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Mittwoch, 23. August 2017

Raceday No. 42 + 43 - Rad Race Battle + Cyclassics Hamburg 2017

Kommentare :
"Alter Schwede, manche studieren Philosophie, du fährst stattdessen Rad." Kommt am Ende was Ähnliches bei raus, wie meine Freundin Steffi treffsicher feststellt. 120 Kilometer bieten aber auch verdammt viel Zeit, über dies, das und jeden Baum am Straßenrand nachzudenken. Gibt es eigentlich Leute, die den Kopf einfach ausschalten und Rennen fahren? Ich weiß auch nicht, was da zwischen meinen Ohren los ist, auf jeden Fall hat Hamburg für mich den einen oder anderen Erkenntnisgewinn und ein paar Tränchen bereit gehalten.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS
Gelernt auf der 120er-Cyclassics-Runde:
1. Ältere Männer stellen die größte Menge der Teilnehmer. Sie heißen Hans-Dieter, Hans Georg, Hans Heinrich, Hans-Jürgen und Hanswalter (ja, ein Wort!). 
2. Ein Rennen über 120 Kilometer sollte man anders angehen als ein 25 Kilometer Kriterium. Pro Tipp: Nicht direkt zu Beginn mit dem Puls am Anschlag.
3. Die Köhlbrandbrücke ist überhaupt gar kein bisschen schlimm, sondern wunderwunderwunderschön. Und der Ausblick erst.
4. Wenn du keine Gruppe hast, hast du keine Gruppe.
5. Du hast den Bezug zur Realität noch nicht komplett verloren, wenn dir beim Kilometer rückwärts zählen noch auffällt, wie absurd es ist, sich über "Nur noch 70 Kilometer!" zu freuen.
6. Es gibt sehr große Menschen, die sehr große Rahmen fahren. Extrem große Rahmen. So groß, dass nicht etwa der Hintern oder untere Rücken des Fahrers auf Augenhöhe ist, wenn man direkt dahinter fährt, sondern die Sattelstütze. Im Ernst. Faszinierend. Wenn das Tempo nicht passt, muss man aber leider auch den größten Windschattenspender zurücklassen.
7. Klammere dich in den Hügeln nicht einzig und allein an den Gedanken, dass die letzten 40 Kilometer flach nach Hause führen, denn dann hast du die Rechnung ohne den Wind aus der Hölle gemacht.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS
8. Auf 15 Kilometern geradeaus neben dem Deich kann der Wind von vorne, von der Seite, von oben und von unten kommen. Aber niemals von hinten. 
9. Ein Stück Heimat kann dir in jeder Situation den Arsch retten. Wenn bei Kilometer 110 jemand im Cycling Club Düsseldorf Trikot vorbei zieht, während du auf dem Zahnfleisch gehst, dann musst du dranbleiben, dich beschweren, ihn noch nie zuhause gesehen zu haben und diese Begegnung so enorm feiern, dass sie den Gegenwind auf den letzten zehn Kilometern fast vergessen lässt. Fast. 
10. Wenn das Hafenmanagement HPA per LED-Anzeigetafel allen Teilnehmern der Cyclassics viel Erfolg wünscht, ist das eine gute Gelegenheit, sich den Kopf über Erfolg zu zerbrechen. Können alle Erfolg haben? Müssen nicht einige scheitern, damit andere erfolgreich sind? Sorgen nicht erst die hinteren Plätze in der Ergebnisliste dafür, dass die vorderen gut aussehen? Ist Erfolg überhaupt das Gleiche wie gewinnen? Habe ich nicht auch Erfolg, wenn ich mein eigenes Ziel erreiche, vollkommen unabhängig davon, was die anderen machen? Ist es nicht auch Erfolg, mit einem bestimmten Gefühl die Ziellinie zu überqueren?

Foto: Getty Images for CYCLASSICS
Während mir klar wird, was Erfolg für mich bedeutet, setzt sich ohne Vorwarnung Marcus Wiebusch' unverkennbare Stimme mit "48 Stunden" in meinem Ohr fest und geht da erst mal nicht mehr weg.

