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Donnerstag, 12. Januar 2017

Raceday No. 28 - Neujahrslauf Ratingen 2017

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Laufen ist anstrengend, man sieht dabei beschissen aus und es macht keinen Spaß. Das ist eigentlich alles, was ich zum Ratinger Neujahrslauf sagen möchte. Aber weil man manchmal auch die nicht so schönen Sachen aufschreiben muss (und damit das hier kein reines Fotoalbum wird), denke ich mir noch ein paar Sätze dazu aus.


Mit meiner Harakiri-Partnerin-in-Crime Naomi habe ich ausgeheckt, dass wir zu Beginn des Jahres einen 5er laufen. Einen schnellen 5er. Weil man die Distanz ja sonst nie läuft und weil wir wissen wollen, wie schnell wir sein können. Weil mit dem Beginn der Winterlaufserie, die Ende März mit einem Halbmarathon endet, die langsamen und langen Läufe wieder anfangen. Wir sind jung und hungrig und wollen vorher noch einmal ballern. Kurz und hart. Auf die Fresse. Halt so.

Kann man machen. Aber muss man dann auch wollen. Wenn schon von Anfang an klar ist, dass fünf von fünf Kilometern voraussichtlich hart werden, dann sollte man die richtige Einstellung dafür mitbringen. Dann sollte man in Kauf nehmen, dass es weh tut. Vom Anfang bis zum Ende. Das Zeitziel lautet: unter 25 Minuten. Ich bin beim Martinslauf die ersten drei Kilometer jeweils in 4:50 min/km gelaufen. Wenn das drei Kilometer lang geht, dann auch fünf. Nur halt (noch) keine zehn. Genau 25 Minuten, also glatte 5er Pace ist das mindeste, was auf der kurzen Strecke drin sein sollte.


Am Vortag hält das Rheinland Eisregen und Glatteis bereit. Und zwar nicht zu knapp: Schon normales Gehen ist eine echte Herausforderung, an Laufen ist überhaupt nicht zu denken. Der Renntag selbst versteckt sich im Nebel - aber immerhin wieder mit Temperaturen im positiven Bereich. Keine Glätte. Ein Problem weniger, denn es gibt sicher Schöneres als Kopfsteinpflaster bergab bei Glatteis. So habe ich den Kopf ja jetzt frei, um mir über die Anstiege Gedanken zu machen. Denn wo es runter geht, muss man vorher auch rauf ... Ich weiß, dass es jede Runde zwar sanft, aber lange bergauf geht. Dass danach nochmal ein Schlenker kommt, der bergab, bergauf und am Ende wieder bergab bedeutet. Vielleicht nicht gerade die idealste Strecke für einen Bestzeitenversuch. Egal. Wir wollen es ja so. Selbstgewähltes Leid. 



Dieses Mal sind wir immerhin so schlau und wärmen uns vor dem Start auf. Vermutlich nicht die schlechteste Idee. Wir sortieren uns in der Startaufstellung recht weit vorne ein, aber natürlich nicht weit genug. Wenige Sekunden vor dem Start entdecke ich unmittelbar vor uns eine Horde Ladies in pinken T-Shirts. Was schon von hinten wie ein Junggesellinnenabschied wirkt, entpuppt sich beim Startschuss als kein bisschen sympathischer: Dass es nun losgeht, quittieren die Damen nicht etwa, indem sie sich in Bewegung setzen, sondern mit schrillem Kreischen und Arme-in-die-Luft-reißen. Selbstverständlich trabt der Trupp danach mit fünf Mann (äh, Frau) nebeneinander ganz gemächlich los. Ich möchte dezent ausrasten. Klar, das ist nur ein Neujahrslauf und nicht die Deutsche Meisterschaft, es ist nur ein 5er, ein Jedermannrennen. Schön für die pinken Laufmamas (sic!), dass sie laufen und offenbar Mütter sind (scheinbar ist die Kombination eine beeindruckende, die sich mir nicht vollständig erschließt). Schön, dass beim 5er auch Menschen laufen, die eher unambitioniert unterwegs sind, alles prima, Bewegung ist toll, aber stellt euch doch verdammt nochmal einfach weiter hinten hin und haltet nicht den kompletten Verkehr auf. 25 Minuten sind jetzt auch echt keine Zielzeit, mit der man sich guten Gewissens noch weiter vorne einsortieren kann - ich fühle mich jedenfalls doof, wenn ich Leuten im Weg bin.

Ich habe die Nase voll und wiesele mir den Weg frei. Bewusst schnell, deutlich zu schnell, aber Hauptsache erst mal weg. Gleich am Berg wirds sowieso noch langsamer, also erst mal raus aus dem Pulk. Naomi verliere ich bei der Wuselei aus den Augen, drehe mich noch einmal um und entdecke sie ein paar Meter hinter mir. Der Start war ja schon mal maximal nervig.


Ich laufe heute absichtlich wieder mit Uhr, damit ich die Zeiten halbwegs im Blick behalten kann. Allerdings kann die Uhr (immer noch) keine Pace anzeigen und so bin ich auf die Kilometermarkierungen angewiesen, die ich einfach nicht sehe. Oder zu spät sehe und nicht verstehe, ob sie für den 10er (mit etwas anderer Streckenführung) oder den 5er sind. Na schön. Dann halt weiterhin die Augen offen halten. 

Ich gucke so viel in der Gegend rum, dass ich Menschen am Rand erkenne, die mich nicht erkennen. Gut, ich renne schon nach 500 Metern mit einem knallroten Tomatenschädel durch die Stadt und gucke dabei wohl ziemlich unbegeistert. Die Beine sind schwer, das anfängliche Rennen rächt sich schnell. Der "Berg" kommt. Es ist der Hauser Ring, ich kenne und hasse ihn vom Triathlon, denn er ist tückisch. Sanfte Steigung, kaum sichtbar, aber dafür lang. 700 Meter lang. Zieht sich wie Kaugummi. Mir geht der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass es zwei Runden gibt. Zwei fucking Runden, zwei Mal hier hoch, dann am Krankenhaus vorbei wieder runter, 180° Kurve, Naomi überholt. Sie fragt, ob ich Schmerzen hätte, weil ich das Tempo so deutlich gedrosselt habe, mir fällt dazu nichts ein. Nochmal 300 Meter bergauf. Wenn es von der 2,5-km-Runde einen Kilometer lang nur hoch geht, möchte ich die Strecke hiermit mal selektiv nennen. Scheiße!


Die Beine sind immer noch schwer. Der Kopf ist woanders. Dass ein 5er kein Zuckerschlecken ist, wenn man ihn so schnell wie möglich laufen will, war mir auch vorher klar. Dass ich mich heute nicht zusammenreißen kann und schlicht keine Lust habe auf Anstrengen und Aushalten, damit hatte ich nicht gerechnet. Es gehört zu mir, die Dinge in Frage zu stellen. Mir Gedanken zu machen. Für und Wider abzuwägen. Alle Blickwinkel zu beleuchten. All das ist ungefähr das Dämlichste, was man während eines Laufs so machen kann: Die Frage nach dem Warum darf man einfach nicht stellen. Warum zur Hölle tust du dir das an? Die Krönung des Ganzen ist dann bloß, wenn man sich dessen ganz genau bewusst ist: Es ist Scheiße, was du hier machst. Du musst aufhören, nachzudenken. Schalt den Kopf endlich aus.

