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Donnerstag, 21. Juli 2016

Raceday No. 17 - ITU World Triathlon Hamburg 2016

1 Kommentar :
Seit einem Jahr kriege ich leuchtende Augen, wenn ich vom Triathlon in Hamburg rede: 2015 habe ich spontan zum ersten Mal zugeschaut - beim größten Triathlon der Welt, mit der längsten Wechselzone der Welt und bei der fantastischsten Atmosphäre, die ich mir bis dahin so ausmalen konnte. Hamburg. Eine Stadt, an der das Herz sowieso sehr hängt. Ich stand 2015 mit Freudentränen in den Augen ein paar Hundert Meter vor dem Ziel an der Laufstrecke und wollte platzen vor Glück. Und jetzt, ein Jahr später, bin ich wieder in Hamburg und stehe dieses Mal nicht am Streckenrand, sondern an der Startlinie.


Das Triathlon-Wochenende beginnt mit dem Abholen der Unterlagen und dem Testschwimmen am Freitag. Aus Erzählungen von Startern aus dem letzten Jahr weiß ich, dass die Sicht in der Alster nicht die beste sein soll. Dass die Schwimmer ihre eigenen Hände nicht sehen konnten, halte ich allerdings für ein Gerücht. Nun ja. Manchmal stimmen Gerüchte. Es folgt ein Selfie in der Alster.

Hamburg Wasser: "Wir machen das klar." 
Das Testschwimmen beschränkt sich auf ein paar Meter in die eine Richtung und ein paar in die andere. Ich finde das Wasser ekelhaft. Zwei Mal verschlucke ich etwas und werde dafür prompt mit einem Hustenreiz aus der Hölle belohnt. Ganz schön kalt übrigens ohne Neo, aber wer zum Anziehen zu faul ist, darf sich nicht beschweren. Die schlechte - weil nicht vorhandene - Sicht bereitet mir größere Sorgen. So große, dass ich den Freitagabend damit verbringe, mich vollständig bekloppt zu machen. Bei meinem ersten Start im Freiwasser in Düsseldorf lief es vor drei Wochen ganz und gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich war überrascht, dass mir die vielen Arme, Beine und sonstigen Körperteile um mich herum so viel ausgemacht haben, dass ich kaum Kraulen konnte und den Großteil der Strecke brustschwimmend zurücklegen musste. Wäre schön, wenn das jetzt mal besser laufen würde. Aber wie denn in dieser undurchsichtigen Brühe?



Die Nacht ist kurz und unruhig. Am Renntag ist mir kotzübel. Schön. Zum Glück ist die Startzeit mit 9:48 Uhr ziemlich human, so dass ich mich nicht mitten in der Nacht zum Frühstücken zwingen muss. Freiwillig läuft trotzdem nichts. Eine Scheibe Stuten und eine Scheibe Brot gehen rein, beide mit Marmelade und beide hätte ich mir am liebsten gespart. Es gibt überhaupt keinen Grund, nervös zu sein. Es ist nur ein Sprint, ankommen oder nicht steht überhaupt nicht zur Debatte, ich weiß, dass ich das alles kann. Aber dieses Schwimmen ist eine ziemlich unklare Nummer (unklar! haha) und das Lauftraining hat wegen der Schmerzen im Fuß seit dem T3 auch auf Eis gelegen.



Na prima: Wer das Rad eingecheckt und die Wechselzone verlassen hat, kommt nicht mehr rein. Erst im Wettkampf wieder. Eine Katastrophe für Organisationstalente wie mich, die nie beim ersten Anlauf alles in der Wechselzone unterbringen, sondern immer irgendwas vergessen und nochmal umpacken müssen. Nachdem ich mich gefühlt 27x vergewissert habe, dass alles da ist und ich auch alles bei mir habe, was ich zum Schwimmen brauche, lasse ich Bruno in der längsten Wechselzone stehen. Puh.


Vor dem Start ist noch genug Zeit, Musik zu hören (dieses Mal wirklich), Mandy zu drücken und für Fotos zu posieren. Dann schicken wir Naomi zum Schwimmen. Sie ist 8 Minuten vor mir dran und rechnet damit, dass ich sie irgendwann auf dem Rad überhole. Das glaube ich zwar kaum, aber: challenge accepted! Ich quetsche noch die Arme in den Neo und dann gehts auch für mich los. Wo sind bloß die 8 Minuten zwischen unseren Startzeiten hin? Ich flitze zum Schwimmstart. Schneller, als ich gucken kann, finde ich mich im Wasser wieder. Keine Zeit mehr, nachzudenken. "Was zur Hölle machst du hier eigentlich in dieser braunen Suppe?" wäre ansonsten weit vorne mit dabei.


Der Start erfolgt aus dem Wasser auf Höhe eines Seils. Keiner sieht das Seil, irgendwer steht vermutlich drauf, aber keiner in meiner Nähe weiß genaueres. Sind wir zu weit vorne oder hinten? Keine Ahnung. Der Moderator gibt mit Sicherheit irgendwelche motivierenden Sprüche zum Besten und spielt irgendeinen motivierenden Song ab, ich weiß es nicht. Ist mir alles egal. Countdown. Startschuss. So! Nur 500 m! Um nur zwei Bojen rum. Unter einer dunklen Brücke durch. Dann ist es geschafft, also hau rein! Nach dem Schwimmen fängt der Spaß an!


Ich haue rein. Ich rechne mit Krieg im Wasser wie in Düsseldorf und bin aufs Schlimmste eingestellt. Ich kraule los, habe genug Platz und alles ist cool. Hä? Die schlechte Sicht stört mich überhaupt nicht. Ich atme abwechselnd links und rechts und sichte zwischendurch nach vorn. Genau so hatte ich mir das gedacht. Haha, wunderbar! Wie seltsam, dass hier so viel Platz ist, wo sind denn die 200 anderen aus dem Startblock? Na also. Geht ja doch ohne Prügelei! Nicht. Ich kassiere einen Tritt aufs Ohr. Schlagartig ist es vorbei mit meiner Ruhe. Das Ohr tut nicht weh, nichts tut weh, aber der Kopf streikt. Sofort. Ende Gelände, hier und jetzt. Sobald ich den Kopf ins Wasser lege, schürt sich in der Magengegend irgendwas zu, ich habe nicht genug Luft und muss Brustschwimmen, sofort. Scheiße.


Erste Boje. Das Feld hat sich wirklich gut auseinander gezogen, ich eiere brustschwimmenderweise um die Boje und verfluche dieses beschissene Schwimmen. Wofür trainiere ich eigentlich Kraul, wenn ichs dann eh nicht schwimme? Was soll das hier überhaupt, es ist genug Platz, ich könnte doch einfach wie beim Start - Augen zu und durch. Nach vier Zügen ist Schluss, ich wechsele zurück in die Sicherheit: Brustschwimmen. Ironie des Schicksals: Ich bin damit nicht mal deutlich langsamer als mit Kraul. Es ist halt nur kräftezehrender und gleichzeitig angenehmer, weil der Kopf regelmäßig über Wasser kommt und sowohl Atmung als auch Sicht einfach sind. Toll. Zweite Boje. Jetzt nur noch geradeaus. Ich stecke den Kopf ins Wasser und will nochmal kraulen, aber der Kopf will nicht. "LUFT! Viel zu wenig Luft! Du kannst nicht genug atmen! Ist jetzt auch alles egal, jetzt kannste auch Brust weiter schwimmen. Wolltest du unter der Brücke ja sowieso." So übernimmt der Kopf das Ruder und lässt sich auch nicht mehr austricksen. Mehr als 3-4 Züge Kraul am Stück sind nicht drin, im Dunkeln unter der Brücke sowieso nicht. Die letzten Meter bis zum Schwimmausstieg sind laut, die Zuschauer geben mächtig Gas und ich kann leider nicht viel mehr bieten außer eine frustrierte Triahletin mit goldener Badekappe, die im Neo Brust schwimmt.


