Ich hasse laufen.

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Montag, 28. November 2016

Warum laufen wir? - Ein Liebesbrief

1 Kommentar :
Ich bin mit meinen neuen Kollegen für drei Tage am Meer. Bergen aan Zee. Offsite. Bedeutet: Vorträge halten und hören, in neue Themen eintauchen, den Kopf frei pusten, neue Impulse mitnehmen. Und laufen. Laufen, laufen, laufen. Ob ich darüber schreibe, werde ich gefragt. Nö. Weiß nicht. Was habe ich denn zu erzählen? Wir sind gelaufen? Nicht sehr spannend. Wir verkaufen Laufschuhe. Bietet sich also irgendwie an.

Nach drei Tagen sitze ich im Zug von Amsterdam nach Hamburg und will nur eines: Schreiben. Die vielen Eindrücke sortieren, die gerade einfach nur sehr laut „Wunderbar!“ brüllen. Möchte rauskriegen, warum genau die Zeit am Meer so großartig war, warum mir das Laufen hier so übertrieben viel Spaß gemacht hat, was ich davon mit nach Hause nehmen kann.


Von vorn. Ich habe im Oktober den Job gewechselt. Aus der PR einer großen Agentur in eine winzig kleine. Weg von Themen, die mich relativ kalt gelassen haben hin zu dem, worüber ich sowieso die meiste Zeit des Tages nachdenke: Sport. Nach zwei Wochen wusste ich mehr über Laufschuhe als jemals in meinem Leben zuvor. Wir sind nur acht Leute. Ich bin die Neue. Und ich bin es nicht. Die paar Tage zusammen führen uns raus aus Düsseldorf und ab ans Meer. Als wir ankommen, ist es bereits dunkel. Der erste Weg führt – natürlich – zum Strand. Elend viele Treppen mit bescheuerten Stufen rauf. Für einen Schritt zu klein, um zwei auf einmal zu nehmen zu weit auseinander. Ganz schön viele. Ganz schön steil. Nervig. Nach einer Ewigkeit sind wir oben auf der Düne. Können im Dunkeln das Meer erahnen. Es riechen. Hören. Irgendwie fühlen. Auf der anderen Seite gibt es keine Treppen, also rennen wir runter. Ich habe das Gefühl, ich rolle: Nehme immer mehr Fahrt auf, habe Angst, mich zu überschlagen und komme schließlich doch in einem Stück unten an. Im tiefen Sand. Wir stapfen bis zum Wasser. Der Sand wird fester. Richtig hart. Richtig gut. Wie kleine Kinder packt es uns: Wir rennen hin und her. Springen. Galoppieren. Haben keine Wahl, müssen laufen. Der Boden schreit danach. Spontane Absprache: Gehen wir richtig laufen? Jetzt? Ja, ja und ja.

Am Strand entlang. Für immer.


Zurück ins Haus, schnell umziehen und wieder zum Meer. Voller Vorfreude auf das Gefühl, wieder den harten Sand unter den Laufschuhen zu haben, rennen wir die Treppen hoch. Nichts mehr mit doof. Immer noch steil, aber egal. Es ist dunkel unten am Strand. Wir können die Wellen hören. Die Lichter einer einzigen Strandhütte sehen. Wo wollen wir hin? Rechts? Links? Egal. Wir entscheiden uns für rechts. Und dann geradeaus. Am Strand entlang. Für immer.

Es ist gerade mal 18 Uhr, aber der Strand ist menschenleer. Wirkt wie mitten in der Nacht. Und fühlt sich trotz Ende November an wie eine verdammte Sommernacht. Ich laufe im T-Shirt. Im Gegenwind. Mir ist nicht kalt, der Wind nervt kein Stück, die Füße laufen, laufen, laufen. Wie von selbst. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie schnell oder wie weit wir laufen. Es ist vollkommen egal, es gibt keinen Druck. Keinen Trainingsplan und als einziges Zeitlimit das Abendessen. Irgendwann später. In einer anderen Welt.


Wir lassen die Strandhütte mit ihren Lichtern hinter uns und tauchen in die Dunkelheit ein. Wir sind in der Unendlichen Geschichte, wir laufen geradeaus ins Nichts. Die Lichter des Ortes reichen nicht bis hier, der Mond ist nicht zu sehen, aber die Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Links ist das Meer, rechts die Dünen, vorne der Wind. Mittendrin wir, ohne Plan, ohne Anstrengung. Wir springen über ein paar Priele – manchmal reicht ein kleiner Hüpfer, manchmal muss ich ein Stück sprinten und alles an Schwung mitnehmen, was geht, und manchmal werden die Füße nass. Wir klettern über Steine, quetschen uns zwischen Holzpfählen durch, patschen durch Pfützen, finden einen Anker, rennen aus Versehen ins Meer, machen einen Ausflug in den tiefen Sand, ich möchte deshalb kurz sterben, aber fühle gerade einfach nur das Leben. Die Luft schmeckt nach Meer. Unter den Schuhen knirschen die Muscheln. Einige Kilometer entfernt irgendwo am Ende der Welt leuchtet ein Leuchtturm. Heilige Scheiße. Kurz anhalten, atmen, alles aufsaugen.

Bye bye, runner's high!

Wir können nicht ewig laufen, auch wenn es sich gerade so anfühlt. Die Vernunft und der Hunger siegen und so drehen wir schließlich wieder um. Geradewegs zurück. Ohne Gegenwind ist es plötzlich ganz still. Still und warm. Mein Kopf glüht. Die Beine haben noch lange nicht genug, die Füße laufen wie von selbst, aber ohne diese Wand aus Wind im Gesicht spüre ich auf einmal, wie warm mir ist und wie anstrengend der Lauf eigentlich ist. Bye bye, runner’s high!



Tag zwei wartet auf uns mit Kaiserwetter. Etwas kühler, aber Sonne satt ohne eine einzige Wolke am Himmel. Während der Präsentationen sitze ich wie auf heißen Kohlen: Wir sind so nah am Meer, das Wetter ist der Oberhammer, ich muss raus. Es juckt in den Füßen, obwohl die Beine mich spüren lassen, dass sie den spontanen Strandlauf von gestern noch nicht so ganz weggesteckt haben. Meine größte Sorge ist heute nicht, dass ich meinen eigenen Vortrag vermasseln könnte, sondern dass die Sonne nicht mehr scheint, wenn wir Zeit zum Laufen haben. Sie scheint so gerade eben noch. Also zackig umziehen und los – heute zu dritt anstatt nur zu zweit.


Die Beine laufen und der Kopf arbeitet weiter

Unterwegs arbeiten die eben gehörten Themen im Hirn weiter. Die Beine laufen und der Kopf brütet irgendwas aus – ein gutes Gefühl. Heute stellt sich allerdings kein magisches „juhu wir laufen am Strand und hören nie wieder damit auf“ ein. Trotzdem ist der Lauf schön, denn endlich sehen wir mal, wo wir hier eigentlich laufen. Die beiden Gazellen neben mir tänzeln über den Strand, an der Wasserlinie entlang, durch den tiefen Sand, durch noch mehr tiefen Sand, über einen Muschelweg, einen Hügel rauf, noch einen Hügel rauf, auf die fucking höchste Düne in Sichtweite. Scheiße. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Die brennenden Oberschenkel oder die Lunge, die zu platzen droht. Oben angekommen ziehe ich erst mal die „wir müssen hier unbedingt ein Foto machen!“-Karte. Kurze Verschnaufpause. Dann gehts wieder runter.




Über eine MTB-Strecke (komisch, ich sehne mir zur Abwechslung tatsächlich kein Fahrrad herbei), über ein paar Baumstämme, eine Rampe, schon wieder durch tiefen Sand. Ich entwickle langsam ein neues Hassobjekt: Laufen ist ok, tiefer Sand ist Mist. Auf einmal sind wir im Wald und plötzlich ist der Weg asphaltiert. Was für ein gigantischer Scheiß! Wie hart! Kann ich zurück in den Sand, bitte? Wie konnte ich es denn jemals angenehm finden, auf Asphalt zu laufen?

