Zumindest das Reinspringen ist im Neo überhaupt kein Thema mehr - als wäre das ein magischer Schutzanzug gegen die fiesen Monster im See. Der Auftrieb ist auch großartig und beides zusammen ist gibt mir gefühlt schon mal eine riesige Portion Sicherheit. Aber.


Wo ist eigentlich das verdammte Problem? 
Im Training hatte ich keine großartigen Schwierigkeiten, im Neo zu schwimmen. Sowohl im See als auch beim Testschwimmen im Düsseldorfer Hafen kam ich ganz gut klar. Trotzdem hatte ich bei beiden Rennen, die ich bisher mit Neo im Freiwasser hinter mich gebracht habe, mit Problemen zu kämpfen, die ich in dem Ausmaß nicht erwartet hatte. Beide Male gab es einen Punkt, an dem der Kopf komplett dicht gemacht und gesagt hat: Kraulschwimmen is nich. Brust. Nichts anderes. Sichten beim Kraulen nach vorne reicht nicht, der Überblick ist beim Brustschwimmen besser, die Atmung bei jedem Zug schadet auch nicht. In Hamburg kam der Punkt später als in Düsseldorf, also ist meine Theorie, dass ich mich an die Wettkampfsituation im Wasser einfach noch gewöhnen muss. Trotzdem würde ich das natürlich gern beschleunigen, deshalb versuche ich, der Sache auf den Grund zu gehen.


In der Woche nach Hamburg stand daher gleich 2x Freiwassertraining auf dem Programm. Einmal bei 35° im Badeanzug, weil echt einfach kein Stück von mir diesen Neo anziehen wollte. Das lief so weit gut - der Baggersee ist unheimlich klar und bietet im Gegensatz zur Brühe im Düsseldorfer Hafen und der Hamburger Alster eine fantastische Sicht. Es gab zwei oder drei Momente, in denen ich das tiefe Grünblau unter mir eine Sekunde lang gruselig fand. Ich bin gern im Wasser, gar keine Frage, aber so ein See konfrontiert mich doch von Zeit zu Zeit damit, dass da einfach ziemlich viel Wasser unter mir ist. Klar, so ein beschaulicher Baggersee ist keine Naturgewalt wie vielleicht das Meer, aber er beinhaltet doch eine ganze Menge Wasser. Zwei, drei Anflüge von Unsicherheit also, aber Kraulschwimmen oder nicht stand nicht zur Debatte, alles kein Thema. Augen zu und durch. Einfach machen, ist ja nur Training, keine Massen von anderen Leuten in der Nähe, es kann nichts passieren.


Ein paar Tage später mit Neo im gleichen See. Reingehen und losschwimmen war erst mal kein Problem, aber dann wieder von einer Sekunde auf die andere: nichts geht mehr. Anhalten, Brille richten, atmen. Schön, wenn die Schwimmbegleitung sich dann nicht gleich aus dem Staub macht, sondern sofort in die Nähe kommt und fragt, ob alles ok ist. Ist es natürlich. Eigentlich. Weiß ja auch nicht. Durchatmen, fluchen, zusammenreißen. Ab dann liefs.

Erklärungsversuche
Das Problem liegt zwischen den Ohren. Angst ist verdammt nochmal irrational. Natürlich sind keine Monster im See. Natürlich passiert mir nichts. Ich weiß nicht, wovor genau ich Angst habe. Zuerst dachte ich, das Ganze hätte nichts mit dem Neo zu tun, sondern nur mit dem ungewohnten Gekloppe im Wettkampf, mit den vielen Armen, Beinen und Körpern um mich herum. Mittlerweile glaube ich, dass der Neo sehr wohl eine Rolle spielt. Ich empfinde das Schwimmen darin als anstrengend. Anstrengender als ohne. Die Wasserlage ist besser, ja klar. Aber die Schultern und Arme haben mehr zu tun, sind schwerer. Außerdem ist Luft ein großes Thema. Ich habe im Rennen schnell das Gefühl, ich bekäme zu wenig Luft, was bei herannahender Panik ja nicht gerade sonderlich förderlich ist. Eigentlich ist der Anzug im Brustbereich nicht sehr eng, aber natürlich ist es enger als ohne - also schon ein Unterschied zum Schwimmen im Badeanzug oder Trisuit. Eventuell schwimme ich auch einfach zu schnell - ja, zu schnell in meinem Schneckentempo, so dass ich das Gefühl habe, zu wenig Sauerstoff zur Verfügung zu haben.