Endlich ist es vorbei. Schwimmausstieg! Rathausmarkt! Ein paar Stufen, überall blauer Teppich, überall Menschen. Ich erinnere mich daran, wie ich in Düsseldorf versucht habe, beide Arme gleichzeitig aus dem Neo zu pellen, was eine denkbar blöde Idee war. Nacheinander klappt das viel schneller, ich befreie den Oberkörper, ziehe die Schwimmbrille hoch und erinnere mich an das, was ich vorher vielleicht ein bisschen zu oft gesagt habe: Nach dem Schwimmen fängt der Spaß an. Scheiße, ja! Das Schlimmste ist geschafft, ich hab so unendlich Bock aufs Radfahren und das komplette Drumherum. Ich genieße jeden Meter auf dem blauen Teppich, die längste Wechselzone kann mich mal, hier sind so viele Leute, die klatschen und jubeln und Fotos machen und nur wegen Tausenden Bekloppten wie mir hier stehen. Die Sambatruppe vor dem Eingang der Wechselzone gibt mir den Rest: Ich sauge alles in mich auf, das Trommeln, die ganze gigantische Atmosphäre und fühle mich gleichzeitig riesengroß und winzig klein. Ich mache einen scheiß Triathlon mitten in Hamburg, bin eben aus der Alster geklettert und freue mich einfach nur derbe aufs Radfahren. Ich hab Bock, ich will abliefern und bin dabei nur ein so kleiner Teil, ein winziger bunter Punkt zwischen mehr als 10.000 Athleten, die alle aus dem gleichen Grund hier sind. Deshalb machen wir das. Weil es sich einfach großartig anfühlt.


Zurück in der Realität finde ich Bruno auf Anhieb, schaffe es ohne Probleme, die Beine und Füße aus dem Neo zu bugsieren, setze Helm und Brille auf, ziehe Socken und Schuhe über die nassen Füße, schnalle die Startnummer um und los gehts. Im Wechseln bin ich besser als im Schwimmen. 500 m bis zum Ausgang der Wechselzone.


Ich komme gut aufs Rad, erinnere mich daran, dass direkt zu Beginn ein Tunnel kommt und ziehe die Sonnenbrille etwas runter. Mein Blindflug im Tunnel am Cap Formentor ist mir noch zu gut in Erinnerung - etwas sehen zu können ist tendenziell auf dem Rad nicht so übel. Der Tunnel geht vorbei und nach ein paar Kurven führt die Strecke schon ratzfatz unten an der Speicherstadt vorbei in Richtung Landungsbrücken. Ich fang jetzt nicht an, Kettcar zu zitieren, aber es ist einfach nur unfassbar großartig, hier lang zu radeln. In der Theorie. In der Praxis finde ich die Radbeine nicht und außerdem beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass irgendwas mit der Startnummer auf dem Rücken nicht stimmt. Die flattert nämlich ganz schön hin und her. Ich taste mal vorsichtig nach hinten und stelle fest, dass eine Seite abgerissen ist und die Nummer nur noch an einer Stelle befestigt ist. Ach, lass sie flattern. Verdammt, was, wenn die andere Seite auch abreißt? Wenn die Nummer wegfliegt? Darf ich dann überhaupt noch weiter fahren? Auf die Laufstrecke? Lassen sie mich ins Ziel so ganz ohne Startnummer? Und wie zur Hölle kriege ich das Rad dann später aus der Wechselzone ausgecheckt? Bevor ich mir weiter den Kopf zerbrechen kann, finde ich mich freihändig auf dem Rad wieder, drehe die Nummer nach vorn, drücke mit dem Fingernagel ein neues Loch rein, fädele die Schnur und den Befestigungsnupsi wieder durch und drehe den ganzen Quatsch wieder nach hinten. So! Können wir jetzt bitte radfahren?

Die Beine sehen das immer noch etwas anders. Vielleicht hätte die letzte Einheit am Mittwoch etwas gemütlicher sein können, ganz sicher wären Sprints nicht nötig gewesen. Selber Schuld. Ich gebe mir 5 km Zeit, eher locker einzurollen, die Beine aufzuwärmen und den Puls runter zu bringen. Hafenstraße, Fischmarkt, Breite Straße. Erster Hügel. Altonaer Balkon. Es fühlt sich hier fast wie ein Heimspiel an, denn ich habe eine großartige Freundin, die hier 100 m Luftlinie entfernt wohnt. Ich weiß, dass sie nicht da sein wird, aber dennoch suche ich den Straßenrand ab und hoffe insgeheim, dass sie vielleicht doch an der Strecke steht. Steht sie nicht. Dafür sitzen hier ältere Herrschaften auf einem Sofa auf dem Bürgersteig. Kann man machen! Nach knapp 8 km sind die Beine endlich drin und ich fange an, die Radstrecke zu lieben. Es geht nur geradeaus, die Elbchaussee entlang, zwischendurch mit Blick auf den Hafen, ein paar Bäume, ein bisschen rauf, ein bisschen runter. Und dann, kurz vor dem Wendepunkt, ein bisschen sehr runter. Ich nehme die Abfahrt als obs kein Morgen gäbe, verschwende keinen Gedanken daran, dass ich hier gleich wieder hoch muss. Naomi kommt mir entgegen, ich kreische und winke. Bis Teufelsbrück fahren wir raus, dann kommt die 180°-Kurve und es geht zurück. Der Anstieg ist ein Anstieg, ja, aber er ist gut machbar und die Beine kurbeln nach oben, als wären sie eben nicht Brust geschwommen, sondern schön erholt. Endlich.


Insgesamt bin ich relativ viel mit überholen und überholt werden beschäftigt, aber die Strecke ist meistens breit genug, also alles kein Problem. Nur die Dame, die mich überholt, exakt mein Tempo fährt und sich dann vor mich setzt, geht mir etwas auf den Wecker. Zuerst nehme ich etwas raus und lasse mich zurückfallen, damit der Abstand wieder stimmt - wenn wir gleich schnell fahren, sollte das ja passen. Entweder wird sie langsamer oder ich schneller, auf jeden Fall passt es sehr bald schon wieder nicht. Ne Trainingsausfahrt würde ich gerne mal mit ihr zusammen machen, das scheint ja ganz gut zu harmonieren - aber jetzt soll sie bitte verschwinden! Mir reichts und ich überhole wieder, soll sie hinter mir sehen, was sie daraus macht. Blöd.

Bei km 13 läuft ein Bild über die Straße. Eine Leinwand mit Beinen, die ich leider nur von hinten sehe, also keine Ahnung, ob es schön ist oder nicht. Ist das Kunst oder ...? Schon sause ich die Breite Straße wieder runter und an den Landungsbrücken fällt mir auf, dass die Radstrecke gleich schon rum ist. 22 km sind echt saumäßig kurz. Auf Kommando irgendwas genießen funktioniert ja meistens nicht so toll, also bin ich eher wehmütig. Ich würde gerne noch eine Runde drehen! Stattdessen gehts vorbei an der Speicherstadt, an Mandy, die mir entgegen kommt, am Hauptbahnhof, durch den Tunnel (ohne Brille!) und dann muss ich auch schon runter vom Rad. Bis auf die Startschwierigkeiten lief das Radfahren super - ich war nicht komplett am Limit, aber schon schnell und bin zufrieden. Ich jedenfalls - der Magen nicht. Beim Traben durch die Wechselzone ist mir kotzschlecht, schon wieder. Dieses Mal allerdings so richtig. So mit "Scheiße, wenn ich jetzt kotzen muss, wohin dann am besten?" Irgendwo an den Rand? Bloß nicht in die Wechselbox! Auf die Laufstrecke? Ich schlucke alles runter, was ich nicht auf dem blauen Teppich verteilen möchte und denke an die Triathlon-Affen. Schmaler Grat zwischen affengeil und Kotzgrenze. Ist was dran. Gefühlt lasse ich mir ewig Zeit beim Wechsel, trinke noch einen Schluck Wasser und sehe dann Naomi hinter dem Zaun auf der Laufstrecke. Mit dem Überholen wars also nichts und jetzt wird sie mir beim Laufen davon wieseln - sehr gut. Später starten und früher ins Ziel kommen wäre auch etwas gemein.