Es ist viel zu schön hier, um nicht zu laufen

Das Rätsel muss ich wohl zuhause lösen, denn auch am dritten Tag wächst die Abneigung gegen ausgebaute Wege und gleichzeitig die Liebe für Trampelpfade. Wir sind mit dem Programm ein kleines bisschen früher durch, haben zum Laufen also noch etwas mehr Tageslicht als gestern und wieder gar keinen Zeitdruck. Dass wir überhaupt laufen, steht außer Frage. Dritter Tag in Folge – kein Problem. Würde mir zuhause nie einfallen, aber hier ist es einfach viel zu schön, um nicht zu laufen. Wir sind wieder zu zweit und haben keinen Plan – nur die grobe Idee, dieses Mal nicht am Strand zu starten, sondern in der Dünenlandschaft direkt vor der Haustür. Gestern Nacht haben wir hier gestanden und uns den Nacken verrenkt, uns über die völlige Dunkelheit und den sternenklaren Himmel gefreut. Heute wollen wir uns diesen Teil der Dünen im Hellen anschauen und herausfinden, wo der Weg uns hinführt.


Wir einigen uns darauf, dass es hier aussieht wie auf dem Mond, nur anders. Der Weg schlängelt sich durch die Dünen und obwohl der Ausblick eigentlich immer der gleiche ist (links Hügel, rechts Hügel), sorgen die wechselnden Formationen und das Licht dafür, dass es nicht langweilig wird. Nur genießen kann ich die ganze Sache nicht so voll und ganz, denn irgendwie ist der Scheiß heute echt anstrengend. Ich kann nicht abschalten und bemerke jeden Schritt. Keine Spur von der Leichtfüßigkeit des ersten Abends, als ich aus Lust und Laune einfach am Strand umher gerannt bin und nichts wollte außer laufen. Ich lasse mich mit Fachsimpeleien über Filme ablenken: Bei der traumhaften Landschaft um uns herum ist der Weg zu Herr der Ringe nicht weit. Ich frage mich, wie Stephen Kings Dunkler Turm aussehen wird, der nächstes Jahr endlich ins Kino kommt.


Viel zu spät merken wir, dass wir uns ziemlich zielsicher ein ganzes Stück vom Strand entfernt haben – eigentlich wollten wir nur ein bisschen durch die Dünen traben und am Strand zurück. Als wir auf einen Parkplatz stolpern und uns die Zivilisation zu nahe kommt, biegen wir gerade noch rechtzeitig ab und beschließen, dass querfeldein auch eine gute Option ist. Die Dünen sind hier nicht einfach nur Sandhaufen, sondern ziemlich fest und bewachsen. Wir folgen einem schmalen Weg aus lockerem Sand und laufen direkt ins Auenland. Aus dem Sandweg wird ein Trampelpfad und schließlich verschwindet er fast. Die Hügellandschaft um uns herum nimmt dagegen kein Ende – eine einzige gigantische Spielwiese.

Warum laufen wir? 

Es geht rauf und runter, anstrengend und toll zugleich. Mal brennen die Beine, mal geht mir die Puste aus, manchmal müssen wir ein paar Meter gehen, mal renne ich bergab und weiß auf einmal, dass man wirklich auch beim Laufen rollen lassen kann. Als gerade wieder gar nichts mehr geht und ich nur noch atmen will, stellen wir fest, dass sich das überhaupt nicht schlimm anfühlt. Kein bisschen wie versagen, sondern einfach wie leben. 


Zusammen laufen ist auch deshalb so wunderbar, weil die guten Gespräche immer dann aufkommen, wenn die Luft eigentlich schon lange weg ist: Wir spüren unseren Körper nicht auf der Couch. Dafür müssen wir ihn antreiben, uns antreiben. An Grenzen gehen. Und auch mal dahin, wo es weh tut. Weil es sich für die bekackten Endorphine lohnt, weil ich schon währenddessen weiß, dass ich später vollkommen verstrahlt grinsend unter der Dusche stehen werde und weil es einfach nur absurd, aber wunderschön ist, wenn ich noch einen Tag später mit dem gleichen glückseligen Gesichtsausdruck im Zug sitze, wenn ich diese Laufgeschichte aufschreibe. Es tut so gut, mal aus dem Trainingsalltag auszubrechen und neue Wege zu erkunden.


Bevor wir uns in philosophischen Tiefgründigkeiten verlieren, laufen wir lieber weiter. Hügel rauf, Hügel runter, irgendwo dahinten ist das Meer langsam zu erahnen. So weit noch?! Noch mehr Hügel, quer durchs hohe Gras, an pieksenden Büschen vorbei, über Stacheldrahtzäune. Ich bekomme eine leise Ahnung davon, was die Leute an Trailrunning so reizvoll finden. Der Trailrunnersdog hat dazu übrigens einige Tipps aufgeschrieben (die ich allerdings erst im Nachhinein gelesen habe, Schande über mich!). Auf einer Ebene halten wir an und ich schaue mir zum ersten Mal an, was Strava zu diesem Lauf sagt: Als wir feststellen, dass wir komplett im Kreis gelaufen sind, lachen wir uns über unseren eigenen offensichtlich nicht vorhandenen Orientierungssinn kaputt und beschließen dann, den kürzesten Weg zum Meer zu nehmen. Die Hügel leuchten nicht mehr grün, sondern golden, als wir vor der dem letzten Anstieg stehen: Eine übertrieben steile Düne mit einem gemeinen sandigen Weg nach oben. Laufen ist ausgeschlossen, selbst gehen wird schwer. Schließlich brauche ich alle Viere. Als ich mich oben aufrichte, kriege ich gerade noch „Wow!“ raus, bevor es mir die Sprache verschlägt. Kurz vor dem Sonnenuntergang eröffnet sich nach der Mondlandschaft der Blick in die endlose Weite, was für ein sensationelles Timing.




Allein für diesen Blick, diesen Moment, hat sich dieser Lauf so sehr gelohnt. Wir setzen uns erst mal in die Düne und schauen aufs Meer. Lassen alles wirken. Dieser Lauf ist zeitlos, keiner drängelt oder schaut auf die Uhr, die Pace ist das allerletzte, was interessiert und deshalb sitzen wir hier einfach so lange, bis es uns weiter zieht. Das hier ist kein Training, sondern die unendliche Schönheit der Welt - auf einem Fleck, selbst erlaufen.


Wir rollen ein letztes Mal die Düne runter. Der Sand hier ist richtig tief und ich zögere erst, will nichts kaputt machen und will mich auch wirklich nicht überschlagen. „Wenn du fällst, fällst du weich!“ Stimmt ja. Also ab dafür. Herrlich! Als wir am Strand unten angekommen sind, zieht es uns wieder zum festen Sand. Die Beine haben genug geleistet, die letzten Meter bitte nur noch genießen. Die Sonne gibt alles und untermalt das Ganze mit dem kitschigsten Sonnenuntergang aller Zeiten. Ich laufe rückwärts, um die Show nicht zu verpassen. Das Feuerding versinkt im Meer und der komplette Himmel leuchtet rosa. Überall. Wir müssen uns nicht absprechen um zu wissen, dass das hier der intensivste und schönste der drei Läufe war. Für mich der schönste seit langem. Vielleicht sogar überhaupt.

Denn was bliebe uns, wenn uns solche atemberaubenden Momente plötzlich kalt ließen, wenn wir uns nicht mehr so sehr über die Schönheit der Natur freuen könnten, wenn wir das Staunen verlernen würden? Wenn wir uns nie die Gelegenheit geben würden, mal auf etwas am Wegesrand zu achten, mal was Neues zu sehen? Und was würden wir jetzt noch davon spüren, wenn wir spazieren gegangen wären anstatt zu laufen, wenn wir nur zugeguckt hätten und nicht mittendrin gewesen wären? Für mich ist es nicht vergleichbar, ein paar nervige Treppen hochzusteigen und über den Dünenkamm aufs Meer zu blicken oder ewig durchs Auenland zu wieseln, es gleichzeitig zu lieben und zu hassen, sich gegenseitig anzustacheln und zu ziehen, sich durchzukämpfen und mit dieser ganz eigenen Mischung aus erschöpft und glücklich oben anzukommen. Mit den eigenen Füßen. Aus eigener Kraft. Voller Dankbarkeit. Mit dem Wissen, was hinter einem liegt, hinter beiden, und dann oben zusammen zu stehen und mit einer Aussicht belohnt zu werden, die beide gleichermaßen einfach nur umhaut. Das gibt’s einfach nicht genauso ohne Anstrengung vorher. Ich bin sicher: Die Belohnung ist umso größer, je mehr du investiert hast. Also nimm die Beine in die Hand und lauf!

