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Donnerstag, 27. April 2017

Training mit den Profis - Tour de France Streckentest

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"Warum ist es so wichtig, die Strecke einmal abzufahren?" - "Weil wir heute auch Kuchen essen wollen, und da ist es natürlich gut, ein paar Kalorien zu verbrennen." 


Achso. Acht deutsche Radprofis aus sechs verschiedenen Teams treffen sich in Düsseldorf, um gemeinsam die zweite Etappe der Tour de France bei einer Trainingsfahrt zu besichtigen - und machen daraus anstatt einer bierernsten Trainingseinheit einfach mal einen Ausflug mit Klassenfahrtscharakter. Die Stimmung ist ausgelassen, das Hauptgesprächsthema ist Kuchen. Radgefahren wird natürlich auch. Klingt so märchenhaft, das kannste dir gar nicht ausdenken.

Laut Pressemeldung darf man die Tour bei eigener Organisation begleiten, wenn man die 165 km von Düsseldorf bis Lüttich mit einem Schnitt zwischen 30 und 35 km/h fahren möchte. Möchte ich nicht. Kann ich nicht. Einen Schnitt über 35 bin ich zuletzt im Oktober in Münster gefahren, auf nur 70 km und vor allem auf gesperrten Straßen. Unter keinen Umständen fahre ich bis Lüttich. Aber einen Teil der Strecke, so ein klitzekleines Stück...? Ein paar Mails und ein Telefonat später weiß ich mehr. Ich soll mir keine Sorgen um das Tempo machen, bei dem angesagten Gegenwind wirds nichts so schnell. Ach ja prima! Aber der Wind ist dann harmlos, oder was?


Am Abend vorher bin ich so aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Morgens wirds nicht besser. Freundinnen bezeichnen die Aktion hinterher als furchtlos, ich weiß noch nicht, wie ich das alles einsortiere, eher irgendwo zwischen aufregend, bescheuert und Harakiri. Am Treffpunkt sind eine Handvoll Neugierige und einige Medienvertreter zu sehen, aber erst mal keine Radprofis. Der Oberbürgermeister steht schon zum Fototermin bereit, als die Meute geschlossen angerollt kommt - ziemlich lässiger Auftritt! Mit dabei sind André Greipel, Marcel Sieberg (beide Lotto Soudal), John Degenkolb (Trek-Segafredo), Christian Knees (Sky), Robert Wagner (Lotto NL-Jumbo), Jasha Sütterlin (Movistar), Nikias Arndt und Phil Bauhaus (beide Sunweb). Plus Hanka Kupfernagel - schön, dass sich Jungs und Mädels zusammen auf den Weg nach Lüttich machen.


Weil ich ja weiß, dass ich nicht in Lüttich ankommen werde und zwischendurch nicht mit einer Kuchenpause rechne, muss ich peinliche Fangirl-Fotos vorher erledigen. Außerdem weiß ich ja noch nicht mal, ob ich überhaupt irgendwo ankomme, vielleicht halte ich grade mal einen Kilometer mit, vielleicht 20, vielleicht ist auch nach ein paar Metern schon Schluss. Schwupps, alle weg. Oder so. Es geht los. Erst mal locker durch die Stadt, noch einen Stopp am Countdown zum Tour-Start auf dem Burgplatz, eine Schleife über die Kö und dann rüber über den Rhein und raus auf die Strecke. Außer mir haben sich noch eine Handvoll andere der illustren Runde angeschlossen. Wir halten lieber mal einen Sicherheitsabstand. Meine größte Sorge: Irgendwem hinten rein fahren und für den Rest der Saison außer Gefecht setzen. Schlagzeile: "Profi dank Hobby-Fahrerin im Krankenhaus" Nicht auszudenken.


Wir lassen die Schleife übers Neandertal glücklicherweise aus; ich kenne sie ja schon vom Race am Rhein. Es geht raus nach Meerbusch, nochmal einen Schlenker durchs linksrheinische Düsseldorf, dann nach Neuss, durch die Radsporthochburg Büttgen, Korschenbroich, Mönchengladbach. Die Strecke hält ungefähr 523 rote Ampeln für uns bereit, so dass sich das Tempo tatsächlich in Grenzen hält. Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade träume oder wirklich im Windschatten von Hanka Kupfernagel und John Degenkolb über die Landstraßen rolle. Offensichtlich ist letzteres der Fall.



Während die einen quengeln, dass das kein richtiges Training sei, planen die anderen schon die Kuchenpause. Aber zuerst: Pinkelpause. Nach nur 13 km - Jungs, das müsst ihr mir echt mal erklären! Wir Mädels fahren 70 km ohne eine Pipipause und ihr müsst nach einer knappen halben Stunde zum ersten Mal anhalten? Das Kuchenthema gewinnt wieder die Oberhand, als es in Mönchengladbach anfängt zu regnen. Ich dachte, wer eine Milljausend Kilometer im Jahr abreißt, der ist sämtliche ekligen Wetterbedingungen gewöhnt, aber auf einmal eiern wir neben der Straße umher, suchen den möglichst trockensten Weg und ich höre wieder nur noch Kuchen. Den gibts tatsächlich. André Greipel schaut sich nicht nur den Ort der Sprintwertung genau an, sondern hat auch für alle Kuchen mitgebracht. Ganz schön nett! Die Begleitfahrzeuge und der Mönchengladbacher Bürgermeister warten schon an der Kaiser-Friedrich-Halle. Journalisten mit sinnvollen Fragen stehen auch bereit: "Ist es nicht komisch, hier ständig an roten Ampeln anhalten zu müssen?" - "Ääääh... das sind wir eigentlich aus dem Training so gewohnt." Wer hätte das gedacht! Weil es immer noch regnet, fällt die Pause recht kurz aus.


Ich bin immer noch erstaunt, dass ich überhaupt bis hier her mitgefahren bin und muss mir so langsam über den Rückweg Gedanken machen. In Mönchengladbach in den Zug steigen? Umdrehen und vom Rückenwind zurückpusten lassen? Coffee & Chainrings Kollege Daniel hat Mittagessen angeboten, falls ich es bis Erkelenz schaffen sollte. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich da hin komme, nur die grobe Ahnung, dass ich nach Mönchengladbach irgendwo rechts abbiegen muss. Aber erst mal gehts raus aus der Stadt. Über einen winzigen Hügel. Ach was, eine kleine Welle. Eigentlich kaum erwähnenswert. Meine Beine sehen das anders. Ich will nicht schon an der allerersten mikroskopisch kleinen Erhebung abgehängt werden, also trete ich in die Pedale. Hätte ich eben mal lieber Kuchen gegessen. Die Oberschenkel wollen nicht mehr, ich will aber noch. Mit 32 Sachen bergauf. Keine Ahnung wie, aber ich bleibe dran. Gleichzeitig ahne ich, dass bald für mich Ende ist, wenn es so weiter geht. Weniger Ampeln bedeuten eine höhere Geschwindigkeit - mit leichten Wellen keine gute Kombination für meine Beine.