Gutes Thema: Ziel! Laufen! 5 km. Eigentlich nichts. Aber mit dem Magen? Und ob der Fuß wohl hält? Beides stelle ich jetzt auf die Probe. Am Anfang der Laufstrecke sehe ich Cathi am Rand, die es bemerkenswerterweise schafft, gleichzeitig zu filmen, zu jubeln und mir noch zuzurufen, dass Naomi nur 2 Minuten vor mir sei und ich sie mir schnappen soll. Haha, ist doch kein Wettkampf hier! Äh. In erster Linie bin ich froh, wenn der Mageninhalt da bleibt, wo er hingehört und der Fuß auch laufen will. Er will. Ich habe absolut überhaupt gar keine Schmerzen und bin so unendlich froh, dass die Variante mit abwarten und aussitzen gewirkt hat. Gut. Ein Problem weniger. Die Beine machen auch keinen Ärger, das übliche Pudding-Gefühl beim Laufen nach dem Radeln bleibt aus.

Beim ersten Verpflegungsstand balanciert ein Typ ein Tablett und fragt: "Frische Orangenscheibe?" Ist das hier ein Hotelfrühstück oder was? Ohja gern, danke, ich nehme noch ein Croissaint dazu? Ich muss grinsen, will keine Orangenscheibe, auch keine frische, und presse nur ein "Danke!" heraus. "Gerne!", lautet die Antwort. Da soll mir nochmal einer erzählen, die Hamburger wären unterkühlt oder unfreundlich! Der höfliche Orangenmann reißt sie alle raus! Ich nehme ein Wasser, trinke zwei Schlucke im Laufen und hoffe, dass der Magen sich beruhigt.


Das macht er. Trotzdem will ich die Situation aus der Wechselzone nicht nochmal erleben und beschließe daher, es langsam angehen zu lassen. Nur was ist eigentlich langsam? Ich habe ja immer noch keine GPS-Uhr und entdecke keine einzige Kilometermarkierung. Also kann ich nur auf mein Gefühl vertrauen, das sagt: etwas schneller als in Düsseldorf, aber nicht am Limit. Auch nicht locker. Irgendwas gesundes dazwischen, das noch Spaß macht und nicht weh tut. Ich habe kein Zeitziel, also laufe ich das Ding hier jetzt einfach nach Hause.

Kurz vor dem Wendepunkt am Alsterufer kommt mir Naomi entgegen. Wir klatschen ab, weil es das ist, was man tun muss, wenn man sich auf der Strecke begegnet, aber sie sieht nicht gerade glücklich aus. Mist. Am Verpflegungspunkt trinke ich einen halben Becher Wasser, möchte immer noch keine frische Orangenscheibe, auch keine Banane, nein danke, und mache mich dann auf den Rückweg. Zuschauermäßig ist hier oben an der Außenalster rein gar nichts los. Naja, man kann ja nicht alles haben. Zurück unter den Brücken zur Binnenalster. Der Blick auf die Stadt ist großartig: Irgendwo dahinten am Rathaus steppt der Bär und ich reiße hier in Ruhe meine Laufstrecke ab. Meter für Meter. Am Neuen Jungfernstieg tanzen Cheerleader. Ab dem Jungfernstieg ist der Straßenrand rechts und links voller Menschen. Na also! Gleich ist es vorbei. Jetzt schon? Ich will das in die Länge ziehen, mitnehmen, was geht, alles behalten. Leute klatschen, schreien, jubeln. Ich denke nur an die allerletzten Meter, an das Kopfsteinpflaster bergauf, an die Schleusenbrücke, an den Ort wenige Meter vor dem Ziel, wo ich vor einem Jahr den halben Sonntag lang stand und so viele Emotionen aufgesaugt habe.



Ich biege vom Neuen Wall ab, jetzt geht es nur noch geradeaus. Leicht bergan. Gleich ist es vorbei. Unter dem Bogen von Hamburg Wasser hindurch, unter der Dusche hindurch ("Wir machen das klar."), auf den blauen Teppich. Die letzten Meter. Auf der Tribüne meine Eltern. Ich laufe ins Ziel. Auf dem Rathausmarkt. In Hamburg. Geil!



Wie bezaubernd die Medaillenfrau mich anstrahlt! Die Medaille ist wunderschön. Groß und schwer. Und toll. Es fühlt sich immer etwas doof an, wenn man weiß, dass noch was drin gewesen wäre - mit dem Schwimmen bin ich natürlich unzufrieden, mit dem schlechten Start auf dem Rad auch und das Laufen am Ende war zu einfach. Wenn ich mir die Bilder angucke, sehe ich aber, dass der Lauf so einfach nicht gewesen sein kann. Ich hab gekämpft, aber ich hatte Angst, den schmalen Grat zur Kotzgrenze doch noch zu überschreiten - also war es ein vorsichtiges Kämpfen. Dabei herausgekommen sind Zeiten, mit denen ich wirklich zufrieden bin:

500 m Schwimmen: 13:01
Wechsel 1: 05:52
22 km Rad: 41:05
Wechsel 2: 03:39
5 km Lauf: 28:25
Macht insgesamt: 1:32:00



Die gute Nachricht: Große Veranstaltungen sind sehr dankbar, was die Platzierungen angeht. Platz 34 von 192 in der Altersklasse und Platz 214 von 1222 bei den Frauen insgesamt. Was zur Hölle! Mit einem guten 32er Schnitt auf dem Rad bin ich außerdem die 101. schnellste Radzeit von den 1222 Frauen gefahren - ich sags euch: irgendwann hör ich auf mit dem Laufen und fahre nur noch Rad. Geiler Scheiß!

Rad-Checkout. Die absolut nervigste Angelegenheit an diesem Wochenende. 
So gehts jetzt weiter: Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Ich war schon im Freiwasser, denn in gut 5 Wochen steht mit Krefeld meine einzige Olympische Distanz dieses Jahr an, bei der ich 1.500 m schwimmen muss. Im See. Am liebsten ohne Panik. Außerdem: radeln, radeln, radeln. Denn schon in 4 Wochen geht es wieder nach Hamburg - und seit ich jetzt dort Rad gefahren bin, ist die Vorfreude auf die Cyclassics nochmal gigantisch gewachsen. Wer Lust hat, ebenfalls zu starten, möge sich doch einmal hier ganz unten die Anmeldemodalitäten anschauen. Tja, und wenn ich an dem Wochenende schon mal in Hamburg bin... dann nehme ich das Rad Race Battle auch gleich mit. Ich bin gespannt, wie sehr Bruno und ich uns da blamieren und ob ich mir mit der Aktion erfolgreich die Beine für die Cyclassics zerschieße oder am Sonntag auch noch Spaß habe. Wir werden sehen!

Profirennen gucken. Der absolut geilste Scheiß an diesem Wochenende. 
Achja, laufen. Da war ja was. Der Fuß ist wieder voll einsatzbereit. Schade, weil ich das Laufen einfach überhaupt nicht vermisst habe. Gut, weil dieses Jahr noch zwei Triathlons (Krefeld und Ratingen) und ein Halbmarathon (Düsseldorf nach Duisburg) anstehen. Die Herausforderung hier heißt also momentan, wieder Routine ins Training reinkriegen und Kilometer sammeln. Die Unlust beim Laufen wird schon wieder verschwinden, die größte Baustelle ist zurzeit echt das Freiwasser - also eigentlich nur der Kopf. Der Kopf im Wasser. Achja.


Fazit aus Hamburg: supergeil! Muss man einmal mitgemacht haben! Mehr Bilder vom Triathlon in Hamburg 2016 findet ihr im Album bei Facebook. Mandys Bericht findet ihr hier bei Go Girl! Run!. Naomis hier auf Instagram.