Mittwoch, 16. November 2016

2016 - das Jahr der Ersten Male. Ein Rückblicksdreikampf

Kommentare :
Ich finde Rückblicke langweilig und doof. Trotzdem schreibe ich jetzt schon den dritten in Folge: 2015 gabs einen unter dem Motto "Double Up", weil ich in diesem Jahr alle Distanzen verdoppelt hatte. 2014 hieß es "Von Null auf Triathlon", weil ich noch im Januar nicht länger als ein, zwei Minuten am Stück laufen konnte und im September meinen ersten Triathlon über die Bühne gebracht hatte. Das waren mal noch Inhalte! Was hab ich jetzt zu bieten? Langweiligen Freizeitsportler-Alltag. Hier ein bisschen Training, dort mal ein Rennen, da mal ein bisschen die Zeit verbessern. Gähn.

Ich kanns aber trotzdem nicht lassen und mache deshalb aus dem Rückblick 2016 einen Dreikampf, passt ja irgendwie auch: Für die Statistik-Fans (ich versuche gerade, einer zu werden) gibt es einen Haufen Zahlen. Für die sensationshungrigen Dinger unter euch schreibe ich danach über einige erste Male. Und zum Schluss verrate ich, was ich aus dem ganzen Spaß mitgenommen habe. Los gehts:


Zahlen, Daten, Fakten 2016

Anzahl der Startlinien, an denen ich in diesem Jahr gestanden habe: 18
Davon im Wasser: 4
Davon auf dem Rad: 5
Bleiben für Laufschuhe übrig: 9

Insgesamt zurückgelegte Rennkilometer: 494,62 km (das ist ungefähr so weit wie von Düsseldorf bis Kiel)
Davon zu Fuß zurückgelegte Kilometer: 148,3 km (so weit wie von Düsseldorf nach Koblenz)
Auf dem Rad: 343,1 km (ungefähr so weit wie von Düsseldorf nach Norderney)
Schwimmend: 3,25 km (so weit wie von mir zuhause bis zum Büro)
Kürzestes Rennen (Strecke): Rad Race Battle in Hamburg, 2x190 Meter
Längstes Rennen (Strecke): Münsterland Giro, 72 km

Insgesamt verbrachte Rennstunden: 27 Stunden, 16 Sekunden
Kürzestes Rennen (Zeit): auch das Rad Race Battle, aber da es keine Zeitmessung gab, geht diese Runde an den Düsseldorfer Brückenlauf über 5 km in 26:13 Minuten
Längstes Rennen (Zeit): Bayer Triathlon Krefeld, Olympische Distanz in 3:06:24 Stunden

Härtestes Rennen: Olympische Distanz in Krefeld. Bei 1000°.


Größte Schnapsidee: Donnerstags spontan entscheiden, sonntags in Duisburg Halbmarathon zu laufen. Bei 1000°.

Magischster Rennmoment: Die Nebelwand nach dem Anstieg in den Baumbergen beim Münsterland Giro.


Schönster Lauf: Der erste des Jahres: 10 km bei der Duisburger Winterlaufserie. Nach kleiner Verletzungspause voller Demut und Dankbarkeit und Spaß an der Freude. Spaß! Wirklich!

Schönstes Finish: Hamburg Triathlon. Weil Hamburg einfach großartig ist, weil das Rennen super gelaufen ist (swim, Kotzgrenze, run) und weil der Rathausmarkt einfach ein saugeiler Ort für einen Zieleinlauf ist. 


Zufall: Von 18 Ziellinien lagen genauso viele in Duisburg wie in Düsseldorf, nämlich jeweils 5. Das entspricht einer Quote von je rund 28 Prozent, zusammen also mehr als der Hälfte aller Rennen. Ich mag Duisburg!

Medaillen: Gab es für 9 von 18 Veranstaltungen und hängen jetzt so ab.

Trainingskilometer 2016, Januar bis Mitte November:
Laufen: 754 km (oder 3770 Runden in der Leichtathletikhalle)
Rad: 2694 km (oder exakt so weit wie von Hannover nach Gibraltar, was mit Sicherheit eine schöne Strecke ist);
12.338 hm (oder so viel wie gut zehnmal von der Ostseite hoch auf den Mont Ventoux radeln)
Schwimmen: Geschwommen bin ich auch.

Trainingsstunden 2016, Januar bis Mitte November:
Laufen: 79 Stunden 17 Minuten (in etwa so lange wie Walking Dead Staffel 1-6 plus mehr als zwei Staffeln Breaking Bad)
Rad: 109 Stunden, 54 Minuten (in der Zeit hätte ich auch zehn Mal am Stück alle Episoden von Band of Brothers und dann nochmal mehr als die erste Hälfte gucken können)
Schwimmen: So lang wie nötig, so kurz wie möglich.
An dieser Stelle wollte ich eigentlich gern die dabei verbrauchten Kalorien in Tafeln Schokolade umrechnen und die wiederum in Fußballfelder (Danke, Diana!). Allerdings reichen knapp 250 Tafeln Ritter Sport Marzipan nicht mal ansatzweise für ein Fußballfeld. Challenge für 2017: Schokolade finden, die weniger Kalorien auf größerer Fläche unterbringt oder einfach mehr trainieren.


Erste Male 2016

Ich finde es gut und richtig und wichtig, Neues zu entdecken. Weil dieses Jahr für mich keine neuen Distanzen auf dem Plan standen, habe ich mir einfach andere Dinge zum ersten Mal erlebt:

Das erste Radrennen beim Velothon in Berlin. Und weils so derbe viel Spaß gemacht hat, bin ich danach gleich noch bei den Cyclassics und dem Rad Race Battle in Hamburg, dem Race am Rhein in Düsseldorf und dem Münsterland Giro gestartet. Natürlich hatte ich vorher Schiss, aber ich bin unendlich froh, dass ich mich getraut habe - es gibt nämlich keine Worte, um zu beschreiben, wie unglaublich großartig sich dieser Radrenn-wie-Fliegen-Geschwindigkeitsrausch anfühlt. Beim Velothon habe ich überlegt, ob ich jemals etwas cooleres erlebt habe. Ja, ein einziges Mal: Der Sprung mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug.


Trotz Angst vor Monstern habe ich die ersten Triathlons im Freiwasser überlebt. Ohne gefressen zu werden. Mit Abstand schönstes Gewässer: Der Elfrather See in Krefeld. Mit Abstand ekligstes Gewässer: Die Alster in Hamburg. Ich hatte mir das mit dem Schwimmen draußen einfacher vorgestellt und bin auf den harten Boden der Realität geplumpst: Nicht alles funktioniert im ersten Anlauf. Auch nicht im zweiten. Oder dritten.


Ich bin zum ersten Mal einen 10er unter 60 Minuten gelaufen, was für mich eine magische Grenze war. Die nächsten beiden 10er sind unter 55 Minuten geblieben und damit mehr als zehn Minuten schneller als noch Anfang des Jahres. Zehn Minuten! Plan für 2017: Die sub50 knacken. Zum Glück ist das Jahr lang!

Ich habe zum ersten Mal bei einer Siegerehrung auf einem Treppchen gestanden - und das nicht etwa bei einem Radrennen (knapp verfehlt!), sondern bei einem Triathlon. Und dann auch noch ganz oben: Platz 1 in der Altersklasse bei der Olympischen Distanz in Krefeld. Ok, von 2 Starterinnen. Aber hey, immerhin nicht Platz 1 von 1! Der Preis: Ruhm, Ehre und ein Buch über Autobahnen.


A pro pros Bahn: Ich bin zum ersten Mal auf der Bahn geradelt. Zum ersten Mal fixed gefahren. Es ist anders, es ist großartig, ich will das öfter haben und ich schätze: Da wird nächstes Jahr einiges kommen.