Mach immer was dein Herz dir sagt
immer was dein Herz dir sagt
mach immer was dein Herz dir sagt
und begrab' es an der Biegung des Flusses  

Mach immer was dein Herz dir sagt
Da muss viel mehr Weisheit in mich rein
ich weiß genau dein Herz ist gut
und weiß ganz genau meins wird zu Stein 

Vielleicht ist der Song alles andere als positiv und motivierend, ziemlich sicher hat er auch rein gar nichts mit Sport zu tun. Vielleicht habe ich aber erst vor zwei Tagen beim 15 Jahre Grand Hotel van Cleef Festival Kettcar in Hamburg gesehen (was an sich schon eine famose Kombination ist), und vielleicht sind es aus irgendeinem Grund genau diese hartnäckigen Zeilen, die mich dranbleiben lassen. Der Kopf sieht schon längst keinen Sinn mehr darin, zu kämpfen, der Körper wüsste gerade auch tausend Sachen, die er lieber machen würde als radfahren, aber das Herz will weitermachen. Scheiß auf die Krämpfe im Oberschenkel, auf die Sitzprobleme, auf all den Wind, auf die nicht vorhandene Gruppe. Fahr so gut du kannst. Mach immer, was dein Herz dir sagt.


Fotos vom Rad Race: Christian Siedler
Zurück zum Erfolgsthema, Überleitung zum Rad Race Battle am Samstag. 190 Meter Sprint. Ich scheide schon in der ersten Runde aus - und zwar mit einem gigantischen Rückstand, von dem mir gar nicht bewusst war, den auf einer so kurzen Strecke sammeln zu können. Das ist wohl Pech bei der Auslosung, wenn man schon in der ersten Runde gegen die später Drittplatzierte ran muss, aber: ansonsten wäre halt in der zweiten Runde Schluss gewesen. Was viel wichtiger ist: Der ganze Quatsch macht trotzdem Spaß. Beim Rad Race sind die Leute cool, du gehst einfach hin, hängst dein Rad auf, stellst dich irgendwo dazu und kommst ins Gespräch. Tatsächlich hat mein Bericht aus dem letzten Jahr wohl die eine oder andere Teilnehmerin motiviert, sich selbst an den Start zu stellen - das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl!

Foto: Christian Siedler
Zahlen und Ziele für die Cyclassics: Ich wollte die 120 Kilometer gern in 3:25 Stunden fahren, 35er Schnitt. Das hat nicht geklappt. Gründe stehen oben viele und ich habe eine Weile gebraucht um mich damit abzufinden, dass ich nicht alles in der Hand habe. Ich kann mein Training, meine mentale Verfassung und meine Verpflegung beeinflussen, natürlich drei extrem wichtige Faktoren. Die äußeren Bedingungen kann ich mir jedoch nicht aussuchen - und obwohl ich Wind eigentlich echt gerne mag, hätte ich mir für Sonntag lieber etwas weniger gewünscht. Und wenn ein Radrennen ein Wunschkonzert wäre, dann hätte ich nicht nur vereinzelte Mitstreiter, sondern auch die perfekte Gruppe gehabt, nicht zu schnell und nicht zu langsam, mit der ich bis ins Ziel gerauscht wäre. Isset aber nich. Dass mein Ziel nicht zu hoch gesteckt war, zeigt mir allerdings das Ergebnis.

Vielen Dank für das Foto an den wunderbaren Erik, dem ich gleich zweimal zufällig über den Weg gelaufen bin. Er ist einer der vielen Helfer, die Startunterlagen verteilt, Beutel entgegen genommen und Medaillen umgehängt haben. Danke! 
Herausgekommen sind 3:33 Stunden, 33,8 km/h. Platz 79 von 480 gesamt und Platz 15 von 68 in der Altersklasse. Fühlt sich nicht wie Erfolg an, ist es aber irgendwie doch. Ich bin mit 120 Kilometern meine bisher längste Strecke am Stück geradelt. Ich wollte oben auf der Köhlbrandbrücke die Welt umarmen, oder zumindest Hamburg. Ich habe beim Start morgens um 8 im kühlen, aber sonnigen Hamburg gefühlt, gedacht und gesagt, dass es nichts gibt, was ich gerade lieber machen würde. Deshalb: Mach immer, was dein Herz dir sagt.