Freitag, 1. Juli 2016

Raceday No. 16 - T3 Triathlon Düsseldorf 2016

Kommentare :
Da ist er auf einmal, der erste Triathlon der Saison. Dazu gibts noch mehr Premieren: zum ersten Mal Freiwasser und zum ersten Mal ein großer City-Triathlon und dann auch noch in der Heimatstadt. Ich starte auf der Sprintdistanz: 750 m schwimmen, 20 km Rad, 5 km laufen. Eigentlich nichts Weltbewegendes. Am Abend vorher stelle ich trotzdem fest, dass ich ziemlich unentspannt bin. Nervös. Aufgeregt. Ich weiß, dass ich nichts mehr ändern kann, dass ich da jetzt durch muss und dass ich gut vorbereitet bin. So sportlich zumindest. Trotzdem gibts eine lange Reihe Unsicherheiten - und weil mir nichts besseres einfällt, schreibe ich sie alle auf. Zur Abwechslung mal nicht digital, sondern schön mit Zettel und Stift. Am Ende habe ich drei Seiten Notizen voller Unwägbarkeiten und gleichzeitig eine To-Do-Liste fürs Rennen. Und ja, die enthält Schritte wie "Reißverschluss öffnen" oder "Helm anziehen". Alles wichtig! Es beruhigt mich ungemein nachzulesen, woran ich alles so denken muss. Während man beim Laufen ja einfach mit seinen Schuhen zum Start geht und später genau so wieder ins Ziel kommt wie man losgelaufen ist, hat man beim Triathlon dazwischen ja ne ganze Menge mehr zu tun.

Dieses Bild ist die großartigste Geschichte des Tages. Kommt unten.
Weil ich weiß, dass ich selber schon zu aufgeregt bin, fürchte ich, dass ich am Wettkampftag am liebsten allein sein würde. Keinen sehen müssen. Mit keinem sprechen. Mich nicht noch bekloppter machen lassen. Jedem an die Gurgel springen, der fragt: "Na? Aufgeregt?" Ich baue mir eine Playlist ("ready to start"), die neben Arcade Fire fast nur Rise Against enthält und von der ich sicher bin, dass sie mich aus der Aufregung rausholt und aufs Rennen einstellt. Ich will mich eine halbe Stunde vor dem Start in irgendeine Ecke zurückziehen und mir die Ohren wegblasen lassen, so ist der Plan. Der Plan ist großartig, geht aber nicht auf. Stattdessen schaffe ich es dann doch, mit Leuten zu reden, ohne komplett durchzudrehen. Gar nicht so einfach, die vielen Zuschauer zu koordinieren, die sich angesagt haben! Wann sollen wir kommen? Wo sollen wir parken? Wo finde ich dich? Du bist nicht mehr da, wo du eben gesagt hast, wo bist du jetzt? Meine Ruhe finde ich dann doch nicht wie erhofft mit Lärm in den Ohren, sondern im Physiozelt. Absurd, aber wahr: Christian und Ferdi, die beide heute zu ihrer ersten Olympischen Distanz antreten, die beide angeschlagen sind und sich hier kurz vor dem Start noch eben schnell tapen lassen - ausgerechnet diese beiden strahlen eine Ruhe aus, die ich gut gebrauchen kann.

Ein kleines bisschen stressig wird es dann doch: Ich muss los zur Wettkampfbesprechung und habe den Neo noch nicht an. Schnell nochmal hier und da hallo sagen, Steffi und Naomi einsammeln, zumindest Beine und Hintern schon mal in das Ding reinzwängen und auf zur Besprechung. Prima, wir erfahren absolut gar nichts Neues und marschieren dann mal zum Schwimmstart. Mittlerweile bin ich auch komplett angezogen, habe mir noch ein halbes Gel reingedrückt (Frühstück ist auch schon wieder ganz schön lange her!) und den klebrigen Rest davon auf den Armen und im Gesicht verteilt. Ich würde dann jetzt gern ins Wasser, bitte.

Suchbild: Ich bin rechts neben der Dame mit der grünen Badekappe.
Poah, ganz schön viele Leute da oben an der Kaimauer! Stehen die da alle nur, um ein paar Bekloppte im Hafenbecken schwimmen zu sehen? Ich hüpfe ins Wasser, schwimme ein paar Züge, alles gut. Nicht nur bei den Zuschauern ist es voll, sondern auch hier im Wasser. Wir knubbeln uns am Steg: jeder versucht, sich hier festzuhalten und keiner weiß so genau, wann es los geht. Ich wünsche Steffi und Naomi viel Erfolg, schalte schon mal die Uhr ein und plötzlich schwimmen um mich herum alle los. Hä? Gabs nen Startschuss? Nen Countdown? Wohl nicht. Äh. Ok, dann mal los!


Ich sehe nichts. Ich fühle alles. Fremde Hände, Füße, Körper, alles ist eins, wir sind komplett durcheinander gemixt, vorne, hinten, oben, unten, überall sind Menschen. Oder Teile von ihnen. Und Wasser. Braungelbes Wasser, mit Sicht so weit, dass ich meine eigene Hand so gerade noch erkennen kann. Sonst nur Luftblasen. Und braungelbes Nichts. Gestern beim Testschwimmen bin ich hier gekrault, als wäre es das normalste der Welt, als würde ich meine Schwimmbadkacheln überhaupt nicht vermissen. Heute geht gar nichts. Ich kriege viel zu wenig Luft, meine normale 3er-Atmung reicht mir nicht, ich brauche mehr Luft, möchte bei jedem zweiten Zug atmen, am liebsten bei jedem. Über allem dröhnt der Beat von irgendeiner furchtbaren Musik. Immernoch sind überall Menschen, plötzlich sind an Stellen welche, wo eben noch keine waren. Wieso können wir eigentlich nicht einfach alle hintereinander und nebeneinander geradeaus schwimmen? Das wäre so schön. Ich stecke Schläge und Tritte ein, erwische auch mal die Schwimmer hinter mir. Was grabbeln die mir eigentlich die ganze Zeit an den Füßen rum? Ich brauche mehr Luft! Ok, scheiß doch drauf, schwimmste eben Brust. Mal nen Überblick verschaffen und gut ist.


Ich bin ganz gut kurz auf Kurs, die Schwimmstrecke ist an sich auch nicht kompliziert. Geradeaus, unter der Brücke hindurch, 90°-Wende bei der ersten Boje nach rechts, bei der zweiten Boje nochmal, wieder zurück unter der Brücke hindurch, noch zwei Mal wenden und zum Ausstieg. 750 m. Schön im Kreis. So einfach in der Theorie. Jetzt bin ich gerade mal vielleicht 200 m geschwommen und habe schon sehr akut keinen Bock mehr. Aber so gar keinen. Was für eine Scheiße ist das hier eigentlich? Und warum nochmal mache ich hier mit? Die Krönung ist, dass mich nervt, dass mich die Situation so nervt. Ich spiele seit mehr als zehn Jahren Wasserball, ich weiß, wie es ist, im Wasser was abzukriegen, einzustecken, auszuteilen, untergetaucht zu werden. Deshalb habe ich nicht damit gerechnet, dass mir das hier etwas ausmachen würde. Macht es aber, und zwar nicht zu knapp. Ich bin nicht panisch, habe keine Angst zu ertrinken, aber mich kotzt das hier alles an. Ich würde gern einfach locker durchkraulen, weil ich weiß, dass ich das kann. Zwar nicht schnell, aber ich kanns. Nur halt nicht jetzt.

Das Feld hat sich mittlerweile unendlich weit auseinandergezogen. Krass, wie schnell manche Leute einfach sind! Krass auch, dass sich hier im Mittelfeld auch noch genug Schwimmer tummeln. Ich probiere immer mal wieder zu kraulen und wechsele nach ein paar Metern wieder aufs Brustschwimmen. Trotz Sichten komme ich beim Kraulen nicht zurecht, habe Angst, vom Kurs abzuweichen, wieder gegen irgendwen zu schwimmen, wieder keine Luft zu kriegen. Außerdem sind die Arme schwer. Die Schultern sind das Schwimmen im Neo nicht wirklich gewöhnt, nach ein paar Zügen Kraul wollen die Arme einfach abfallen. Mach jetzt weiter, du brauchst nachher doch nur noch die Beine!

