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Freitag, 1. Juli 2016

Raceday No. 16 - T3 Triathlon Düsseldorf 2016

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Da ist er auf einmal, der erste Triathlon der Saison. Dazu gibts noch mehr Premieren: zum ersten Mal Freiwasser und zum ersten Mal ein großer City-Triathlon und dann auch noch in der Heimatstadt. Ich starte auf der Sprintdistanz: 750 m schwimmen, 20 km Rad, 5 km laufen. Eigentlich nichts Weltbewegendes. Am Abend vorher stelle ich trotzdem fest, dass ich ziemlich unentspannt bin. Nervös. Aufgeregt. Ich weiß, dass ich nichts mehr ändern kann, dass ich da jetzt durch muss und dass ich gut vorbereitet bin. So sportlich zumindest. Trotzdem gibts eine lange Reihe Unsicherheiten - und weil mir nichts besseres einfällt, schreibe ich sie alle auf. Zur Abwechslung mal nicht digital, sondern schön mit Zettel und Stift. Am Ende habe ich drei Seiten Notizen voller Unwägbarkeiten und gleichzeitig eine To-Do-Liste fürs Rennen. Und ja, die enthält Schritte wie "Reißverschluss öffnen" oder "Helm anziehen". Alles wichtig! Es beruhigt mich ungemein nachzulesen, woran ich alles so denken muss. Während man beim Laufen ja einfach mit seinen Schuhen zum Start geht und später genau so wieder ins Ziel kommt wie man losgelaufen ist, hat man beim Triathlon dazwischen ja ne ganze Menge mehr zu tun.

Dieses Bild ist die großartigste Geschichte des Tages. Kommt unten.
Weil ich weiß, dass ich selber schon zu aufgeregt bin, fürchte ich, dass ich am Wettkampftag am liebsten allein sein würde. Keinen sehen müssen. Mit keinem sprechen. Mich nicht noch bekloppter machen lassen. Jedem an die Gurgel springen, der fragt: "Na? Aufgeregt?" Ich baue mir eine Playlist ("ready to start"), die neben Arcade Fire fast nur Rise Against enthält und von der ich sicher bin, dass sie mich aus der Aufregung rausholt und aufs Rennen einstellt. Ich will mich eine halbe Stunde vor dem Start in irgendeine Ecke zurückziehen und mir die Ohren wegblasen lassen, so ist der Plan. Der Plan ist großartig, geht aber nicht auf. Stattdessen schaffe ich es dann doch, mit Leuten zu reden, ohne komplett durchzudrehen. Gar nicht so einfach, die vielen Zuschauer zu koordinieren, die sich angesagt haben! Wann sollen wir kommen? Wo sollen wir parken? Wo finde ich dich? Du bist nicht mehr da, wo du eben gesagt hast, wo bist du jetzt? Meine Ruhe finde ich dann doch nicht wie erhofft mit Lärm in den Ohren, sondern im Physiozelt. Absurd, aber wahr: Christian und Ferdi, die beide heute zu ihrer ersten Olympischen Distanz antreten, die beide angeschlagen sind und sich hier kurz vor dem Start noch eben schnell tapen lassen - ausgerechnet diese beiden strahlen eine Ruhe aus, die ich gut gebrauchen kann.

Ein kleines bisschen stressig wird es dann doch: Ich muss los zur Wettkampfbesprechung und habe den Neo noch nicht an. Schnell nochmal hier und da hallo sagen, Steffi und Naomi einsammeln, zumindest Beine und Hintern schon mal in das Ding reinzwängen und auf zur Besprechung. Prima, wir erfahren absolut gar nichts Neues und marschieren dann mal zum Schwimmstart. Mittlerweile bin ich auch komplett angezogen, habe mir noch ein halbes Gel reingedrückt (Frühstück ist auch schon wieder ganz schön lange her!) und den klebrigen Rest davon auf den Armen und im Gesicht verteilt. Ich würde dann jetzt gern ins Wasser, bitte.

Suchbild: Ich bin rechts neben der Dame mit der grünen Badekappe.
Poah, ganz schön viele Leute da oben an der Kaimauer! Stehen die da alle nur, um ein paar Bekloppte im Hafenbecken schwimmen zu sehen? Ich hüpfe ins Wasser, schwimme ein paar Züge, alles gut. Nicht nur bei den Zuschauern ist es voll, sondern auch hier im Wasser. Wir knubbeln uns am Steg: jeder versucht, sich hier festzuhalten und keiner weiß so genau, wann es los geht. Ich wünsche Steffi und Naomi viel Erfolg, schalte schon mal die Uhr ein und plötzlich schwimmen um mich herum alle los. Hä? Gabs nen Startschuss? Nen Countdown? Wohl nicht. Äh. Ok, dann mal los!


Ich sehe nichts. Ich fühle alles. Fremde Hände, Füße, Körper, alles ist eins, wir sind komplett durcheinander gemixt, vorne, hinten, oben, unten, überall sind Menschen. Oder Teile von ihnen. Und Wasser. Braungelbes Wasser, mit Sicht so weit, dass ich meine eigene Hand so gerade noch erkennen kann. Sonst nur Luftblasen. Und braungelbes Nichts. Gestern beim Testschwimmen bin ich hier gekrault, als wäre es das normalste der Welt, als würde ich meine Schwimmbadkacheln überhaupt nicht vermissen. Heute geht gar nichts. Ich kriege viel zu wenig Luft, meine normale 3er-Atmung reicht mir nicht, ich brauche mehr Luft, möchte bei jedem zweiten Zug atmen, am liebsten bei jedem. Über allem dröhnt der Beat von irgendeiner furchtbaren Musik. Immernoch sind überall Menschen, plötzlich sind an Stellen welche, wo eben noch keine waren. Wieso können wir eigentlich nicht einfach alle hintereinander und nebeneinander geradeaus schwimmen? Das wäre so schön. Ich stecke Schläge und Tritte ein, erwische auch mal die Schwimmer hinter mir. Was grabbeln die mir eigentlich die ganze Zeit an den Füßen rum? Ich brauche mehr Luft! Ok, scheiß doch drauf, schwimmste eben Brust. Mal nen Überblick verschaffen und gut ist.


Ich bin ganz gut kurz auf Kurs, die Schwimmstrecke ist an sich auch nicht kompliziert. Geradeaus, unter der Brücke hindurch, 90°-Wende bei der ersten Boje nach rechts, bei der zweiten Boje nochmal, wieder zurück unter der Brücke hindurch, noch zwei Mal wenden und zum Ausstieg. 750 m. Schön im Kreis. So einfach in der Theorie. Jetzt bin ich gerade mal vielleicht 200 m geschwommen und habe schon sehr akut keinen Bock mehr. Aber so gar keinen. Was für eine Scheiße ist das hier eigentlich? Und warum nochmal mache ich hier mit? Die Krönung ist, dass mich nervt, dass mich die Situation so nervt. Ich spiele seit mehr als zehn Jahren Wasserball, ich weiß, wie es ist, im Wasser was abzukriegen, einzustecken, auszuteilen, untergetaucht zu werden. Deshalb habe ich nicht damit gerechnet, dass mir das hier etwas ausmachen würde. Macht es aber, und zwar nicht zu knapp. Ich bin nicht panisch, habe keine Angst zu ertrinken, aber mich kotzt das hier alles an. Ich würde gern einfach locker durchkraulen, weil ich weiß, dass ich das kann. Zwar nicht schnell, aber ich kanns. Nur halt nicht jetzt.