Foto: Getty Images for CYCLASSICS
Mehr von Christians Fotos vom Rad Race Battle gibt es hier. Unbedingt reinschauen!

Wie geht's weiter mit der Saison 2017? Nun, das Herz sagt natürlich Radfahren. Und deshalb freue ich mich sehr auf den Münsterland Giro am 3. Oktober, weil das Rennen letztes Jahr unheimlich schön war und es dieses Jahr für mich gleich doppelt besonders ist - mehr wird noch nicht verraten. Absolute Empfehlung auf jeden Fall!
Vorher traue ich mich allerdings noch in neues Terrain und fahre am 9. September mein erstes MTB-Rennen beim Vulkanbike in der Eifel. Nachdem die Coffee & Chainrings Bande mir lange genug gut zugeredet hat, freue ich mich auf eine komplett neue Herausforderung und bin gespannt, wie Beine und Kopf auf Höhenmeter und Gelände so klarkommen. Es könnte kaum besser passen, denn am 7. September legt die Cyclingworld ihre Cyclocross Challenge neu auf und so werde ich mit Karlson noch ein bisschen Querfeldein-Rennluft schnuppern - dieses Mal auch ohne Halbmarathon davor. Ich freu mich drauf!

Donnerstag, 17. August 2017

Buchtipp: Rad und Raus - Alles für Microadventure und Bikepacking

Kommentare :
Ein Buch, das mir erklärt, wie ich Abenteuer mit dem Fahrrad erlebe - nimmt das der ganzen Sache nicht per se schon sämtliche Aufregung? Wie abenteuerlich kann eine Radreise denn sein, wenn man sich vorher gemütlich auf der Couch informiert hat, was eine gute Idee ist, was eine eher schlechte, wie das so funktioniert mit dem Bikepacking und dem Microadventure? Dieses Wort begegnet dem Leser in Gunnar Fehlaus Rad und Raus übrigens ziemlich häufig: Microadventure. Und so unsexy es erscheint, zuerst eine Anleitung zu lesen, um sich dann vorbereitet ins Abenteuer zu stürzen - das Buch schafft es, dass ich am liebsten sofort losradeln möchte. Schon nach der Hälfte bin ich kurz davor, eine superleichte Isomatte und ein winziges Zelt zu erstehen. Zum Glück lese ich erst mal weiter, denn ein Zelt ist für Draußenschläfer gar nicht so die ultimative Empfehlung. Der Grund: Wer sein Zelt einfach irgendwo im Wald aufschlägt, betreibt Wildcamping und das ist verboten. Achja, da war was. Mit einem Tarp, das auch irgendwie so eine Art Dach über dem Kopf ist, aber eben kein Zelt, sieht das ein bisschen anders aus - kein direkter Freifahrtschein, aber immerhin eine rechtliche Grauzone. Davon schon mal etwas gehört zu haben, bevor man munter losradelt, schadet definitiv nicht.


Je länger ich lese, desto stärker manifestiert sich der Gedanke: "Du brauchst gar nichts kaufen, setz dich einfach aufs Rad und fahr los." Denn für die Mini-Radreise mit nur einer Übernachtung (ein weiteres fancy Wort: "Overnighter") braucht es laut Rad und Raus gar nicht viel. Gunnar Fehlau behauptet sogar, dass man das meiste dafür sowieso zuhause hat: Im Keller, auf dem Dachboden, vom letzten Camping oder aus längst vergangenen Pfadfinderzeiten. Bei mir wäre es dann eher die Festivalvergangenheit, die wohl noch noch den einen oder anderen Campingkocher und Schlafsack zurück gelassen hat. Wer sich doch mit dem neuesten heißen Ultralight-Bikepacking-Scheiß ausstatten will, der bekommt im Buch auf jeden Fall die passenden Tipps. Und wer Ausrüstung unbedingt vorher testen möchte, kann das ja mal bei einer Übernachtung auf dem Balkon machen. Weil meine Wohnung damit nicht dienen kann, spiele ich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, eine Nacht im Grafenberger Wald zu verbringen. Zehn Minuten von zuhause entfernt, falls es doch zu abenteuerlich werden sollte.