Letzte Boje, jetzt nur noch bis zum Ausstieg. Es ist nicht mehr weit! Eine Hand fischt mich aus dem Wasser, ich kann stehen, endlich ist die Scheiße zuende! In meinem Kopf rattert die Checkliste, aber bevor ich irgendwas unternehmen kann, hat der Helfer mir schon den Neo aufgemacht und den Reißverschluss halb runter gezogen. Oh, danke! Tatsächlich ist das einzige, was ich selber machen muss, die Treppe hoch gehen (ja, gehen!) und die Arme aus dem Neo kriegen.

Pro Tipp: Nicht beide Arme gleichzeitig ausziehen. Klappt nicht. Erst den einen, dann den anderen, lernt man doch eigentlich schon im Kindergarten, oder?
Die komplette Brücke ist voll mit Leuten. Ganz schön was los hier! Nachdem meine Arme befreit sind, trabe ich in die Wechselzone - zieht sich ganz schön! In Hamburg wirds nicht kürzer... Plötzlich taucht Naomi hinter mir auf und wir laufen die letzten Meter zusammen. Am Rad angekommen fällt mir nichts besseres ein, als mich auf den Boden zu setzen, um möglichst schnell mit beiden Beinen aus dem Neo zu kommen - klappt. Steffi hat ihr Rad direkt neben mir stehen und kommt fast gleichzeitig an. Vielleicht reden wir, ziemlich wahrscheinlich sogar, aber ich erinnere mich nicht. Scheinbar ziehe ich in Trance Socken, Schuhe, Helm und Brille an. Aus irgendeinem Grund bin ich halbwegs flott damit durch und wundere mich noch im Loslaufen, dass Naomi noch gar nicht vorbeigekommen ist. Dabei hatte ich doch den Neo an!


Die Wechselzone wird gegen Ende immer enger und es knubbelt sich ungefähr so wie beim Schwimmstart. Am allerbesten finde ich ja die Leute, die direkt hinter der Linie, nach der man aufs Rad steigen darf, einfach mal abrupt stehen bleiben. Geil! Ich möchte dezent ausrasten!

 
Endlich sitze ich selbst auch auf dem Rad. 20 km also. Eigentlich ein Witz. Ich weiß, dass es ein paar enge Kurven gibt und ein paar Brücken zu fahren sind, aber ich mache mir ums Radfahren überhaupt keine Sorgen. Wieso auch? Das Radeln macht mir am meisten Spaß und ist meine schnellste Disziplin. Ich liebe es, auf dem Rennrad zu sitzen, ich habe den Velothon noch in guter Erinnerung und ich habe Bock. Leider ist die Radstrecke nicht nur ein bisschen anspruchsvoll, sondern echt zum Kotzen. Und leider fanden die Beine das viele Brustschwimmen wohl gar nicht mal so gut und brennen schon bei der ersten Rampe auf die Brücke. Ey hallo?


Die Strecke ist schmal, teilweise nur eine Fahrbahn und nur mit Pylonen von den Autos abgegrenzt. Ungeil. Es gibt nicht immer genug Platz zum Überholen, aber hier gurken einige echt noch langsamer durch die Gegend als ich, also muss ich vorbei. Wie geil das einfach im Radrennen war, wo ich mir über Abstände keine Gedanken machen musste, wo es kein Windschattenverbot gab, wo man einfach verdammt nochmal fahren konnte. Jetzt ist das ein einziges taktisches Abwägen: überholen - ja oder nein? Jetzt oder später? Schaff ich das noch vor der Kurve? Nur den einen oder gleich den nächsten auch noch? Was, wenn der gleich auf der Gerade doch wieder anzieht? Und dann gibt es echt Leute, die in der Mitte der sowieso schon schmalen Strecke mit unterirdischer Geschwindigkeit langeiern und nicht mal geradeaus fahren. Ich beschränke mich darauf, "Von links!!" zu brüllen und zu überholen, wo es geht.


Die Beine brennen, der Puls ist zu hoch, die Geschwindigkeit im Keller. Der Wind geht mir gehörig auf den Senkel, die Brücken sowieso, die Menschen auch. Ach Mann ey. An eine enge Kurve reiht sich die nächste, dann gehts schon wieder eine Brücke rauf, der Wind pustet von allen Seiten - nur nie von hinten. Bei zwei Brücken pro Runde, die wir in jede Richtung je einmal befahren müssen, machen zwei Runden acht Anstiege. Auf jede Abfahrt folgt direkt eine Kurve. Insgesamt gibt es auf den 20 km genau 26 Kurven mit 90° oder mehr, zwei davon mit 180°. Das Radeln besteht also aus überholen, bremsen, wieder antreten. Das macht keinen Spaß. Noch mehr als beim Schwimmen nervt mich, dass ich ausgerechnet das Radfahren nicht genießen kann. Dass ich schon jetzt leide. Und nicht erst auf der Laufstrecke.


Nach der ersten Runde bin ich etwas besser drin. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich gegen den Wind und die Brücken nichts machen kann, aber ich traue mich in den Kurven etwas mehr. Naomi kommt mir entgegen, ich brülle sie an, aber sie ist irgendwo im Tunnel. Ich wollte eigentlich unter 40 Minuten bleiben, das klappt nicht ganz, aber ich bin auf dem Weg zurück zur Wechselzone. Endlich.


Zum ersten Mal verschwende ich einen Gedanken daran, dass ich jetzt noch laufen muss. Das war es eigentlich, was mir vorher die meisten Sorgen bereitet hat: Seit Berlin habe ich Schmerzen im linken Fuß, konnte die ersten Tage kaum gehen und bin seitdem eine Woche gar nicht gelaufen. Ich bin aufs Schlimmste eingestellt: 5 km wandern. Der Wechsel klappt wieder gut, nicht übermäßig schnell, aber ohne Trödeln und ohne irgendwas zu vergessen. Auf zur Laufstrecke!


Zwei Runden mit je 2,5 km stehen mir bevor. Ein Teil der Strecke führt durch den Medienhafen, vorbei an den Gehry-Bauten, in der Nähe des Ziels. Dann geht es unter dem Fernsehturm durch den Park, auf die Rheinpromenade, einen kleinen Hügel rauf und zurück. Wie immer habe ich keine Uhr, die mir die Geschwindigkeit anzeigt, also kann ich nur nach Gefühl laufen. Gut: trotz super wenig Koppeltrainings ist da nicht dieses typische Gefühl in den Beinen, als würde man auf Eiern laufen. Die Beine haben auf dem Rad ganz schön gelitten, lassen sich davon jetzt aber nichts mehr anmerken. Gut zu wissen! Schlecht: der Fuß. Die Schmerzen sind von Anfang an da. Nicht so schlimm wie vor einer Woche - sonst wäre laufen unmöglich - aber sie sind da.

Ich bilde mir ein, dass es mit der Zeit etwas besser wird und komme besser rein. Während ich beim Schwimmen noch am liebsten sofort abbrechen wollte, steht die Option jetzt nicht mehr zur Debatte. Ich bring das Ding hier zu Ende, und wenn ich ins Ziel gehen muss. Plötzlich bin ich unten am Rhein, plötzlich ist der Wendepunkt schon da. Ich nehme einen Becher Wasser und eine Dusche und freue mich, dass die erste Hälfte der ersten Runde so schnell vorbei ging. Auf dem Rückweg kommt mir Naomi entgegen - yeah! Wir schaffen gerade so im Vorbeilaufen ein Highfive, bevor es für sie Richtung Verpflegungsstand und Wendepunkt geht und für mich bergauf und zurück. Tja, der Hügel sieht so aus:


No hay dolor! Es gibt keinen Schmerz! Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wann Denise und Kati das gemacht haben, aber ich bin sicher, dass es niemand anderes gewesen sein kann. Das Grinsen kriege ich für den Rest der Runde nicht mehr aus dem Gesicht. Jemand hat die Strecke vollgeschrieben! Mit meinem Mantra aus den "richtigen" Bergen, aus dem fantastischen Radurlaub auf Mallorca - jetzt sind wir in Düsseldorf, ich laufe zuhause und hier steht mein Name auf der Strecke. Alle unsere Namen! Jeder Läufer kommt hier vorbei und kann unsere Namen lesen. Es gibt keinen Schmerz! Es gibt nur sehr große Crewlove!