Was bleibt

Akzeptanz
Vom Schwimmen im Freiwasser nehme ich mit: Ja, es gibt Situationen, in denen ich Panik bekomme, ich kann besser ohne als mit Neo schwimmen und es kann gut sein, dass ich auch zukünftig noch in einigen Wettkämpfen Brust schwimmen werde, obwohl ich kraulen kann. Nur eben nicht immer im Freiwasser. Wäre ja auch zu langweilig, wenn es keine Baustellen gäbe!

Ehrgeiz
Aufs Treppchen dürfen ist ein tolles Gefühl! Das möchte ich auch nochmal haben - aller Wahrscheinlichkeit nach stehen die Chancen am besten beim Radfahren. Mal sehen, was geht!

Leichtigkeit
Hab ich mir konkret vorgenommen und ist noch immer vorhanden. Macht die Dinge komischerweise ... leichter.


Stolz 
Ich habe mich noch im April über die sub60 auf 10 km gefreut, mittlerweile ist eine 5er Pace auch im Training Alltag und ich schiele schon langsam in Richtung 4 vor dem Doppelpunkt. Moment mal! Wie wärs, wenn wir mal kurz innehalten und uns überlegen, wie die Ziele noch Anfang des Jahres aussahen? Was wirkte damals groß, vielleicht unerreichbar weit weg? 
Ich bin stolz, dass ich heute Geschwindigkeiten laufen kann, die mir endlich mal Spaß machen. Ich bin stolz, dass ich Distanzen am Stück laufen kann, die vor einem Jahr noch ein sehr, sehr harter Kampf waren. Ich bin stolz, dass diese Sache mit dem Radfahren so vollkommen aus dem Nichts ziemlich gut klappt und dazu noch so unheimlich viel Spaß macht. Aber es schadet definitiv nicht, sich mal ein paar Monate zurück zu erinnern.

Mut
Ich bin für meinen Mut belohnt worden. Ich hätte auch im Radrennen böse stürzen können, ich hätte beim Spontan-Halbmarathon ein DNF kassieren können, eventuell wäre ich gestorben, wenn ich auf dem Fixie aufgehört hätte, zu treten - man steckt ja nie drin! Da all das nicht geschehen ist, nehme ich mit, was sowieso schon gilt: Sei Pippi, nicht Annika!


Dankbarkeit #1
Dafür, dass alles genau so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Für Gesundheit und Verletzungsfreiheit. Für einen Körper, der das macht, was er eben macht.

Dankarkeit #2
Für Zuschauer am Streckenrand. Für Helfer, die Veranstaltungen möglich machen. Für lächelnde Gesichter, wenn man selbst mal derjenige ist, der das Wasser reicht. Deshalb findet ihr mich nächstes Jahr definitiv wieder als (kochende!) Helferin beim Citylauf in Ratingen, außerdem sehr wahrscheinlich als Volunteer bei der Tour de France in Düsseldorf und wer weiß wo sonst noch alles.


#crewlove
Es ist großartig, wie die Triathlonfamilie größer wird und zusammen wächst, wie Bekannte zu Freunden werden, wie aus Trainingspartnern liebste Racing Buddies werden, wie die Triathlon-Gang einfach die Triathlon-Gang ist. Support sonntagsmorgens um 7, Kreidebotschaften und Konfettikanonen sind schwer zu toppen (außer vielleicht mit zündenden Konfettikanonen), ihr habt die Messlatte verdammt hoch gelegt. Man kann diesen Triathlonkram auch alleine machen... aber dann wäre es nicht mal halb so schön. Danke! No hay dolor!


Was kommt

Die Planung für die Saison 2017 verdient einen eigenen Artikel, der voraussichtlich im Dezember kommt. Kleiner Teaser: Nächstes Jahr werden die Distanzen wieder länger. Versprochen!

Donnerstag, 10. November 2016

Raceday No. 26 - Martinslauf 2016

Kommentare :
Im Stecken von Zielen war ich bisher ziemlich konservativ unterwegs. Als ich mir im April die sub60 auf 10 km vorgenommen hatte, war vorher klar, dass das klappen würde, wenn nichts komplett unvorhergesehenes dazwischen kommt. Die einzige Frage war tatsächlich, wie weit ich unter den 60 Minuten landen würde - nicht ob oder ob nicht. Beim letzten Triathlon wars genauso: unter 1:30 Stunden war der Plan, fünf Minuten weniger sinds geworden. Jeder liebt es, wenn Pläne funktionieren. Natürlich. Ist aber auch ein kleines bisschen langweilig. Neue Mission: Spannung erhöhen. Deshalb habe ich aufgehört, tief zu stapeln und vor dem letzten Halbmarathon überall herum erzählt, dass ich vorhabe, unter zwei Stunden zu laufen. Nun ja. Das ging etwas in die Hose: zu schneller Start, Wanderung ab km 14, am Ende 2:02 Stunden. Knapp daneben ist auch vorbei. Jetzt also das letzte Rennen des Jahres, ein 10er und der wahnwitzige Plan: sub50. Was zur Hölle.


Dieses Mal hänge ich das Ziel vorher nicht an die große Glocke, wahrscheinlich weil ich das ganze für - naja sagen wir mal - "ziemlich ambitioniert" halte. Meine Bestzeit auf 10 km liegt bei 52:44 Minuten. Und sie ist noch nicht sehr alt. Auf die Idee, beim nächsten Mal nicht etwa unter 52, sondern gleich unter 50 Minuten zu laufen, bin ich immerhin nicht von alleine gekommen. Das war so ein gruppendynamisches Ding, ich hab mich reinquatschen lassen und war dann auf einmal auch Feuer und Flamme. Und während wir uns bei 7° und kaltem Wind am Unterbacher See warmlaufen, brät der Anstifter zu dieser Harakiri-Aktion unter kubanischer Sonne. Schönen Dank auch, Ferdi.

Einlaufen ist ja auch so eine Sache. Habe ich bisher nicht für nötig gehalten. Hab ja 10 oder 21 km Zeit, dabei wird mir schon warm genug. Wenn der Plan allerdings so aussieht, direkt mit einer glatten 5er Pace loszulaufen, ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, vorher mal ein paar Runden zu traben. Als mir endlich langsam wärmer wird, wird die Startzeit verschoben. 20 Minuten renne ich jetzt nicht noch weiter hier über die Wiese. Wieder was drüber ziehen? Wäre schlau. Ich bin dumm. Und friere. In kurz/kurz. Denn: Wird schon noch warm genug. Denkste. Wirds nicht. Schließlich gehts los, wir reihen uns in die Startaufstellung ein (schön warm! Können wir hier bitte bleiben?). Der erste Block startet und unserer gleich mit. So viel also zu verschiedenen Startwellen, das hat ja schon mal super geklappt. Nicht. Ich bin etwas überrumpelt davon, dass wir jetzt auch schon loslaufen. Öh, also dann.


Der erste Kilometer verfliegt. Die Beine sind kalt, das ist nicht gut, aber das Tempo macht Spaß. Wir sind zu dritt, schlängeln uns durch die Horden von Läufern auf den engen Waldwegen, aber kommen gut voran. Zu gut. Ich habe keine Uhr und bin im Blindflug unterwegs. Vorhin habe ich das noch für eine romantische Idee gehalten: aufs Körpergefühl hören, nicht von Zahlen stressen lassen, einfach machen. Nun ja. Jetzt rennen Naomi und ich Christian hinterher, der auch unter 50 Minuten laufen will. Leider weiß keiner von uns, wie weit drunter. Naomi fragt nach, ob ich es für eine gute Idee halte, an ihm dran zu bleiben. Wir haben vorher ausgemacht, dass nicht gesprochen wird. Nicht dieses Mal. 15 km im Halbmarathon durchquasseln: kein Thema. Aber in diesem 10er ist unterhalten verboten. Ich nicke. Klar. Läuft doch super. Wir fliegen. Hab ich eine andere Wahl?