Vorsichtshalber verabschiede ich mich bei der nächsten Gelegenheit und kündige meinen Ausstieg Richtung Erkelenz an. Gute Idee, denn die nächste Ampel trennt André Greipel, Steffen und mich vom Peloton. Dass die zwei wieder an die Gruppe ran fahren, bezweifle ich nicht (der eine übrigens im Windschatten des anderen), aber ich gucke mir das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung an. Nach etwa 50 Kilometern bin ich also raus, schlage mich quer über die Felder alleine durch den Wind und stelle fest, dass das nicht weniger anstrengend ist als das Programm zuvor. Obwohl sich Garmin und Google Maps uneinig sind (danke für eine komplett unnötige 9-km-Schleife), erreiche ich schließlich mein Ziel, wo mich Daniel freundlicherweise mit einer riesigen Portion Nudeln wieder aufpäppelt.

Zurück gehts nach 70 km mit dem Zug. Kann mich mal jemand kneifen? Life Goals: Radfahren mit André Greipel und John Degenkolb - check! Verrückter Scheiß. Manchmal - Quatsch, wahrscheinlich immer - ist es wohl doch am besten, nicht zu viel nachzudenken und einfach zu machen. Egal wie absurd, größenwahnsinnig oder bescheuert die Idee ist. Einfach machen! Danke Le Tour Düsseldorf für die einmalige Chance, fürs Organisieren und fürs Mitnehmen!


Hier noch die Fakten:
Mein Schnitt auf 70 km lag bei mickrigen 24,4 km/h. Der Rest der Truppe hat die 165 km bis Lüttich mit 800 hm laut Strava mit einem knappen 30er Schnitt zurückgelegt. Nicht nur mit permanentem Gegenwind, sondern auch inklusive Regen, Hagel und Schneeregen. Aprilwetter vom Feinsten.
Nichtsdestotrotz: Das Tempo hat für mich gereicht, um mal eben vier QOMs einzukassieren, eine davon mit sagenhaften 14,8 km/h bei der Sprintwertung in Mönchengladbach. Muss man auch erst mal schaffen! Ich werde die zweite Etappe am 2. Juli auf jeden Fall sehr aufmerksam verfolgen, mit Sicherheit auch mit etwas anderen Augen als bisher. Ich drücke André Greipel und seinem Anfahrer Marcel Sieberg die Daumen, dass es mit der Sprintwertung und vielleicht sogar dem Etappensieg in Lüttich was wird und freue mir bis dahin einfach schon mal ein Loch in den Bauch.

Hier gibts noch mehr zu sehen:
Bilder:
Steffen Weigold hat die Kuchenpausen ausgelassen und stattdessen fotografiert. Lässig wie immer. Vielen Dank für die Bilder, die ich hier im Artikel verwenden durfte. Noch mehr absolut sehenswerte Bilder gibt es hier.

Videos:
Kurz, aber trotzdem fein mit Maren auf Bruno im Bewegtbild: DW | Sport auf Twitter.

Auf der Le Tour Düsseldorf Facebookseite - hier.

Etwas länger, aber fängt die Stimmung grandios ein, unbedingt anschauen:

Donnerstag, 13. April 2017

Raceday No. 33 - Citylauf Lintorf 2017

1 Kommentar :
Vor ziemlich genau drei Jahren bin ich zu meinem ersten Lauf angetreten. Ich hatte Ende Januar 2014 mit dem Training begonnen und wollte eigentlich im September bei Tough Mudder mitmachen. Dass daraus nie etwas geworden ist und ich stattdessen beim Triathlon gelandet bin - die Geschichte kennt ihr. Auf dem Weg dort hin gab es diesen ersten Lauf, einen schrecklich schönen 5er, zuhause auf dem Dorf, organisiert von "meinem" Verein. Ohne die Begleitung meiner Schwester hätte ich damals schon vor Ende der ersten Runde aufgegeben. Ihretwegen bin ich mit einer Mischung aus gehen, laufen und fluchen irgendwie ins Ziel gekommen - nach 36 Minuten und 19 Sekunden.


Jetzt, exakt drei Jahre später, stehe ich an genau der gleichen Startlinie. Citylauf Lintorf, 5 km. Heute geht es schon lange nicht mehr ums Ankommen. Die Frage lautet nicht mehr, ob ich die Strecke schaffe, sondern: Wie schnell kann ich laufen? Wobei heute selbst das nebensächlich ist. Ich würde gern die 25 Minuten auf 5 km knacken - aber nicht heute. Nicht nach zwei Radeinheiten und einem langen Lauf innerhalb der letzten drei Tage. Ich stehe heute nur am Start, weil ich hier zuhause bin, weil genau hier alles anfing. Und weil ich die Veranstaltung unterstütze, indem ich nun zum dritten Mal in Folge einen kleinen Stand betreibe und vegetarische Chili-Wraps verkaufe.


Als ich am Vorabend vier Stunden in der Küche stehe, um 13 kg Chili zu kochen, wird mir klar, dass ich damit den allerkleinsten organisatorischen Teil übernommen habe. Und dass der Otto-Normal-Läufer selten eine Vorstellung davon hat, was sich hinter den Kulissen jedes gewöhnlichen Volkslaufes eigentlich so abspielt. Dass der Berlinmarathon eine wahnsinnige organisatorische und logistische Herausforderung ist, da sind sich wohl alle einig. Aber der 10er aufm Dorf nebenan, den man für 10 Euro melden kann, um sich mit ein paar Hundert anderen Volksläufern um die Altersklassenplatzierungen zu duellieren? Auch da steckt weit mehr Arbeit drin, als am Veranstaltungstag sichtbar ist.