Also: Das Schwimmen fühlt sich anstrengender an, die Luft ist knapper und die Umgebung hektisch. Dazu kommen gleich zwei Neuerungen: der Neo und das Freiwasser. Eigentlich könnte ich mal ein bisschen Verständnis für mich selbst aufbringen und nicht erwarten, dass ich beim ersten oder zweiten Versuch draußen so schwimme wie im Becken. Kopfprobleme lassen sich ja irgendwie am besten im Kopf in den Griff kriegen - ich denke, hier liegt der Knackpunkt: Ich muss akzeptieren, dass es (noch) nicht so läuft wie gewünscht. Von Plan A zu Plan B wechseln. Nicht nur sagen, dass das ok ist, sondern das auch fühlen. Leichtigkeit finden. Darin übe ich mich jetzt. Und bin gespannt, wie es Ende August in Krefeld läuft. 1500 Meter im See, mit oder ohne Neo. Mal sehen.


Meine Tipps bei Angst vorm Schwimmen im Freiwasser
Ich arbeite ja selbst noch an dieser Baustelle. Danke an die vielen hilfreichen Kommentare zum Freiwasserschwimmen auf Twitter! Was mir bisher hilft, fasse ich hier schon mal zusammen:

  • Mach dir klar, dass Angst nicht logisch ist. Du spinnst nicht, wenn du Angst vor Monstern im See hast. Du kannst dir noch so oft einreden, dass keine drin sind - es wird nicht helfen. Geh in den See und schau ihnen ins Gesicht!

  • Üben. Schwimmen im offenen Gewässer lernst du nicht im Schwimmbad. Ab in den See und zwar so oft wie möglich!

  • Begleitung suchen: Ich gehe nie alleine ins Freiwasser und habe immer jemanden dabei. Im Idealfall ist derjenige gelassener als ich. Oder hat Verständnis, wenns mal länger dauert.

  • Am Ufer entlang schwimmen. Quer durch den See? Ohne mich! Ich schwimme eine Runde um den See in Ufernähe. Hilft dem Kopf, weil ich weiß: Sollte irgendetwas sein, könnte ich jederzeit raus. Das kann eine Panikattacke sein oder einfach nur Gewitter.

  • Hab Geduld! Und zwar mit dir selbst. Wenn du auf Anhieb alles, was du im Becken schwimmst, in den See übertragen kannst - prima. Wenn nicht: Ist kein Weltuntergang! Akzeptiere das erst mal und versuche, dich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Leichter gesagt als getan, ich weiß.

  • Notlösung finden: Gibt es eine Position, in der du dich sicher fühlst? Bei mir ist das Brustschwimmen. Wenn nichts mehr geht, greife ich darauf zurück. Deine sichere Position kann auch Rückenschwimmen bedeuten - oder einfach nur mal kurzzeitig auf den Rücken drehen, inne halten und atmen.

  • Rechne damit, dass du den Notfallplan brauchen wirst. Ihn im Rennen einzusetzen bedeutet nicht zu versagen!

  • Trainiere das Schwimmen mit Atemmangel: Sauerstoffschuld ist kein angenehmes Gefühl! Es schadet aber nicht, Situationen zu üben, in denen du in Atemnot gerätst und zu lernen, dabei ruhig zu bleiben. Tipps dazu findest du hier: Keine Panik - Schwimmen mit Atemmangel oder hier Was du bei Atemnot im Kraulschwimmen tun kannst. Ich werde beispielsweise Streckentauchen mal wieder in den Trainingsplan mit aufnehmen - natürlich im Schwimmbad.


Habt ihr auch mit dem Freiwasser zu kämpfen? Angst vor Monstern? Liegt euer Problem auch zwischen den Ohren oder könnt ihr es ganz genau benennen? Was hat euch geholfen? Erzählt doch mal!

