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Samstag, 7. Dezember 2019
Stirnlampe im Test: Petzl Swift RL
Sechs Jahre habe ich es geschafft, ohne Stirnlampe zu laufen. Sieht doof aus, brauch ich nicht, will ich nicht. Meine Laufstrecken im Dunkeln beschränken sich normalerweise auf zwei Varianten: ein beleuchteter Park oder direkt am Rhein, ebenfalls beleuchtet. Die Wege dort hin in der Stadt selbst sind auch hell genug. In den Wald im Dunkeln? Nur wenn jemand mit Lampe neben mir läuft. Und selbst das finde ich eigentlich blöd, weil ich das Gefühl nicht mag, nur den kleinen Bereich im Schein der Lampe zu sehen und rundherum gar nichts. Ohne Stirnlampe nehme ich gefühlt mehr wahr. Ich fühle mich eingeengt, wenn vor mir nur ein kleiner Lichtkegel auf und ab hüpft und alles drumherum nur schwarz ist.
Nun ja, der Nachteil daran, wenn andere eine Lampe haben und du nicht: Läufste einmal hintereinander, siehste gar nix mehr. Und so habe ich letztens dann tatsächlich fertig gebracht, was ich bisher immer belächelt habe: Ich bin beim Laufen gestürzt. Wurzel nicht gesehen, gestolpert, einmal der Länge nach den Boden geküsst. Außer blauen Flecken und einer aufgeschürften Hand ist zwar nichts passiert, aber solche Stunts möchte ich in Zukunft doch lieber vermeiden. Trotzdem möchte ich auch mal abends eine waldige Strecke laufen. Eine Stirnlampe muss also her.
Wow krass, was so ein simples Gerät wie eine Stirnlampe theoretisch alles können kann. Die eierlegende Wollmilchsau, also eine leichte, helle und günstige Stirnlampe zum Laufen wird wahrscheinlich schwierig zu finden sein. Mein Testobjekt Petzl Swift RL* ist schon mal weder super leicht noch besonders günstig, aber dafür extrem hell. Hier aber erst einmal die harten Fakten:
Klingt erst einmal nach einem ziemlichen Monster - für das, was die Lampe kann, ist sie aber tatsächlich vergleichsweise kompakt und leicht. Petzl unterscheidet zwischen Active und Performance Stirnlampen - die Active Reihe eignet sich für normales Laufen, während die Performance Lampen auch für Trailrunning, Mountainbiken und Skitouren empfohlen werden. Sie passen ihre Leuchtkraft automatisch der Helligkeit der Umgebung an. Es kommt also ganz darauf an, wo die Stirnlampe eingesetzt werden soll: Fürs Laufen in der Stadt oder auf Straßen, wo von Zeit zu Zeit eine Laterne steht, reicht definitiv auch eine kleinere, schwächere Lampe - die dann auch leichter und preiswerter ist. Auf Instagram wurde mir mehrfach die Petzl Bindi* empfohlen, die auf jeden Fall in die Kategorie superleicht und klein fällt. Ein Mittelding zwischen Bindi und Swift ist beispielsweise die Petzl Actik*.

Swift RL*

Actik*

Bindi*
Im Vergleich zu den weniger starken Lampen, die ich von meinen Laufbegleitungen so kenne, kann ich mit der Swift RL auf jeden Fall angeben: Sie ist heller als alle Stirnlampen, die ich bisher erlebt habe. Was mir mindestens genauso wichtig ist: Sie leuchtet nicht nur einen winzigen Kreis vor meinen Füßen halbwegs aus, sondern schön breit den gesamten Weg und zwar auch einige Meter vor mir. So habe ich überhaupt nicht mehr das Gefühl, einem kleinen funzeligen Lichtschein durch ein dunkles Nichts hinterher zu rennen, sondern ich habe mehr Überblick und kann auch weiter Entferntes wahrnehmen. Je nach Einstellung leuchtet die Petzl Swift RL 35 bis 150 Meter weit - mit der geringsten Leuchtkraft laut Hersteller bis zu 50 Stunden lang. Das habe ich nicht ausprobiert!