Bisher bin ich nicht zu meinem ersten Overnighter aufgebrochen. Das liegt aber definitiv nicht an Rad und Raus von Gunnar Fehlau: Das kurzweilige Buch im handlichen Format macht mit teilweise sehr traumhaften Fotos und unzähligen, wahrscheinlich hilfreichen Tipps absolut Lust aufs Fahrrad-Abenteuer. Was mich abhält, ist der zurzeit mit Arbeit, Studium und Training gut durchgetaktete Alltag. Und ein klitzekleines bisschen vielleicht auch die Tatsache, dass ich alleine unter freiem Himmel schlafen nicht nur abenteuerlich, sondern ehrlich gesagt auch ein bisschen gruselig finde. Vielleicht werde ich daher beim ersten Mal doch nicht den nächstbesten Wald, sondern einen sicheren Campingplatz ansteuern. Denn auch das lehrt mich Rad und Raus: Dein Bikepacking-Abenteuer ist genau das, was du daraus machst.

Rad und Raus - Alles für Microadventure und Bikepacking“ (Werbelink) von Gunnar Fehlau ist im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro. Das Buch hat 160 Seiten mit 160 Farbfotos und passt mit 12,4 x 18,4 Zentimeter in jede Tasche. Der Verlag hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.


Freitag, 11. August 2017

Raceday No. 41 - Preis von Bochum Wiemelhausen

1 Kommentar :
Im letzten Jahresrückblick hatte ichs angesagt und jetzt kann ich einen Haken dran machen: Podiumsplatz - check! Dieses Mal nicht beim Triathlon, sondern tatsächlich beim Radfahren. Und eigentlich ist das alles gar keine so große Sache, weil beim Preis von Bochum Wiemelhausen nur zwei Frauen am Start waren und ich eben vor der zweiten über die Ziellinie gefahren bin - keine allzu heldenhafte Geschichte. Aber nach dem Reinfall bei meinem ersten Kriterium in Krefeld Bockum freut es mich doch umso mehr. In Krefeld bin ich theoretisch auch erste Frau geworden, der Veranstalter hat aber komplett ignoriert, dass drei Frauen am Start waren. Es gab keine eigene Wertung und auf Nachfrage nur ein Schulterzucken und: "Ihr wart doch im gleichen Rennen." Tjoar, wir hätten ja einfach gegen die Männer gewinnen können. Das hat mich ziemlich geärgert - nicht nur, weil ich gern auf dem Treppchen gestanden hätte, sondern vor allem, weil ich die Anerkennung unserer Leistung genauso vermisst habe wie das Verständnis für die Problematik an sich. Aber es geht auch anders - und deshalb kommt hier der Gegenbeweis.


Die Entscheidung, in Bochum zu starten, ist ziemlich kurzfristig gefallen. Eine gerade erst überstandene Erkältung und ein kleiner Sturz mit dem MTB zwei Tage zuvor haben mich zögern lassen. Hätte ich die Strecke vorher gekannt, hätte ich mir den Start wohl auch nochmal sehr gut durch den Kopf gehen lassen ... 1,3 Kilometer, davon 600 Meter bergab, 500 bergauf und den kurzen Rest flach. Dazu Kopfsteinpflaster, sowohl hoch als auch runter. Könnte einfacher sein. Daniel und Alex vom Cycling Club Düsseldorf sind auch hier, und nachdem wir die Strecke besichtigt haben, wird mir klar, dass das ein einsames Rennen für mich wird. Viel zu selektiv ist der Kurs - und kein Hinterrad der Welt werde ich an diesem fiesen Anstieg halten können.