Die Vorbereitungen beginnen etwa ein Jahr im Voraus: Es geht um Planungen, Anmeldungen, Genehmigungen. Behörden und Anwohner wollen informiert werden, Drucksachen müssen gestaltet und beauftragt werden, ein Anmeldesystem für die Läufer freigeschaltet werden. Die Kommunikation beginnt. Pressearbeit, Newsletter, Social Media. Helfer werden rekrutiert. Anwohner finden Flyer im Briefkasten, wollen Informationen, ob und wie die Strecke befahrbar ist. In der Woche vor dem Lauf gibt das Telefon keine Ruhe. "Wir wohnen in der XY-Straße, wie kommt der Besuch am Sonntag am besten zu uns?" - "Wie melde ich meine Kinder zum Bambini-Lauf an?" Es nimmt kein Ende.


Startnummern, Medaillen und Pokale werden gestaltet, bestellt und treffen schließlich rechtzeitig ein. Aufstellen von Parkverbotsschildern. Beutel mit Verpflegung für die Helfer werden gepackt. Aufbau des Meldebüros. Ausgabe der Startnummern, Annahme von Nachmeldungen. Antworten auf alle Fragen. Der Abend vor dem Lauf: Eine dreistellige Anzahl von Nachmeldungen wird per Hand ins System eingepflegt. Der Tag ist lang. Die Nacht ist kurz. Um halb 6 klingelt der Wecker, um 7 Uhr treffen das Orga-Team und die Aufbauhelfer vor Ort ein. Zelte, Tische und Bänke werden aufgebaut. Straßensperrungen und Pylone werden aufgestellt. Es wird geschleppt, gespült, Kaffee gekocht und Kuchen verteilt. Streckenposten positionieren sich. Weisen Läufern den Weg, diskutieren mit Autofahrern, lassen sich ausfragen und beschimpfen. Helfer füllen Wasserbecher, schneiden Äpfel und Bananen in Stücke, reichen alles im richtigen Moment an. Radfahrer begleiten die ersten und die letzten Läufer. Techniker, Sanitäter, Kommentatoren und Fotografen beziehen ihre Posten, Wertmarken werden verkauft, der Grill wird angefeuert, das erste Bier läuft durch den Zapfhahn. Wir schmeißen die Gulaschkanone voller Chili an, schneiden Salat, rühren Guacamole und hauen Wraps in die Pfanne.


Eine Schar Heuschrecken fällt über Grillwürste, Kuchen und Wraps her. Nachdem alle Läufe gelaufen, alle Sieger geehrt und die meisten Vorräte verspeist sind, geht das Schleppen von vorne los. Viele helfende Hände bringen bis in die Abendstunden alles wieder an Ort und Stelle. Sammeln Pylone und Schilder ein, bauen Bänke, Tische und Zelte ab, räumen Müll weg, klauben Kabelbinderschnipsel von der Straße. Der 10. Lintorfer Citylauf 2017 in Zahlen: 1.033 gemeldete Läufer, 944 Finisher, 150 Helfer, 350 Pylone, neun Kisten Äpfel und Bananen, 4000 Trinkbecher. Meine persönlichen Zahlen: 5 km, 25 Minuten, 42 Sekunden. Knapp, aber: Neue Bestzeit. Danke, Lintorf!

Dienstag, 4. April 2017

Raceday No. 32 - Cyclingworld Cyclocross Challenge

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Es gibt so Dinge, da hat das Herz schon längst entschieden, während der Kopf noch drüber nachdenkt. Das Cyclocross-Rennen auf der Düsseldorfer Cyclingworld ist genau so eine Sache. Die Veranstalter schreiben, sie wären ja schön blöd, wenn sie auf der eigens errichteten Offroad-Teststrecke kein Rennen abfeuern würden. Und ich wäre ja schön blöd, wenn ich nicht mitmachen würde. Als ich davon höre, haben sich 28 Männer und genau eine einzige Frau angemeldet. Das kann ja nicht angehen, also da müsste man ja ... Handfeste Gründe, die absolut dagegen sprechen, fallen mir allerdings auch ein: Ich habe den Crosser (er heißt übrigens Karlson, weil er fliegen kann) seit gerade mal zwei Wochen, habe seitdem genau zwei Mal darauf gesessen und bin zwar durch ein bisschen Matsch gefahren, aber nicht ernsthaft durch schwieriges Gelände. Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht, was das Rad alles kann, was ich damit kann. Oder eben nicht. Der andere Haken heißt Halbmarathon bei der Duisburger Winterlaufserie. Beides ist am gleichen Tag, der Lauf startet um 15 Uhr in Duisburg und das CX Rennen um 18:15 Uhr in Düsseldorf. Zwei Stunden Laufzeit (wenn alles glatt geht), eine halbe Stunde Fahrtzeit - bleibt nicht mehr viel übrig für Wege, Umziehen, Klarkommen.


Obwohl eigentlich kein Weg an der Anmeldung vorbei führt, braucht der Kopf noch ein bisschen, um hinterher zu kommen. Es beruhigt mich ungemein, dass Markus, der Crosser-Vorbesitzer, nicht sofort die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, sondern im Gegenteil eher orakelt, wie anspruchsvoll so eine Messe-Teststrecke denn schon sein könnte. Er hat meine erste Bekanntschaft mit dem Querfeldeinrad beobachtet und traut mir anscheinend zu, mich bei der Aktion weder ernsthaft in Gefahr zu bringen noch komplett zu blamieren. Als ich Naomi mit leuchtenden Augen von der Idee erzähle, zuckt sie naomimäßig lässig mit den Schultern und fragt nur: "Wieso eigentlich nicht? Könnte zeitlich doch passen!"


Es passt. Beim Halbmarathon benehme ich mich wie beim Triathlon: Bloß nicht an die nächste Disziplin denken. Meine Wunsch-Zeit verpasse ich zwar um 38 Sekunden, aber bin danach nicht ausgelaugt und leer, sondern nutze die knappe Zeit für das Wichtigste: Toilette besuchen, Mitfahrer einsammeln, sämtliche Tendenzen zum Trödeln unterbinden und Diskussionen auf die Fahrt vertagen. Alle zum Auto schieben und los. Während ich fahre, schütte ich abwechselnd Iso in mich hinein und kaue auf einem Riegel herum. Naomi bastelt auf der Rückbank meine Startnummer ans Radtrikot, während sich Christian auf dem Beifahrersitz vermutlich leise fragt, was zur Hölle wir hier eigentlich machen und sich dann laut über die Gelegenheit zum Fotografieren freut.