Die großartigen Fotos für diesen Artikel stammen von Christian Siedler. Der macht auch noch ganz andere großartige Bilder. Schaut mal vorbei!

Ann-Kathrin von triathlove hat hier übrigens auch ein paar Tipps und Tricks zum Schwimmen im offenen Gewässer zusammengestellt.

Donnerstag, 21. Juli 2016

Raceday No. 17 - ITU World Triathlon Hamburg 2016

1 Kommentar :
Seit einem Jahr kriege ich leuchtende Augen, wenn ich vom Triathlon in Hamburg rede: 2015 habe ich spontan zum ersten Mal zugeschaut - beim größten Triathlon der Welt, mit der längsten Wechselzone der Welt und bei der fantastischsten Atmosphäre, die ich mir bis dahin so ausmalen konnte. Hamburg. Eine Stadt, an der das Herz sowieso sehr hängt. Ich stand 2015 mit Freudentränen in den Augen ein paar Hundert Meter vor dem Ziel an der Laufstrecke und wollte platzen vor Glück. Und jetzt, ein Jahr später, bin ich wieder in Hamburg und stehe dieses Mal nicht am Streckenrand, sondern an der Startlinie.


Das Triathlon-Wochenende beginnt mit dem Abholen der Unterlagen und dem Testschwimmen am Freitag. Aus Erzählungen von Startern aus dem letzten Jahr weiß ich, dass die Sicht in der Alster nicht die beste sein soll. Dass die Schwimmer ihre eigenen Hände nicht sehen konnten, halte ich allerdings für ein Gerücht. Nun ja. Manchmal stimmen Gerüchte. Es folgt ein Selfie in der Alster.

Hamburg Wasser: "Wir machen das klar." 
Das Testschwimmen beschränkt sich auf ein paar Meter in die eine Richtung und ein paar in die andere. Ich finde das Wasser ekelhaft. Zwei Mal verschlucke ich etwas und werde dafür prompt mit einem Hustenreiz aus der Hölle belohnt. Ganz schön kalt übrigens ohne Neo, aber wer zum Anziehen zu faul ist, darf sich nicht beschweren. Die schlechte - weil nicht vorhandene - Sicht bereitet mir größere Sorgen. So große, dass ich den Freitagabend damit verbringe, mich vollständig bekloppt zu machen. Bei meinem ersten Start im Freiwasser in Düsseldorf lief es vor drei Wochen ganz und gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich war überrascht, dass mir die vielen Arme, Beine und sonstigen Körperteile um mich herum so viel ausgemacht haben, dass ich kaum Kraulen konnte und den Großteil der Strecke brustschwimmend zurücklegen musste. Wäre schön, wenn das jetzt mal besser laufen würde. Aber wie denn in dieser undurchsichtigen Brühe?



Die Nacht ist kurz und unruhig. Am Renntag ist mir kotzübel. Schön. Zum Glück ist die Startzeit mit 9:48 Uhr ziemlich human, so dass ich mich nicht mitten in der Nacht zum Frühstücken zwingen muss. Freiwillig läuft trotzdem nichts. Eine Scheibe Stuten und eine Scheibe Brot gehen rein, beide mit Marmelade und beide hätte ich mir am liebsten gespart. Es gibt überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Es ist nur ein Sprint, ankommen oder nicht steht überhaupt nicht zur Debatte, ich weiß, dass ich das alles kann. Aber dieses Schwimmen ist eine ziemlich unklare Nummer (unklar! haha) und das Lauftraining hat wegen der Schmerzen im Fuß seit dem T3 auch auf Eis gelegen.



Na prima: Wer das Rad eingecheckt und die Wechselzone verlassen hat, kommt nicht mehr rein. Erst im Wettkampf wieder. Eine Katastrophe für Organisationstalente wie mich, die nie beim ersten Anlauf alles in der Wechselzone unterbringen, sondern immer irgendwas vergessen und nochmal umpacken müssen. Nachdem ich mich gefühlt 27x vergewissert habe, dass alles da ist und ich auch alles bei mir habe, was ich zum Schwimmen brauche, lasse ich Bruno in der längsten Wechselzone stehen. Puh.