Zum Glück sind es nur 19,5 Kilometer, 15 Runden. Eine Runde hat 22 Höhenmeter, was schon fast niedlich klingt, in der Realität aber durchaus furchteinflößend aussieht und in der Summe definitiv anstrengend wird. Oh Mann. Warum nochmal? Außer mir ist nur eine andere Frau am Start. Mein Plan lautet daher: Dran bleiben. 200 Meter nach dem Start scheiße ich auf den Plan und beschließe, mir lieber einen kleinen Vorsprung rauszufahren und dann mal weiter zu sehen. Die neue Taktik ist hervorragend. Eine halbe Runde lang. Bis zum Anstieg. Die Abfahrt und den Hügel trennen nämlich drei Kurven bergab - die ersten beiden sind okay, aber die dritte hat fast 180°. Beruhigend, dass genau hier schon ein Krankenwagen hinter der Absperrung bereit steht - ich möchte ihn nicht brauchen. Deshalb leite ich all die schöne Energie aus der Abfahrt in die Bremsen und nicht in den Anstieg - schöne Scheiße.


Beim ersten Mal drücke ich trotzdem aus irgendeinem verrückten Grund viel zu schnell hoch. Noch 14 mal hier rauf? Ohne mich. Und ohne das Tempo. Die Zuschauer oben sind großartig und entschädigen ein kleines bisschen dafür, dass die Steigung nicht bei der Start-/Ziellinie endet, sondern sich noch einige Meter weiter zieht. Endlich oben angekommen ist das Wichtigste: klar kommen. Atmen. Atmen! Wo zur Hölle sind eigentlich die Beine? Nie wieder werde ich aufs große Blatt schalten. Ich eiere einfach im kleinsten Gang um den kompletten Kurs, was solls?!

In der ersten Kurve nach dem Start liegt einer dieser Verkehrsberuhigungshubbel (die Niederländer haben da mit Drempel definitiv das einfachere Wort). Während ich hier in der ersten Runde unsanft hoch gerumpelt bin, versuche ich es dieses Mal mit einem Bunnyhop - elegant ist anders, aber immerhin. Es wird der erste und letzte sein, denn ab Runde drei fehlt mir die Kraft. Für alles. Kurz vor der Abfahrt beschließe ich, dass ein dickerer Gang doch eine Option ist. Das könnte alles so schön sein hier, wenn da nicht dieses Kopfsteinpflaster inklusive Spurrillen wäre. Meine beim MTB-Sturz angeschlagene Schulter findet die Hoppelei ganz und gar nicht witzig, so dass ich den Lenker bergab hauptsächlich mit der anderen Hand festhalte. Könnte echt besser laufen.


Wie kann es sein, dass dieser scheiß Anstieg schon wieder da ist? Hier war ich doch gerade erst! Ich krieche hoch. Irgendwie. Keine Ahnung, wo die Beine heute sind. Auf jeden Fall nicht in Bochum. Der Hügel tut weh, das kurze flache Stück danach tut weh, die Abfahrt ist auch alles andere als Erholung. Nach sechs Runden will ich nicht mehr. Was, wenn ich jetzt einfach aufhöre? Sicherer Podiumsplatz hin oder her, ist ein Rennen mit zwei Fahrerinnen nicht sowieso ein ziemlicher Witz? Was mache ich hier überhaupt? Es war klar, dass es hart wird, das Ganze alleine zu fahren, aber so hart? Ich würde gerne mal einfach nur mitrollen, eine Gruppe finden, irgendein Hinterrad. Da ist aber niemand ähnlich langsam wie ich. Stattdessen überrunden mich ein paar Fahrer, darunter Alex. In der kurvigen Abfahrt findet er die Zeit mir zu zurufen, dass ich gut unterwegs bin. Achja, die Lügen des Ausdauersports. Sie wirken immer.