Kilometer 2, mir ist immer noch kalt, ganz schön kalt sogar. Die Muskeln sind hart, so viel zum Thema kurze Hose und 20 Minuten zu früh warmlaufen. Prima. Naomi fällt zurück und ich stelle zum ersten Mal für mich selbst in Frage, ob das mit dem Dranbleiben wirklich so eine gute Idee ist. Will ich das? Bin ich bereit, noch 8 km lang die Zähne zusammen zu beißen? Mich zu quälen? Als es zuletzt im Halbmarathon schwer wurde, habe ich mir einen 10er gewünscht. Kurze Strecke, absehbares Ende. Lieber kurz und hart als ewig lange immer mal ein bisschen leiden. Dachte ich. Seh ich jetzt grade anders. Die Vorfreude ist dahin, der Kopf ist nicht da, die Beine sowieso nicht. Wieso mach ich das hier? Wen interessiert überhaupt irgendeine Zeit? Warum zur Hölle hatte ich jemals gedacht, ich könnte Spaß dran haben, wenn es hart wird?

Kilometer 3. Im Vorfeld hatte ich überlegt, was mich daran hindern könnte, den 10er schnell zu laufen. An erster Stelle: ziemlich viel Schweinehund. Zweitens: die Sauerstoffversorgung. Am Ende scheitert es doch immer an der Atmung. An kalte Muskeln hatte ich irgendwie nicht gedacht. Daran, dass der Schweinehund so leicht gewinnen würde, allerdings auch nicht. Ich bin raus. Lasse Christian ziehen, der das Ding locker eineinhalb Minuten schneller nach Hause läuft, als ich geplant hatte. Naomi ist irgendwo hinter mir, ich bin alleine. Das große Ziel ist geplatzt. Dass Plan A (sub50) nichts wird, weiß ich an dieser Stelle ganz ohne Uhr. Ich verpasse es, mich für Plan B (schneller als 52:44) zu motivieren und bin mental komplett raus. Bis zum Schild von km 4 überlege ich, ob ich aussteige. Ernsthaft. Sehr ernsthaft. Ich könnte hier einfach die Abkürzung um den See nehmen, die Schleife durch den Wald weglassen, einfach zurück zum Start marschieren und dort kleinlaut auf die anderen warten. DNF. Did not finish. Nein. Dazu gibt es keinen Grund. Ich hatte noch nie Verständnis für die Leute, die wegen nicht mehr erreichbarer Zielzeiten aufgeben und ich werde jetzt  keiner von ihnen werden. Plan B habe ich irgendwie komplett aus meinem Kopf gelöscht und greife automatisch auf die letzte Möglichkeit zurück, die es gibt: durchkommen. Ankommen, ohne hinterher enttäuscht zu sein.


Der Kopf ist jetzt ausgeschaltet, die Stimme, die bei km 4 aussteigen und um den See spazieren wollte, gibt Ruhe. Ich laufe. In die andere Richtung. Auf die große Schleife. 2 km geradeaus an der Landstraße entlang, bis es wieder in den Wald geht. Was für eine ätzende Strecke. Vor einem Jahr bei meinem ersten und schrecklichsten Halbmarathon war das hier km 15 und 16. Ich hatte Schüttelfrost und war davon überzeugt, diese grauenvolle Landstraße würde niemals enden. Jetzt habe ich einen Vorteil: Ich muss nur 10 km laufen und nach ziemlich genau der Hälfte schließt Naomi wieder auf. Es herrscht wortloses Einverständnis darüber, dass Plan A gestorben ist. Wir sind uns allerdings genauso einig darüber, dass wir weitermachen. Auch wenns nicht schön wird. Es ist schon jetzt nicht schön. Am Getränkestand nehme ich nur deshalb einen Becher Wasser, um vor mir selbst eine kleine Gehpause zu rechtfertigen. Ansonsten wird nicht gegangen! Das ist ein verdammter 10er! Kurzes und vor allem selbstgewähltes Leid!

Wir laufen weiter. Zu zweit ist es schöner als allein. Ein wenig zumindest. Ich will trotzdem nicht mehr, will einfach ganz und gar nicht. Ich versuche der Situation und den negativen Gedanken zu entkommen, indem ich mir vorstelle, das hier wäre nicht der Martinslauf, sondern es wäre ein gemütlicher Sonntag und wir würden einen Trainingslauf zusammen hier im Wald laufen. Naomi und ich. Einfach so. Wie immer. Diese Welt ist fluffig, vielleicht glitzert sie sogar ein bisschen, ich schwebe auf meiner "das-ist-hier-alles-nur-Spaß"-Wolke weiter. Die Kilometermarkierungen reißen mich zurück in die Realität und ich mache den alten Fehler, rückwärts zu zählen. Nicht "schon 7 km geschafft, tschakka, super!", sondern "scheiße, immer noch 3 km, will nicht mehr". Gehen ist immer noch keine Option. Ich würde gerne, aber schiebe den Gedanken weg. Versuche, das Verlangen zu unterdrücken und erinnere mich an meine einzige Regel: Gegangen wird nicht. Nicht im 10er. Nicht jetzt. Langsamer laufen geht immer. Zur Not trabe ich über die Ziellinie, aber ich werde nicht gehen.


Wir ziehen uns abwechselnd. Noch immer habe ich keinen Überblick über das Tempo, ich will es auch gar nicht wissen. Es fühlt sich langsam an. Langsam und schrecklich. Strava erzählt später etwas anderes - natürlich. Bei km 9 steht plötzlich Alex mit der Kamera da - na prima. Ich bin überfordert vom Signalisieren, dass ich ihn gesehen habe, Lächeln, einen Fuß vor den anderen Setzen, Atmen. Alles gleichzeitig. Dabei kommt das Augen offen haben zu kurz - alles geht eben nicht. Ich hatte mir vorgenommen, bis hier hin irgendwie durchzukommen und auf dem letzten Rest nochmal Vollgas zu geben. Ein einziger verdammter Kilometer. In weniger als 5 Minuten könnte es vorbei sein. Aber wenn ich jetzt noch Tempo zulege, muss ich eventuell doch über die Ziellinie wandern. Nicht gut. Scheiß auf den Plan. Dann eben weiter traben.


Die letzten Meter ziehen sich. Ich will, dass es vorbei ist, aber ich traue mich nicht, schneller zu laufen. Noch nicht. Da ist nicht mehr viel Luft nach oben. Wir müssen die Startlinie noch einmal überqueren und dann geht es minimal bergauf bis ins Ziel. Jetzt ist mir alles egal. Ich kann die Ziellinie sehen - ab dafür. Wir hatten vorher kurz gewitzelt, ob wir die Hahners geben wollen und deutlich hinter der erhofften Zeit Hand in Hand ins Ziel laufen, aber das ist mir jetzt doch zu doof. Es schafft auch jeder alleine über die Linie - endlich. 53:24 Minuten hat es gedauert. Weit weg vom ursprünglichen, ziemlich hoch gesteckten Ziel. Für den gefühlten Totaleinbruch aber gar nicht so übel.

Ich weiß noch nicht so genau, was ich aus den beiden letzten Läufen mitnehme. Klar, ich weiß, was hier negativ reingespielt hat: die ersten 3 km in 4:50 min/km statt 5:00, das viel zu frühe Aufwärmen, die Kälte (zum ersten Mal habe ich es tatsächlich geschafft, zu wenig und nicht zu viel anzuziehen), der erst verschobene und dann ziemlich plötzliche Start, die schlechte mentale Verfassung. Aber neben all den offensichtlichen Dingen: Vielleicht tut es mir einfach nicht gut, mich unter Druck zu setzen. Vielleicht bekommt mir die Leichtigkeit eines Ziels besser, dessen Erreichen nicht so sehr in Frage steht. Ich weiß es nicht. Ich denke bis zum nächsten Lauf drüber nach. Bis dahin nehme ich allerdings mit: Ich kann mich sehr wohl durchbeißen. Wenn es auch nur für Plan C gereicht hat - ich habe alles gegeben, was möglich war, obwohl ich mehr als einmal gerne aufgehört hätte. Und allein für diese Lektion hat es sich gelohnt. Danke Martinslauf! Danke Alex für die Bilder, danke Naomi fürs Ziehen und Mitleiden, danke unbekannte Dame in der Kloschlange, die hier mitliest. Die sub50 schreibe ich dann mal auf die Liste für 2017.