Die Beine wollen schon von Anfang an nicht und im letzten Drittel der ersten Runde reift in mir die Erkenntnis, dass es das Beste ist, aufzuhören. Auszusteigen. Mein erstes DNF, did not finish. Warum nicht bei einem verdammten 5er? Geht halt heute nicht. Was soll ich sagen? Beine nicht gefunden, nicht bei der Sache, hat keinen Zweck. Einmal ärgern und danach weitermachen. Ich ahne, dass ich es mir anders überlegen könnte, wenn ich erst mal die Zielgerade runter laufe und zur zweiten Runde abbiege, aber ich rechne nicht ernsthaft damit. Ich kann nicht mehr. Und ich will nicht mehr. Wirklich.


Kopfsteinpflaster. Bergab. Rechts und links Zuschauer. Ich weiß ganz genau, wo meine Eltern stehen, wo Naomis Eltern stehen, wo Christian mit der Kamera ist. Ich will keinen sehen, schaue nicht nach rechts oder links. Ich will auch nicht gesehen werden, bin gar nicht hier, steige ja gleich so oder so aus, scheiß doch drauf. "Zieh Maren, weiter so!" Ich kenne die Stimme. Erkenne die Stimme. Wusste nicht, dass er hier ist, aber natürlich ist er das, für ihn ist es das gleiche Heimspiel wie für mich. Ein Witz, dass mich irgendjemand bei dieser kläglichen Performance überhaupt so lautstark anfeuert. Nicht ein kleines bisschen, sondern laut und bestimmt, wie all die süßen Lügen des Ausdauersports ("Sieht gut aus!"). Dieses "Zieh dran!" im Befehlston ist exakt genau das, was ich in dem Moment brauche.

Auf einmal ist abbrechen keine Option mehr. Du wirst diesen bescheuerten 5er ja jetzt zu Ende bringen, nach 2,5 Kilometern aufhören wegen akuter Unlust ist ja wohl ein schlechter Scherz. Ich habe immer noch kein Kilometerschild sinnvoll zuordnen können, aber die Zeit auf der Uhr nach einer Runde sieht noch ganz gut aus. Ich vermute, dass ich das Tempo nicht halten kann, dass ich froh sein kann, wenn ich überhaupt noch einen Fuß vor den anderen setze. Und weil es keine andere Möglichkeit gibt, mache ich genau das. Scheiß auf irgendwelche Zeiten, es kann nicht immer gut laufen, aber bring es jetzt einfach zu Ende.

Ich krieche den Berg hoch, bin bergab nur mit atmen beschäftigt, hasse die enge Kurve, schleiche ein letztes Mal bergauf und freue mich auf die Zielgerade, die einfach nur lange bergab geht. Der Startbogen ist in Sicht, einige Meter dahinter auch der Zielbogen. Was für eine Schwachsinnsidee, bei so einem kurzen Lauf aufgeben zu wollen und was für ein Glück, dass ich hier jetzt endlich die Ziellinie überqueren kann. Weit entfernt von der angepeilten Zeit, aber mit einem Hauch von Stolz, durchgehalten zu haben. Durchgehalten bei einem 5er, was sich lächerlich anfühlt, aber im Endeffekt genau das ist, was wohl die meisten Volksläufer vereint. Seien es pinke Laufmamas oder ehrgeizige Bloggerinnen an einem schlechten Tag - am Ende sind wir doch alle nur froh über das, was wir geschafft haben.

Da der 5er ja nun mal eine Distanz ist, der ich mich nur selten stelle (genau genommen erst zum dritten Mal), ist es keine allzu große Überraschung, dass das Ganze trotz schlechter Beine und nölendem Kopf etwas schneller ging als beim letzten Mal. 25:47 Minuten lautet ab sofort die neue Bestzeit auf 5 Kilometern. Bedeutet: die sub25 steht noch auf der To-Do-Liste. Ziele braucht der Mensch!


Fotos: Christian Siedler. Danke dafür. Und danke Friedemann.

Freitag, 6. Januar 2017

Raceday No. 27 - Neusser Silvesterlauf 2016

Kommentare :
Menschen laufen Silvesterläufe. Menschen laufen Neujahrsläufe. Weil ich am 1. Januar üblicherweise mit Schlafen und fröhlichem Auskatern beschäftigt bin, laufe ich lieber an Silvester (und freue mich über einen Neujahrslauf am 8. Januar). Irgendwie finde ich es auch ganz charmant, das Jahr laufend ausklingen zu lassen. Mit der Gang zusammen geht es also nach Neuss, das ist dieses kleine feine Städtchen direkt neben Düsseldorf. Ich kenne die Gegend vom Radeln: Bei so vielen Ausfahrten habe ich die Autobahnbrücke über den Rhein schon herbeigesehnt. Heute laufe ich unten durch. Lieben Dank an das Runningteam Grafenberg, das mich erfolgreich eingeschleust hat! Irgendwann trau ich mich auch mal mit euch in den Wald ...


Ich habe für den Lauf keinen Plan, außer mich nicht komplett aus dem Leben zu schießen, damit ich abends noch halbwegs fit bin (haha!). Ansonsten habe ich nichts vor. Keine perfiden Pläne. Die sub50, die wir uns beim letzten 10er Anfang November vorgenommen haben, will ich heute nicht angreifen. Verträgt sich nicht allzu gut mit dem Plan, noch was vom Abend haben zu wollen und außerdem: Welcher normale Mensch ist bitte an Silvester in Bestform? Ich definitiv nicht. So beeindruckt es mich auch wenig, dass ich immer noch nicht die Batterie meiner Pulsuhr gewechselt habe und deshalb im Blindflug unterwegs sein muss. Was solls.


Der Start ist wuselig und eng auf der schmalen Strecke. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich es mal schaffe, mich vernünftig einzusortieren ohne die ersten paar hundert Meter Slalom laufen zu müssen. Wir starten zu viert: Maria wieselt wie erwartet sofort davon, Kati will es ruhig angehen und lässt sich zurückfallen. Ich vermute Naomi bei ihr und laufe das Tempo, was mir gerade einfällt. Fühlt sich gut an. Die Temperaturen sind irgendwo im Keller, aber die Strecke ist wunderbar: Vom Start auf dem Deich geht es runter über die Wirtschaftswege zwischen den Feldern, durch eine dörfliche Wohnsiedlung, quer über einen Pferdehof und wieder durch die Felder. Die Sonne scheint, die Wiesen sind aus irgendeinem verrückten Grund ganz schön grün und ich laufe als einer von vielen bunten Punkten aufgereiht wie an einer langen Schnur quer durch die absolut traumhafte Kulisse. Es ist still, so unheimlich leise. Nur Schritte und atmen. Über allem die Sonne, die nicht wärmt, aber trotzdem alles schöner macht. Ich versuche, den Moment vollständig aufzusaugen. Die letzten Sonnenstrahlen des Jahres.

Silvester ist ja durchaus so ein Zeitpunkt, an dem man schon mal ein bisschen emotional werden kann. Zurückschauen auf das, was war. Den Dingen entgegenblicken, die da kommen. Im Moment kommen hier nur Kilometermarkierungen, und zwar eine nach der anderen. Huch, irgendwie geht das flott! Ich höre in mich hinein: Es geht mir gut. Ich trödele nicht, aber ich renne auch nicht wie verrückt. Ein anstrengendes Mittelding, das ich mir noch ein paar weitere Kilometer zutraue. Um mich trotzdem bei Laune zu halten, fahre ich die ultimative Jahresendzeit-Ablenkungstaktik: Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, bei welchen Veranstaltungen ich 2016 gestartet bin und wie die jeweils gelaufen sind. Ich weiß aus dem Jahresrückblick, dass es insgesamt 18 waren - was für eine lächerliche Aufgabe, die jetzt alle aufzuzählen, schließlich war ich ja dabei. Aber gut, ich laufe allein, habe nichts besseres zu tun, los gehts.