Das Wechseln zwischen den Stufen übernimmt die Petzl Swift RL auch alleine, wenn man möchte. Im Reactive Modus misst ein Sensor die Helligkeit und passt die Leuchtkraft automatisch an - das funktioniert auch tatsächlich sehr zuverlässig. In diesem Modus verspricht der Hersteller eine längere Leuchtdauer, einen höheren Sichtkomfort und natürlich weniger manuelles Umstellen.
Dass der Akku nicht hinten ist und das ganze Gewicht vorne lastet, hat mich nur beim ersten Lauf gestört - danach hatte ich mich daran gewöhnt. Das Kopfband sitzt wirklich gut und ist reflektierend, so dass man auch gesehen wird. Die Verstellbarkeit des Winkels nutze ich gerne und viel, da ich je nach Bodenbeschaffenheit lieber direkt vor mir oder etwas weiter in die Ferne sehe.
Nun ja, der Nachteil daran, wenn andere eine Lampe haben und du nicht: Läufste einmal hintereinander, siehste gar nix mehr. Und so habe ich letztens dann tatsächlich fertig gebracht, was ich bisher immer belächelt habe: Ich bin beim Laufen gestürzt. Wurzel nicht gesehen, gestolpert, einmal der Länge nach den Boden geküsst. Außer blauen Flecken und einer aufgeschürften Hand ist zwar nichts passiert, aber solche Stunts möchte ich in Zukunft doch lieber vermeiden. Trotzdem möchte ich auch mal abends eine waldige Strecke laufen. Eine Stirnlampe muss also her.
Anforderungen an eine Stirnlampe zum Laufen
Als bisheriger Stirnlampenverweigerer habe ich natürlich keinerlei Ahnung, was so eine Maschine alles können muss außer leuchten. Deshalb habe ich auf Instagram mal nachgefragt, was euch bei einer Stirnlampe wichtig ist und herausgekommen ist dabei das:- geringes Gewicht
- hohe Leuchtkraft
- soll bequem sein und nicht rutschen
- breite Ausleuchtung
- mit Rücklicht
- preiswert
- Akku sollte hinten sein
- Verstellbarkeit des Winkels; Abblenden können bei Gegenverkehr
- lange Akkulaufzeit
- mehrere Stufen
- Nachhaltigkeit: Akku statt Batterie
- wasserdicht
Wow krass, was so ein simples Gerät wie eine Stirnlampe theoretisch alles können kann. Die eierlegende Wollmilchsau, also eine leichte, helle und günstige Stirnlampe zum Laufen wird wahrscheinlich schwierig zu finden sein. Mein Testobjekt Petzl Swift RL* ist schon mal weder super leicht noch besonders günstig, aber dafür extrem hell. Hier aber erst einmal die harten Fakten:
Petzl Swift RL
- 900 Lumen maximale Leuchtkraft
- intelligente Lichtstärkeanpassung Reactive Lighting
- Lithium-Ionen-Akku mit 2350 mAh
- ergonomisches Kopfband
- 100 Gramm
- IPX4-Zertifizierung (spritzwassergeschützt)
- UVP: 99 Euro, online zurzeit ca. 80 Euro
Klingt erst einmal nach einem ziemlichen Monster - für das, was die Lampe kann, ist sie aber tatsächlich vergleichsweise kompakt und leicht. Petzl unterscheidet zwischen Active und Performance Stirnlampen - die Active Reihe eignet sich für normales Laufen, während die Performance Lampen auch für Trailrunning, Mountainbiken und Skitouren empfohlen werden. Sie passen ihre Leuchtkraft automatisch der Helligkeit der Umgebung an. Es kommt also ganz darauf an, wo die Stirnlampe eingesetzt werden soll: Fürs Laufen in der Stadt oder auf Straßen, wo von Zeit zu Zeit eine Laterne steht, reicht definitiv auch eine kleinere, schwächere Lampe - die dann auch leichter und preiswerter ist. Auf Instagram wurde mir mehrfach die Petzl Bindi* empfohlen, die auf jeden Fall in die Kategorie superleicht und klein fällt. Ein Mittelding zwischen Bindi und Swift ist beispielsweise die Petzl Actik*.