Das Feld hat sich mittlerweile unendlich weit auseinandergezogen. Krass, wie schnell manche Leute einfach sind! Krass auch, dass sich hier im Mittelfeld auch noch genug Schwimmer tummeln. Ich probiere immer mal wieder zu kraulen und wechsele nach ein paar Metern wieder aufs Brustschwimmen. Trotz Sichten komme ich beim Kraulen nicht zurecht, habe Angst, vom Kurs abzuweichen, wieder gegen irgendwen zu schwimmen, wieder keine Luft zu kriegen. Außerdem sind die Arme schwer. Die Schultern sind das Schwimmen im Neo nicht wirklich gewöhnt, nach ein paar Zügen Kraul wollen die Arme einfach abfallen. Mach jetzt weiter, du brauchst nachher doch nur noch die Beine!

Letzte Boje, jetzt nur noch bis zum Ausstieg. Es ist nicht mehr weit! Eine Hand fischt mich aus dem Wasser, ich kann stehen, endlich ist die Scheiße zuende! In meinem Kopf rattert die Checkliste, aber bevor ich irgendwas unternehmen kann, hat der Helfer mir schon den Neo aufgemacht und den Reißverschluss halb runter gezogen. Oh, danke! Tatsächlich ist das einzige, was ich selber machen muss, die Treppe hoch gehen (ja, gehen!) und die Arme aus dem Neo kriegen.

Pro Tipp: Nicht beide Arme gleichzeitig ausziehen. Klappt nicht. Erst den einen, dann den anderen, lernt man doch eigentlich schon im Kindergarten, oder?
Die komplette Brücke ist voll mit Leuten. Ganz schön was los hier! Nachdem meine Arme befreit sind, trabe ich in die Wechselzone - zieht sich ganz schön! In Hamburg wirds nicht kürzer... Plötzlich taucht Naomi hinter mir auf und wir laufen die letzten Meter zusammen. Am Rad angekommen fällt mir nichts besseres ein, als mich auf den Boden zu setzen, um möglichst schnell mit beiden Beinen aus dem Neo zu kommen - klappt. Steffi hat ihr Rad direkt neben mir stehen und kommt fast gleichzeitig an. Vielleicht reden wir, ziemlich wahrscheinlich sogar, aber ich erinnere mich nicht. Scheinbar ziehe ich in Trance Socken, Schuhe, Helm und Brille an. Aus irgendeinem Grund bin ich halbwegs flott damit durch und wundere mich noch im Loslaufen, dass Naomi noch gar nicht vorbeigekommen ist. Dabei hatte ich doch den Neo an!


Die Wechselzone wird gegen Ende immer enger und es knubbelt sich ungefähr so wie beim Schwimmstart. Am allerbesten finde ich ja die Leute, die direkt hinter der Linie, nach der man aufs Rad steigen darf, einfach mal abrupt stehen bleiben. Geil! Ich möchte dezent ausrasten!

 
Endlich sitze ich selbst auch auf dem Rad. 20 km also. Eigentlich ein Witz. Ich weiß, dass es ein paar enge Kurven gibt und ein paar Brücken zu fahren sind, aber ich mache mir ums Radfahren überhaupt keine Sorgen. Wieso auch? Das Radeln macht mir am meisten Spaß und ist meine schnellste Disziplin. Ich liebe es, auf dem Rennrad zu sitzen, ich habe den Velothon noch in guter Erinnerung und ich habe Bock. Leider ist die Radstrecke nicht nur ein bisschen anspruchsvoll, sondern echt zum Kotzen. Und leider fanden die Beine das viele Brustschwimmen wohl gar nicht mal so gut und brennen schon bei der ersten Rampe auf die Brücke. Ey hallo?


Die Strecke ist schmal, teilweise nur eine Fahrbahn und nur mit Pylonen von den Autos abgegrenzt. Ungeil. Es gibt nicht immer genug Platz zum Überholen, aber hier gurken einige echt noch langsamer durch die Gegend als ich, also muss ich vorbei. Wie geil das einfach im Radrennen war, wo ich mir über Abstände keine Gedanken machen musste, wo es kein Windschattenverbot gab, wo man einfach verdammt nochmal fahren konnte. Jetzt ist das ein einziges taktisches Abwägen: überholen - ja oder nein? Jetzt oder später? Schaff ich das noch vor der Kurve? Nur den einen oder gleich den nächsten auch noch? Was, wenn der gleich auf der Gerade doch wieder anzieht? Und dann gibt es echt Leute, die in der Mitte der sowieso schon schmalen Strecke mit unterirdischer Geschwindigkeit langeiern und nicht mal geradeaus fahren. Ich beschränke mich darauf, "Von links!!" zu brüllen und zu überholen, wo es geht.


Die Beine brennen, der Puls ist zu hoch, die Geschwindigkeit im Keller. Der Wind geht mir gehörig auf den Senkel, die Brücken sowieso, die Menschen auch. Ach Mann ey. An eine enge Kurve reiht sich die nächste, dann gehts schon wieder eine Brücke rauf, der Wind pustet von allen Seiten - nur nie von hinten. Bei zwei Brücken pro Runde, die wir in jede Richtung je einmal befahren müssen, machen zwei Runden acht Anstiege. Auf jede Abfahrt folgt direkt eine Kurve. Insgesamt gibt es auf den 20 km genau 26 Kurven mit 90° oder mehr, zwei davon mit 180°. Das Radeln besteht also aus überholen, bremsen, wieder antreten. Das macht keinen Spaß. Noch mehr als beim Schwimmen nervt mich, dass ich ausgerechnet das Radfahren nicht genießen kann. Dass ich schon jetzt leide. Und nicht erst auf der Laufstrecke.


Nach der ersten Runde bin ich etwas besser drin. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich gegen den Wind und die Brücken nichts machen kann, aber ich traue mich in den Kurven etwas mehr. Naomi kommt mir entgegen, ich brülle sie an, aber sie ist irgendwo im Tunnel. Ich wollte eigentlich unter 40 Minuten bleiben, das klappt nicht ganz, aber ich bin auf dem Weg zurück zur Wechselzone. Endlich.


Zum ersten Mal verschwende ich einen Gedanken daran, dass ich jetzt noch laufen muss. Das war es eigentlich, was mir vorher die meisten Sorgen bereitet hat: Seit Berlin habe ich Schmerzen im linken Fuß, konnte die ersten Tage kaum gehen und bin seitdem eine Woche gar nicht gelaufen. Ich bin aufs Schlimmste eingestellt: 5 km wandern. Der Wechsel klappt wieder gut, nicht übermäßig schnell, aber ohne Trödeln und ohne irgendwas zu vergessen. Auf zur Laufstrecke!


Zwei Runden mit je 2,5 km stehen mir bevor. Ein Teil der Strecke führt durch den Medienhafen, vorbei an den Gehry-Bauten, in der Nähe des Ziels. Dann geht es unter dem Fernsehturm durch den Park, auf die Rheinpromenade, einen kleinen Hügel rauf und zurück. Wie immer habe ich keine Uhr, die mir die Geschwindigkeit anzeigt, also kann ich nur nach Gefühl laufen. Gut: trotz super wenig Koppeltrainings ist da nicht dieses typische Gefühl in den Beinen, als würde man auf Eiern laufen. Die Beine haben auf dem Rad ganz schön gelitten, lassen sich davon jetzt aber nichts mehr anmerken. Gut zu wissen! Schlecht: der Fuß. Die Schmerzen sind von Anfang an da. Nicht so schlimm wie vor einer Woche - sonst wäre laufen unmöglich - aber sie sind da.