Vor dem Start ist noch genug Zeit, Musik zu hören (dieses Mal wirklich), Mandy zu drücken und für Fotos zu posieren. Dann schicken wir Naomi zum Schwimmen. Sie ist 8 Minuten vor mir dran und rechnet damit, dass ich sie irgendwann auf dem Rad überhole. Das glaube ich zwar kaum, aber: challenge accepted! Ich quetsche noch die Arme in den Neo und dann gehts auch für mich los. Wo sind bloß die 8 Minuten zwischen unseren Startzeiten hin? Ich flitze zum Schwimmstart. Schneller, als ich gucken kann, finde ich mich im Wasser wieder. Keine Zeit mehr, nachzudenken. "Was zur Hölle machst du hier eigentlich in dieser braunen Suppe?" wäre ansonsten weit vorne mit dabei.


Der Start erfolgt aus dem Wasser auf Höhe eines Seils. Keiner sieht das Seil, irgendwer steht vermutlich drauf, aber keiner in meiner Nähe weiß genaueres. Sind wir zu weit vorne oder hinten? Keine Ahnung. Der Moderator gibt mit Sicherheit irgendwelche motivierenden Sprüche zum Besten und spielt irgendeinen motivierenden Song ab, ich weiß es nicht. Ist mir alles egal. Countdown. Startschuss. So! Nur 500 m! Um nur zwei Bojen rum. Unter einer dunklen Brücke durch. Dann ist es geschafft, also hau rein! Nach dem Schwimmen fängt der Spaß an!


Ich haue rein. Ich rechne mit Krieg im Wasser wie in Düsseldorf und bin aufs Schlimmste eingestellt. Ich kraule los, habe genug Platz und alles ist cool. Hä? Die schlechte Sicht stört mich überhaupt nicht. Ich atme abwechselnd links und rechts und sichte zwischendurch nach vorn. Genau so hatte ich mir das gedacht. Haha, wunderbar! Wie seltsam, dass hier so viel Platz ist, wo sind denn die 200 anderen aus dem Startblock? Na also. Geht ja doch ohne Prügelei! Nicht. Ich kassiere einen Tritt aufs Ohr. Schlagartig ist es vorbei mit meiner Ruhe. Das Ohr tut nicht weh, nichts tut weh, aber der Kopf streikt. Sofort. Ende Gelände, hier und jetzt. Sobald ich den Kopf ins Wasser lege, schürt sich in der Magengegend irgendwas zu, ich habe nicht genug Luft und muss Brustschwimmen, sofort. Scheiße.


Erste Boje. Das Feld hat sich wirklich gut auseinander gezogen, ich eiere brustschwimmenderweise um die Boje und verfluche dieses beschissene Schwimmen. Wofür trainiere ich eigentlich Kraul, wenn ichs dann eh nicht schwimme? Was soll das hier überhaupt, es ist genug Platz, ich könnte doch einfach wie beim Start - Augen zu und durch. Nach vier Zügen ist Schluss, ich wechsele zurück in die Sicherheit: Brustschwimmen. Ironie des Schicksals: Ich bin damit nicht mal deutlich langsamer als mit Kraul. Es ist halt nur kräftezehrender und gleichzeitig angenehmer, weil der Kopf regelmäßig über Wasser kommt und sowohl Atmung als auch Sicht einfach sind. Toll. Zweite Boje. Jetzt nur noch geradeaus. Ich stecke den Kopf ins Wasser und will nochmal kraulen, aber der Kopf will nicht. "LUFT! Viel zu wenig Luft! Du kannst nicht genug atmen! Ist jetzt auch alles egal, jetzt kannste auch Brust weiter schwimmen. Wolltest du unter der Brücke ja sowieso." So übernimmt der Kopf das Ruder und lässt sich auch nicht mehr austricksen. Mehr als 3-4 Züge Kraul am Stück sind nicht drin, im Dunkeln unter der Brücke sowieso nicht. Die letzten Meter bis zum Schwimmausstieg sind laut, die Zuschauer geben mächtig Gas und ich kann leider nicht viel mehr bieten außer eine frustrierte Triahletin mit goldener Badekappe, die im Neo Brust schwimmt.