Der Anfang ist einfach. Duisburger Winterlauferie Teil 1, 2 und 3. Ich erinnere mich an den wunderbaren 10er im Januar, der mit 1:01:41 eine neue Bestzeit bedeutet hat - ein Witz im Vergleich zu aktuellen Zeiten. Ich erinnere mich aber noch sehr genau an das Gefühl, nach dem Ärger mit dem Knie wieder schmerzfrei laufen zu können. An die pure Dankbarkeit. Der 15er im Februar ist mir kaum in Erinnerung geblieben. Dafür allerdings der Halbmarathon im März. Ich bin danach noch zwei schnellere gelaufen, aber dieser war der schönste. Weil der Plan komplett aufgegangen ist, weil ich durchlaufen konnte, weil es keinen Einbruch gab. Ich hoffe, dass mir die Winterlaufserie 2017 in genauso guter Erinnerung bleibt.

Danach wirds schwer. Ich grübele, was ich im April und Mai gemacht habe, weiß es nicht mehr und springe vorerst zu Juni. T3! Triathlon zuhause! Aber da war doch vorher noch was? Oh ja, der Velothon, klitzekleines Radrennen quer durch Berlin. Nach Düsseldorf kam der Triathlon in Hamburg, die Cyclassics, das Rad Race Battle, der Triathlon in Krefeld, der in Ratingen und schon bin ich im September. Ok, Rhein City Run noch im Oktober, Martinslauf im November, Ende. 12. Hä? Wie kann ich denn sechs Events vergessen? Ich nehme die Finger zur Hilfe, fange nochmal von vorne an und zähle nach. Mittlerweile bin ich bei Kilometer 6 und das erste Brett fällt vom Kopf: Race am Rhein! Münsterland Giro! Offenbar denke ich beim Laufen gar nicht so sehr ans Radeln.


Macht 14, fehlen immer noch vier. Kilometer 7. Nochmal von vorn, kann doch nicht wahr sein! Wenn mich irgendwer dabei beobachtet, wie ich hier lang renne und mit den Fingern zähle ... Was war denn nun im April? Ach scheiße, ja, der Brückenlauf! 5 km, die ich nur aus dem Grund bis zum Schluss gelaufen und nicht gewandert bin, weil ich wusste, dass Christian irgendwo gegen Ende mit der Kamera steht. Oh! Und da war ja noch die Breitscheider Nacht, der erste 10er unter 60 Minuten. Fehlen immer noch zwei, aber ich habe keine Lust mehr. Außerdem gehts bergauf über eine Autobahnbrücke. Ich kann nicht mehr nachdenken, muss überleben.

Ich habe mir vorgenommen, auf den letzten drei Kilometern das Tempo zu erhöhen. Bei Kilometer 7 verschiebe ich den Plan auf die letzten beiden. Beim Schild mit der 8 finde ich, dass das aktuelle Tempo eigentlich auch nicht so schlecht ist und dass ab 9 ja auch noch genug Zeit zum Rennen ist. Gefühlt krieche ich die Brücke rauf und freue mich gleichzeitig, dass ich mir auf den letzten Kilometern so erfolgreich die Zeit vertrieben habe. Oben nutze ich die Gelegenheit und schaue mich um. Naomi ist unten zu sehen, nicht allzu weit hinter mir. Dann wird sie bestimmt gleich nach der Brücke den Warp-Antrieb aktivieren und an mir vorbei düsen. Ich lege mir schon mal zurecht, was ich ihr Schönes hinterher rufen könnte ("Schau dich nicht um! Bring das ohne mich zu Ende! Lass mich hier einfach sterben!"), aber sie kommt nicht.

Ich laufe zurück durchs Wohngebiet, freue mich über jeden, der meinen Namen ruft und bin vollkommen fasziniert, was die Neusser hier für eine Stimmung machen. Wenn die Silvesterpartys hier auch so hoch her gehen, dann Prost Mahlzeit! Ein letztes Mal geht es von der Straße auf den schmalen Weg, zurück auf den Deich, die letzten Meter. Raus aus der Stille im Grünen durch eine bunte Gasse, rechts und links Menschen, Klatschen, Rufe, Musik, noch eine letzte Kurve, es geht bergab, ich wollte den Rheinblick genießen, aber ich sehe nur den Zielbogen, laufe, laufe, laufe. Und bin da.


Tatsächlich sehen wir uns alle erst hier im Ziel wieder. Maria die Rakete ist schon länger da und hat Wasser organisiert - kann ich ziemlich gut gebrauchen! Als Medaillen gibt es Neujährchen, die man sich um den Hals hängen und später aufessen kann. Wie wunderbar!

Ich stelle fest, dass das olle Telefon sich aufgehängt hat, stoppe Strava zu spät und habe somit keine Ahnung, wie schnell oder langsam das Ganze war. Ich weiß nur, dass ich zufrieden bin, dass nicht deutlich mehr drin gewesen wäre, aber dass ich mir auch nichts vorwerfen kann. Es ging teilweise leicht, aber nicht zu einfach, wie die knallrote Birne beweist. 53:19 Minuten ist schließlich die offizielle Zeit. Bäm. Nur eine halbe Minute über Bestzeit und nur wenige Sekunden schneller als beim katastrophalen Martinslauf, der gefühlt nur aus Rennen und Wandern bestand. So unterschiedlich kann sich also die gleiche Zeit anfühlen!


Danke Silvesterlauf, danke 2016! Ich bin versöhnt mit diesem Laufjahr und freue mich aufs nächste!

P.S. Vergessen habe ich übrigens den spontanen Rhein Ruhr Halbmarathon im Juni in Duisburg und den Kö-Lauf in Düsseldorf - die aktuelle Bestzeit auf 10 km. Kann einem im Eifer des Gefechts offenbar schon mal entfallen! ;-)


Fotos: Christian Siedler. Danke!

Samstag, 31. Dezember 2016

Happy 2017! Saisonplanung und was sonst so kommt

Kommentare :
Nachdem der Fokus für 2016 ja nur darauf lag, Zeiten zu verbessern und einige erste Male zu überstehen (Freiwasser, Radrennen ...), steht für 2017 endlich mal wieder ein Termin im Kalender, bei dem sich an meiner Zurechnungsfähigkeit zum Zeitpunkt der Anmeldung zweifeln lässt. Dazu kommen noch einige waghalsige Wunschzielzeiten und Highlights als Zuschauer. Aber von vorn.


Zuerst habe ich da ja mit ein paar Zeit-Zielen noch Rechnungen offen. Die 2-Stunden-Marke soll nächstes Jahr mit großem Marketingbrimbamborium auf der Marathondistanz fallen - mir würde eine sub2 schon auf der halben Strecke reichen. Ich weiß, dass die drin ist, dass mir nur noch zwei doofe Minuten fehlen und die sind kommende Saison definitiv fällig!
Auf 10 km sieht es nicht ganz so eindeutig aus. Die Geschichte mit der geplanten sub50 beim Martinslauf war vermutlich nicht die allerbeste Idee, aber wieso sollte ich das eigentlich nicht nochmal versuchen? Also! Und wo wir gerade dabei sind ... mit meiner Harakiri-Partnerin-in-Crime Naomi will ich mir auch die 5 km nochmal vornehmen. Unter 25 Minuten sollte locker drin sein, die Frage ist nur, wie genau wir den schmalen Grat zwischen supergeil und Kotzgrenze treffen. Ich werde berichten! Natürlich.