Ich bilde mir ein, dass es mit der Zeit etwas besser wird und komme besser rein. Während ich beim Schwimmen noch am liebsten sofort abbrechen wollte, steht die Option jetzt nicht mehr zur Debatte. Ich bring das Ding hier zu Ende, und wenn ich ins Ziel gehen muss. Plötzlich bin ich unten am Rhein, plötzlich ist der Wendepunkt schon da. Ich nehme einen Becher Wasser und eine Dusche und freue mich, dass die erste Hälfte der ersten Runde so schnell vorbei ging. Auf dem Rückweg kommt mir Naomi entgegen - yeah! Wir schaffen gerade so im Vorbeilaufen ein Highfive, bevor es für sie Richtung Verpflegungsstand und Wendepunkt geht und für mich bergauf und zurück. Tja, der Hügel sieht so aus:


No hay dolor! Es gibt keinen Schmerz! Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wann Denise und Kati das gemacht haben, aber ich bin sicher, dass es niemand anderes gewesen sein kann. Das Grinsen kriege ich für den Rest der Runde nicht mehr aus dem Gesicht. Jemand hat die Strecke vollgeschrieben! Mit meinem Mantra aus den "richtigen" Bergen, aus dem fantastischen Radurlaub auf Mallorca - jetzt sind wir in Düsseldorf, ich laufe zuhause und hier steht mein Name auf der Strecke. Alle unsere Namen! Jeder Läufer kommt hier vorbei und kann unsere Namen lesen. Es gibt keinen Schmerz! Es gibt nur sehr große Crewlove!


Ich laufe am Ziel vorbei und auf die zweite Runde. Hier ist unser Stimmungsnest: Unglaublich, wie viele bekannte Gesichter hier am Rand stehen, irgendwas rufen, klatschen, jubeln, Schilder hochhalten. Ich kann gar nicht alle sehen, weil es hier einfach so unglaublich voll ist, aber ich freue mich über jeden einzelnen, der extra gekommen ist. Auch, wenn man mir beim Laufen wahrscheinlich alles ansieht, aber keine Freude.



Der Fuß und ich haben uns jetzt so weit geeinigt, dass er zwar weh tut, ich aber laufen kann. Das vorsichtig gesteckte Ziel ist es, unter 30 Minuten zu laufen und nach der ersten Runde bin ich gut auf Kurs. Naomi überholt mich unter dem Fernsehturm - endlich, ich rechne schon seit ein paar Minuten damit, dass sie an mir vorbei flitzt. "Wir schaffen das zusammen!", ruft sie noch und wieselt davon. Ich weiß, dass ichs schaffe, aber nicht in dem Raketen-Tempo, meine Liebe!


Unten am Rhein gibt es für mich wieder ein Wasser, ein winziges Innehalten am Getränkestand und dann wird mir klar, dass ich gleich tatsächlich fertig bin. Spaß macht das Laufen nicht, ich schlage mich so durch und will nichts anderes, als unbedingt finishen. Noch ein Kilometer. Plötzlich zieht es sich richtig zu, fängt an zu regnen und ein verdammt krasser Wind pustet mir entgegen, so dass ich kaum voran komme. Mein erster Gedanke wandert zu den Jungs auf der Radstrecke: Ich muss hier nur noch kurz ins Ziel laufen, während die zwei gerade wahrscheinlich auf dem Rad weggepustet werden. Schöne Scheiße.

Die letzten Kurven. Raus aus dem Park, zurück auf die Straße. Auf den blauen Teppich. Ich bin tatsächlich gleich schon fertig, unglaublich! Ein Rennen zum Vergessen - aber auch das geht zu Ende. Ich laufe ins Ziel!



Hier die schnöden Zahlen:

Schwimmen: 19:18
Wechsel 1: 05:05
Rad: 40:50
Wechsel 2: 03:00
Lauf: 29:33
Gesamt: 01:37:43

Ich kann sehr gut mit den Ergebnissen leben, aber knabbere noch ein bisschen daran, wie sie zustande gekomen sind. Das Schwimmen war katastrophal und ich weiß nicht, wie ich das in zwei Wochen in Hamburg besser hinkriegen soll. Auf dem Rad musste ich sehr kämpfen und hatte keinen Spaß, mit der Zeit an sich bin ich nicht ganz zufrieden - wohl aber im Vergleich: Von 143 Frauen auf der Sprintdistanz ist die reine Radzeit auf Platz 43. Nicht so übel. Beim Laufen hatte ich erwartet, dass es hart wird und bin daher froh, dass ich ohne Wandertag durchgekommen und unter 30 Minuten geblieben bin. Insgesamt: okayes Ergebnis, hätte nur mehr Spaß machen können!

Was wirklich, wirklich Spaß gemacht und den kompletten Tag gerettet hat, sind die Menschen: Triathlon alleine wäre nicht das gleiche. Es ist unglaublich schön, zusammen zu starten, im gleichen Rennen zu sein, zwischendurch die Augen offen zu halten, sich in der Wechselzone zu treffen, auf dem Rad zu entgegen zu kommen oder beim Laufen abzuklatschen. Es ist großartig, wenn du ins Ziel kommst und weißt, da wartet schon jemand auf dich. Es ist genauso großartig, dort zusammen den nächsten in Empfang zu nehmen.


Fangirls.
Es ist wunderbar, zusammen zu trainieren - sei es die mittlerweile sehr liebgewonnene Feierabend-Radrunde oder gemeinsame Läufe um den See inklusive kurz reinhüpfen. Es tut auch gut, mit den üblichen Sorgen nicht alleine zu sein. Hält die Schulter? Hält das Knie? Macht der Fuß mit?


Es ist großartig, wenn du Freunde und Familie an der Strecke hast. Wenn dich am Wettkampftag auf einmal noch viel mehr bekannte Gesichter anstrahlen, als sich vorher angekündigt hatten. Ihr alle, die da immer am Rand stehen: Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sich euer Support gerade am Ende beim Laufen anfühlt! Danke fürs Dasein und für eure vielen, vielen Bilder! Wenn du hinterher Nachrichten bekommst, in denen so was steht: "Bin echt stolz sagen zu können, dass ich eine Freundin hab, die sowas irres schafft!" DANKE! Ich bin stolz, dass ich so tolle Leute um mich herum habe! Sprachlos machen mich die Mädels aus der Tri Gang, die ein komplettes (!) Paket Kreide vermalt haben, damit wir alle unsere Namen auf der Laufstrecke lesen können. Ihr seid unfassbar!


Fazit des Tages: Triathlon kannste auch alleine machen, is dann aber halt scheiße.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Raceday No. 15 - Velothon Berlin 2016

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Die Sache ist die: Ich hatte Angst. Vor meinem allerersten Radrennen. Und zwar gar nicht mal zu knapp. Gibt aber kein Entrinnen, denn am Sonntagmorgen klingelt der Wecker um 5. Während die Berliner wahrscheinlich gerade erst anfangen um die Häuser zu ziehen, schlurfe ich mit Bruno mit gemischten Gefühlen zur Bahn.


Ich habe schlechte Laune. Seit dem Vortag habe ich Schmerzen im linken Fuß, die ohne akute Verletzung schlagartig gekommen sind und schon normales Gehen zu einer schmerzhaften Angelegenheit machen. Außerdem ist meine misanthropische Ader an diesem Morgen extrem ausgeprägt: Das sorglose Trödeln und die Vergesslichkeit meiner beiden Mitstreiter nervt, die Menschen in der Bahn nerven, alles nervt. Und ich bin müde. Ich weiß nicht mal, ob ich mit den Schmerzen überhaupt radfahren kann und eigentlich will ich um diese Zeit auch nur eines: schlafen. Wir haben viel zu viel Zeit eingeplant und sind trotz Bummeln zu früh. Hinkommen, Beutel abgeben, aufs Klo gehen - geht dann doch alles viel schneller als gedacht und so sind wir um 7 Uhr fast die ersten im Startblock.