Wenn man sie nicht extra zahlt, gibts beim Martinslauf übrigens keine Medaille. Aber dafür einen Weckmann für jeden. Bisschen trocken, aber auch gut.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Raceday No. 25 - Rhein City Run 2016

Kommentare :
Rhein City Run - bescheuerter Name für eine tolle Idee: ein Halbmarathon von Düsseldorf nach Duisburg. Ich mag den Gedanken, zuhause loszulaufen und in einer anderen Stadt ins Ziel zu kommen. Irgendwie charmant. Immer am Rhein entlang: Eine Strecke, die ich im Sommer mindestens 1x pro Woche mit dem Rad fahre. Jetzt muss ich laufen.


Die Halbmarathon-Distanz und ich, das ist so eine Sache. Den ersten bin ich vor gut einem Jahr "gelaufen", eigentlich mehr spaziert, 2:28 Stunden hat die Tortur gedauert und war ziemlich schrecklich. Der zweite war im März diesen Jahres bei der Duisburger Winterlaufserie und lief richtig gut: Ich konnte in 2:13 durchlaufen und war der stolzeste Mensch der Welt. Der dritte Halbmarathon war eine sehr spontane Kiste im Juni, ebenfalls in Duisburg und zwar beim Rhein Ruhr Marathon (welcher normale Mensch soll eigentlich Rhein City und Rhein Ruhr auseinander halten?). Ohne großartige Vorbereitung bin ich bei übertriebener Hitze 2:08 gelaufen - Bestzeit zwar, aber viel zu schnell angegangen und ab km 18 gefühlt nur noch gewandert.


Hab ich draus gelernt? Nö. Offensichtlich nicht. Dass ich den Halbmarathon von Düsseldorf nach Duisburg laufe, weiß ich schon seit einer ganzen Weile - eine spontane Schnapsidee ist dieses Mal keine Entschuldigung. Sonderlich viel trainiert habe ich allerdings trotzdem nicht: Eventuell kam das eine oder andere Radrennen dazwischen (macht ja auch viel mehr Spaß!). Genau zwei lange Läufe gabs im Vorfeld, davon einen zufällig genau 21 km lang, sehr langsam und sehr locker, und einen über 19 km, der ab km 14 schrecklich anstrengend geworden ist.

Damit das Ganze nicht zu langweilig wird, habe ich vorher eine Ansage gemacht: Ich will unter 2 Stunden laufen. Teuflischer Plan: Möglichst vielen Menschen davon erzählen, so etwas Druck aufbauen und dem Schweinehund in den Arsch treten, wenn er wieder mal wandern möchte.

5:40 min/km durchlaufen klingt simpel. Aber woher weiß ich, ob ich nach 17 km noch rechnen kann? Eben. Also lieber auf Nummer sicher gehen.
Wir sind zu dritt und der Plan geht exakt drei Kilometer lang auf. Auf den ersten beiden ist es zu voll, so dass wir ständig überholen und trotzdem viel zu langsam sind. Auf dem dritten holen wir den kompletten Rückstand kurzerhand wieder raus und sind bei der 3-km-Marke wieder exakt in meinem Zeitplan. Blöd nur, dass wir jetzt gerade viel zu schnell rennen und niemand daran denkt, das Tempo wieder raus zu nehmen. Die Absprache lautet: Bis zur Hälfte mit 5:40 min/km konstant bleiben, danach gucken die Jungs, was noch geht und ich laufe einfach mit der gleichen Geschwindigkeit weiter. Wäre ja auch zu schön. Jetzt rennen wir halt schon bei km 4 und gucken, was geht. Also, was bei mir halt rennen bedeutet.

Merke: Wer nur schnell genug läuft, hat auch schön viel Platz auf der Strecke.
Lieblingsdialog. Ferdi: "Ich will ja nicht ständig mahnen, aber wir sind echt zu schnell." Daniel: "Wie viel zu schnell?" - "Selbstmord." Das trifft es ganz gut. Leider. Ich weiß nicht, was in diesem draufgängerischen Hirn schief läuft, während ich bei jeder neuen Markierung ansage, wie weit wir über dem Plan liegen. 30 Sekunden zu schnell. 40. Bei km 5 genau 50 Sekunden - macht 10 pro Kilometer, also eine Pace von 5:30 und nicht 5:40 - kleiner, aber feiner Unterschied. Berücksichtigt man die ersten beiden Bummelkilometer mit nah an der 6er Pace noch, ist die aktuelle Geschwindigkeit wohl tatsächlich selbstmörderisch. Jedenfalls für mich.


So Freunde, und was unternimmt man, wenn man zu schnell ist und das ganz genau weiß? Richtig, die klugen Läufer nehmen das Tempo raus und halten ihren Plan ein. Die dummen Läufer denken sich: "Ach, wird schon so schlimm nicht sein! Die 10/30/60/90 Sekunden!" und rennen weiter. Die ganz dummen erinnern sich an den letzten Halbmarathon, bei dem das zu schnell anlaufen auch schon in die Hose ging - und rennen trotzdem weiter. Ist ja auch irgendwie schön so zu dritt. Unterhaltsam. So lange ich noch reden kann, kanns so schlimm ja gar nicht sein. Denkste. Ich merke kurz an, dass ich heute eigentlich keine neue Bestzeit auf 10 km aufstellen wollte. Kommentar: "Da kommste jetzt wohl nicht mehr drum herum!" Zum Glück doch. Der Kö-Lauf hat die Latte ziemlich hoch gehängt - minimal beruhigend.


Die ersten 12 km vergehen wie im Flug - was nicht nur daran liegt, dass wir schneller unterwegs sind als gedacht. Kaiserswerth entpuppt sich als echtes Stimmungsnest: unheimlich viele Zuschauer, darunter einige bekannte Gesichter am Streckenrand und eine Sambatruppe. Direkt am Rhein. Im verschlafenen Kaiserswerth - ich kanns kaum fassen! Richtig gut! Ich habe grandiose Lust, das Ding jetzt einfach weiter zu rennen, aber ein einziges Mal treffe ich heute eine vernünftige Entscheidung und gehe die angekündigte Tempoverschärfung der Jungs nicht mit.


Alleine ist dummerweise die Luft raus. Genau 2 km kann ich das Tempo noch halten, dann sehne ich die zweite Verpflegungsstation herbei. Sehr. Das erste Gel hatte ich vorsichtshalber bei km 7, das zweite will ich jetzt bei 14 nehmen. Ich reiße es so geschickt auf, dass ich es überall verteile: auf der linken Hand, auf der rechten Hand, auf der Uhr, auf dem T-Shirt, auf dem Arm - nur nicht im Mund. Jedenfalls kaum. Prima! Der Getränkestand will und will nicht kommen. Stattdessen hält die ach so schöne und flache Strecke (denkste!) einen Hügel bereit. Nicht im Ernst jetzt! Dinge, die ich jetzt gerade am liebsten möchte: Wasser zum Trinken. Wasser zum Hände Waschen. Aufhören zu laufen. Ich wandere nach oben.


Die klebrige Pampe ist so gut es geht abgewaschen, der Puls normalisiert sich so langsam wieder. Wo kommt eigentlich diese elendige Hitze auf einmal her? Nochmal so ein bisschen Spätsommer ist ja schön und gut, aber warum zur Hölle müssen es ausgerechnet dann 18° sein, wenn ich nen blöden Halbmarathon laufe? Traumhaftes Radwetter wäre das heute. Einer von einer Million Gründen, weshalb Radfahren auch besser ist: Im Sitzen merkt man nicht so stark, wenn man aufs Klo muss. Kilometer 15. Ich muss. Pinkeln. Und zwar jetzt. Kein Dixi weit und breit, nur Felder rechts und links. Na schön. Wenn ich gehe, muss ich dringender. Also weiterlaufen. So lange, bis es nicht mehr geht. Es geht ziemlich schnell nicht mehr, denn von dem bisschen Gel oder aus irgendeinem anderen gottverdammten Grund ist mir auf einmal schlecht. Nicht so ein leichtes flaues Gefühl im Magen, sondern kotzübel. Aus den Feldern um mich herum wird ein Wäldchen, wieder geht es minimal bergauf. Ich wandere und suche die Umgebung nach geeigneten Bäumen ab. Ich kann mich hier unmöglich irgendwo hin hocken. Schon allein deshalb nicht, weil die Beine bestimmt gar keine Hocke mitmachen würden und ich umkippen würde. Dann säße ich da bei km 16 mit nacktem Arsch im Wald und wüsste wohl nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So weiß ichs allerdings auch nicht so recht.