Ich hatte am Vortag wegen des Zeitdrucks die Chance, die Startunterlagen schon abzuholen (weil ich die erste war, gab es gleich mal die Nummer 1 - na prima, baut ja kaum Druck auf!) und bei der Gelegenheit schon einen Blick auf die Strecke zu werfen. Die coolen Kids tummeln sich mit Dirtbikes auf dem Pumptrack, außen rum führt die Cyclocross-Strecke. Es geht bergab, bergauf, über sandige Wege, Wiesen, Baumstämme, hohes Gras, ziemlich tiefen Sand und durch enge Kurven. Weil mir vor Ort niemand sagen kann, ob die Strecke mit oder gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird, drehe ich eine Runde rechts und eine Runde links herum. Beide Richtungen haben Vor- und Nachteile, aber eines gemeinsam: Ich bin schon nach nur einer 1,1 km langen Runde ganz gut im Arsch. Glücklicherweise schaffe ich es, diese Tatsache erfolgreich zu verdrängen.


Wir stehen nicht im Stau und sind rechtzeitig in Düsseldorf. So rechtzeitig, dass ich es gerade noch schaffe, das frische Trikot anzuziehen, drölf mal zurück zum Auto zu rennen, um das Handy zu suchen und um dann in Richtung Start zu marschieren, wo Ansgar von Coffee & Chainings schon mit dem Rad wartet. Ich hatte ihm Karlson mittags schon vorbei gebracht, weil mir keine bessere Lösung für das logistische Problem kleines Auto + Rad + mehrere Menschen eingefallen ist und bin extrem dankbar dafür, dass ich es jetzt nur noch in Empfang nehmen muss. Auf dem Weg zum Start stolpere ich in Ansgars Blogger- und Trainingskollegen Daniel, der leider schon nach Hause muss, es aber irgendwie fertig bringt, mir in der kurzen Begegnung eine gehörige Portion Mut fürs Rennen mitzugeben. Er hat sich die Strecke angeschaut, findet sie schön (schön?!) und ich habe das Gefühl, er würde am liebsten selbst starten.


Ich habe keine Zeit mehr drüber nachzudenken, was ich möchte oder nicht, denn als ich gerade halbwegs startklar bin, geht die Einführungsrunde los. Wir sind drei Mädels und um die 20 Jungs, die fast alle unheimlich professionell und schnell aussehen. Okay, einer trägt Turnschuhe. Das Ganze hier ist als Fun-Race ausgeschrieben und ich hoffe, dass die anderen das auch so sehen. Zu meiner Überraschung führt die Strecke ernsthaft über den welligen Pumptrack inklusive ziemlich steiler Kurve. Was zur Hölle! Das hab ich gestern nicht getestet! Es ist ja nur die Einführungsrunde, wir fahren langsam und alle rollen dort runter, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre. Kneifen ist nicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als hinterher zu fahren. Die Wellen sehen schlimmer aus, als sie sind, aber bei der Kurve bin ich froh, dass ich schon mal auf der Bahn gefahren bin. Puh. Danach gehts kurz und knackig bergauf, an den Zuschauern vorbei, direkt wieder runter und auf die "richtige" Strecke. Der Rest der Runde geht einigermaßen klar. Ich bringe es fertig, mich im Tiefsand nicht gleich auf die Nase zu legen, trage Karlson erfolgreich über die Baumstämme und den letzten richtig gemeinen Anstieg und komme wieder am Start/Ziel an. Dafür, dass das eine gemütliche neutralisierte Runde war, bin ich ganz schön im Eimer. Oh je.


Startaufstellung. Ich entdecke mit Alex und Felix zwei bekannte Gesichter unter den Fahrern. Sehr gut - es ist doch irgendwie immer schön, wenn man nicht alleine im Rennen ist. Am Streckenrand habe ich ja mit Naomi, Ansgar und Christian ebenfalls gute Untersützung. Meinetwegen kanns dann jetzt also losgehen. Weil ich Nummer 1 habe, dürfte ich mich in die erste Reihe stellen, verzichte aber lieber. Ist ja Blödsinn, wenn mich dann direkt alle auf einmal überholen müssen, sollen sie mich lieber der Reihe nach überrunden. Eine der anderen beiden Mädels stellt sich erst mal selbstbewusst in Reihe 1. Kann man machen. Da wir ja nur zu dritt sind, habe ich mich mit Platz drei schon längst angefreundet - ich bin froh, wenn ich gut durchkomme, die 35 Minuten überstehe und habe ansonsten keine Ambitionen. Außerdem bin ich noch vor einer Stunde einen verdammten Halbmarathon gelaufen.


Los gehts. Die ersten sind auf und davon, als ich noch nicht mal so richtig auf der Strecke bin. Eine der Frauen fährt ebenfalls irgendwo vorne mit, an die zweite hänge ich mich erst mal dran. Ich habe nicht wirklich einen Überblick, aber glaube, dass uns noch mindestens der Turnschuhfahrer folgt. Adrenalin sei Dank, aber: Ich bin überrascht, dass ich mithalten kann. Überrascht, dass die Beine sich nichts vom Laufen anmerken lassen. Und überrascht, wie anstrengend ein bisschen im Kreis radeln eigentlich sein kann. Während die Beine sich noch gut anfühlen, komme ich ganz schön ins Schwitzen. Krass, wie hart das ist und wie viel Spaß es gleichzeitig macht! Ich frage mich, wie lange das gut gehen kann, ob ich das Tempo halten kann. Ich habe nichts am Rad, was mir die Geschwindigkeit oder Uhrzeit oder irgendetwas anzeigen würde, also bin ich auf Zurufe von außen angewiesen. Netterweise wurde das Rennen von 45 Minuten auf 35 plus eine Runde gekürzt - das kommt mir schon mal sehr entgegen.