Ich laufe am Ziel vorbei und auf die zweite Runde. Hier ist unser Stimmungsnest: Unglaublich, wie viele bekannte Gesichter hier am Rand stehen, irgendwas rufen, klatschen, jubeln, Schilder hochhalten. Ich kann gar nicht alle sehen, weil es hier einfach so unglaublich voll ist, aber ich freue mich über jeden einzelnen, der extra gekommen ist. Auch, wenn man mir beim Laufen wahrscheinlich alles ansieht, aber keine Freude.



Der Fuß und ich haben uns jetzt so weit geeinigt, dass er zwar weh tut, ich aber laufen kann. Das vorsichtig gesteckte Ziel ist es, unter 30 Minuten zu laufen und nach der ersten Runde bin ich gut auf Kurs. Naomi überholt mich unter dem Fernsehturm - endlich, ich rechne schon seit ein paar Minuten damit, dass sie an mir vorbei flitzt. "Wir schaffen das zusammen!", ruft sie noch und wieselt davon. Ich weiß, dass ichs schaffe, aber nicht in dem Raketen-Tempo, meine Liebe!


Unten am Rhein gibt es für mich wieder ein Wasser, ein winziges Innehalten am Getränkestand und dann wird mir klar, dass ich gleich tatsächlich fertig bin. Spaß macht das Laufen nicht, ich schlage mich so durch und will nichts anderes, als unbedingt finishen. Noch ein Kilometer. Plötzlich zieht es sich richtig zu, fängt an zu regnen und ein verdammt krasser Wind pustet mir entgegen, so dass ich kaum voran komme. Mein erster Gedanke wandert zu den Jungs auf der Radstrecke: Ich muss hier nur noch kurz ins Ziel laufen, während die zwei gerade wahrscheinlich auf dem Rad weggepustet werden. Schöne Scheiße.

Die letzten Kurven. Raus aus dem Park, zurück auf die Straße. Auf den blauen Teppich. Ich bin tatsächlich gleich schon fertig, unglaublich! Ein Rennen zum Vergessen - aber auch das geht zu Ende. Ich laufe ins Ziel!



Hier die schnöden Zahlen:

Schwimmen: 19:18
Wechsel 1: 05:05
Rad: 40:50
Wechsel 2: 03:00
Lauf: 29:33
Gesamt: 01:37:43

Ich kann sehr gut mit den Ergebnissen leben, aber knabbere noch ein bisschen daran, wie sie zustande gekomen sind. Das Schwimmen war katastrophal und ich weiß nicht, wie ich das in zwei Wochen in Hamburg besser hinkriegen soll. Auf dem Rad musste ich sehr kämpfen und hatte keinen Spaß, mit der Zeit an sich bin ich nicht ganz zufrieden - wohl aber im Vergleich: Von 143 Frauen auf der Sprintdistanz ist die reine Radzeit auf Platz 43. Nicht so übel. Beim Laufen hatte ich erwartet, dass es hart wird und bin daher froh, dass ich ohne Wandertag durchgekommen und unter 30 Minuten geblieben bin. Insgesamt: okayes Ergebnis, hätte nur mehr Spaß machen können!

Was wirklich, wirklich Spaß gemacht und den kompletten Tag gerettet hat, sind die Menschen: Triathlon alleine wäre nicht das gleiche. Es ist unglaublich schön, zusammen zu starten, im gleichen Rennen zu sein, zwischendurch die Augen offen zu halten, sich in der Wechselzone zu treffen, auf dem Rad zu entgegen zu kommen oder beim Laufen abzuklatschen. Es ist großartig, wenn du ins Ziel kommst und weißt, da wartet schon jemand auf dich. Es ist genauso großartig, dort zusammen den nächsten in Empfang zu nehmen.


Fangirls.
Es ist wunderbar, zusammen zu trainieren - sei es die mittlerweile sehr liebgewonnene Feierabend-Radrunde oder gemeinsame Läufe um den See inklusive kurz reinhüpfen. Es tut auch gut, mit den üblichen Sorgen nicht alleine zu sein. Hält die Schulter? Hält das Knie? Macht der Fuß mit?


Es ist großartig, wenn du Freunde und Familie an der Strecke hast. Wenn dich am Wettkampftag auf einmal noch viel mehr bekannte Gesichter anstrahlen, als sich vorher angekündigt hatten. Ihr alle, die da immer am Rand stehen: Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sich euer Support gerade am Ende beim Laufen anfühlt! Danke fürs Dasein und für eure vielen, vielen Bilder! Wenn du hinterher Nachrichten bekommst, in denen so was steht: "Bin echt stolz sagen zu können, dass ich eine Freundin hab, die sowas irres schafft!" DANKE! Ich bin stolz, dass ich so tolle Leute um mich herum habe! Sprachlos machen mich die Mädels aus der Tri Gang, die ein komplettes (!) Paket Kreide vermalt haben, damit wir alle unsere Namen auf der Laufstrecke lesen können. Ihr seid unfassbar!


Fazit des Tages: Triathlon kannste auch alleine machen, is dann aber halt scheiße.

Mittwoch, 22. Juni 2016

Raceday No. 15 - Velothon Berlin 2016

Kommentare :
 
Die Sache ist die: Ich hatte Angst. Vor meinem allerersten Radrennen. Und zwar gar nicht mal zu knapp. Gibt aber kein Entrinnen, denn am Sonntagmorgen klingelt der Wecker um 5. Während die Berliner wahrscheinlich gerade erst anfangen um die Häuser zu ziehen, schlurfe ich mit Bruno mit gemischten Gefühlen zur Bahn.


Ich habe schlechte Laune. Seit dem Vortag habe ich Schmerzen im linken Fuß, die ohne akute Verletzung schlagartig gekommen sind und schon normales Gehen zu einer schmerzhaften Angelegenheit machen. Außerdem ist meine misanthropische Ader an diesem Morgen extrem ausgeprägt: Das sorglose Trödeln und die Vergesslichkeit meiner beiden Mitstreiter nervt, die Menschen in der Bahn nerven, alles nervt. Und ich bin müde. Ich weiß nicht mal, ob ich mit den Schmerzen überhaupt radfahren kann und eigentlich will ich um diese Zeit auch nur eines: schlafen. Wir haben viel zu viel Zeit eingeplant und sind trotz Bummeln zu früh. Hinkommen, Beutel abgeben, aufs Klo gehen - geht dann doch alles viel schneller als gedacht und so sind wir um 7 Uhr fast die ersten im Startblock.


Anstatt zu schlafen kurbele ich auf der Zielgeraden auf und ab und sammele dabei endlich etwas Zuversicht: Radeln schmerzt weniger als laufen. Ich rolle bis zum Startbogen, auf dem Erdinger schon mal verkündet, wir seien alle Helden. Das heldenhafteste, was ich heute vollbracht habe, ist das Aufstehen um 5 Uhr - aber mal sehen, was noch kommt. Der beste Zeitvertreib bis dahin ist jedenfalls Leute beobachten. Schon spannend, wer sich so in Startblock A oder B tummelt. Nehmen wir mal an, die Zuordnung ist korrekt und die wenigsten haben sich bei der Anmeldung überschätzt - dann ist der Radsport echt kurios. Weder die körperliche Statur noch die Ausrüstung lassen Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit zu - das werde ich auch später noch im Rennen merken.



Wir starten aus Block F. Danach kommt nur noch G und danach ein Block ohne Zeitnahme, aber dafür mit E-Bikes und kleinen Hunden in Fahrradkörben. Startblock F ist es vermutlich deshalb geworden, weil ich mich bei der Anmeldung gnadenlos unterschätzt und einfach als voraussichtlichen Schnitt die geforderte Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit angegeben habe: 23 km/h. Öhm. Ich rechne trotzdem damit, dass es auch in Block F genug Hirnverbrannte gibt, die schon zu Beginn ohne Rücksicht auf Verluste losballern wie die Bekloppten. Ich irre mich: Als es endlich um kurz nach 8 losgeht, rollen wir erst einmal gemächlich bis zur Startlinie und dann einfach drüber. Schwupps, biste im Rennen. 