Kommen wir nun mal zu den Veranstaltungen, wo diese Späße stattfinden sollen. Bisher sieht der Plan wie folgt aus: Los gehts genau heute mit 10 km beim Silvesterlauf in Neuss. Der zählt einfach schon mal zur neuen Saison. Danach gehts weiter mit dem Neujahrslauf in Ratingen. 5 km. Auf die Fresse. Danach startet Ende Januar die wunderbare Winterlaufserie in Duisburg, weils letztes Jahr so nett war, weil ich dort tatsächlich schöne Läufe hatte, weil Duisburg prima ist und weils einfach hervorragend in den Kalender passt. Bedeutet: ein 10er Ende Januar, 15 km Anfang März und ein Halbmarathon Ende März.


Triathlonmäßig gehts dann ab Mai zur Sache: Ich starte auf der Olympischen Distanz in Gladbeck. Zwei Wochen später steht auch schon das Saisonhighlight im Kalender: Mitteldistanz. Heilige Scheiße! 1,9 km Schwimmen, 90 km Rad und 21 km laufen. Ich hab gehörigen Respekt vor dem Lauf - natürlich. 90 km im Triathlon radeln sind allerdings auch eine etwas andere Nummer als 70 km im Radrennen - keine Ahnung, wie man sich da ganz alleine fucking drei Stunden lang bei Laune halten soll und anschließend noch einen Halbmarathon läuft. Ich weiß es nicht. Die Vorstellung, sechseinhalb oder sieben Stunden unterwegs zu sein, erscheint mir absurd, aber ich bin überzeugt davon, dass ich das schaffen kann.
1,5 km bin ich im Wettkampf schon geschwommen, dann gehen auch 1,9. Leider habe ich keine Möglichkeit, vorher noch einen Triathlon im Freiwasser zu machen - meine OD im Mai ist im Schwimmbad. Bleibt also spannend, was der Kopf so zum Thema Kraulen im See sagt. Die Radstrecke sollte kein ernstes Problem werden und Halbmarathon bin ich inzwischen auch viermal gelaufen - allerdings immer frisch und nicht nach mindestens vier Stunden Belastung. Trotzdem bin ich froh, dass ich zumindest theoretisch weiß, was beim Laufen auf mich zukommt, sonst würde ich mir das Ganze definitiv nicht zutrauen. Ich bin gespannt, wie das alles auf einmal wird!
Die Wahl für die Mitteldistanz ist auf Hannover gefallen. Der Termin Anfang Juni passt mir gut in den Kram, die Veranstaltung ist kleiner und bezahlbarer als die großen bekannten und das Wichtigste: Die Triathlongang ist auch am Start. Und nach Hannover fährt ja sonst keiner freiwillig, also übernehmen wir das einfach. Mission Hannover, here we go!


Zwei Wochen später startet der internationale Sport-Trubel zuhause: Die Triathlon-Sprint-EM kommt nach Düsseldorf. Das Gute daran: Sie findet im Rahmen des T3 Triathlons auf den bekannten Strecken statt - gefühlt direkt vor meiner Haustür. Das Schlechte daran: Der T3 Triathlon wird wegen der EM nur abgespeckt stattfinden - es gibt 2017 keine Olympische Distanz. Nachdem ich beim letzten Mal auf der Radstrecke wegen ziemlich vielen Kurven, Brücken und engen Straßen extrem wenig Spaß hatte, wollte ich in Düsseldorf nur noch auf der OD starten. Jetzt gibts zwar keine, aber dafür was viel besseres: eine geänderte Radstrecke auf der Sprintdistanz. Yay! Es ist die alte Radstrecke der Olympischen, aber nur eine Runde zu fahren. Es geht lange geradeaus, direkt am Rhein entlang die Rotterdammer Straße bis zur Messe hoch und wieder runter - ich freue mich riesig und habe extrem Bock drauf. Heimspiel! Ballern!
Für die EM am Vortag habe ich mich als Helfer gemeldet und bin gespannt, wo ich eingesetzt werde. Näher kann man so einem Event ja nicht kommen, von daher: Ich freue mich! Bleibt zu hoffen, dass zwei Wochen nach der MD reichen, um halbwegs erholt am Start zu stehen.

Anfang Juli geht es zuhause dann ja hochkarätig weiter mit den internationalen Sport-Events: Bonjour le tour! Die Tour de France startet in Düsseldorf. Die erste Etappe ist ein Zeitfahren und zwar zum Teil auf der Triathlon-Strecke, was den T3 irgendwie nochmal ne Spur lässiger macht. Die zweite Etappe führt über die ebenfalls schon für gut befundene Race-am-Rhein-Strecke und danach weiter über Kaarst und Aachen bis Lüttich. Ich freue mir einen Ast und habe mich auch hierfür als Volunteer gemeldet, um möglichst viel Tour-Luft zu schnuppern. Einmalige Gelegenheit! Da kann man sich schon mal im Dezember vorfreudig die Hände reiben, wenn man dran denkt, was im Sommer 2017 so alles kommt!


Selbst aufs Rad möchte ich natürlich auch. Fest steht bisher noch nicht viel, außer das Rad Race Battle im August in Hamburg. Saucooles Ding, hat letztes Mal ordentlich Spaß gemacht und ich freu mich drauf. Ein längeres Rennen möchte ich natürlich auch noch fahren, die Cyclassics am Tag drauf bieten sich geradezu an - mal schauen. Den Münsterland Giro im Oktober habe ich als großartigen Saisonabschluss in Erinnerung und peile ich für nächstes Jahr auch wieder an - steht aber ebenfalls noch nicht fest. Wer andere tolle, vielleicht kleinere Radrennen empfehlen kann, möge bitte fleißig kommentieren! Ich freue mich über Tipps für Veranstaltungen, die im besten Fall auch mit einem studentischen Budget verträglich sind :)

Ok, was bisher fix ist:

31. Dezember: Silvesterlauf Neuss
8. Januar: Neujahrslauf Ratingen
Januar-März: große Winterlaufserie in Duisburg
28. Mai: Olympische Distanz in Gladbeck
11. Juni: Mitteldistanz in Hannover
25. Juni: Sprintdistanz in Düsseldorf
19. August: Rad Race Battle in Hamburg

Was noch fehlt: Eventuell der eine oder andere Sprint oder Olympische Triathlon im Juli oder August sowie die Entscheidung, welche Radrennen es nun werden oder nicht. Rund um Köln fällt leider mit Hannover zusammen, sonst wäre das auch eine Option gewesen. Mir spuken noch 1000 Dinge im Kopf herum, von Scheißhausideen (Rad am Ring!) bis zu wunderbaren Plänen, die aber noch nicht spruchreif sind (Radrennen mit Linksverkehr? Ja, nein, vielleicht?). Die eine oder andere Überraschung kommt also mit Sicherheit noch dazu. 2016 war entspannt und fantastisch, aber jetzt freue ich mich auch sehr drauf, 2017 wieder größere Ziele im Blick zu haben. Danke, dass ihr dabei seid. Guten Start ins neue Jahr!