Als ich mich das nächste Mal mit Hängen und Würgen diesen verdammten Berg hochgekämpft habe, nennt der Kommentator am Start/Ziel gerade meinen Namen und fragt laut, ob es eigentlich eine Frauenwertung gibt. Das frage ich mich auch. Mittlerweile ist auch den Zuschauern mein Leiden nicht entgangen. Gefühlt wird der Applaus dort oben mit jeder Runde stärker. Auch die Streckenposten feuern mich an. Der Kommentator erzählt schon wieder, wie ich heiße, und dass Susanne, die zweite Frau, mir auf den Fersen sei. Oh. Mit leeren Beinen und leerem Kopf komme ich oben an, möchte nie wieder hochschalten und wünsche mir nichts mehr, als dass dieses Flachstück nur ein paar Meter länger wäre. Ist es aber nicht. Es geht schon wieder bergab, und wenn ich irgendwo Zeit rausholen kann, dann ist das definitiv nicht bergauf. Also nix mit rollen lassen, sondern Kette rechts und treten, was geht. Und den Lenker festhalten. So gut wie möglich.




Dann das gleiche Spiel von vorn: In Zeitlupe den Mount Everest hoch fahren und oben die Beine suchen. Jedes Mal, wenn der innere Kampf zwischen aufgeben und durchziehen gerade in Richtung Füße hochnehmen und nur noch langsam rollen tendiert, kommt die Abfahrt und der Gedanke: jetzt oder nie. Entweder zusammenreißen, hier den Vorsprung wieder ausbauen oder gleich überholt werden. Ich werde nicht überholt. Mein Rennen endet nach 12 Runden, 17 Kilometern und 38 Minuten. 27er Schnitt. Klingt peinlich - da bin ich schon im Triathlon deutlich schneller gefahren. Dass der Sieger auch "nur" einen 36er Schnitt gefahren ist, verrät wohl genug über das Profil der Strecke. Meine schnellste Runde lag übrigens bei knapp unter 33 km/h und war - natürlich - die allererste. Laktatdusche olé. Dass ich trotz der enttäuschenden Zahlen alles gegeben habe, wird mir erst nach dem Rennen klar. Während die Jungs schon über Eis und Kuchen philosophieren, will ich nur in den Schatten und darauf warten, dass mir nicht mehr schlecht ist. Selbst die obligatorische Cola, die mir sonst immer den Arsch rettet, ist heute nicht verlockend. Bochum, du warst ganz schön hart. Aber auch ganz schön geil!



Lieber RSV Bochum, danke für eine top organisierte Veranstaltung, für einen tollen Kommentator, großartige Zuschauer und die Selbstverständlichkeit, die Frauen mit aufs Treppchen zu bitten, selbst wenn nur zwei am Start waren. Danke für Urkunde, Medaille und Preisgeld, das mir sogar noch hinterher getragen wurde, weil ich mich über all die Aufmerksamkeiten davor schon genug gefreut hatte. So sollte das sein!

Mittlerweile dürfte der Stil euch bekannt sein - Christian Siedler hat fotografiert. Danke dafür und für die Begleitung! Noch mehr Bilder gibt's hier.

Montag, 7. August 2017

Inside Tour de France

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Ich war beim Grand Départ in Düsseldorf. Natürlich. Tour de France direkt vor der eigenen Haustür, geht es noch besser? Ja. Für Coffee & Chainrings durfte ich bei zwei Etappen in Frankreich ein bisschen hinter die Kulissen der Tour de France schauen. Tissot hatte zur Pressereise geladen und ich musste mich natürlich nicht zwei Mal bitten lassen. Mit Französisch-Kenntnissen, die stark gegen Null tendieren, habe ich mich zwei Tage lang mit Händen, Füßen und einem Herz voller Radsportliebe so durchgeschlagen. Herausgekommen sind zwei Artikel, einige Bilder und eine Unmenge einmaliger Erinnerungen.