Ist das geil! Die Straßen gehören nur uns, es ist genug Platz, kein Gedränge und wir nehmen so langsam Fahrt auf. Voll gut! Von der Siegessäule geht es über die Fanmeile zum Brandenburger Tor und dann zum Potsdamer Platz - direkt mal auf den ersten 2,5 km drei Berliner Sehenswürdigkeiten abgehakt. Weiter gehts mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und dem Schloss Charlottenburg und ich habe überhaupt keine Zeit, viel in der Gegend rumzugucken. Ich versuche einen Überblick zu behalten, wer wo ist und ob wir zu schnell oder zu langsam sind. Der Plan sieht wie folgt aus: Naomi, Hagen und ich bleiben zusammen, bis einer sagt, die anderen sollen nicht warten. Ich traue mich nicht, mich andauernd umzugucken, aber unser Tempo kommt mir langsam vor. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Auch der Puls hält sich in Grenzen. Das Adrenalin tut dafür sein übriges und lässt mich den Fuß vergessen. Ich bin schmerzfrei!


Die Euphorie sorgt aber auch dafür, dass ich nicht so richtig mitkriege, dass mein Vater und Naomi weg sind. Wir sind noch nicht mal bei km 10 und der Plan mit dem "gemütlich zusammen fahren" hat ja schon mal ganz toll funktioniert. Dafür hab ich so langsam verstanden, wie das hier läuft: Rechts fahren die ganz langsamen, in der Mitte die schnelleren und die idiotischen langsamen, links bleibt zum Überholen frei. Wie auf der Autobahn. Volltrottel, die ausscheren, ohne sich umzuschauen, gibt es auch, aber nur in einer recht überschaubaren Minderheit. Die meisten fahren echt umsichtig und aufmerksam, manche eiern auf der rechten Seite so vor sich hin, zwischendurch überholt ein ganzer Zug von 10-15 Fahrern in einem Mordstempo von links. Ich hab mich schnell dran gewöhnt, freue mich über recht große Abstände und habe meine Angst vor dem Fallen komplett vergessen. Hier auf diesen gesperrten Straßen quer durch Berlin zu brettern, ist das einzige, was ich jetzt gerade will. Wie viel Spaß das macht! Lauter Radfahrer auf den Straßen, kein einziges Auto, schnell fahren ohne Ampeln - ein Traum! Autofreier Sonntag? Ich bin ab jetzt aber sowas von dafür!

Ich traue mich dann doch mal, nach hinten zu gucken. Hagen kommt gerade wieder ran und teilt mir mit, dass wir laut Naomi nicht auf sie warten sollen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich scheinbar schon auf den ersten Kilometern ein zu hohes Tempo gemacht habe und möchte selbst mir ihr sprechen. Also rollen wir so lange, bis sie wieder da ist. Die Devise heißt: Versuchen, dranzubleiben und wenn es nicht geht, dann nicht. Kein Problem. Ich ringe mit mir und vertraue dann darauf, dass das auch wirklich so gemeint ist.


Bei der nächsten Brücke haben wir sie verloren. Es geht jetzt so langsam aber sicher raus aus der Stadt und ich hänge mich zum ersten Mal so halbwegs in den Windschatten eines Radlers, dessen Geschwindigkeit mir gut passt und der ruhig fährt. Gar nicht so einfach, so jemanden zu finden - die meisten sind zu schnell oder zu langsam oder fahren zu komisch. Der hier ist super. Wir biegen auf die Havelchaussee ab. Ich weiß, dass jetzt die Hügel kommen und bin gespannt. Rechts und links ist Wald, die Straße wird schmaler, es wird alles etwas enger. Beim ersten Anstieg überhole ich den Fahrer, der mich bis hier hin gezogen hat und sehe ihn auch nicht mehr wieder. Schade. Dafür bleibt mein Vater an mir dran, obwohl ich eigentlich am Berg immer schneller bin. Huch. So langsam sind wir gar nicht! Ok, so irre steil und lange geht es hier auch nicht bergauf. Eher von Zeit zu Zeit mal kurz ein bisschen. Ich habe trotzdem etwas Mitleid mit den Teilnehmern aus dem Urban-Block (die ohne Zeitmessung und mit sehr abenteuerlichen Fahrrädern).

Von der Havel sehe ich leider gar nicht so viel. Dafür den einen oder anderen, der am Straßenrand Schläuche wechselt, einen Verletzten in Rettungsdecke und Krankenwagen. Ich komme kurz ins Grübeln, wie die Krankenwagen hier mitten im Wald eigentlich hin kommen, wenn die ganze Straße Rennstrecke ist, aber schiebe den Gedanken weg. Nach einer engen Linkskurve geht es 4 km nur geradeaus, dabei nur leicht bergauf und dann spuckt der Grunewald uns nach gut der Hälfte der Strecke auch schon wieder aus. Mittlerweile fungiere ich als Windschattenspender - auch gut. Lasst euch nur von dem Mädel ziehen, das gerade ihr erstes Rennen fährt! Haha. Direkt hinter mir kriegt jemand die Kurve nicht - scheiße. Das Geräusch vom über den Asphalt schlitternden Rad ist noch immer im Ohr. Eine Schrecksekunde lang befürchte ich, es könnte meinen Vater erwischt haben, der auch hinter mir fährt. Er ist es nicht. Wir eiern ja auch mit minus 7 km/h durch die Kurven. Zum Glück!


km 33, ein Junge sitzt am Straßenrand und spielt Schlagzeug. Schlagzeug! Einfach so. Nicht eine popelige Trommel, ein verdammtes komplettes Schlagzeug steht hier in Dahlem auf dem Bürgersteig und wird bespielt. Und zwar richtig gut. Großartig, danke dafür! Ab jetzt halte ich die Augen offen, weil ich weiß, dass Steffi und Constantin in Steglitz am Streckenrand stehen wollen. Ich lese die Straßennamen und versuche, alle Zuschauer im Blick zu haben. Dann sind sie da: Ich schaffe es gerade so zu winken, Steffi kreischt, ich lese im Vorbeifahren das Schild und freue mich tierisch, dass Menschen extra früh aufstehen, ein Schild basteln, warten bis eine Milljausend fremder Radfahrer vorbei gefahren sind, nur um mir dann eine halbe Sekunde lang zuzujubeln. Danke! Ihr seid spitze!


Aus dem kurzen Augenblick ziehe ich einen Haufen Energie, die genau so lange anhält, bis die Wade verkrampft. km 40 und für einen Moment geht gar nichts. Scheiße! Das hatte ich noch nie beim Radeln, dass die Wade komplett zumacht. Geht aber zum Glück genauso plötzlich weg, wie es gekommen ist. Puh! Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo wir genau sind und frage mich gerade zum ersten Mal, ob ich das Tempo bis zum Ende halten kann. Seit km 30 merke ich den Fuß. Mal mehr und mal weniger. Die Strecke bis zum Flughafen Tempelhof zieht sich ein wenig, ich bin schon seit einer Weile alleine im Wind und so langsam könnte mal wieder irgendetwas passieren. Dann ist es da: das Tempelhofer Feld. Wir radeln über den alten Flughafen. Einfach so übers Rollfeld, in einem verdammten Rennen, in einem Affenzahn und auf einmal ist alles so groß und so weit. Gigantisch! Ich fühle mich wie ein Flugzeug. Zum ersten Mal traue ich mich, die Kamera rauszukramen, weil hier einfach so irre viel Platz ist.