Swift RL*
Actik*
Bindi*
Laufen mit Stirnlampe: Der erste Test
Da ich ja in der Stadt sowieso ohne Stirnlampe laufe, habe ich die Swift RL direkt mal mit in den Wald genommen. Beim ersten Lauf nur in ein kleines Wäldchen und beim zweiten Test direkt mal bei Regen in den "richtigen" Wald. Das Band ist weich gepolstert und wie bei einer Schwimmbrille hinten zweigeteilt - der Sitz ist wirklich bombenfest und nicht unangenehm - trotzdem war es für mich anfangs ungewohnt, jetzt auf einmal was am Kopf zu haben. Beim ersten Lauf habe ich die Lampe nach sechs Kilometern an meine Begleitung abgegeben, weil ich Kopfschmerzen bekommen habe - da spielte aber sehr wahrscheinlich auch mit rein, dass es mir an dem Tag generell beim Laufen nicht so gut ging und alles irgendwie doof war. Der Akku ist bei der Swift RL vorne, daher ist das Gewicht nicht so gut verteilt. Beim zweiten Lauf waren zehn Kilometer alleine mit Lampe allerdings kein Thema mehr - ohne Kopfschmerzen.Im Vergleich zu den weniger starken Lampen, die ich von meinen Laufbegleitungen so kenne, kann ich mit der Swift RL auf jeden Fall angeben: Sie ist heller als alle Stirnlampen, die ich bisher erlebt habe. Was mir mindestens genauso wichtig ist: Sie leuchtet nicht nur einen winzigen Kreis vor meinen Füßen halbwegs aus, sondern schön breit den gesamten Weg und zwar auch einige Meter vor mir. So habe ich überhaupt nicht mehr das Gefühl, einem kleinen funzeligen Lichtschein durch ein dunkles Nichts hinterher zu rennen, sondern ich habe mehr Überblick und kann auch weiter Entferntes wahrnehmen. Je nach Einstellung leuchtet die Petzl Swift RL 35 bis 150 Meter weit - mit der geringsten Leuchtkraft laut Hersteller bis zu 50 Stunden lang. Das habe ich nicht ausprobiert!

Ein Knopf für alles
Die Swift RL hat zur Bedienung genau einen Knopf, mit dem man die zwei verschiedenen Modi (Standard oder Reactive Lighting) und jeweils drei Stufen auswählen kann. Es gibt eine mechanische Tastensperre, so dass die Lampe sich nicht beim Transport unabsichtlich einschalten kann - ziemlich gut. Dass sonst alle Funktionen über nur eine Taste zu steuern sind, finde ich nicht besonders praktisch, zumindest den An/Aus Knopf hätte ich gerne extra. Wenn ich aus einer helleren Stufe nämlich in eine schwächere schalten möchte, geht die Lampe immer die Reihe durch: Bin ich beispielsweise in Stufe 2 und möchte in 1, muss ich erst in 3 schalten, dann aus, dann wieder in 1. Ist natürlich logisch, denn woher soll die Stirnlampe wissen, ob ich es gern heller oder dunkler hätte - aber den kurzen Moment, in dem es beim Laufen ganz dunkel ist, könnte man mit einem extra Schalter für Ein und Aus vermeiden.Das Wechseln zwischen den Stufen übernimmt die Petzl Swift RL auch alleine, wenn man möchte. Im Reactive Modus misst ein Sensor die Helligkeit und passt die Leuchtkraft automatisch an - das funktioniert auch tatsächlich sehr zuverlässig. In diesem Modus verspricht der Hersteller eine längere Leuchtdauer, einen höheren Sichtkomfort und natürlich weniger manuelles Umstellen.