Endlich ist es vorbei. Schwimmausstieg! Rathausmarkt! Ein paar Stufen, überall blauer Teppich, überall Menschen. Ich erinnere mich daran, wie ich in Düsseldorf versucht habe, beide Arme gleichzeitig aus dem Neo zu pellen, was eine denkbar blöde Idee war. Nacheinander klappt das viel schneller, ich befreie den Oberkörper, ziehe die Schwimmbrille hoch und erinnere mich an das, was ich vorher vielleicht ein bisschen zu oft gesagt habe: Nach dem Schwimmen fängt der Spaß an. Scheiße, ja! Das Schlimmste ist geschafft, ich hab so unendlich Bock aufs Radfahren und das komplette Drumherum. Ich genieße jeden Meter auf dem blauen Teppich, die längste Wechselzone kann mich mal, hier sind so viele Leute, die klatschen und jubeln und Fotos machen und nur wegen Tausenden Bekloppten wie mir hier stehen. Die Sambatruppe vor dem Eingang der Wechselzone gibt mir den Rest: Ich sauge alles in mich auf, das Trommeln, die ganze gigantische Atmosphäre und fühle mich gleichzeitig riesengroß und winzig klein. Ich mache einen scheiß Triathlon mitten in Hamburg, bin eben aus der Alster geklettert und freue mich einfach nur derbe aufs Radfahren. Ich hab Bock, ich will abliefern und bin dabei nur ein so kleiner Teil, ein winziger bunter Punkt zwischen mehr als 10.000 Athleten, die alle aus dem gleichen Grund hier sind. Deshalb machen wir das. Weil es sich einfach großartig anfühlt.


Zurück in der Realität finde ich Bruno auf Anhieb, schaffe es ohne Probleme, die Beine und Füße aus dem Neo zu bugsieren, setze Helm und Brille auf, ziehe Socken und Schuhe über die nassen Füße, schnalle die Startnummer um und los gehts. Im Wechseln bin ich besser als im Schwimmen. 500 m bis zum Ausgang der Wechselzone.


Ich komme gut aufs Rad, erinnere mich daran, dass direkt zu Beginn ein Tunnel kommt und ziehe die Sonnenbrille etwas runter. Mein Blindflug im Tunnel am Cap Formentor ist mir noch zu gut in Erinnerung - etwas sehen zu können ist tendenziell auf dem Rad nicht so übel. Der Tunnel geht vorbei und nach ein paar Kurven führt die Strecke schon ratzfatz unten an der Speicherstadt vorbei in Richtung Landungsbrücken. Ich fang jetzt nicht an, Kettcar zu zitieren, aber es ist einfach nur unfassbar großartig, hier lang zu radeln. In der Theorie. In der Praxis finde ich die Radbeine nicht und außerdem beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass irgendwas mit der Startnummer auf dem Rücken nicht stimmt. Die flattert nämlich ganz schön hin und her. Ich taste mal vorsichtig nach hinten und stelle fest, dass eine Seite abgerissen ist und die Nummer nur noch an einer Stelle befestigt ist. Ach, lass sie flattern. Verdammt, was, wenn die andere Seite auch abreißt? Wenn die Nummer wegfliegt? Darf ich dann überhaupt noch weiter fahren? Auf die Laufstrecke? Lassen sie mich ins Ziel so ganz ohne Startnummer? Und wie zur Hölle kriege ich das Rad dann später aus der Wechselzone ausgecheckt? Bevor ich mir weiter den Kopf zerbrechen kann, finde ich mich freihändig auf dem Rad wieder, drehe die Nummer nach vorn, drücke mit dem Fingernagel ein neues Loch rein, fädele die Schnur und den Befestigungsnupsi wieder durch und drehe den ganzen Quatsch wieder nach hinten. So! Können wir jetzt bitte radfahren?