Anstatt zu schlafen kurbele ich auf der Zielgeraden auf und ab und sammele dabei endlich etwas Zuversicht: Radeln schmerzt weniger als laufen. Ich rolle bis zum Startbogen, auf dem Erdinger schon mal verkündet, wir seien alle Helden. Das heldenhafteste, was ich heute vollbracht habe, ist das Aufstehen um 5 Uhr - aber mal sehen, was noch kommt. Der beste Zeitvertreib bis dahin ist jedenfalls Leute beobachten. Schon spannend, wer sich so in Startblock A oder B tummelt. Nehmen wir mal an, die Zuordnung ist korrekt und die wenigsten haben sich bei der Anmeldung überschätzt - dann ist der Radsport echt kurios. Weder die körperliche Statur noch die Ausrüstung lassen Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit zu - das werde ich auch später noch im Rennen merken.



Wir starten aus Block F. Danach kommt nur noch G und danach ein Block ohne Zeitnahme, aber dafür mit E-Bikes und kleinen Hunden in Fahrradkörben. Startblock F ist es vermutlich deshalb geworden, weil ich mich bei der Anmeldung gnadenlos unterschätzt und einfach als voraussichtlichen Schnitt die geforderte Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit angegeben habe: 23 km/h. Öhm. Ich rechne trotzdem damit, dass es auch in Block F genug Hirnverbrannte gibt, die schon zu Beginn ohne Rücksicht auf Verluste losballern wie die Bekloppten. Ich irre mich: Als es endlich um kurz nach 8 losgeht, rollen wir erst einmal gemächlich bis zur Startlinie und dann einfach drüber. Schwupps, biste im Rennen. 


Ist das geil! Die Straßen gehören nur uns, es ist genug Platz, kein Gedränge und wir nehmen so langsam Fahrt auf. Voll gut! Von der Siegessäule geht es über die Fanmeile zum Brandenburger Tor und dann zum Potsdamer Platz - direkt mal auf den ersten 2,5 km drei Berliner Sehenswürdigkeiten abgehakt. Weiter gehts mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Schloss Charlottenburg und ich habe überhaupt keine Zeit, viel in der Gegend rumzugucken. Ich versuche einen Überblick zu behalten, wer wo ist und ob wir zu schnell oder zu langsam sind. Der Plan sieht wie folgt aus: Naomi, Hagen und ich bleiben zusammen, bis einer sagt, die anderen sollen nicht warten. Ich traue mich nicht, mich andauernd umzugucken, aber unser Tempo kommt mir langsam vor. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Auch der Puls hält sich in Grenzen. Das Adrenalin tut dafür sein übriges und lässt mich den Fuß vergessen. Ich bin schmerzfrei!


Die Euphorie sorgt aber auch dafür, dass ich nicht so richtig mitkriege, dass mein Vater und Naomi weg sind. Wir sind noch nicht mal bei km 10 und der Plan mit dem "gemütlich zusammen fahren" hat ja schon mal ganz toll funktioniert. Dafür hab ich so langsam verstanden, wie das hier läuft: Rechts fahren die ganz langsamen, in der Mitte die schnelleren und die idiotischen langsamen, links bleibt zum Überholen frei. Wie auf der Autobahn. Volltrottel, die ausscheren, ohne sich umzuschauen, gibt es auch, aber nur in einer recht überschaubaren Minderheit. Die meisten fahren echt umsichtig und aufmerksam, manche eiern auf der rechten Seite so vor sich hin, zwischendurch überholt ein ganzer Zug von 10-15 Fahrern in einem Mordstempo von links. Ich hab mich schnell dran gewöhnt, freue mich über recht große Abstände und habe meine Angst vor dem Fallen komplett vergessen. Hier auf diesen gesperrten Straßen quer durch Berlin zu brettern, ist das einzige, was ich jetzt gerade will. Wie viel Spaß das macht! Lauter Radfahrer auf den Straßen, kein einziges Auto, schnell fahren ohne Ampeln - ein Traum! Autofreier Sonntag? Ich bin ab jetzt aber sowas von dafür!

Ich traue mich dann doch mal, nach hinten zu gucken. Hagen kommt gerade wieder ran und teilt mir mit, dass wir laut Naomi nicht auf sie warten sollen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich scheinbar schon auf den ersten Kilometern ein zu hohes Tempo gemacht habe und möchte selbst mir ihr sprechen. Also rollen wir so lange, bis sie wieder da ist. Die Devise heißt: Versuchen, dranzubleiben und wenn es nicht geht, dann nicht. Kein Problem. Ich ringe mit mir und vertraue dann darauf, dass das auch wirklich so gemeint ist.


Bei der nächsten Brücke haben wir sie verloren. Es geht jetzt so langsam aber sicher raus aus der Stadt und ich hänge mich zum ersten Mal so halbwegs in den Windschatten eines Radlers, dessen Geschwindigkeit mir gut passt und der ruhig fährt. Gar nicht so einfach, so jemanden zu finden - die meisten sind zu schnell oder zu langsam oder fahren zu komisch. Der hier ist super. Wir biegen auf die Havelchaussee ab. Ich weiß, dass jetzt die Hügel kommen und bin gespannt. Rechts und links ist Wald, die Straße wird schmaler, es wird alles etwas enger. Beim ersten Anstieg überhole ich den Fahrer, der mich bis hier hin gezogen hat und sehe ihn auch nicht mehr wieder. Schade. Dafür bleibt mein Vater an mir dran, obwohl ich eigentlich am Berg immer schneller bin. Huch. So langsam sind wir gar nicht! Ok, so irre steil und lange geht es hier auch nicht bergauf. Eher von Zeit zu Zeit mal kurz ein bisschen. Ich habe trotzdem etwas Mitleid mit den Teilnehmern aus dem Urban-Block (die ohne Zeitmessung und mit sehr abenteuerlichen Fahrrädern).

Von der Havel sehe ich leider gar nicht so viel. Dafür den einen oder anderen, der am Straßenrand Schläuche wechselt, einen Verletzten in Rettungsdecke und Krankenwagen. Ich komme kurz ins Grübeln, wie die Krankenwagen hier mitten im Wald eigentlich hin kommen, wenn die ganze Straße Rennstrecke ist, aber schiebe den Gedanken weg. Nach einer engen Linkskurve geht es 4 km nur geradeaus, dabei nur leicht bergauf und dann spuckt der Grunewald uns nach gut der Hälfte der Strecke auch schon wieder aus. Mittlerweile fungiere ich als Windschattenspender - auch gut. Lasst euch nur von dem Mädel ziehen, das gerade ihr erstes Rennen fährt! Haha. Direkt hinter mir kriegt jemand die Kurve nicht - scheiße. Das Geräusch vom über den Asphalt schlitternden Rad ist noch immer im Ohr. Eine Schrecksekunde lang befürchte ich, es könnte meinen Vater erwischt haben, der auch hinter mir fährt. Er ist es nicht. Wir eiern ja auch mit minus 7 km/h durch die Kurven. Zum Glück!


km 33, ein Junge sitzt am Straßenrand und spielt Schlagzeug. Schlagzeug! Einfach so. Nicht eine popelige Trommel, ein verdammtes komplettes Schlagzeug steht hier in Dahlem auf dem Bürgersteig und wird bespielt. Und zwar richtig gut. Großartig, danke dafür! Ab jetzt halte ich die Augen offen, weil ich weiß, dass Steffi und Constantin in Steglitz am Streckenrand stehen wollen. Ich lese die Straßennamen und versuche, alle Zuschauer im Blick zu haben. Dann sind sie da: Ich schaffe es gerade so zu winken, Steffi kreischt, ich lese im Vorbeifahren das Schild und freue mich tierisch, dass Menschen extra früh aufstehen, ein Schild basteln, warten bis eine Milljausend fremder Radfahrer vorbei gefahren sind, nur um mir dann eine halbe Sekunde lang zuzujubeln. Danke! Ihr seid spitze!