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Rapha Braver Than The Elements Düsseldorf

Kommentare :
Mir scheint, mit dem Gruppen-Radeln verhält es sich so wie mit dem Feiern: Geht immer, man muss nur irgendeinen Grund erfinden. Dieses Mal liefert uns Rapha den Anlass: Braver Than The Elements. Klingt cool, ist es auch. Simple Idee dahinter: Radfahrer, besonders Frauen, dazu motivieren, sich im Dezember für eine gemeinsame Ausfahrt zu treffen. Egal, wie das Wetter ist. Braver Than The Elements eben. Nun denn.

Ich muss zugeben, dass ich so brave gar nicht bin. Wenn der Winter der Radsaison im November anfängt, habe ich diesen Winter bisher exakt viermal auf dem Rad gesessen. Okay, plus Bahn, plus Spinning, aber eben nur vier Mal draußen. Was schlechtes Wetter und Kälte betrifft, bin ich echt ein Mädchen: kalte Füße, taube Zehen, Nässe, mimimi! Ja, richtige Kleidung, blabla, stimmt alles, hab ich aber nicht im Schrank. Und außerdem hab ich auch extrem wenig Bock, wieder zuhause angekommen erst mal das Rad zu schrubben noch bevor meine Füße wieder aufgetaut sind. Daher waren das Winterradeln und ich bisher keine allzu großen Freunde. Aber wenn Rapha schon einlädt und der Düsseldorfer Rapha-Minister vom Dienst Steffen höchstpersönlich eine Tour plant, dann kann man ja gar nicht anders. Das Radfahrerherz hüpft, der vernachlässigte Bruno scharrt ungeduldig mit den Hufen und von daher: Keine Frage, Klick auf Zusage.


In den darauffolgenden Tagen sagt beinahe die gesamte Düsseldorfer Radsportprominenz der Veranstaltung zu und mir rutscht so langsam trotz der Ansage "moderater 28er Schnitt" (moderat! chchch!) dezent das Herz in die Hose. Ich kenne die meisten nicht persönlich, aber fast alle von Facebook, Instagram, Strava. Die fahren alle viel Rad. Sehr viel. Und sehr schnell. Schon bevor es losgeht, bin ich sicher, dass ich das Tempo nicht werde halten können, dass ich in der Gruppe irgendwas Dummes machen werde (Schlenker fahren! Plötzlich bremsen!) und dass ich am Berg sowieso die allerletzte sein werde. Wo wir gerade dabei sind: der Berg. Angekündigt ist als Highlight der Runde die angeblich einzige nennenswerte Erhebung auf der linken Rheinseite, die Vollrather Höhe. Unter den Radfahrern der Region bekannt als "die Halde". Vermutlich bin ich die einzige, die die berühmt berüchtigte Halde noch nicht gesehen hat.

Was meinen Anflug von Panik vor der großen, fremden, schnellen Gruppe ein bisschen bremst, ist Steffens Ansage: "Keine Einkehr unterwegs - bei einem Hungerast habe ich ein paar gebrannte Mandeln in der Trikottasche." Wie traumhaft ist das denn?! Ich will diese Notfallration nicht brauchen müssen, also frühstücke ich lieber, packe zwei Flaschen ans Rad und rolle zum Treffpunkt. Düsseldorf versucht zurzeit mal mehr und mal weniger krampfhaft, Tour-de-France-Flair zu verströmen, daher treffen sich einige am neu eröffneten und anscheinend noch etwas fragwürdigen Café Vélo, bevor es dann mit dem gesamten Peloton am Burgplatz auf die Strecke geht.


#Menschen
Sieben Mädels und 21 Jungs wollen heute also Mut beweisen. Die Elemente sind zu Beginn allerdings ziemlich gutmütig zu uns: Um die 6° und Sonnenschein. Könnte schlimmer sein! Trotz gerader Anzahl kriegen wir irgendwie nicht so tolle Zweierreihen hin - auf jeden Fall fahre ich die ersten Kilometer allein und von hinten schließt keiner auf. Find ich ja tendenziell immer eher doof. Irgendwann bekomme ich dann doch noch Gesellschaft, indem Daniela die Lücke neben mir schließt. Wir kommen ins Plaudern und sie erkundigt sich nach meinen Kniebeschwerden von vor einem Jahr. Ich gehe davon aus, dass sie den Blog liest und komme nicht auf die Idee, dass wir schon mal zusammen geradelt sein könnten - sind wir aber. Und zwar bei Braver Than The Elements 2015. Liebe Menschen, ich meine das nicht böse, aber ich kann mir wirklich, wirklich keine Gesichter merken, manchmal noch nicht mal, ob ich eines schon einmal gesehen habe oder nicht. Und so rate ich dann drauf los und sortiere alle irgendwo falsch ein. Tut mir leid!

Weil wir hin und wieder dann doch lustig die Plätze wechseln, habe ich als nächstes Ellen neben mir, die sich erst mal freut, dass ich ein Mädchen bin, da sie wohl diverse radfahrende Singlemänner zu verkuppeln gedenkt. Als nächstes erzählt sie mir eine Gruselgeschichte über ein suizidales Eichhörnchen, das ihr kürzlich in die Speichen gesprungen ist und hinterlässt mich maximal verstört. Den freien Platz neben mir füllt ein recht stiller Vertreter auf, dessen Namen ich nicht weiß. Wenn ich spreche, antwortet er, ansonsten schweigen wir, während vor und hinter uns munter geplappert wird. Das von Ellen angepriesene Speeddating in den Zweierreihen klappt ja heute blendend. Nicht. Dafür klappt was anderes, und zwar das, weshalb wir eigentlich hier sind: Radeln.


Die Gruppe funktioniert prima, und obwohl ich in letzter Zeit so unregelmäßig auf dem Rad saß, ist das Tempo kein ernstes Problem. Ich lasse mich einfach mitziehen, die Beine arbeiten von alleine. Die Sonne scheint und wir düsen über die Landstraßen, das Wetter meint es so verdammt gut mit uns. Nach einer kleinen Hügelkuppe reicht die Aussicht bis ins Unendliche: links und rechts Felder, in der Mitte schlängelt sich eine schmale Straße, über die 28 Rennräder fliegen. Ich kann die Sonnenstrahlen sehen. Immerhin bin ich mir mit meinem ansonsten stummen Nebenmann einig, dass das hier verdammt schön aussieht.

Während wir so über die Straßen fliegen, hopst Steffen mit der Kamera auf dem Rad mal zur Seite, nach vorne oder hinten und nimmt anschließend wieder so mühelos einen Platz irgendwo vorne im Wind ein, als wäre er nie woanders gewesen. Dem Mann hat echt einer das Rad unter den Arsch und die Kamera in die Hand getackert. Maximal beeindruckt von so viel Lässigkeit rolle ich irgendwo in der drölften Reihe hinterher und male mir aus, wie schlimm die Halde wohl sein mag. Absolut jeder, den ich bisher darauf angesprochen habe, hat mir versichert, die sei halb so wild. Schließlich können wir sie aus der Ferne erahnen. Das bewegt sogar meinen wortkargen Nebenmann dazu, mich darauf hinzuweisen, dass das da hinten am Horizont nun die Halde sei. Wir nähern uns unaufhaltsam.



Passend dazu zieht es sich langsam zu. Tschüss blauer Himmel, tschüss Sonnenschein. Die Wolken sind bedrohlich, vor allem durch meine dunkle Sonnenbrille (ich habe keine Ahnung wo die andere ist!). Insgeheim wünsche ich mir Sturm, Hagel oder wenigstens Starkregen, damit wir hinterher prahlen können, braver than the elements gewesen zu sein. Ist ja Kindergeburtstag bisher!