Die Beine sehen das immer noch etwas anders. Vielleicht hätte die letzte Einheit am Mittwoch etwas gemütlicher sein können, ganz sicher wären Sprints nicht nötig gewesen. Selber Schuld. Ich gebe mir 5 km Zeit, eher locker einzurollen, die Beine aufzuwärmen und den Puls runter zu bringen. Hafenstraße, Fischmarkt, Breite Straße. Erster Hügel. Altonaer Balkon. Es fühlt sich hier fast wie ein Heimspiel an, denn ich habe eine großartige Freundin, die hier 100 m Luftlinie entfernt wohnt. Ich weiß, dass sie nicht da sein wird, aber dennoch suche ich den Straßenrand ab und hoffe insgeheim, dass sie vielleicht doch an der Strecke steht. Steht sie nicht. Dafür sitzen hier ältere Herrschaften auf einem Sofa auf dem Bürgersteig. Kann man machen! Nach knapp 8 km sind die Beine endlich drin und ich fange an, die Radstrecke zu lieben. Es geht nur geradeaus, die Elbchaussee entlang, zwischendurch mit Blick auf den Hafen, ein paar Bäume, ein bisschen rauf, ein bisschen runter. Und dann, kurz vor dem Wendepunkt, ein bisschen sehr runter. Ich nehme die Abfahrt als obs kein Morgen gäbe, verschwende keinen Gedanken daran, dass ich hier gleich wieder hoch muss. Naomi kommt mir entgegen, ich kreische und winke. Bis Teufelsbrück fahren wir raus, dann kommt die 180°-Kurve und es geht zurück. Der Anstieg ist ein Anstieg, ja, aber er ist gut machbar und die Beine kurbeln nach oben, als wären sie eben nicht Brust geschwommen, sondern schön erholt. Endlich.


Insgesamt bin ich relativ viel mit überholen und überholt werden beschäftigt, aber die Strecke ist meistens breit genug, also alles kein Problem. Nur die Dame, die mich überholt, exakt mein Tempo fährt und sich dann vor mich setzt, geht mir etwas auf den Wecker. Zuerst nehme ich etwas raus und lasse mich zurückfallen, damit der Abstand wieder stimmt - wenn wir gleich schnell fahren, sollte das ja passen. Entweder wird sie langsamer oder ich schneller, auf jeden Fall passt es sehr bald schon wieder nicht. Ne Trainingsausfahrt würde ich gerne mal mit ihr zusammen machen, das scheint ja ganz gut zu harmonieren - aber jetzt soll sie bitte verschwinden! Mir reichts und ich überhole wieder, soll sie hinter mir sehen, was sie daraus macht. Blöd.

Bei km 13 läuft ein Bild über die Straße. Eine Leinwand mit Beinen, die ich leider nur von hinten sehe, also keine Ahnung, ob es schön ist oder nicht. Ist das Kunst oder ...? Schon sause ich die Breite Straße wieder runter und an den Landungsbrücken fällt mir auf, dass die Radstrecke gleich schon rum ist. 22 km sind echt saumäßig kurz. Auf Kommando irgendwas genießen funktioniert ja meistens nicht so toll, also bin ich eher wehmütig. Ich würde gerne noch eine Runde drehen! Stattdessen gehts vorbei an der Speicherstadt, an Mandy, die mir entgegen kommt, am Hauptbahnhof, durch den Tunnel (ohne Brille!) und dann muss ich auch schon runter vom Rad. Bis auf die Startschwierigkeiten lief das Radfahren super - ich war nicht komplett am Limit, aber schon schnell und bin zufrieden. Ich jedenfalls - der Magen nicht. Beim Traben durch die Wechselzone ist mir kotzschlecht, schon wieder. Dieses Mal allerdings so richtig. So mit "Scheiße, wenn ich jetzt kotzen muss, wohin dann am besten?" Irgendwo an den Rand? Bloß nicht in die Wechselbox! Auf die Laufstrecke? Ich schlucke alles runter, was ich nicht auf dem blauen Teppich verteilen möchte und denke an die Triathlon-Affen. Schmaler Grat zwischen affengeil und Kotzgrenze. Ist was dran. Gefühlt lasse ich mir ewig Zeit beim Wechsel, trinke noch einen Schluck Wasser und sehe dann Naomi hinter dem Zaun auf der Laufstrecke. Mit dem Überholen wars also nichts und jetzt wird sie mir beim Laufen davon wieseln - sehr gut. Später starten und früher ins Ziel kommen wäre auch etwas gemein.