Aus dem kurzen Augenblick ziehe ich einen Haufen Energie, die genau so lange anhält, bis die Wade verkrampft. km 40 und für einen Moment geht gar nichts. Scheiße! Das hatte ich noch nie beim Radeln, dass die Wade komplett zumacht. Geht aber zum Glück genauso plötzlich weg, wie es gekommen ist. Puh! Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo wir genau sind und frage mich gerade zum ersten Mal, ob ich das Tempo bis zum Ende halten kann. Seit km 30 merke ich den Fuß. Mal mehr und mal weniger. Die Strecke bis zum Flughafen Tempelhof zieht sich ein wenig, ich bin schon seit einer Weile alleine im Wind und so langsam könnte mal wieder irgendetwas passieren. Dann ist es da: das Tempelhofer Feld. Wir radeln über den alten Flughafen. Einfach so übers Rollfeld, in einem verdammten Rennen, in einem Affenzahn und auf einmal ist alles so groß und so weit. Gigantisch! Ich fühle mich wie ein Flugzeug. Zum ersten Mal traue ich mich, die Kamera rauszukramen, weil hier einfach so irre viel Platz ist.



 

Kottbusser Tor, Görlitzer Bahnhof, Oberbaumbrücke. So langsam habe ich trotz meiner bescheidenen Berlin-Kenntnisse wieder eine grobe Ahnung, wo wir sind. Nur noch 10 km. Was? Es geht mir noch recht gut, so langsam sind wieder mehr Zuschauer am Straßenrand und das Tempo wird von allen deutlich angezogen. Mein Fuß nervt langsam so richtig und schmerzt. Die Antritte nach Kurven sind kein Spaß, ich kann nicht im Stehen fahren und nicht schnell wieder auf die alte Geschwindigkeit kommen. So langsam erreicht der Puls auch Höhen, die nicht mehr ganz so angenehm sind. Wäre toll, mal wieder einen Windschattenspender zu finden - plötzlich ist da einer. Ich kanns nicht fassen und es lässt sich auch nicht beschönigen, aber: Er fährt ein Trekkingrad und zieht mich mit gut 35 km/h durch Berlin. Als ich wieder halbwegs bei Kräften bin, überhole ich ihn und er hängt sich dran. Als ich ihn schließlich wieder vorbei ziehen lasse, muss ich ziemlich durch aussehen, denn er ruft: "Na los, komm schon!" und weg ist er. Kann doch nicht wahr sein. Ein scheiß Trekkingbike und dann trägt der auch noch so komische Shorts über der Radhose. Ich will ihn nochmal kriegen, nur um ihm zu sagen, dass er mit dem Rad verdammt flott unterwegs ist. Die Antwort: "Du aber auch!"

Leider weiß ich aktuell nicht, wie flott genau. Exakt bei km 60, kurz hinter dem Alexanderplatz, stellt mein Tacho seinen Dienst ein. 0 km/h. Das ist die eine Sache - ich kenne die aktuelle Geschwindigkeit nicht. Ich weiß aber auch nicht, wie weit es noch ist. 66,5 km sind es insgesamt, aber wie viele jetzt genau? Noch 5? 4? 3? Die letzten km sind also Blindflug. Vorbei an der Bundespressekonferenz, vorbei am Spreeufer, und dann ist sie auf einmal in Sichtweite: die Siegessäule. Ich kann nicht so ganz glauben, dass es das schon gewesen sein soll. Mein heiß ersehnter Zielsprint - jetzt schon? Einmal noch um den halben Kreisverkehr um die Siegessäule, dann gehts mit 37 Sachen auf die Gerade. Noch ein Kilometer bis zum Ziel. Straße des 17. Juni. Geradeaus. Vor zwei Stunden habe ich mich hier locker warm gemacht - oder mich durch langsames Bewegen davon abgehalten, auf der Stelle wieder einzuschlafen. Jetzt will ich alles geben, aber irgendwie doch nicht so richtig, denn dann ist es ja noch schneller vorbei. Der Fuß schmerzt zwar, aber die Beine sind noch gut, Luft ist auch noch da. Ich habe nicht so viel Platz, wie ich gerne hätte, muss hier links vorbei, da rechts vorbei, irgendwer ist immer im Weg - sprinten die eigentlich alle nicht? Einer gibt sich wenigstens Mühe und ist sichtlich angepisst, als ich an ihm vorbei ziehe. 500 m bis zum Ziel. 300 m. 150 m. Ich sehe meine Mutter am Rand stehen, sie sieht mich auch. Wahnsinn, in der Menschenmenge! 100 m. 50 m. Mit 43 km/h fliege ich über die Ziellinie. Ich bin ein Pilot und Bruno mein Flugzeug. Ich bin so unendlich glücklich, dass alles gut gegangen ist und gleichzeitig so wehmütig, dass es schon vorbei ist. Dass die Zeit sich sehen lassen kann, ahne ich grob, weiß es wegen dem langsamen Start aber noch nicht genau.


 

Zum Ausrollen führt die Strecke noch um die Technische Universität, um uns dann von der anderen Seite wieder auf die Straße des 17. Juni zu leiten. So irrsinnig viele von Block F sind noch gar nicht hier, dafür einige von E, D und sogar Leute aus C und vereinzelt welche aus B entdecke ich vor mir. Es staut sich etwas an der Medaillenausgabe. Als ich das Gröbste überstanden habe, beschließe ich an der Seite stehen zu bleiben, um auf meinen Vater zu warten. Den habe ich irgendwann im Laufe der letzten 10 km verloren, als ich bei dem Trekkingrad-Typen im Windschatten hing. Auch der ist leider jetzt auch nicht mehr auffindbar, ich hätte mich ja gern noch bedankt. Dafür tippt mir mein Vater plötzlich auf die Schulter: Er ist nur eine Minute nach mir angekommen. Hervorragend!



Ich gönne mir erst mal einen Becher Iso, darauf noch ein Erdinger Alkoholfrei und dann gehts halbwegs zurück im Leben Beutel abholen und Menschen wieder finden. Die haben es tatsächlich rechtzeitig von Steglitz zum Ziel geschafft und so können wir uns jetzt auch länger als eine halbe Sekunde im Vorbeifahren sehen. Steffi, du bist die beste!