Ich komme mit der Strecke zurecht, überlebe die Tiefsandpassagen, die komischen Wellen und komme über die Baumstämme (zwar alles andere als schnell und elegant, aber hey!). Wenn es brenzlig wird, schaffe ich es immer irgendwie, rechtzeitig auszuklicken. Die einzige Stelle, die mir jede Runde wirklich den Rest gibt, ist der letzte Anstieg. Direkt nach einem Stück Tiefsand geht es steil nach oben. Es ist mir ein Rätsel, wo einige den Schwung und die Beine her nehmen, um dort hoch zu fahren - ich muss laufen. In den ersten Runden schultere ich das Rad noch, später ist mir auch das zu anstrengend und es bleibt nur noch schieben. Die Beine wollen diesen Hügel weder hoch radeln noch hoch laufen und protestieren mit Krämpfen in der Wade. Zum Glück habe ich auf dem winzigen Stück Asphalt oben die Gelegenheit, die Wade zu dehnen, bevor es wieder runter in die nächste Runde geht. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund kommen meine krampfigen Beine und ich diesen dreckigen Kackmistanstieg einmal schneller hoch als die zweite Frau. Ich überhole sie zu Fuß, sitze oben schneller wieder auf dem Rad und rechne damit, dass sie mich gleich wieder auf der Strecke irgendwo einkassiert - aber bis es so weit ist, werde ich versuchen, den Vorsprung auszubauen.

Es gibt Menschen, die hier hoch fahren. Keine Ahnung, wie das geht. Magie vermutlich.



Zwischendurch schaue ich mich an blöden Kurven um, ob zufällig jemand von hinten vorbei will - mittlerweile werde ich überrundet, aber habe schon längst keinen Überblick mehr, wie oft. Die einzige, die ich sehr genau im Blick habe, ist die jetzt dritte Frau - und irgendwie liegt sie eine halbe Runde zurück. Ich kann nicht fassen, dass die Halbmarathon-Beine es tatsächlich zustande bringen, hier im neuen Terrain schneller als irgendjemand anderes zu sein - dass es so gut läuft, spornt mich zusätzlich an. Bei Runde 5 oder 6 weiß ich nicht mehr, wie viele Runden ich schon gefahren bin, ich weiß nur, dass sie mich nicht nerven, obwohl ich Runden normalerweise absolut nicht ausstehen kann. Ich hasse einzig und allein den Anstieg am Ende, den ich hoch klettern muss, und frage mich jedes Mal, ob ich den anderen Hügel direkt vor den Zuschauern wohl noch einmal fahrend hoch komme oder ob ich vorher einfach samt Rad umfalle. Ich schaffe es. Jede Runde aufs Neue, jedes Mal knapper, und jedes Mal freuen sich die Zuschauer. Danke!



Ich höre, wie der Moderator meinen Namen nennt, wie er irgendetwas über mein Rad erzählt, dass Fabian Cancellara auch ein Trek fahren würde - ich finde den Zusammenhang absurd, aber freue mich über die Erwähnung von Karlson und sause runter in die nächste Runde. Fast jedes Mal stehen "meine" Zuschauer woanders und werden nicht müde, mich anzufeuern. Ansgar ruft mir zu, den zweiten Platz hätte ich sicher, aber das will ich gar nicht hören, so lange noch Runden zu fahren sind und noch die Möglichkeit besteht, irgendwo im Sand für immer stecken zu bleiben. Ich habe beobachtet, dass die meisten anderen ihre Räder bei den Baumstämmen gar nicht schultern, sondern nur am Oberrohr anheben und tragen. Als ich testen will, ob das praktischer ist, donnere ich mir die Pedale gegens Knie und möchte spontan weder weiter laufen noch radfahren. Autsch. Irgendwo hinsetzen und Eis aufs Knie wäre fein. Vielleicht bin ich zu klein für diese Technik oder zu doof, keine Ahnung.


Anstrengend ist der Spaß hier ja von Anfang an, aber so langsam wird es richtig hart. Ich kämpfe mich gerade durch die viel zu hohe Wiese einen Hügel hoch, als mich Alex überholt und "Super, Maren!" oder irgendetwas in der Richtung ruft - mit leicht bräsigem Kopf nehme ich nur wahr, dass mich anscheinend gerade jemand überrundet, den ich kenne und der versucht, mich während seines eigenen Rennens anzufeuern. Stark! Naomi ruft auch was: "Noch [hier unverständliches Wort einfügen] Minuten!" Ich verstehe nichts und nehme an, dass es nicht allzu viel sein kann. Sie würde mir ja wohl kaum mitteilen, dass es noch 25 Minuten zu fahren sind. Vielleicht sind es 5. Oder 10. Die Kräfte und die Konzentration lassen nach, das merke ich an jedem Hügel und jedem bisschen Tiefsand, aber ich fahre das jetzt zu Ende. Schließlich heißt es am Start/Ziel: "Noch eine Runde!" Yeah. Ich freue mich, dass es gleich geschafft ist und dass ich immer noch an zweiter Position liege - gleichzeitig bin ich traurig, weil es einfach unheimlich viel Spaß macht. Ich liebe die Mischung aus Kraft, Ausdauer und Technik, die die Strecke fordert - das querfeldein Radeln ist so anders als über den Asphalt zu fliegen, aber ich habe diese schroffe, ehrliche Art auf Anhieb ins Herz geschlossen.



Das allerletzte Mal also hier entlang fahren, dort entlang, absteigen, über die Bäume hüpfen, aufsteigen, kurbeln, kurbeln, kurbeln, Kurve, Hügel rauf, Hügel runter, quer übers Feld, Kurve, Kurve, Konzentration jetzt, seltsame Wellen im Boden! Tiefsandkurve, Gerade, nochmal alles geben, Kurve, Gerade, nochmal Tiefsand, der fucking beschissenste Berg, Asphalt, geschafft. Denkste. "Letzte Runde!" Wollt ihr mich verarschen? Das habt ihr gerade schon mal gesagt! Ich halte an. Protestiere. Noch eine Runde? Im Ernst jetzt? Bevor ich noch länger rumstehe und diskutiere, fahre ich eben noch eine Runde. Eine Ehrenrunde, ganz alleine, denn alle anderen nach mir bleiben im Ziel. Schön peinlich, als ob ich die allerletzte wäre. Die Luft ist raus, also fahre ich die zweite letzte Runde nur für mich. Ein letztes Mal. Als ich endlich im Ziel ankomme, habe ich das Gefühl, ich habe alles verpasst. Sind überhaupt noch Zuschauer da? Wer hat eigentlich gewonnen? Gibts eine Siegerehrung?