Gutes Thema: Ziel! Laufen! 5 km. Eigentlich nichts. Aber mit dem Magen? Und ob der Fuß wohl hält? Beides stelle ich jetzt auf die Probe. Am Anfang der Laufstrecke sehe ich Cathi am Rand, die es bemerkenswerterweise schafft, gleichzeitig zu filmen, zu jubeln und mir noch zuzurufen, dass Naomi nur 2 Minuten vor mir sei und ich sie mir schnappen soll. Haha, ist doch kein Wettkampf hier! Äh. In erster Linie bin ich froh, wenn der Mageninhalt da bleibt, wo er hingehört und der Fuß auch laufen will. Er will. Ich habe absolut überhaupt gar keine Schmerzen und bin so unendlich froh, dass die Variante mit abwarten und aussitzen gewirkt hat. Gut. Ein Problem weniger. Die Beine machen auch keinen Ärger, das übliche Pudding-Gefühl beim Laufen nach dem Radeln bleibt aus.

Beim ersten Verpflegungsstand balanciert ein Typ ein Tablett und fragt: "Frische Orangenscheibe?" Ist das hier ein Hotelfrühstück oder was? Ohja gern, danke, ich nehme noch ein Croissaint dazu? Ich muss grinsen, will keine Orangenscheibe, auch keine frische, und presse nur ein "Danke!" heraus. "Gerne!", lautet die Antwort. Da soll mir nochmal einer erzählen, die Hamburger wären unterkühlt oder unfreundlich! Der höfliche Orangenmann reißt sie alle raus! Ich nehme ein Wasser, trinke zwei Schlucke im Laufen und hoffe, dass der Magen sich beruhigt.


Das macht er. Trotzdem will ich die Situation aus der Wechselzone nicht nochmal erleben und beschließe daher, es langsam angehen zu lassen. Nur was ist eigentlich langsam? Ich habe ja immer noch keine GPS-Uhr und entdecke keine einzige Kilometermarkierung. Also kann ich nur auf mein Gefühl vertrauen, das sagt: etwas schneller als in Düsseldorf, aber nicht am Limit. Auch nicht locker. Irgendwas gesundes dazwischen, das noch Spaß macht und nicht weh tut. Ich habe kein Zeitziel, also laufe ich das Ding hier jetzt einfach nach Hause.

Kurz vor dem Wendepunkt am Alsterufer kommt mir Naomi entgegen. Wir klatschen ab, weil es das ist, was man tun muss, wenn man sich auf der Strecke begegnet, aber sie sieht nicht gerade glücklich aus. Mist. Am Verpflegungspunkt trinke ich einen halben Becher Wasser, möchte immer noch keine frische Orangenscheibe, auch keine Banane, nein danke, und mache mich dann auf den Rückweg. Zuschauermäßig ist hier oben an der Außenalster rein gar nichts los. Naja, man kann ja nicht alles haben. Zurück unter den Brücken zur Binnenalster. Der Blick auf die Stadt ist großartig: Irgendwo dahinten am Rathaus steppt der Bär und ich reiße hier in Ruhe meine Laufstrecke ab. Meter für Meter. Am Neuen Jungfernstieg tanzen Cheerleader. Ab dem Jungfernstieg ist der Straßenrand rechts und links voller Menschen. Na also! Gleich ist es vorbei. Jetzt schon? Ich will das in die Länge ziehen, mitnehmen, was geht, alles behalten. Leute klatschen, schreien, jubeln. Ich denke nur an die allerletzten Meter, an das Kopfsteinpflaster bergauf, an die Schleusenbrücke, an den Ort wenige Meter vor dem Ziel, wo ich vor einem Jahr den halben Sonntag lang stand und so viele Emotionen aufgesaugt habe.