Auch Naomi finden wir schnell wieder - sie hat sich mit ihrer Tigerente mega tapfer durchgekämpft. Strahlende Finisher-Gesichter sehen so aus:


Die Zahlen sehen auch schön aus: 66,5 km, 1:58:09, macht einen Schnitt von 33,77 km/h. In der Altersklasse Platz 22 von 136, bei den Frauen insgesamt Platz 138 von 836. Krass, einfach nur krass! Was für ein erstes Mal! Und was das für einen wahnsinnigen Spaß gemacht hat! Schon während des Rennens habe ich überlegt, ob ich jemals etwas vergleichbares gemacht habe. Nein. Etwas geileres? Ja. Fallschirmspringen. Das wars. Radrennen macht so irrwitzig viel Spaß! Und fühlt sich so, so gut an. Mir fällt nichts besseres ein, als mit lauter Bekloppten über wunderbare breite und vor allem gesperrte Straßen zu rasen. Ich habe von Stürzen gehört und auch welche gesehen, aber ich hatte in keinem Moment des Rennens Angst. Es gibt ein Risiko, das man nie ganz ausklammern kann, aber das habe ich auch auf der Autobahn. Wahrscheinlich sind es da die gleichen Idioten, die einfach ohne zu gucken rüber ziehen.


Schön: Unglaublich viele Helfer. Von der Kleiderbeutelabgabe bis zu den Streckenposten und ganz besonders die unermüdlichen Fahnenschwenker an Gefahrenstellen. So war jede Verkehrsinsel und jede enge Kurve schon von weitem zu erkennen und damit nur halb so schlimm. Danke dafür!

Auch schön: Keine Panne, kein gar nichts. Danke Bruno!

Schöner: Jedermänner und -frauen. Nur 836 Frauen auf der kurzen Strecke ist zwar ein Witz (wo seid ihr, Ladies?), aber es ist schön zu sehen, dass am Velothon wirklich jeder teilnehmen kann. Von der geforderten Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit von 23 km/h sollte sich wirklich keiner abschrecken lassen - und wenn doch, bleibt ja immer noch die Urban-Variante, bei der wirklich ALLE Arten von Rädern am Start sind. Aber auch im normalen Feld habe ich neben Rennrädern auch Mountainbikes, recht olle Stadträder, vereinzelt Fatbikes und einige Klappräder gesehen. Und Trekkingräder, wie gesagt, mit über 35 Sachen auf den letzten Kilometern.

Am Schönsten: Nach dem Finish nachmittags noch bei den Rad Race Fixed42 World Championships zugucken. Hab das Gefühl, die coolsten Radfahrer sind hier am Start. 42 km, ein Gang, keine Bremsen. Mega krass, wie die Jungs und Mädels dann auf der Zielgeraden mit 50 Sachen an dir vorbei sausen und ein absolutes Fest zum Zugucken!



Von meinen gemischten Gefühlen vor dem Rennen ist nichts mehr übrig. Ich habe so unfassbar viel Bock auf die Cyclassics in Hamburg mit meinen beiden Mallorca-Rennrad-Kollegen Marc und Marcus und genauso viel Bock auf das Race am Rhein, bei dem ich im September in Düsseldorf schon mal einen Teil der ersten Etappe der Tour de France 2017 antesten werde. Rennen fahren rockt!

Übrigens, Tiersichtungen: 3 Heidschnucken (oder irgendwelche anderen Schafe mit Hörnern).

Info: Ich bin als Brand Ambassador für den Velothon Berlin und die Cyclassics Hamburg unterwegs. Das bedeutet, dass ich unter anderem die Startplätze gestellt bekomme - inwiefern ich berichte, liegt in meinem eigenen Ermessen. 

Freitag, 17. Juni 2016

Angstschweiß! Noch 2 Tage bis zum Velothon Berlin

1 Kommentar :
In zwei Tagen ist es so weit: Sonntagmorgen um 7 Uhr reihe ich mich mit Bruno auf der Straße des 17. Juni in die Startaufstellung für den Velothon Berlin ein. Zusammen mit über 12.000 anderen registrierten Startern. Seit Anfang des Jahres weiß ich, dass ich am Sonntag das erste Radrennen meines Lebens fahren werde und ich muss sagen: Bisher haben die Verdrängungsmechanismen hervorragend funktioniert.


Ich habe nur ein einziges Ziel: heil ankommen. Ohne Sturz. Ich brauche mich selbst und auch das Rad noch eine Woche später beim Triathlon in Düsseldorf. Das zweite Ziel heißt: Spaß haben. Die Strecke genießen. Was von Berlin sehen.
 
Zurück zu der Angst vor dem Fallen: Die ist da. Ziemlich präsent. Die Gründe sind simpel: Menschen. Und Wetter. Du fährst doch auch beim Triathlon Rad! Jo, aber alleine. Mit Windschattenverbot. Und deshalb Abstand zu den anderen. Beim Radrennen sieht das etwas anders aus. Ich bin nicht geübt darin, in großen Gruppen zu radeln: Mit den 30 Frauen letztes Jahr bei der Women's 100 sind wir schöne gemütliche 2er-Reihen gefahren. Keine Berühungen an Schultern oder Lenkern, kein Vorderrad, das am nächsten Hinterrad klebt. Ich wollte das üben. 10, 15 Leute mit Rennrädern zusammentrommeln, die mich in die Mitte nehmen und von den Seiten etwas bedrängen. In der Theorie war der Plan so schön - in der Praxis bin ich froh, wenn Ausfahrten mit drei bis vier Teilnehmern zustande kommen, die gleichzeitig verfügbar sind und ähnliche Trainingspläne haben.


Ich bin auch nicht geübt darin, Windschatten zu fahren, also so richtig, mit nur wenigen Zentimetern Abstand. Das geht nur, wenn ich der Person vor mir komplett vertraue - das ist bei fremden Menschen einfach nicht der Fall. Wie beim Autofahren reche ich immer mit der Idiotie der Menschen: Ich habe Angst vor spontanen Schlenkern, Ausweichmanövern, ruckartigem Bremsen, nicht angezeigten Hindernissen, schwarzen Löchern, die sich plötzlich in der Straße auftun, was auch immer. Bevor ich irgendwo so nah dran bin, dass ich im Notfall nicht mehr ausweichen kann, kämpfe ich mich lieber selber durch den Wind - ich bin gespannt, wie sich das auf der Strecke mit über 12.000 Leuten so umsetzen lässt. In meinem Kopf laufen auf jeden Fall seit einigen Tagen schöne Massensturz-Filme ab.

Und Regen, das ist auch noch so ein Thema. Rennrad und Regen, das ist nichts, was sich in meiner Welt gut miteinander verträgt. Wenn es regnet, radele ich üblicherweise nicht. Natürlich hab ich schon im Regen auf dem Rad gesessen, wenn das Regenradar mal wieder zu optimistisch war. Auch im Hagel. Das ist nicht schön. Die Bremsen funktionieren nicht so wie bei trockenen Bedingungen und 23mm Reifen mit kaum Profil sind echt nichts, worauf ich mich auf nassem Asphalt verlassen möchte. Vielleicht wäre ein Fahrsicherheitstraining mit Bruno mal eine Maßnahme. Seit ich mich mit dem Auto mal bei Glatteis auf der Autobahnausfahrt gedreht habe, fand ich Kurven bei Nässe etwas uncool. Beim Fahrsicherheitstraining hat das Schleudern plötzlich Spaß gemacht, enge Kurven schnell fahren auch, auf nasser Fahrbahn ins Rutschen geraten auch. Die Angst ist seitdem weg. Kann ich das bitte mal fürs Rennrad haben?


Offenbar bin ich nicht die einzige, die Panik schiebt sich so ihre Gedanken macht. Auch die Veranstalter haben das bemerkt, deshalb gibts beim Velothon zum Beispiel einen eigenen Frauenstartblock extra für Einsteigerinnen und bei den Cyclassics gleich ein 8-wöchiges Rookie-Programm, das Jungs und Mädels auf das erste Rennen vorbereitet. Wer also nicht so sehr auf "Augen zu und durch" steht, ist da mit Sicherheit gut aufgehoben. 