#Berge
Die Party hört auf, als wir die Halde erreichen. Eine scharfe Kurve und der Berg beginnt schneller als ich gucken kann. Und vor allem schneller, als ich vorne aufs kleine Blatt schalten kann. Ich höre die beiden hinter mir unken, dass da wohl jemand den Berg hochballern wolle, hahaha. Nein. Ich bin nur zu blöd zum Schalten. Es geht 2 km lang rauf. Mit 5 % Steigung. Da wird jeder Radfahrer nur müde drüber lächeln können, aber ich fahre doch nie Berge! Und überhaupt, es ist Winter, ich bin kein Stück im Training und was zur Hölle, wieso sind die alle so schnell?



Ich gehe das Ganze ein klitzekleines bisschen zu schnell an und möchte schon auf den ersten Metern sterben. Oder zumindest irgendwo liegen. Okay, einfach nur absteigen und gehen wäre auch fein. Kommt leider nicht in Frage. Irgendwo hinter mir sind noch Teile der Gruppe und unter gar keinen Umständen möchte ich beim Wandern überholt werden oder schiebend ankommen, während oben alle warten. Aber irgendwie bin ich noch nicht so recht drin, arbeite gegen den Berg, will, dass er aufhört und bin gefrustet, weil alle so irrsinnig locker flockig hier hoch düsen, als wäre das hier keine Bergwertung, sondern ein lustiges Picknick. Schließlich geht es dann doch: Ich höre auf zu kämpfen, mit mir selbst zu diskutieren, finde mich damit ab, dass ich hier nicht locker hochtanzen werde, sondern mich mühsam im kleinsten Gang nach oben kurbele. Und sobald die Erkenntnis einmal reift, dass genau das super funktionieren wird und gar nicht so schlimm ist, macht die ganze Sache auch noch Spaß. Anstrengend, aber geil. Das soll mir mal einer erklären!


Freut mich #1: Oben angekommen ist auch für mich noch Zeit für eine Trinkpause.
Freut mich #2: Später eine Nachricht von Daniela: "Wie war die Halde für dich? Ich glaube, ich habe dich oben lächeln gesehen."
Freut mich #3: Die Abfahrt.

Scheiße, die Abfahrt! Ich bin so ein Schisser. Eigentlich. Aber diese Abfahrt hier ist prima, die Kurven sind nicht fies, ich kann wunderbar die Kontrolle behalten und habe sogar noch Zeit, mich über die Experten zu amüsieren, die versuchen, im Chris-Froome-Style noch ein paar Sekunden rauszuholen. Mein Lieblingssegment der Runde ist definitiv "Downhill nach Allrath", 2,3 km, -4 %, gute 3 Minuten und ein angenehmer Schnitt von 45,8 km/h. So macht mir das Spaß. Und ja, ich habe zwischendurch gebremst. Ich möchte da demnächst nochmal runter düsen!


#Hungerast
Nachdem die Halde hinter uns liegt, fürchte ich nichts mehr. Von mir aus kann jetzt kommen, was will. Was ich nicht bedacht habe ist, dass mein Frühstück für drei Stunden radeln vielleicht doch etwas mickrig war und dass nur Wasser in den Trinkflaschen auf Dauer auch eher suboptimal ist. Auf einmal finde ich mich mit Eichhörnchen-Ellen ganz am Ende der Gruppe wieder und stelle fest, dass das der denkbar schlechteste Ort ist, wenn man eh schon etwas hinüber ist. Ständig ziehen sich die Reihen auseinander und wir müssen ganz schön reintreten, um nicht den Anschluss zu verlieren. Beim nächsten Stopp an einer Kreuzung nutzen wir die Gelegenheit und mischen uns wieder mitten unters Volk. Puh. Durchatmen.



Bei Kilometer 78 (auf meinem Tacho, mit Anfahrt) löst Steffen sein Versprechen ein und verteilt gebrannte Mandeln. Nichts könnte mich in diesem Moment glücklicher machen als auf dem Rad beschissene gebrannte Mandeln zu mampfen - in dem Wissen, es gleich geschafft zu haben, alles überstanden zu haben, mitgehalten zu haben und nicht den Berg hochgewandert zu sein. Die zweite Belohnung gibts zurück auf dem Weihnachtsmarkt am Burgplatz: Glühwein. Kinderpunsch. Egal, wärmt von innen, lässt taube Zehen, verschwitzte Baselayer und strapazierte Hintern vergessen und ist der allerbeste Abschluss für ein großartiges Braver Than The Elements.


Danke an die Jungs, die aus einer mit nur sieben Mädels eher mickrigen Runde eine große prima Ausfahrt gemacht haben. Ohne euch hätten wir den Autofahrern nicht so sehr auf den Sack gehen können. Und bei eurer Pipipause hatten wir dann ja doch noch unsere Frauenrunde ;-) Danke für fabelhafte winterliche 80 Kilometer, für wunderbare Mitfahrer, Windschattenspender, Fotomacher und Mandelverteiler. Persönliches Highlight: Platz drei auf dem Segment "durch die Todeskurve". Ich werde die Strecke definitiv nochmal abfahren müssen, um rauszukriegen wo zur Hölle die gewesen sein soll.

Tiersichtungen:
Ein Dutzend Pferde, davon eines angesichts 28 Rennradfahrer maximal verschreckt.
Zum Glück keine Eichhörnchen.


Noch mehr Bilder gibt's hier von Daniel Ziegert und hier. Danke an Steffen Weigold für alles (Mandeln!) und besonders für das Okay, die Fotos hier zu verwenden.

Montag, 28. November 2016

Warum laufen wir? - Ein Liebesbrief

Kommentare :
Ich bin mit meinen neuen Kollegen für drei Tage am Meer. Bergen aan Zee. Offsite. Bedeutet: Vorträge halten und hören, in neue Themen eintauchen, den Kopf frei pusten, neue Impulse mitnehmen. Und laufen. Laufen, laufen, laufen. Ob ich darüber schreibe, werde ich gefragt. Nö. Weiß nicht. Was habe ich denn zu erzählen? Wir sind gelaufen? Nicht sehr spannend. Wir verkaufen Laufschuhe. Bietet sich also irgendwie an.

Nach drei Tagen sitze ich im Zug von Amsterdam nach Hamburg und will nur eines: Schreiben. Die vielen Eindrücke sortieren, die gerade einfach nur sehr laut „Wunderbar!“ brüllen. Möchte rauskriegen, warum genau die Zeit am Meer so großartig war, warum mir das Laufen hier so übertrieben viel Spaß gemacht hat, was ich davon mit nach Hause nehmen kann.