Hier geht's zu Bildern und Texten:

Inside Tour de France - Teil 1 - 10. Etappe von Périgueux nach Bergerac

Inside Tour de France - Teil 2 - 11. Etappe von Eymet nach Pau



 


Freitag, 28. Juli 2017

Rapha Women's 100 feat. Braver Than The Elements 2017

1 Kommentar :


Wenn du irgendwem erzählst, der noch nie Rennrad gefahren ist, dass du gedenkst, 100 Kilometer auf eben diesem Gefährt zurück zu legen, wirst du schon mal schnell mit großen Augen angeguckt. Jeder Rennradfahrer hingegen zuckt höchstens müde mit den Schultern. 100 Kilometer? Die kommen schnell mal zusammen. Nichts Besonderes also?


Doch. Meine allerersten 100 Kilometer bin ich vor genau zwei Jahren geradelt. Bei der Rapha Women's 100 2015, zusammen mit einem Haufen Mädels und der Schicken Mütze. Alleine wäre ich sehr wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen. Damals tat mir hinterher alles weh und ich war mächtig stolz. Mittlerweile sind 100 Kilometer keine Distanz mehr, die mich auf dem Rennrad beeindruckt, aber ich habe nicht vergessen, dass es noch nicht allzu lange her ist, als das noch etwas anders aussah. Deshalb stand für mich fest, dass ich dieses Jahr wieder dabei sein würde. Etwas zu schaffen, was man vorher noch nie ausprobiert hat oder woran man nicht einmal gedacht hat; die Erfahrung, wie weit man aus eigener Kraft kommen kann - das ist nämlich auch von der anderen Seite schön. Nicht nur dann, wenn man sich durchkämpft und das Ganze selbst erlebt, sondern auch, wenn man dabei zusieht, die Gruppe führt oder anschiebt, wenn man motiviert und zur Not kleine Arschtritte verteilt.


Rapha hat also wieder Frauen dazu aufgerufen, 100 Kilometer zu radeln. Wieder an einem Sonntag im Juli, wieder am letzten Tag der Tour de France. Fein. Unsere Düsseldorfer Gruppe ist bunt gemischt. 25 Frauen, manche routinierte Fahrerinnen, manche noch nicht lange auf dem Rad oder unerfahren in Gruppen. Die ersten 30 hügeligen Kilometer eignen sich gut, um sich an das heranzutasten, was noch kommt: viel geradeaus und viel Wind. Sehr viel Wind. Und Regen. Und Wind. Und noch mehr Regen. Hatte ich Wind schon erwähnt?


An den Hügeln rollt es gut. Jede fährt ihr eigenes Tempo und die langsameren können oben immer wieder aufschließen, ohne dass die schnelleren ewig lange rumstehen und kalt werden. Nach den ersten beiden Hügeln wartet nur noch der Esel - genau wie vor zwei Jahren. Noch immer berühmt-berüchtigt, aber das einzig furchteinflößende an diesem Anstieg ist, dass er einen Namen hat. Wirklich. Aber mir glaubt ja keiner. Damit es sich unterwegs niemand anders überlegt, plappere ich einfach während der ganzen Kletterei dummes Zeug, das hoffentlich entweder a) ablenkt, b) gute Laune verbreitet oder c) so einen Hass auf mich schürt, dass die kämpfende Truppe erst recht vor mir oben ankommen will. Bitte wählen Sie jetzt.

Die blöden Geschichten sind mir noch lange nicht ausgegangen, aber wir haben die Kuppe erreicht. Esel: check. "Das war alles?" - "Hatte ich mir viel schlimmer vorgestellt!" Ach guck an. Ich habe noch nie jemanden sagen hören: "Das war schrecklich, das mache ich nie wieder!" Nie. Stattdessen: Erleichterung, Freude, Stolz. Am besten ist es eben, Sachen einfach mal zu machen.