Das war nur ein Spaß-Rennen, es hat keine Startgebühr gekostet und ich weiß nicht mal so wirklich, ob es einen Preis für den Ersten gibt - ich meine, zwischendurch über die Lautsprecher irgendwas in der Richtung gehört zu haben. Trotzdem schade, dass sich alles schon zerstreut, als ich im Ziel bin. Und was mir ehrlich ziemlich blöd aufstößt, Fun-Race hin oder her, ist die Kommunikation nach dem Rennen: Wer diesen Post sieht, könnte meinen, es seien nur Männer gestartet. Lediglich auf einem Bild ist eine Frau zu sehen, der Text nennt fünf Fahrer namentlich, aber nicht mal die erste Frau? Klar wäre es bekloppt, bei drei Starterinnen alle Plätze zu nennen, aber zumindest die erste muss doch drin sein. Wer Frauen auf Räder bekommen will, als Zielgruppe ansprechen will, für einen gleichberechtigten Sport stehen will - der sollte Sieger und Siegerin gleichermaßen ehren und vor allem zeigen, dass es Frauen gibt, die genau das machen: Radfahren.

Abgesehen von dem Kritikpunkt bin ich hin und weg - wie sollte es auch anders sein. Danke an die Organisatoren der Cyclingworld für die Idee, die Durchführung und die Flexibilität am Vortag. Danke Ansgar für die Unterstützung vor, während und nach dem Rennen. Seinen Bericht zur Messe findet ihr übrigens hier. Danke Naomi fürs Dasein und fürs Nicht-Ausreden von wahnwitzigen Ideen. Und danke Christian, ebenfalls fürs Mitkommen und für die wahnsinnig schönen Fotos. Noch mehr Bilder gibt es hier, unbedingt anschauen!


Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach nur zwei Wochen Karlson-Besitz gleich ein Rennen mit ihm bestreiten würde und dass ich mein Herz dabei so sehr verliere. Das hat sehr, sehr viel Spaß gemacht, ich glaube, da ist noch viel Luft nach oben und ich freue mich drauf, in diesem komplett neuen Gebiet noch viel zu lernen. Sollte sich jemand berufen fühlen, mit Karlson und mir die Wälder unsicher zu machen und mir ein paar Strecken oder technische Kniffe zu zeigen - ich bin dabei!
Was ich auf jeden Fall aus diesem bescheuerten Halbmarathon-Cyclocross-Samstag mitnehme: Öfter mal weniger nachdenken und mehr machen!

Mittwoch, 29. März 2017

Raceday No. 31 - Winterlaufserie Duisburg Halbmarathon - 2017

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Ich habs ja eigentlich echt nicht so mit langfristigen Plänen. Trotzdem stand für mich seit Oktober letzten Jahres fest, dass es der Halbmarathon bei der Winterlaufserie in Duisburg wird, den ich zum ersten Mal unter zwei Stunden laufen werde. Nachdem sich der Rhein City Run im Nachhinein wie ein Desaster angefühlt hat (aber dann doch auch "nur" 2:02:06 Stunden gedauert hat), soll in Duisburg die 2-Stunden-Marke fallen. Weil ich weiß, dass ich das theoretisch kann, weil die Bedingungen nur passen müssen und weil ich die Strecke mag. Vor einem Jahr bin ich hier meinen bisher schönsten Halbmarathon gelaufen - die damalige Bestzeit von 2:13:32 ist zwar mittlerweile längst überholt, aber den Lauf habe ich immernoch in schöner Erinnerung, weil einfach alles gepasst hat. Keine Wanderungen ab Kilometer 15, keine Zweifel, kein gar nichts. Wo, wenn nicht in Duisburg sollte ich also die zwei Stunden angreifen?


Die Generalprobe hab ich schon mal verkackt: Der 15er vor drei Wochen lief verdammt bescheiden. Blöderweise habe ich auch gar keine Zeit, diesen Halbmarathon in irgendeiner fluffigen Pace zu laufen, denn ich hatte die fixe Idee, mich zum Cyclocross Race auf der Düsseldorfer Cyclingworld anzumelden. Aus dem einfachen Grund, dass ein paar Tage vorher nur eine einzige Frau (neben 28 Kerlen) auf der Startliste stand und ich ja nun auch etwas Cross-Luft geschnuppert habe. Blöd nur, dass die Startzeit mit 18:15 Uhr ziemlich eng an meiner angepeilten Zielzeit des Laufs liegt: 17:00 Uhr - und das auch nur, wenn ich die zwei Stunden schaffe. Wir können jetzt über Scheißhausideen und Prioritäten und Fear of missing out sprechen, aber wir können es auch lassen - ich hab mir das Cross-Rennen in den Kopf gesetzt und damit absurderweise für den Halbmarathon nicht etwa mehr Druck aufgebaut, sondern ihn im Gegenteil komplett raus genommen. Klar - für 2:30 Stunden oder ähnliche Späße habe ich keine Zeit, aber ob ich jetzt 1:59:59 oder 2:05:00 laufe, ist mir auf einmal ziemlich egal. Je schneller ich bin, desto länger ist die Pause bis zum Radfahren... und desto größer auch die Erschöpfung, also: ein schmaler Grat, aber die exakte Zeit ist plötzlich nicht mehr so wichtig.

Jan Fitschen lässt sich erklären, wie das mit dem Startschuss funktioniert
An der Startlinie würde ich gerne vorspulen zum nächsten Rennen. Aber den Lauf ausfallen zu lassen, kommt auch nicht in die Tüte - selbstgewähltes Leid und so. Wenn ich die zwei Stunden knacken wollte, müsste ich 5:40 min/km laufen. Die Zwischenzeiten für 5, 10 und 15 km habe ich mir eingeprägt. Die oberste Priorität ist es dieses Mal, nicht zu übertreiben: nicht zu schnell loslaufen, nicht einbrechen, nicht die Beine zu sehr kaputt machen. Also zur Abwechslung mal so richtig vernünftig. Die ersten beiden Kilometer sind mit ungefähr 5:30 min/km zu flott, aber auf dem dritten pendele ich mich ein und halte das Tempo bis zum Verpflegungsstand bei Kilometer acht ohne Probleme. Es ist ganz schön warm, aber die Beine fühlen sich gut an, der Kopf ist bei der Sache und das Konditionsproblem des 15ers wird nicht zum Konditionsproblem des Halbmarathons. Fein.