Überhaupt keine Sorgen bereiten mir in Berlin die 23 km/h Mindestgeschwindigkeit, die 60 km Strecke und die paar Hügel, die es wohl zu bewältigen gibt. Ich habe mir kein Zeitziel gesteckt und gehe mal davon aus, dass wir länger als 2 Stunden brauchen. Das ist auch ok, wenn man in erster Linie sicher ankommen und nicht super schnell fahren will. Eventuell muss ich mich Sonntagmorgen nochmal daran erinnern, wenn es zu gut läuft. Ich freue mich auf Berlin, auf unglaublich viele Radfahrer, auf großartige Stimmung und tolle Zuschauer, auf eine gigantische Strecke vorbei an allen Sehenswürdigkeiten und ich hab Bock! Angst und Bock! Kann losgehen.


Hast du auch Lust auf Radrennen bekommen? Stellen wir uns den Ängsten doch gemeinsam. Wie wärs mit den Cyclassics am 21. August 2016 in Hamburg?

Wenn du bei der Anmeldung folgenden Code eingibst: BA16-013-MAREN_S, erhalte ich eine Prämie von 10 Euro, die ich an Laufen gegen Leiden bzw. deren aktuelle Spendenaktion weitergeben möchte. Warum? Darum.

Hier gehts zur Anmeldung:
Cyclassics Hamburg am 21. August 2016

Wichtig: Bei der Anmeldung das Häkchen bei "Keine Nebenwertung gewünscht" setzen und im nächsten Schritt bei "Gemeinsamer Start" den Code als Kennwort eingeben.

Vielleicht sehen wir uns in Hamburg!

Sonntag, 12. Juni 2016

Raceday No. 14 - Rhein Ruhr Halbmarathon Duisburg

Keine Kommentare :
Es ist Donnerstagabend und anstatt zu laufen, wie normalerweise donnerstags, flaniere ich über ein Stadtteilfest. Nachricht von Kati: "Willst du Sonntag Halbmarathon laufen? Kriegst den Startplatz geschenkt." Eigentlich will ich am Sonntag in Duisburg anfeuern. Meinen Vater, Steffi, Kati, Naomi. Ich hatte vor Monaten beschlossen, dass ich nicht mitlaufen möchte, weil ich mit dem Velothon und dem T3 genug Termine im Juni habe, weil ein Halbmarathon Vorbereitung erfordert, weil ich mir deshalb Stress machen würde, weil ich keinen Bock auf Druck habe. Und jetzt, drei Tage vorher, könnte ich starten. Einfach so. Öhm. Der Bauch sagt ja und die Vernunft fragt, ob ich eigentlich bescheuert bin.

Die besten!
Ein Bier später sage ich zu. Jetzt lauf ich also Halbmarathon. In drei Tagen. Das Gute: Ich hatte nicht wochenlang Zeit, mich verrückt zu machen. Das Schlechte: Ich habe natürlich auch nicht sonderlich viel trainiert.

Sonntagmorgen ist es bewölkt, nebelig und fast schon kühl. Als um 8 Uhr die Skater und Handbiker starten, würde ich am liebsten auch schon auf die Strecke gehen. An die Hitzeschlacht, die hier noch kommen soll, glaube ich bei dem aktuellen Wetter irgendwie noch nicht. Es ist echt angenehm. Noch.

Ich habe keinen Plan. Zuletzt bin ich im März bei der Winterlaufserie 2:13:32 gelaufen. Das gleiche müsste jetzt eigentlich auch drin sein, weil ich eigentlich gar nicht so irrsinnig viel weniger gelaufen bin als im Februar und März und glaube, zurzeit in ganz guter Form zu sein. Eventuell geht auch noch was mehr. Ich habe im Kopf eine vorsichtige 2:10 formuliert, aber habe ziemlichen Respekt vor der angesagten Hitze und der Spontaneität der ganzen Sache. Die Durchlaufzeiten für 10 und 15 km, die ich mir versuche zu merken, orientieren sich an der 2:13er-Hausnummer und sind somit etwas vorsichtig gesteckt. 1:03 für 10 km und 1:34:30 für 15. In der Theorie. Selbst für die 2:10er Endzeit wären die Zwischenzeiten für 10 und 15 km immer noch über einer bzw. eineinhalb Stunden. So weit so gut.

Kurz-vor-dem-Start-Selfie mit Steffi und Hagen
Tausend Dank für den Startplatz, Nadine! Weiterhin gute Genesung!
Dann gehts los. Es ist immer noch halbwegs kühl und bewölkt, Naomi und ich beschließen, erst mal zusammen zu laufen, bis es einem von uns zu langsam (=ihr) oder zu schnell (=mir) wird. Tatsächlich finden wir auf Anhieb ziemlich gut rein. Es läuft. Ich ahne, dass wir etwas zu schnell unterwegs sind, aber fühle mich gerade so wohl, dass ich daran nichts ändern möchte. Dann kommt nach 3 km die Sonne raus. Schlagartig. Nix mehr mit bewölkt. Heilige Scheiße! Wir machen das ungefähr Dümmste, was man tun kann und behalten das Tempo erst mal bei.

Zu Beginn führt die Strecke durchs Zentrum, über große Straßen, am Bahnhof vorbei. Länger geradeaus, mitten durch die Stadt. Das hier ist mein erster Stadt-Lauf, die beiden anderen Halbmarathons verliefen größenteils durch den Wald oder um Seen, meine 10er waren auch eher klein. Spontan freue ich mich einfach mal darüber, einer von diesen vielen bunten Punkten zu sein und hier zusammen über gesperrte Straßen zu laufen, während am Rand Leute stehen und klatschen. Ist ja schon ganz schön!


Schon bei der ersten Verpflegungsstation bei km 4 ist die Verlockung extrem groß, den Becher Wasser einfach über dem Kopf zu leeren. Aber gut, wir wollen mal nicht übertreiben, also lieber erst mal nur trinken. Wir laufen immer noch zusammen, können uns immer noch unterhalten und warten einfach mal, was da noch so kommt. Bei km 7 halte ich die Augen offen, weil hier meine liebste Duisburger Freundin Martinique am Streckenrand stehen will. Ich sehe sie nicht, aber bin so sehr mit Suchen beschäftigt, dass auf einmal schon wieder ein Kilometer rum ist. Und es wird nicht kühler. Keine Wolken in Sicht. Nur Sonne, Sonne, Sonne. Wieso genau hatte ich mich nochmal entschieden, die Sonnenbrille nicht anzuziehen und den Schwamm im Starterbeutel zu lassen? Achja, wegen den drei Wolken vor dem Start. Was für eine Bullenhitze das jetzt ist. Mittlerweile gibt es kein Zögern mehr, ich nehme an jedem Stand zwei Becher Wasser, trinke davon einen und gieße mir den zweiten über den Kopf und in den Nacken. Diese Abkühlung ist eine ganz wunderbare Erleichterung - für wenige Augenblicke. Ziemlich schnell sehne ich den nächsten Stand herbei, zum Glück gibt es zehn Stück auf der gesamten Strecke.

Da ist irgendwas klebriges an der Seite an meinem Shirt. Was zur Hölle? Ah toll, ein Gel ist aufgegangen und verbreitet sich gerade munter in der Hose und auf dem Shirt. Geil. Das wollte ich bei km 10 nehmen, aber bevor es bis dahin komplett auf mir verteilt ist, gibts das jetzt eben 2 km früher. Ich kippe ein Wasser hinterher und klebe nun überall. Im Gesicht, an der Hose, am T-Shirt, vor allem an den Händen. Ich habe Angst, Fäuste zu machen, weil sie sich eventuell nie mehr lösen lassen. Die Erlösung kommt mit dem nächsten Getränkestand, bei dem ich mir zwei Becher nur zum Händewaschen nehme. Man gönnt sich ja sonst nichts!