Von vorn. Ich habe im Oktober den Job gewechselt. Aus der PR einer großen Agentur in eine winzig kleine. Weg von Themen, die mich relativ kalt gelassen haben hin zu dem, worüber ich sowieso die meiste Zeit des Tages nachdenke: Sport. Nach zwei Wochen wusste ich mehr über Laufschuhe als jemals in meinem Leben zuvor. Wir sind nur acht Leute. Ich bin die Neue. Und ich bin es nicht. Die paar Tage zusammen führen uns raus aus Düsseldorf und ab ans Meer. Als wir ankommen, ist es bereits dunkel. Der erste Weg führt – natürlich – zum Strand. Elend viele Treppen mit bescheuerten Stufen rauf. Für einen Schritt zu klein, um zwei auf einmal zu nehmen zu weit auseinander. Ganz schön viele. Ganz schön steil. Nervig. Nach einer Ewigkeit sind wir oben auf der Düne. Können im Dunkeln das Meer erahnen. Es riechen. Hören. Irgendwie fühlen. Auf der anderen Seite gibt es keine Treppen, also rennen wir runter. Ich habe das Gefühl, ich rolle: Nehme immer mehr Fahrt auf, habe Angst, mich zu überschlagen und komme schließlich doch in einem Stück unten an. Im tiefen Sand. Wir stapfen bis zum Wasser. Der Sand wird fester. Richtig hart. Richtig gut. Wie kleine Kinder packt es uns: Wir rennen hin und her. Springen. Galoppieren. Haben keine Wahl, müssen laufen. Der Boden schreit danach. Spontane Absprache: Gehen wir richtig laufen? Jetzt? Ja, ja und ja.

Am Strand entlang. Für immer.


Zurück ins Haus, schnell umziehen und wieder zum Meer. Voller Vorfreude auf das Gefühl, wieder den harten Sand unter den Laufschuhen zu haben, rennen wir die Treppen hoch. Nichts mehr mit doof. Immer noch steil, aber egal. Es ist dunkel unten am Strand. Wir können die Wellen hören. Die Lichter einer einzigen Strandhütte sehen. Wo wollen wir hin? Rechts? Links? Egal. Wir entscheiden uns für rechts. Und dann geradeaus. Am Strand entlang. Für immer.

Es ist gerade mal 18 Uhr, aber der Strand ist menschenleer. Wirkt wie mitten in der Nacht. Und fühlt sich trotz Ende November an wie eine verdammte Sommernacht. Ich laufe im T-Shirt. Im Gegenwind. Mir ist nicht kalt, der Wind nervt kein Stück, die Füße laufen, laufen, laufen. Wie von selbst. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie schnell oder wie weit wir laufen. Es ist vollkommen egal, es gibt keinen Druck. Keinen Trainingsplan und als einziges Zeitlimit das Abendessen. Irgendwann später. In einer anderen Welt.


Wir lassen die Strandhütte mit ihren Lichtern hinter uns und tauchen in die Dunkelheit ein. Wir sind in der Unendlichen Geschichte, wir laufen geradeaus ins Nichts. Die Lichter des Ortes reichen nicht bis hier, der Mond ist nicht zu sehen, aber die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Links ist das Meer, rechts die Dünen, vorne der Wind. Mittendrin wir, ohne Plan, ohne Anstrengung. Wir springen über ein paar Priele – manchmal reicht ein kleiner Hüpfer, manchmal muss ich ein Stück sprinten und alles an Schwung mitnehmen, was geht, und manchmal werden die Füße nass. Wir klettern über Steine, quetschen uns zwischen Holzpfählen durch, patschen durch Pfützen, finden einen Anker, rennen aus Versehen ins Meer, machen einen Ausflug in den tiefen Sand, ich möchte deshalb kurz sterben, aber fühle gerade einfach nur das Leben. Die Luft schmeckt nach Meer. Unter den Schuhen knirschen die Muscheln. Einige Kilometer entfernt irgendwo am Ende der Welt leuchtet ein Leuchtturm. Heilige Scheiße. Kurz anhalten, atmen, alles aufsaugen.

Bye bye, runner's high!

Wir können nicht ewig laufen, auch wenn es sich gerade so anfühlt. Die Vernunft und der Hunger siegen und so drehen wir schließlich wieder um. Geradewegs zurück. Ohne Gegenwind ist es plötzlich ganz still. Still und warm. Mein Kopf glüht. Die Beine haben noch lange nicht genug, die Füße laufen wie von selbst, aber ohne diese Wand aus Wind im Gesicht spüre ich auf einmal, wie warm mir ist und wie anstrengend der Lauf eigentlich ist. Bye bye, runner’s high!



Tag zwei wartet auf uns mit Kaiserwetter. Etwas kühler, aber Sonne satt ohne eine einzige Wolke am Himmel. Während der Präsentationen sitze ich wie auf heißen Kohlen: Wir sind so nah am Meer, das Wetter ist der Oberhammer, ich muss raus. Es juckt in den Füßen, obwohl die Beine mich spüren lassen, dass sie den spontanen Strandlauf von gestern noch nicht so ganz weggesteckt haben. Meine größte Sorge ist heute nicht, dass ich meinen eigenen Vortrag vermasseln könnte, sondern dass die Sonne nicht mehr scheint, wenn wir Zeit zum Laufen haben. Sie scheint so gerade eben noch. Also zackig umziehen und los – heute zu dritt anstatt nur zu zweit.


Die Beine laufen und der Kopf arbeitet weiter

Unterwegs arbeiten die eben gehörten Themen im Hirn weiter. Die Beine laufen und der Kopf brütet irgendwas aus – ein gutes Gefühl. Heute stellt sich allerdings kein magisches „juhu wir laufen am Strand und hören nie wieder damit auf“ ein. Trotzdem ist der Lauf schön, denn endlich sehen wir mal, wo wir hier eigentlich laufen. Die beiden Gazellen neben mir tänzeln über den Strand, an der Wasserlinie entlang, durch den tiefen Sand, durch noch mehr tiefen Sand, über einen Muschelweg, einen Hügel rauf, noch einen Hügel rauf, auf die fucking höchste Düne in Sichtweite. Scheiße. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Die brennenden Oberschenkel oder die Lunge, die zu platzen droht. Oben angekommen ziehe ich erst mal die „wir müssen hier unbedingt ein Foto machen!“-Karte. Kurze Verschnaufpause. Dann gehts wieder runter.




Über eine MTB-Strecke (komisch, ich sehne mir zur Abwechslung tatsächlich kein Fahrrad herbei), über ein paar Baumstämme, eine Rampe, schon wieder durch tiefen Sand. Ich entwickle langsam ein neues Hassobjekt: Laufen ist ok, tiefer Sand ist Mist. Auf einmal sind wir im Wald und plötzlich ist der Weg asphaltiert. Was für ein gigantischer Scheiß! Wie hart! Kann ich zurück in den Sand, bitte? Wie konnte ich es denn jemals angenehm finden, auf Asphalt zu laufen?

Es ist viel zu schön hier, um nicht zu laufen

Das Rätsel muss ich wohl zuhause lösen, denn auch am dritten Tag wächst die Abneigung gegen ausgebaute Wege und gleichzeitig die Liebe für Trampelpfade. Wir sind mit dem Programm ein kleines bisschen früher durch, haben zum Laufen also noch etwas mehr Tageslicht als gestern und wieder gar keinen Zeitdruck. Dass wir überhaupt laufen, steht außer Frage. Dritter Tag in Folge – kein Problem. Würde mir zuhause nie einfallen, aber hier ist es einfach viel zu schön, um nicht zu laufen. Wir sind wieder zu zweit und haben keinen Plan – nur die grobe Idee, dieses Mal nicht am Strand zu starten, sondern in der Dünenlandschaft direkt vor der Haustür. Gestern Nacht haben wir hier gestanden und uns den Nacken verrenkt, uns über die völlige Dunkelheit und den sternenklaren Himmel gefreut. Heute wollen wir uns diesen Teil der Dünen im Hellen anschauen und herausfinden, wo der Weg uns hinführt.