Ein stechender Schmerz in der Leiste holt mich aus der schönen Glitzerfantasiewelt zurück in die Duisburger Realität. Nach nur neun Kilometern habe ich Schmerzen, die ich noch nicht kenne und die das Laufen im aktuellen Tempo unmöglich machen. Geil. Ich drücke mir eine Faust in die Leistengegend, weil das ja bei Seitenstichen weiter oben auch manchmal hilft und zwinge mich dazu, weiter zu traben. Bloß nicht gehen, weil ich dann nie wieder loslaufen würde, also schön in Bewegung bleiben, vorsichtig zwar, aber bitte laufend. Wenn der Körper so urplötzlich mitten im Rennen etwas völlig neues Schmerzhaftes präsentiert, weiß ich erst mal nicht so genau, wie ich damit umgehen soll. Alte Bekannte sind ja die Achillessehne, die Kniekehle oder hier und da Kleinigkeiten, von denen ich genau weiß, wie sie sich anfühlen, wenn sie akut und schlimm sind oder wenn sie nur lästig sind und sich weglaufen lassen.

Dieser Schmerz und ich, wir sind uns völlig fremd, aber wir lernen uns auf den nächsten vier Kilometern näher kennen. Ich spüre ihn bei jedem Schritt. Er setzt mir ganz schön zu und schraubt das Tempo massiv runter, aber so lange traben noch geht, werde ich traben. Bei Kilometer elf dann für einen Moment der Lichtblick: schmerzfrei! Ach nee, doch nicht. Aber immerhin drei, vier Schritte. Also weiter traben. Mit dem neuen, pieksenden Begleiter. Die Zähne (im übertragenen Sinn) zusammenbeißen, das schmerzverzerrte Gesicht in regelmäßigen Abständen zu einem Lächeln zwingen (zum Glück muss ich diesen grotesken Anblick selbst nicht sehen) und weiter machen. Bis zu Kilometer 13, als schlagartig nichts mehr sticht, zwickt oder zwackt. Ich traue dem Braten noch nicht so ganz, das Spielchen hatten wir eben auch schon mal. Deshalb will ich nichts überstürzen und bloß nicht riskieren, dass der Spaß gleich zurück kommt und ich aufgeben muss - immerhin würde die Strecke mit ihren vielen Schleifen um die Regattabahn sich dazu anbieten. Der Schmerz kommt nicht zurück. Ich bin halbwegs erholt von vier lockeren Kilometern und traue mich endlich, die Geschwindigkeit wieder anzuziehen. Ich liege etwas hinter meinem Zeitplan, aber will auf keinen Fall jetzt zu viel Tempo machen - es sind noch acht Kilometer.

Vor der Getränkestation bei Kilometer 15 nehme ich ein zweites Gel und trinke einen Becher Wasser im Gehen. Ruhig bleiben. Danach geht es zurück auf die Strecke entlang der Regattabahn. Links vom Wasser sind langsamere Läufer, rechts schnellere, vor mir eine riesige Masse bunter Punkte. Die Sonne knallt, der Himmel ist blau, die Regattabahn ist auch blau und außerdem still, riesig und wunderschön. Wie sie einfach nur da liegt und wartet. Ich will anhalten, um ein Foto zu machen, aber sauge das Bild dann doch lieber nur im Kopf auf. Wie schön es hier ist. Winterlaufserie mit kurzer Hose, Tanktop und Sonnenbrille. Yeah!

Endlich mal Kathrin (@triathlon_trail_travel) im echten Leben getroffen :)
Ich trinke noch einmal im Wald bei Kilometer 18 und bleibe dazu dieses Mal sogar stehen, weil nicht ein einziger gefüllter Becher auf dem Tisch steht - kein Wunder bei 15° und Sonne. Ich schiele auf die Uhr und weiß, dass es knapp wird. Wenn das mit der sub2 dieses Mal wieder nichts wird, muss ich ja noch einen sechsten Halbmarathon laufen und es nochmal probieren. Och nee. Wenn ich jetzt die Beine in die Hand nähme und ins Ziel rennen würde ... Der Wald spuckt mich bei Kilometer 19 wieder aus, zurück an die Regattabahn. Gegenwind vom Feinsten empfängt mich und nimmt mir die Entscheidung ab. Nein. Das wird heute nichts. Da ist nichts, was mich antreibt, den Rückstand noch aufzuholen. Das ärgert mich nicht mal, es ist völlig ok. Ich muss genug beißen auf den letzten zwei Kilometern, der Wind ist echt nicht von schlechtern Eltern. Es ist sehr gut, dass ich den groben Plan mit "um die zwei Stunden" einhalten kann, aber unter den Bedingungen bin ich sogar mit dem exakten Ergebnis zufrieden: 2:00:38. Neue Bestzeit. 13 Minuten weniger als vor einem Jahr.


Es sind 38 Sekunden, die mich ganz ehrlich nicht ärgern. Ich finde sie eher amüsant, weil ich weiß, dass ich sie hätte rausholen können - Konjunktiv. Alles, was jetzt kommt, sind Ausreden: Wären die Schmerzen nicht gewesen, wäre der Wind weniger gewesen, der Ehrgeiz größer. Aber all das war genau so, wie es eben war und so ist es in Ordnung. Zwischen Kilometer 13 und 15, als der Schmerz gerade nachgelassen hatte, habe ich intensiv darüber nachgedacht, warum ich das eigentlich mache. Nicht im Sinne von "Warum tust du dir das bloß an?", sondern aus reiner Neugierde.

Warum laufe ich eigentlich noch, wenn das Herz so sehr am Radfahren hängt? Wenn mir Zeiten gar nicht so wahnsinnig viel bedeuten? Das hier ist keine abschließende Analyse, aber zum einen bin ich einfach immer noch selbst überrascht, dass ich das kann. Ein anderer wichtiger Punkt ist: Ich kann bei keinem anderen Sport so sehr in mich hinein hören wie beim Laufen. Ich habe das Gefühl, dass ich inzwischen ganz anders mit mir selbst kommuniziere, einmal auf der mentalen Ebene (keine negativen Gedanken beim Laufen mehr), aber auch im Bezug auf das Körpergefühl. Ich bemerke Dinge, die mir vorher entgangen sind und habe insgesamt ein viel besseres Gespür dafür, was eigentlich mit diesem Körper gerade so los ist. Was er kann, was er nicht kann, was ihm gerade gut tut und was keine gute Idee ist. Die Ebene, auf der das stattfindet, ist eine komplett andere, als ich bisher kannte. Die ist auf dem Sofa definitiv nicht zu erreichen.