Dann ist da auch schon km 10. Wir sind unter einer Stunde - knapp, aber drunter. Bedeutet: Schon über 3 Minuten zu schnell für die relativ sichere 2:13er-Nummer. Ich bin nicht immer besonders gut darin, Entscheidungen zu treffen. Wir sind zu schnell. Das weiß ich. So richtig möchte ich aber nicht langsamer. Die Geschwindigkeit zu halten ist ein Risiko. Das weiß ich. Könnte doof enden. Wir sind erst bei km 10, nicht mal die Hälfte, es wäre noch genug Zeit, Tempo rauszunehmen und das Ganze hier gemütlicher zu Ende zu laufen. Und diese scheiß Hitze! Ich hadere ein bisschen und fange an zu jammern, erkläre Naomi meinen halb ausgegorenen Plan mit den Zeiten für 10 und 15 km, aber habe zu dem Zeitpunkt schon wieder vergessen, ob ich die eigentlich mit 2:10 oder 2:13 berechnet hatte. Ganz großes Kino! Weil uns nichts besseres einfällt, laufen wir dann einfach mal so weiter.

Warum wollte ich meine bisherigen Halbmarathons eigentlich lieber auf einsamen Strecken im Wald laufen? Weil ich die Natur so mag und Menschen so doof finde? Ist was dran, aber heute finde ich es zur Abwechslung mal sehr großartig, dass hier Zuschauer sind. Die Helfer an den Getränkeständen, die noch ein paar motivierende Worte übrig haben, die Leute am Straßenrand, die älteren Damen in Klappstühlen im Vorgarten, die Fähnchen schwenken und klatschen. All die Leute in diesen dörflichen Stadtteilen im Duisburger Süden, die Biertische und Campingmöbel nach draußen getragen haben, die ein Straßenfest aus der ganzen Sache machen, die nur dort sitzen, weil ein paar Tausend Leute hier vor ihrer Haustür vorbei laufen. Bei unerträglicher Hitze. Ich sage nie wieder irgendwas schlechtes über Duisburg, denn ich bin so unendlich dankbar über jede privat aufgebaute Gartendusche, jeden Wasserschlauch, jeden Eimer, die Kinder, die Brause und Salzstangen verteilen. Ich klatsche mit meinen nassen, klebrigen Händen sieben ungeduldig ausgestreckte Kinderhände in einer Reihe ab und lache mich dabei kaputt. Großartig!


Kurze Zeit später fängt neben der linken jetzt auch die rechte Seite an zu kleben. Merke: Taschen in der Tri-Hose sind nicht zum Transport von Gels geeignet - toll. Ich nehme also auch das zweite ein bisschen früher, als ich eigentlich wollte und kämpfe dieses Mal etwas länger mit der quabbelig süßen Pampe und dem Wasser zum Nachtrinken. Naomi dreht sich zu mir um, ich murmele irgendwas von "muss noch kurz essen" und brauche dann irgendwie doch länger als gedacht. Wir trennen uns. Ich halte Sichtkontakt, trabe ihr hinterher. km 15, ich bin immer noch zu schnell. Mehr als 5 Minuten sogar. So richtig rächt sich das immer noch nicht. Ich weiß, das kann noch ziemlich in die Hose gehen, aber ich wills trotzdem probieren. Was hab ich zu verlieren?

Bei km 16 möchte ich sterben. Oder die Schuhe ausziehen. Eigentlich nur die verdammten Socken. Was zur Hölle hat mich geritten, als ich heute morgen die Kompressionssocken angezogen habe? Ultralight, haha, aber gerade einfach nur ultrawarm. Viel zu warm. Ich nehme mir immer noch zwei Becher Wasser: einen für den Kopf und einen für die Beine. Die Füße kochen. Ich hatte noch nie so warme Füße und ich denke ernsthaft drüber nach, ob es eine Option ist, Socken und Schuhe auszuziehen und barfuß weiter zu laufen. Scheiße, das ist einfach viel zu heiß!

Nach 18 km kommt die Rechnung für das Gerenne bis hier hin. Wär ja auch zu schön gewesen. Ich habe Naomi aus den Augen verloren, meine Füße lösen sich gerade in ihre Bestandteile auf, ich habe Gänsehaut und der Kreislauf und der Kopf sind sich einig, dass wir jetzt mal aufhören zu laufen und ein paar Meter gehen. Vielleicht auch ein paar Meter mehr. Komischerweise finde ich das gar nicht so schlimm, denn ich habs mir ja fast gedacht. Hätte ja klappen können, hats aber nicht. Die letzten 3 km sind eine Mischung aus Traben und noch zwei Gehpausen, die letzte davon bei km 20. Ja, klar, es ist nicht mehr weit, ich könnte jetzt auch einfach mal die Zähne zusammenbeißen, aber ich will nicht mehr. Zuschauer lesen den Namen auf meiner Startnummer, die nicht mir gehört, und brüllen mich an: "NADIIIIIIINE! Zieh nochmal dran!" Ich ziehe hier an gar nix. Als Steffi mich auf einmal überholt, laufe ich ein paar Meter mit ihr zusammen. Am Straßenrand liegt ein Läufer, der von Sanitätern behandelt wird und eine Infusion bekommt. Dass ich dort auf gar keinen Fall landen will, entschuldigt meine Gehpausen vor mir selbst - ich bin außerdem ja selber schuld, hätte es ja langsamer angehen können.


Der Blick auf die Uhr verrät, dass ich immer noch auf Kurs unter 2:10 bin, und zwar deutlich. 2:05 wären knapp drin gewesen, wenn ich das Tempo auf den letzten 3 km gehalten hätte. Hätte. Inzwischen weiß ich, dass ich trotz Gehen auf Bestzeit-Kurs bin. Im Gegensatz zur Winterlaufserie ist das Ziel hier nicht im kleinen Leichtathletik-Stadion, sondern nebenan im MSV-Stadion. Zuletzt saß ich hier beim ersten Auswärtsspiel meines Lebens auf der Tribüne und habe mir angeguckt, wie die Fortuna gegen den späteren Absteiger Duisburg verloren hat. Jetzt drehe ich hier noch eine Runde und laufe die letzten Meter meines Spontan-Halbmarathons. Geil!


Socken aus! Schuhe aus! Barfuß über den Rasen laufen. Traumhaft! 
Es lief nicht perfekt, aber ich könnte kaum zufriedener sein: Ich hatte keine großen Ziele - für mich ging es hier um nichts, außer aus Spaß mitlaufen und gucken, was geht. Ich bin bewusst ein Risiko eingegangen und habe die Rechnung dafür bekommen. Damit kann ich besser leben, als wenn irgendwas schief geht, ohne dass ich selbst Schuld bin. Die Nettozeit kann sich trotz Wandern absolut sehen lassen: 2:08:02 - fünfeinhalb Minuten schneller als im März. So eine Zeit einfach mal halbwegs aus dem Training zu laufen, macht mich ziemlich zuversichtlich, irgendwann mal die 2 Stunden zu knacken. Vielleicht. Ich bin komplett nass im Ziel und glaube, dass ich niemals wieder trockne, aber die Hitze habe ich irgendwie ertragen und das macht mich einfach mal stolz. Strecke und Zuschauer waren sehr großartig, danke Duisburg!