Nachdem die Hügel jetzt hinter uns liegen, rollen wir der Kuchenpause entgegen - nur liegt die inmitten einer Schlechtwetterfront. Auf den Wirtschaftswegen zwischen den Feldern sind wir ein leichtes Opfer für den Wind. Er will uns bremsen, uns noch etwas im Nassen aufhalten. Das leichte Nieseln entwickelt sich gerade zu einem ordentlichen Platzregen. Wir schwimmen vorwärts. Gegen eine Wand aus Wind. Ist das hier Women's 100 oder Braver Than The Elements? Die Grenzen verschwimmen. Genau wie die Straße. Und die Sicht. Ich muss die Brille abnehmen, wenn ich nicht blind weiter fahren will. Der Wind peitscht die kalten Regentropfen ins Gesicht: auf Wangen, Nase, Lippen und in die Augen, auf Arme und Beine, auch von unten spritzt das Wasser hoch und wir sind alle so unendlich nass. Bis auf die Haut.

Wie wunderbar. Klar kannst du auch großartige Ausfahrten bei bestem Wetter haben. Aber die Geschichten, an die sich später alle erinnern, spielen immer unter widrigsten Bedingungen. Oder ist die Titanic unter strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel untergegangen? Eben. Bei uns heißt es dann halt: Wisst ihr noch, wie wir mit 25 pitschepatschenassen Mädels in das Café gestiefelt sind, wie komisch die anderen Gäste geguckt haben, wie wir alle Stühle und Polster komplett unter Wasser gesetzt haben und wie großartig dieser gigantische Eiskaffee war?

 








Nach unserer Stärkung hört der Regen auf. Der Wind bleibt uns noch erhalten. Er pustet von vorne, von der einen Seite, von der anderen Seite. Puh. Kurz vor Kilometer 70 entscheiden wir uns für eine Gruppentrennung, weil sich nicht alle trauen, im Windschatten zu bleiben - das bremst die ganze Gruppe aus und bei den Bedingungen wird es dadurch anstrengender als nötig. Wir spalten uns also in Peloton und Gruppetto, was allen mehr als recht ist.



Plötzlich meint es auch der Wind gut mit uns und schiebt uns zurück in Richtung Düsseldorf. Das beständige Rauschen in den Ohren wird jetzt unterbrochen von munterem Gemüse-Raten: Wir fahren an so vielen verschiedenen Feldern vorbei, dass sich schnell herausstellt, wer die besten naturkundlichen Kenntnisse hat. "Kartoffeln!" - "Steckrüben!" - "Ist das hier Kohl?" - "Um Himmels Willen, was für eine Pflanze stinkt so dermaßen?" - "Tagetes!" Jungs, das sind also die Themen, über die Frauen sprechen, wenn sie unter sich sind: Kuchen und Kohl.





Wir biegen genau an der richtigen Stelle auf den Deich ab und haben den allerbesten Blick auf Düsseldorf. Den Rheinturm, den Medienhafen, die Kniebrücke, all das viele Grün, die Schafe. Homecoming. Nach exakt 100 Kilometern. Unter Applaus rollen wir in der Schicken Mütze ein. Wenig später empfangen wir standesgemäß die zweite Gruppe. Geschafft! Ich blicke in lauter strahlende Gesichter. Zur Belohnung gibt es - natürlich - Gebäck, vielen Dank an den großzügigen Spender!









Diejenigen, deren Couch noch nicht zu laut ruft, bleiben zum Rudelgucken. Die letzte Etappe der Tour de France, die vor drei Wochen genau hier begonnen hat, bei uns in Düsseldorf. Paris. Der letzte Sprint. Mein absolutes Highlight ist der großartige Paul Voß live in der Sportschau: "Greipel! Greipel! Greipel!!! Nee. Groenewegen. Fuck!" Was für ein Kommentar, so viele Emotionen in einem so kurzen Augenblick. Den zweitbesten Kommentar des Tages habe ich unterwegs aufgeschnappt: Ein älterer Herr, ebenfalls mit dem Rennrad unterwegs, musste kurz warten, um 25 Mädels durchzulassen. Er stellte dabei verwundert fest: "Ich wusste gar nicht, dass so viele Frauen Rennrad fahren!" #thisiswhy: Danke Rapha, danke Schicke Mütze, danke an alle Mitfahrerinnen!

Danke für die Fotos an Kerstin Kortekamp, Carsten Wien, Ellen Abendroth.