 

Kottbusser Tor, Görlitzer Bahnhof, Oberbaumbrücke. So langsam habe ich trotz meiner bescheidenen Berlin-Kenntnisse wieder eine grobe Ahnung, wo wir sind. Nur noch 10 km. Was? Es geht mir noch recht gut, so langsam sind wieder mehr Zuschauer am Straßenrand und das Tempo wird von allen deutlich angezogen. Mein Fuß nervt langsam so richtig und schmerzt. Die Antritte nach Kurven sind kein Spaß, ich kann nicht im Stehen fahren und nicht schnell wieder auf die alte Geschwindigkeit kommen. So langsam erreicht der Puls auch Höhen, die nicht mehr ganz so angenehm sind. Wäre toll, mal wieder einen Windschattenspender zu finden - plötzlich ist da einer. Ich kanns nicht fassen und es lässt sich auch nicht beschönigen, aber: Er fährt ein Trekkingrad und zieht mich mit gut 35 km/h durch Berlin. Als ich wieder halbwegs bei Kräften bin, überhole ich ihn und er hängt sich dran. Als ich ihn schließlich wieder vorbei ziehen lasse, muss ich ziemlich durch aussehen, denn er ruft: "Na los, komm schon!" und weg ist er. Kann doch nicht wahr sein. Ein scheiß Trekkingbike und dann trägt der auch noch so komische Shorts über der Radhose. Ich will ihn nochmal kriegen, nur um ihm zu sagen, dass er mit dem Rad verdammt flott unterwegs ist. Die Antwort: "Du aber auch!"

Leider weiß ich aktuell nicht, wie flott genau. Exakt bei km 60, kurz hinter dem Alexanderplatz, stellt mein Tacho seinen Dienst ein. 0 km/h. Das ist die eine Sache - ich kenne die aktuelle Geschwindigkeit nicht. Ich weiß aber auch nicht, wie weit es noch ist. 66,5 km sind es insgesamt, aber wie viele jetzt genau? Noch 5? 4? 3? Die letzten km sind also Blindflug. Vorbei an der Bundespressekonferenz, vorbei am Spreeufer, und dann ist sie auf einmal in Sichtweite: die Siegessäule. Ich kann nicht so ganz glauben, dass es das schon gewesen sein soll. Mein heiß ersehnter Zielsprint - jetzt schon? Einmal noch um den halben Kreisverkehr um die Siegessäule, dann gehts mit 37 Sachen auf die Gerade. Noch ein Kilometer bis zum Ziel. Straße des 17. Juni. Geradeaus. Vor zwei Stunden habe ich mich hier locker warm gemacht - oder mich durch langsames Bewegen davon abgehalten, auf der Stelle wieder einzuschlafen. Jetzt will ich alles geben, aber irgendwie doch nicht so richtig, denn dann ist es ja noch schneller vorbei. Der Fuß schmerzt zwar, aber die Beine sind noch gut, Luft ist auch noch da. Ich habe nicht so viel Platz, wie ich gerne hätte, muss hier links vorbei, da rechts vorbei, irgendwer ist immer im Weg - sprinten die eigentlich alle nicht? Einer gibt sich wenigstens Mühe und ist sichtlich angepisst, als ich an ihm vorbei ziehe. 500 m bis zum Ziel. 300 m. 150 m. Ich sehe meine Mutter am Rand stehen, sie sieht mich auch. Wahnsinn, in der Menschenmenge! 100 m. 50 m. Mit 43 km/h fliege ich über die Ziellinie. Ich bin ein Pilot und Bruno mein Flugzeug. Ich bin so unendlich glücklich, dass alles gut gegangen ist und gleichzeitig so wehmütig, dass es schon vorbei ist. Dass die Zeit sich sehen lassen kann, ahne ich grob, weiß es wegen dem langsamen Start aber noch nicht genau.


 

Zum Ausrollen führt die Strecke noch um die Technische Universität, um uns dann von der anderen Seite wieder auf die Straße des 17. Juni zu leiten. So irrsinnig viele von Block F sind noch gar nicht hier, dafür einige von E, D und sogar Leute aus C und vereinzelt welche aus B entdecke ich vor mir. Es staut sich etwas an der Medaillenausgabe. Als ich das Gröbste überstanden habe, beschließe ich an der Seite stehen zu bleiben, um auf meinen Vater zu warten. Den habe ich irgendwann im Laufe der letzten 10 km verloren, als ich bei dem Trekkingrad-Typen im Windschatten hing. Auch der ist leider jetzt auch nicht mehr auffindbar, ich hätte mich ja gern noch bedankt. Dafür tippt mir mein Vater plötzlich auf die Schulter: Er ist nur eine Minute nach mir angekommen. Hervorragend!



Ich gönne mir erst mal einen Becher Iso, darauf noch ein Erdinger Alkoholfrei und dann gehts halbwegs zurück im Leben Beutel abholen und Menschen wieder finden. Die haben es tatsächlich rechtzeitig von Steglitz zum Ziel geschafft und so können wir uns jetzt auch länger als eine halbe Sekunde im Vorbeifahren sehen. Steffi, du bist die beste!


Auch Naomi finden wir schnell wieder - sie hat sich mit ihrer Tigerente mega tapfer durchgekämpft. Strahlende Finisher-Gesichter sehen so aus:


Die Zahlen sehen auch schön aus: 66,5 km, 1:58:09, macht einen Schnitt von 33,77 km/h. In der Altersklasse Platz 22 von 136, bei den Frauen insgesamt Platz 138 von 836. Krass, einfach nur krass! Was für ein erstes Mal! Und was das für einen wahnsinnigen Spaß gemacht hat! Schon während des Rennens habe ich überlegt, ob ich jemals etwas vergleichbares gemacht habe. Nein. Etwas geileres? Ja. Fallschirmspringen. Das wars. Radrennen macht so irrwitzig viel Spaß! Und fühlt sich so, so gut an. Mir fällt nichts besseres ein, als mit lauter Bekloppten über wunderbare breite und vor allem gesperrte Straßen zu rasen. Ich habe von Stürzen gehört und auch welche gesehen, aber ich hatte in keinem Moment des Rennens Angst. Es gibt ein Risiko, das man nie ganz ausklammern kann, aber das habe ich auch auf der Autobahn. Wahrscheinlich sind es da die gleichen Idioten, die einfach ohne zu gucken rüber ziehen.


Schön: Unglaublich viele Helfer. Von der Kleiderbeutelabgabe bis zu den Streckenposten und ganz besonders die unermüdlichen Fahnenschwenker an Gefahrenstellen. So war jede Verkehrsinsel und jede enge Kurve schon von weitem zu erkennen und damit nur halb so schlimm. Danke dafür!

Auch schön: Keine Panne, kein gar nichts. Danke Bruno!

Schöner: Jedermänner und -frauen. Nur 836 Frauen auf der kurzen Strecke ist zwar ein Witz (wo seid ihr, Ladies?), aber es ist schön zu sehen, dass am Velothon wirklich jeder teilnehmen kann. Von der geforderten Mindestdurchschnittsgeschwindigkeit von 23 km/h sollte sich wirklich keiner abschrecken lassen - und wenn doch, bleibt ja immer noch die Urban-Variante, bei der wirklich ALLE Arten von Rädern am Start sind. Aber auch im normalen Feld habe ich neben Rennrädern auch Mountainbikes, recht olle Stadträder, vereinzelt Fatbikes und einige Klappräder gesehen. Und Trekkingräder, wie gesagt, mit über 35 Sachen auf den letzten Kilometern.

Am Schönsten: Nach dem Finish nachmittags noch bei den Rad Race Fixed42 World Championships zugucken. Hab das Gefühl, die coolsten Radfahrer sind hier am Start. 42 km, ein Gang, keine Bremsen. Mega krass, wie die Jungs und Mädels dann auf der Zielgeraden mit 50 Sachen an dir vorbei sausen und ein absolutes Fest zum Zugucken!



Von meinen gemischten Gefühlen vor dem Rennen ist nichts mehr übrig. Ich habe so unfassbar viel Bock auf die Cyclassics in Hamburg mit meinen beiden Mallorca-Rennrad-Kollegen Marc und Marcus und genauso viel Bock auf das Race am Rhein, bei dem ich im September in Düsseldorf schon mal einen Teil der ersten Etappe der Tour de France 2017 antesten werde. Rennen fahren rockt!

Übrigens, Tiersichtungen: 3 Heidschnucken (oder irgendwelche anderen Schafe mit Hörnern).

Info: Ich bin als Brand Ambassador für den Velothon Berlin und die Cyclassics Hamburg unterwegs. Das bedeutet, dass ich unter anderem die Startplätze gestellt bekomme - inwiefern ich berichte, liegt in meinem eigenen Ermessen.