Den bescheuerten Vorsprung, den mir die Rennerei auf den ersten 12 km eingebracht hat, habe ich schon längst aufgebraucht. Wenn ich unter zwei Stunden ins Ziel laufen möchte, muss ich meine 5:40 jetzt bis zum Ende laufen. Blöd nur, dass ich gerade gar nicht laufe. Ich wandere immer noch, halte mir den Bauch fest und kann mich nicht entscheiden, ob die Übelkeit oder das Pinkelnmüssen schlimmer sind. Ich zähle rückwärts. Noch 5 km. Noch 4. Traben, fluchen, gehen, traben, gehen. Fluchen. Dass die 2 Stunden dahin sind, ist mir herzlich egal. Dass ich es nicht auf die Reihe kriege, mich zusammen zu reißen, nervt mich umso mehr.

Ist es nicht wunderschön? Schrecklich schön.
Kurz vor km 19. Aktuell trabe ich wieder. Christian taucht mit dem Fahrrad neben mir auf. Na prima, das hat mir ja gerade noch gefehlt. "Wie gehts dir?" - "Beschissen." Schweigen. "Das war jetzt nicht das, was ich hören wollte." Herrje! Ist auch gerade meine allergrößte Sorge, dass ich dir nicht das erzählen kann, was du hören willst! "Kann ich auch nicht ändern", kommt pampiger raus, als es gemeint ist. Nee, kann ich nicht. Aber ich merke, dass ich immer noch reden kann - na guck an. "Sieht gar nicht so beschissen aus!" Lüge. Ist egal, wirkt. Ich beiße. Und laufe weiter. km 20. Es geht durch irgendeinen Park. Muss ja gleich endlich mal geschafft sein. Ich kann nicht mehr. Will nicht mehr. Will aber auch nicht mehr aufgeben und gehen. Auf keinen Fall. Ich entdecke Naomi und ihre Mutter am Streckenrand. So schön, dass sie da stehen! Weiterlaufen. Weiter, weiter, weiter, einen Fuß vor den anderen, gleich ist es geschafft. Hinter der nächsten Kurve, es müsste schon bald km 21 sein, entdecke ich Martinique und ihre Mutter, ihr Vater müsste auch irgendwo sein, mein kleiner, unglaublicher Duisburger Fanclub bestehend aus drei Menschen und einem winzigen Hund - danke, dass ihr da seid, danke, dass ihr macht, dass ich weiterlaufe! Ich schaffe es zu winken, aber das wars, alle Energie brauche ich für diese Sache mit den Füßen: einen vor den anderen.

km 19. Augen zu und durch. Und lieber lachen als weinen.
Endlich, endlich ist das Ziel in Sicht. Ich weiß nicht, was ich lieber will: aufhören zu laufen oder endlich aufs Klo. Beides ist gleich wichtig. Ich frage mich zu den Toiletten durch und wenn ich noch könnte, würde ich hin rennen, aber so boxe ich mich durch die Menge und schaffe es gerade noch rechtzeitig. Kann einem ganz schön die Laune verderben, wenn man sechs Kilometer lang noch einen zusätzlichen Muskel mit aller Kraft kontrollieren muss. Nicht schön!

Als das Wichtigste erledigt ist, kann ich endlich ankommen. Wasser trinken (immer rein damit! Jetzt ist ja wieder Platz!), alkoholfreies Weizen trinken, Medaille holen, Leute treffen, noch mehr Leute treffen, Leute suchen, koordinieren, wer wo ist, eigentlich möchte ich nur sitzen. Darf ich dann auch. Im Auto. Auf dem Weg zum Kuchen. Und Burger. Und Sonne. Zum Sitzen und Beine ausstrecken ist sie dann ja doch ganz schön.


Harte Fakten: Die offizielle Zeit lautet 2:02:06. Dumm gelaufen, weil ich ziemlich sicher bin, dass die zwei Minuten drin gewesen wären, wenn ich die erste Hälfte langsamer angegangen wäre und auf der zweiten Hälfte nicht so einen Aufstand geprobt hätte. Hätte, hätte. Ist aber genau so gelaufen und hat bis zur Hälfte unheimlichen Spaß gemacht. Danke Ferdi, danke Daniel! Mit euch lauf ich sehr gerne wieder, aber dann auch richtig Harakiri: schneller 10er ist das Stichwort! Kati, Daumen hoch fürs Durchhalten und Renate: Glückwunsch zum ersten Halbmarathon!

Neben allem Mimimi und Ziel verpasst: Mit der Zeit selbst bin ich absolut zufrieden. Bestzeit ist Bestzeit! Ich hätte sie nur gern "schöner" erreicht oder von mir aus auch heldenhafter erkämpft. So nehme ich auf jeden Fall eine weitere Lektion in Sachen nicht zu schnell loslaufen mit. Wirklich! Vielleicht lerne ich es irgendwann in diesem Leben noch, dass ein Halbmarathon kein 10er ist, auch keine 15 km, sondern beschissene 21 und dass sich da auch 10 oder 15 Sekunden in der Pace zu viel früher oder später rächen. Vielleicht lerne ich das. Vielleicht lauf ich aber auch weiter einfach so, wie es mir gefällt.

Jeder macht sein eigenes Rennen und kämpft seinen eigenen Kampf. Hut ab vor dem Mut und dem Durchhaltevermögen, die 21 km über Asphalt, Waldwege und Schotter (!) auf diese Art und Weise zu bewältigen.
Rhein City Run, du warst irgendwie doch schön! Großes Debüt und tolle Strecke. Wäre es zu Beginn nicht so eng gewesen, hätte es noch mehr Spaß gemacht. Ich wünsche mir fürs nächste Mal Startblöcke mit Sortierung nach Zielzeiten und freu mich auch drauf, wenn der Lauf von Duisburg nach Düsseldorf führt! Vielleicht ist nach Hause laufen ja sogar noch schöner.

Alle großartigen Fotos sind von Christian Siedler. Dankeschön fürs Dokumentieren, Dasein und Anlügen.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Alternatives Wintertraining: Radfahren auf der Bahn

1 Kommentar :
Ich war zum ersten mal auf der Bahn. Mit nem Bahnrad. Und bin im Kreis gefahren. Wieso das überhaupt gar kein bisschen langweilig ist, versuche ich mal in Worte zu fassen. Als Maria fragt, ob ich nicht mal mit auf die Bahn kommen möchte, muss ich nicht lange überlegen: Es hat mit Radfahren zu tun, ich bin dabei!

Sieht im Fernsehen viel flacher aus, so ne Bahn.
Dann stehe ich vor dem Sportforum Büttgen. "Olympiastützpunkt Rheinland" verkündet ein Schild. Na prima. Kann ich hier einfach so rein marschieren? Ich stecke erst mal vorsichtig den Kopf durch die Tür. Der Hallenmeister sitzt in einem Raum direkt daneben. Ich traue mich nicht vorbei und horche erst mal bei Maria nach, ob sie schon da ist. Ist sie. Also vorbei am Hallenmeistermenschen, Treppe runter, Treppe rauf und schon stehste mitten in der Halle. Cool! Auf einem Feld wird Rollhockey gespielt, außen rum düsen die Radfahrer. Die Atmosphäre ist irgendwie speziell. Wie steil ist die Bahn denn bitte?! Da oben soll ich radeln?