Wir einigen uns darauf, dass es hier aussieht wie auf dem Mond, nur anders. Der Weg schlängelt sich durch die Dünen und obwohl der Ausblick eigentlich immer der gleiche ist (links Hügel, rechts Hügel), sorgen die wechselnden Formationen und das Licht dafür, dass es nicht langweilig wird. Nur genießen kann ich die ganze Sache nicht so voll und ganz, denn irgendwie ist der Scheiß heute echt anstrengend. Ich kann nicht abschalten und bemerke jeden Schritt. Keine Spur von der Leichtfüßigkeit des ersten Abends, als ich aus Lust und Laune einfach am Strand umher gerannt bin und nichts wollte außer laufen. Ich lasse mich mit Fachsimpeleien über Filme ablenken: Bei der traumhaften Landschaft um uns herum ist der Weg zu Herr der Ringe nicht weit. Ich frage mich, wie Stephen Kings Dunkler Turm aussehen wird, der nächstes Jahr endlich ins Kino kommt.


Viel zu spät merken wir, dass wir uns ziemlich zielsicher ein ganzes Stück vom Strand entfernt haben – eigentlich wollten wir nur ein bisschen durch die Dünen traben und am Strand zurück. Als wir auf einen Parkplatz stolpern und uns die Zivilisation zu nahe kommt, biegen wir gerade noch rechtzeitig ab und beschließen, dass querfeldein auch eine gute Option ist. Die Dünen sind hier nicht einfach nur Sandhaufen, sondern ziemlich fest und bewachsen. Wir folgen einem schmalen Weg aus lockerem Sand und laufen direkt ins Auenland. Aus dem Sandweg wird ein Trampelpfad und schließlich verschwindet er fast. Die Hügellandschaft um uns herum nimmt dagegen kein Ende – eine einzige gigantische Spielwiese.

Warum laufen wir? 

Es geht rauf und runter, anstrengend und toll zugleich. Mal brennen die Beine, mal geht mir die Puste aus, manchmal müssen wir ein paar Meter gehen, mal renne ich bergab und weiß auf einmal, dass man wirklich auch beim Laufen rollen lassen kann. Als gerade wieder gar nichts mehr geht und ich nur noch atmen will, stellen wir fest, dass sich das überhaupt nicht schlimm anfühlt. Kein bisschen wie versagen, sondern einfach wie leben. 


Zusammen laufen ist auch deshalb so wunderbar, weil die guten Gespräche immer dann aufkommen, wenn die Luft eigentlich schon lange weg ist: Wir spüren unseren Körper nicht auf der Couch. Dafür müssen wir ihn antreiben, uns antreiben. An Grenzen gehen. Und auch mal dahin, wo es weh tut. Weil es sich für die bekackten Endorphine lohnt, weil ich schon währenddessen weiß, dass ich später vollkommen verstrahlt grinsend unter der Dusche stehen werde und weil es einfach nur absurd, aber wunderschön ist, wenn ich noch einen Tag später mit dem gleichen glückseligen Gesichtsausdruck im Zug sitze, wenn ich diese Laufgeschichte aufschreibe. Es tut so gut, mal aus dem Trainingsalltag auszubrechen und neue Wege zu erkunden.


Bevor wir uns in philosophischen Tiefgründigkeiten verlieren, laufen wir lieber weiter. Hügel rauf, Hügel runter, irgendwo dahinten ist das Meer langsam zu erahnen. So weit noch?! Noch mehr Hügel, quer durchs hohe Gras, an pieksenden Büschen vorbei, über Stacheldrahtzäune. Ich bekomme eine leise Ahnung davon, was die Leute an Trailrunning so reizvoll finden. Der Trailrunnersdog hat dazu übrigens einige Tipps aufgeschrieben (die ich allerdings erst im Nachhinein gelesen habe, Schande über mich!). Auf einer Ebene halten wir an und ich schaue mir zum ersten Mal an, was Strava zu diesem Lauf sagt: Als wir feststellen, dass wir komplett im Kreis gelaufen sind, lachen wir uns über unseren eigenen offensichtlich nicht vorhandenen Orientierungssinn kaputt und beschließen dann, den kürzesten Weg zum Meer zu nehmen. Die Hügel leuchten nicht mehr grün, sondern golden, als wir vor der dem letzten Anstieg stehen: Eine übertrieben steile Düne mit einem gemeinen sandigen Weg nach oben. Laufen ist ausgeschlossen, selbst gehen wird schwer. Schließlich brauche ich alle Viere. Als ich mich oben aufrichte, kriege ich gerade noch „Wow!“ raus, bevor es mir die Sprache verschlägt. Kurz vor dem Sonnenuntergang eröffnet sich nach der Mondlandschaft der Blick in die endlose Weite, was für ein sensationelles Timing.




Allein für diesen Blick, diesen Moment, hat sich dieser Lauf so sehr gelohnt. Wir setzen uns erst mal in die Düne und schauen aufs Meer. Lassen alles wirken. Dieser Lauf ist zeitlos, keiner drängelt oder schaut auf die Uhr, die Pace ist das allerletzte, was interessiert und deshalb sitzen wir hier einfach so lange, bis es uns weiter zieht. Das hier ist kein Training, sondern die unendliche Schönheit der Welt - auf einem Fleck, selbst erlaufen.


Wir rollen ein letztes Mal die Düne runter. Der Sand hier ist richtig tief und ich zögere erst, will nichts kaputt machen und will mich auch wirklich nicht überschlagen. „Wenn du fällst, fällst du weich!“ Stimmt ja. Also ab dafür. Herrlich! Als wir am Strand unten angekommen sind, zieht es uns wieder zum festen Sand. Die Beine haben genug geleistet, die letzten Meter bitte nur noch genießen. Die Sonne gibt alles und untermalt das Ganze mit dem kitschigsten Sonnenuntergang aller Zeiten. Ich laufe rückwärts, um die Show nicht zu verpassen. Das Feuerding versinkt im Meer und der komplette Himmel leuchtet rosa. Überall. Wir müssen uns nicht absprechen um zu wissen, dass das hier der intensivste und schönste der drei Läufe war. Für mich der schönste seit langem. Vielleicht sogar überhaupt.

Denn was bliebe uns, wenn uns solche atemberaubenden Momente plötzlich kalt ließen, wenn wir uns nicht mehr so sehr über die Schönheit der Natur freuen könnten, wenn wir das Staunen verlernen würden? Wenn wir uns nie die Gelegenheit geben würden, mal auf etwas am Wegesrand zu achten, mal was Neues zu sehen? Und was würden wir jetzt noch davon spüren, wenn wir spazieren gegangen wären anstatt zu laufen, wenn wir nur zugeguckt hätten und nicht mittendrin gewesen wären? Für mich ist es nicht vergleichbar, ein paar nervige Treppen hochzusteigen und über den Dünenkamm aufs Meer zu blicken oder ewig durchs Auenland zu wieseln, es gleichzeitig zu lieben und zu hassen, sich gegenseitig anzustacheln und zu ziehen, sich durchzukämpfen und mit dieser ganz eigenen Mischung aus erschöpft und glücklich oben anzukommen. Mit den eigenen Füßen. Aus eigener Kraft. Voller Dankbarkeit. Mit dem Wissen, was hinter einem liegt, hinter beiden, und dann oben zusammen zu stehen und mit einer Aussicht belohnt zu werden, die beide gleichermaßen einfach nur umhaut. Das gibt’s einfach nicht genauso ohne Anstrengung vorher. Ich bin sicher: Die Belohnung ist umso größer, je mehr du investiert hast. Also nimm die Beine in die Hand und lauf!