Ich biege vom Neuen Wall ab, jetzt geht es nur noch geradeaus. Leicht bergan. Gleich ist es vorbei. Unter dem Bogen von Hamburg Wasser hindurch, unter der Dusche hindurch ("Wir machen das klar."), auf den blauen Teppich. Die letzten Meter. Auf der Tribüne meine Eltern. Ich laufe ins Ziel. Auf dem Rathausmarkt. In Hamburg. Geil!



Wie bezaubernd die Medaillenfrau mich anstrahlt! Die Medaille ist wunderschön. Groß und schwer. Und toll. Es fühlt sich immer etwas doof an, wenn man weiß, dass noch was drin gewesen wäre - mit dem Schwimmen bin ich natürlich unzufrieden, mit dem schlechten Start auf dem Rad auch und das Laufen am Ende war zu einfach. Wenn ich mir die Bilder angucke, sehe ich aber, dass der Lauf so einfach nicht gewesen sein kann. Ich hab gekämpft, aber ich hatte Angst, den schmalen Grat zur Kotzgrenze doch noch zu überschreiten - also war es ein vorsichtiges Kämpfen. Dabei herausgekommen sind Zeiten, mit denen ich wirklich zufrieden bin:

500 m Schwimmen: 13:01
Wechsel 1: 05:52
22 km Rad: 41:05
Wechsel 2: 03:39
5 km Lauf: 28:25
Macht insgesamt: 1:32:00



Die gute Nachricht: Große Veranstaltungen sind sehr dankbar, was die Platzierungen angeht. Platz 34 von 192 in der Altersklasse und Platz 214 von 1222 bei den Frauen insgesamt. Was zur Hölle! Mit einem guten 32er Schnitt auf dem Rad bin ich außerdem die 101. schnellste Radzeit von den 1222 Frauen gefahren - ich sags euch: irgendwann hör ich auf mit dem Laufen und fahre nur noch Rad. Geiler Scheiß!

Rad-Checkout. Die absolut nervigste Angelegenheit an diesem Wochenende. 
So gehts jetzt weiter: Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Ich war schon im Freiwasser, denn in gut 5 Wochen steht mit Krefeld meine einzige Olympische Distanz dieses Jahr an, bei der ich 1.500 m schwimmen muss. Im See. Am liebsten ohne Panik. Außerdem: radeln, radeln, radeln. Denn schon in 4 Wochen geht es wieder nach Hamburg - und seit ich jetzt dort Rad gefahren bin, ist die Vorfreude auf die Cyclassics nochmal gigantisch gewachsen. Wer Lust hat, ebenfalls zu starten, möge sich doch einmal hier ganz unten die Anmeldemodalitäten anschauen. Tja, und wenn ich an dem Wochenende schon mal in Hamburg bin... dann nehme ich das Rad Race Battle auch gleich mit. Ich bin gespannt, wie sehr Bruno und ich uns da blamieren und ob ich mir mit der Aktion erfolgreich die Beine für die Cyclassics zerschieße oder am Sonntag auch noch Spaß habe. Wir werden sehen!

Profirennen gucken. Der absolut geilste Scheiß an diesem Wochenende. 
Achja, laufen. Da war ja was. Der Fuß ist wieder voll einsatzbereit. Schade, weil ich das Laufen einfach überhaupt nicht vermisst habe. Gut, weil dieses Jahr noch zwei Triathlons (Krefeld und Ratingen) und ein Halbmarathon (Düsseldorf nach Duisburg) anstehen. Die Herausforderung hier heißt also momentan, wieder Routine ins Training reinkriegen und Kilometer sammeln. Die Unlust beim Laufen wird schon wieder verschwinden, die größte Baustelle ist zurzeit echt das Freiwasser - also eigentlich nur der Kopf. Der Kopf im Wasser. Achja.


Fazit aus Hamburg: supergeil! Muss man einmal mitgemacht haben! Mehr Bilder vom Triathlon in Hamburg 2016 findet ihr im Album bei Facebook. Mandys Bericht findet ihr hier bei Go Girl! Run!. Naomis hier auf Instagram.