Direkt nach der Ziellinie abgefangen und geknipst von Julia von triathlongeflüster. Danke!
Das Ganze funktioniert für mich am besten, indem wir nicht gegeneinander, sondern zusammen arbeiten. Da ist ein neuer Schmerz - okay. Er ist nicht mein Feind, ich ignoriere ihn nicht, sondern ich höre in mich hinein, mache weiter, so gut es geht, beobachte und warte, was passiert. Hätte ich bei Kilometer neun daran gedacht, wie es wäre, noch weitere 12 Kilometer unter Schmerzen zu laufen, hätte ich keinen einzigen Schritt mehr vorwärts gemacht. So bin ich nur 38 bzw. 39 Sekunden an der Wunschzeit vorbei gerauscht. Wie wertvoll ist es eigentlich, genau das durchs Laufen zu lernen?

Der zweite Teil dieses Renntages war voller Dreck, Staub und Herzblut. Und er kommt bald!

Mittwoch, 22. März 2017

Rapha Braver Than The Elements - Spring Edition - Düsseldorf

Kommentare :
Wenn du als Radfahrer im März Strava oder Instagram aufmachst, kommst du nicht drum herum: Mallorca. Jeder fährt ins Trainingslager, reißt Wochenkilometer und Höhenmeter ab, die andere im Monat nicht fahren und postet traumhafte Bilder, die bei den Daheimgebliebenen das Fernweh entfachen. Blauer Himmel, blaues Meer, grüne Wiesen, endlose Straßen, die typischen Steinmauern, Ziegen am Cap Formentor. Während die einen also in kurz/kurz die ersten Tanlines des Jahres pflegen, bleiben die anderen hier und nehmen, was kommt.


Das ist in dieser Stadt in diesem Jahr so einiges, aber erst einmal: Kälte, Regen, Wind. Wir könnten auf der Rolle trainieren, wir könnten laufen gehen, ins Fitnessstudio oder irgendwo anders hin, wo es warm ist. In die Sauna zum Beispiel. Wer tapfer ist, radelt. Trotzdem oder gerade deshalb. Es gibt eine Chance, der winterlichen Öde zu entfliehen, und sie liegt draußen vor der Tür. Du kannst den Wetterbericht noch so oft checken, aber es ist müßig. Das Geheimnis für gute Laune ist: Nimm die Dinge hin, die du sowieso nicht ändern kannst. Verabrede dich mit Leidensgenossen Gleichgesinnten und mach das Beste draus. So simpel. So gut.



Es ist wieder Zeit für Braver Than The Elements. Nachdem wir im Dezember wirklich Glück hatten und die Runde uns nicht besonders viel Tapferkeit abverlangt hat, sieht es jetzt im März bei der Frühjahrsausgabe etwas anders aus. Acht Grad. Nieselregen. Normaler Regen. Platzregen. Windböen. Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür schicken würde. Könnte auch ein Herbsttag sein, viel zu ungemütlich zum Drachen steigen Lassen, aber perfekt für einen Nachmittag unter einer Decke auf der Couch. Mit Kakao und einem guten Buch. Aus irgendeinem Grund packe ich mich nicht in eine Fleecedecke, sondern in verschiedene Schichten Funktionskleidung und sitze auf einmal auf dem Rad. Jeder, der hier ist, zweifelt kurz an der eigenen Zurechnungsfähigkeit. Und an der der anderen. Die Gruppe ist klein, aber immerhin neun Entschlossene finden sich am Düsseldorfer Marktplatz ein. Es steht die Frage im Raum, ob wir die geplante lange Strecke wegen der wirklich alles andere als einladenden Bedingungen abkürzen. Kollektives Schulterzucken. Jetzt sind wir schon mal hier. Wir beschließen, erst mal aus der Stadt raus zu rollen und dann weiter zu sehen. Nach Norden. Immer der Nase nach. Dem Wetter die Stirn bieten.





An solchen Tagen ist es das Beste, keine Pläne zu machen. Niemand nimmt sich vor, 90 Kilometer durch strömenden Regen, Dreck und Wind zu fahren. Es passiert einfach. Es passiert in der Gruppe, niemals allein. Es passiert, weil es irgendwann egal ist, wenn du einmal draußen bist. Weil die Gelassenheit Oberhand gewinnt. Weil wir zwar die Umstände nicht ändern können, uns aber davon nicht beeindrucken lassen. Wenn du die Brille absetzen musst, weil du vor lauter Matschspritzern nichts mehr siehst, wenn du zwar bis auf die Haut nass bist, aber trotzdem warm bleibst, wenn der Dreck zwischen den Zähnen knirscht, wenn du Pfützen nicht mehr umkurvst, sondern mitten durch fährst, wenn dir der kalte Regen Nadelstiche ins Gesicht setzt, die dich anspornen, schneller zu fahren, wenn du die erste rutschige Abfahrt mit einer Mischung aus Vorsicht und Nervenkitzel nimmst und dem Material schließlich immer mehr vertraust, wenn dir Tropfen von der Nase perlen und du nicht weißt, ob sie Regen oder Schweiß sind, wenn du gleichzeitig lachen und weinen möchtest, weil es so schrecklich schön ist, wenn du zum Nebenmann rüber schaust und ein gesprenkeltes, aber glückliches Gesicht siehst - das ist Radfahren.








Es sind Aktionen wie diese, für die es nur einen Anlass, das passende Setting und einen kollektiven Anflug von Wahnsinn braucht, damit aus Fremden ein Team wird, damit Bekannte zu Freunden werden, damit eine Ausfahrt legendär wird. Niemand wird in ein paar Monaten sagen: "Weißt du noch, diese eine Tour, wo die ganze Zeit die Sonne schien?" - "Welche von den 527, die wir gemacht haben?" Natürlich erinnern wir uns auch gern an die Bilderbuch-Momente. Aber die wahren Geschichten schreibt der Radsport - nicht nur bei den Frühjahrsklassikern, sondern auch bei Braver Than The Elements - unter widrigsten Bedingungen. Weil sie zusammenschweißen. Weil es dann letztendlich egal ist, ob du nach Sa Calobra oder Mülheim an der Ruhr fährst, wenn du die richtige Einstellung und das beste Team um dich herum hast.







Danke Rapha für den Anlass, danke Steffen Weigold für die Strecke und die Fotos. Noch mehr Bilder gibts hier. Schaut rein, es gibt noch viele schöne dreckige Gesichter zu sehen. Auch dreckige Ärsche (angezogen) und nackte Füße. True Story!