Ich brauche erst mal ein Rad. Mit dem Rennrad fahren ist hier nicht, ich muss ein Bahnrad leihen. Das heißt, es hat keine Schaltung, keine Bremse und einen starren Gang. Was das genau bedeutet, werde ich gleich noch lernen, aber erst mal schaue ich in einem kleinen Raum voller Fahrräder vorbei. "Ich würde gerne ein Rad ausleihen!" Ein älterer, etwas kauziger Herr mustert mich von oben bis unten und sagt gar nichts. "Äh, brauchen Sie irgendetwas von mir? Schrittlänge wüsste ich zufällig?" Keine Reaktion. Okay! Dann warten wir halt ab. Er zieht ein froschgrünes Rad aus einer Ecke, ich soll mich mal draufsetzen. Irgendwas gefällt ihm nicht, ich soll wieder runter, er stellt den Sattel etwas tiefer, fertig. "Und das passt jetzt so?" - "Jo." Na dann.


In der Halle finde ich Maria wieder und kündige schon mal vorsichtshalber an, dass ich mich voraussichtlich direkt auf die Nase legen werde. Schon beim Aufsteigen. Ohne Witz, allein das Aufsteigen ist schon eine Herausforderung. Wo pack ich an? Da sind ja keine Bremsgriffe. Am Unterlenker? Nö, einfach oben am Lenker. Wo eigentlich gar kein Platz ist. Ich soll langsam im Kreis fahren. Aber ich bin immer noch nicht mal auf dem Rad! Plötzlich sitze ich irgendwie oben, kriege den zweiten Fuß tatsächlich auch eingeklickt und bin noch nicht gefallen. Check.



Erste Lektion: Hör niemals auf zu treten! Wenn man aufhört zu treten, stirbt man. Das ist eventuell geringfügig übertrieben, aber mir schon erfolgreich ins Gedächtnis eingebrannt. Sollte ich es doch mal vergessen, erinnert mich der starre Gang auf jeden Fall ziemlich schnell daran - für alle Nicht-Radfahrer: Das bedeutet, es gibt keinen Freilauf, man kann nicht einfach rollen lassen, weil die Pedale sich immer mit drehen, sobald sich das Fahrrad bewegt. Find ich prinzipiell etwas beängstigend. Was ist denn, wenn ich nicht mehr treten KANN?

Thei Sprint. Schon irgendwie eine klassische Schönheit, mein grüner Freund für den Abend.
Wir starten nicht direkt auf der Bahn, sondern erst mal auf flachem Boden in der Mitte. Im Kreis fahren kriege ich schon mal hin. Langsamer werden geht auch - einfach langsamer treten. Ha. Dann bremsen. Ohne Bremse. Auch das ist gar nicht so sehr Raketenwissenschaft, wie es sich anhört: Kontern statt bremsen ist angesagt, also einfach der Drehrichtung der Pedale entgegen halten. Ein bisschen so, als wollte man rückwärts fahren. Ich schaffe es tatsächlich, damit zum Stehen zu kommen - natürlich ist das keine Vollbremsung, aber immerhin kommt es mir jetzt so vor, als hätte ich die Kontrolle über die Geschwindigkeit. Allerdings gurken wir immer noch unten in der Mitte um die Spielfelder rum. Ist auch ganz prima so, denn ich will auf gar keinen Fall mit den anderen Radfahrern in Berührung kommen, keinem im Weg sein und im besten Fall auch keinen umfahren.


Wir hängen noch ein paar Runden dran: schneller, langsamer, immer im Wechsel. Ich fahre Maria hinterher und glücklicherweise nicht hinten rein. Dann gehts auf die Bahn, schwupps - schneller als ich gucken kann, fahren wir auf dem unteren blauen Teil. Huiuiuiuiui! Auch der schmale blaue Streifen hat schon eine leichte Schräglage. Ich finds witzig. Und bin auch erst mal vollkommen bedient, von mir aus können wir den ganzen Abend auf dem blauen Rand fahren. Dankeschön, das wars. Maria fährt immer noch vor und ruft mir zu, ich soll mich näher hinten dran hängen. Ist die bekloppt? Ich kann doch nicht bremsen, wenn irgendwas ist! Also, nicht schnell genug.


Es dauert noch eine Weile, bis ich begreife, dass bremsen auf der Bahn eigentlich nicht nötig ist. Langsamer werden geht immer, indem man einfach ein Stückchen weiter nach oben rollt. Äh, fährt. Rollen is ja nich.

Zweite Lektion: Fahr schnell. Physik zum Anfassen: Wer zu langsam ist, fällt runter. Prima. 27-30 km/h soll ich halten, damit ich durch die Kurven komme. 20 Runden darf ich in dem Tempo jetzt erst mal alleine fahren. Was zur Hölle. 20 Runden?! Wie langweilig ist das denn?


Ich drehe also ganz alleine meine Runden auf dem blauen Teil der Bahn, aber aus irgendeinem verrückten Grund macht das Ganze trotzdem Spaß. Oben überholen mich andere und rauschen jedes Mal wie ein Zug vorbei. ÜBER MIR! Ich werde niemals irgendwen überholen und schon gar nicht weiter oben fahren als irgendjemand anderes.


Vor lauter Aufregung darüber, dass andere mich oben überholen, habe ich vergessen, meine Runden mitzuzählen. Schaff ich mit den Bahnen beim Schwimmen ja auch schon nicht, von daher: nichts Neues. Ich lege eine Trinkpause ein und beschließe, dass ich mit der Aufgabe fertig bin. Maria will wissen, ob ich bereit bin, weiter oben zu fahren. Nein. Ja. Ich fahre ihr wieder hinterher. Auf einmal sind wir oben. Und wieder unten. Wieder oben. Unten. Oben. Unten. Okay, krieg ich hin. Das Holz der Bahn knarzt. Ist das wirklich dafür gemacht, um darauf Rad zu fahren? Irgendwie witzig. Wann radelt man schon mal auf nem Holzboden? Im Wohnzimmer?


Ich klammere mich immer noch am Oberlenker fest, aber darf jetzt alleine fahren. Auf der roten Linie. Über der roten Linie. Ich überhole Menschen, die sich unten auf blau einfahren und es ist gar nicht schlimm. Die Gruppen überholen mich jetzt noch weiter oben. Ich hänge mich an jemanden dran. Muss man sich hier abwechseln mit dem Windschatten-Spenden oder wie läuft das? Die gut organisierten schnellen Gruppen lassen immer den ersten nach oben ausscheren, das macht mein Vordermann aber nicht. Also bleib ich mal da, wo ich bin.

Zu schnell fürs Foto.
Mit Windschatten macht das Ganze noch mehr Spaß - komisch, wer hätte das gedacht! Ich drehe alleine noch einige Runden, aber irgendwann sind die Beine durch. Ich bin durch. Wahnsinn, wie anstrengend das ist und gleichzeitig wie wenig langweilig - trotz Runden! Ich hasse Runden. Normalerweise. Ob es wohl schädlich ist, wenn man immer nur links rum fährt? Aus meiner Reitsportvergangenheit weiß ich noch, wie wichtig es ist, beide Hände gleichermaßen zu trainieren (Mit Hand kann übrigens sowohl die Seite (rechts/links) als auch die Pferdebeine (vorne/hinten) gemeint sein. Reiter sind komisch).


Wir bleiben bis zum bitteren Ende. Die Rollhockeyspieler, die immer lautstark in die Bande gekracht sind, sind schon lange weg. Die anderen Radfahrer haben sich auch schon verkrümelt und ich habe die Bahn für mich alleine. Vielleicht möchte ich doch keine Rolle für den Winter. Vielleicht brauche ich ein Fixie.*

Pro Tipps fürs erste Mal Radfahren auf der Bahn:

Unbedingt jemanden mitnehmen, der sich auskennt, den Umgang mit dem Rad und ein paar Regeln erklären kann. Wenn es so jemanden nicht gibt, keine Scheu haben, die Leute vor Ort anzusprechen. Danke Maria, du bist eine klasse Lehrerin! :)

Handschuhe und Brille mitnehmen. Das Lenkerband kann rutschig sein, wenn man ins Schwitzen kommt und tränende Augen vom Fahrtwind sind auch blöd.

Genug zu trinken mitnehmen. Ich hab Trinkpausen gebraucht. Mehrere.

Nicht aufhören zu treten. Niemals!

* Zwei Tage später ist eines bei mir eingezogen. Es heißt Blaues Pony Kurt.