Test-Fazit Petzl Swift RL
Positiv zu erwähnen ist auf jeden Fall die umweltfreundliche Verpackung. Statt Plastik-Hülle ist alles in Pappe sicher verstaut. Schön wäre es, wenn bei der Lampe in dieser Preisklasse direkt ein Etui zur Aufbewahrung oder Transport dabei wäre - tatsächlich gibt es eines, was man für ein paar Euro dazu kaufen kann. Es gibt auch weiteres Zubehör wie Ersatz-Kopfbänder (die man übrigens abnehmen und waschen kann), Ersatz-Akku sowie Haken zur Befestigung am Helm. Das Laden funktioniert über Micro-USB, was ich recht praktisch finde - immerhin nicht noch ein zusätzliches Kabel, das zuhause rumfliegt. Der Anschluss ist allerdings nicht über eine Gummilippe oder ähnliches geschützt - da er unter der Lampe angebracht ist, passiert bei Regen trotzdem nichts.Dass der Akku nicht hinten ist und das ganze Gewicht vorne lastet, hat mich nur beim ersten Lauf gestört - danach hatte ich mich daran gewöhnt. Das Kopfband sitzt wirklich gut und ist reflektierend, so dass man auch gesehen wird. Die Verstellbarkeit des Winkels nutze ich gerne und viel, da ich je nach Bodenbeschaffenheit lieber direkt vor mir oder etwas weiter in die Ferne sehe.
Übrigens: mit dem Bike Adapt* lässt sich die Swift RL zum Beispiel am Fahrradlenker anbringen. Diverse Helmadapter* befestigen die Stirnlampe am Fahrradhelm.
Braucht jetzt jeder eine so helle Stirnlampe? Ich denke nein. Hätte ich eine Stirnlampe in der Preisklasse gekauft? Wahrscheinlich nicht. Würde ich sie wieder hergeben? Auf keinen Fall. Im Vergleich zu den funzeligen Lampen, die ich vorher kannte, löst die Swift RL für mich genau das Problem, was mich bisher vom Laufen mit Stirnlampe abgehalten hat: Ich sehe nicht nur einen winzigen Kreis vor mir, sondern den Weg in seiner gesamten Breite und kann auch mehrere Meter vor mir noch genug erkennen. Wer also eine schwächere Lampe hat und damit zufrieden ist, braucht definitiv nicht zu wechseln. Sollten die Sportarten aber schneller oder anspruchsvoller werden, wie beispielsweise beim Mountainbiken oder Trailrunning, dann hat eine leistungsstärkere Stirnlampe schon ihre Berechtigung.
Werbehinweis: Die Petzl Swift RL wurde mir von Petzl kostenfrei überlassen. Danke dafür! Auf die Art oder die Inhalte des Testberichts wurde keinerlei Einfluss genommen.
Mit * markierte Links sind Werbelinks. Wenn du über diese Links einkaufst, bekomme ich von Amazon eine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht.
Braucht jetzt jeder eine so helle Stirnlampe? Ich denke nein. Hätte ich eine Stirnlampe in der Preisklasse gekauft? Wahrscheinlich nicht. Würde ich sie wieder hergeben? Auf keinen Fall. Im Vergleich zu den funzeligen Lampen, die ich vorher kannte, löst die Swift RL für mich genau das Problem, was mich bisher vom Laufen mit Stirnlampe abgehalten hat: Ich sehe nicht nur einen winzigen Kreis vor mir, sondern den Weg in seiner gesamten Breite und kann auch mehrere Meter vor mir noch genug erkennen. Wer also eine schwächere Lampe hat und damit zufrieden ist, braucht definitiv nicht zu wechseln. Sollten die Sportarten aber schneller oder anspruchsvoller werden, wie beispielsweise beim Mountainbiken oder Trailrunning, dann hat eine leistungsstärkere Stirnlampe schon ihre Berechtigung.

Werbehinweis: Die Petzl Swift RL wurde mir von Petzl kostenfrei überlassen. Danke dafür! Auf die Art oder die Inhalte des Testberichts wurde keinerlei Einfluss genommen.
Mit * markierte Links sind Werbelinks. Wenn du über diese Links einkaufst, bekomme ich von Amazon eine Provision. Für dich verändert sich der Preis nicht.
Montag, 20. November 2017
Raceday No. 51 - Raiba Radcross Kendenich
Alles, was zählt, ist, heile um die nächste Kurve zu kommen. Nicht in der Matsche ausrutschen, nicht von der Strecke abkommen, mich möglichst nicht um einen Baum wickeln. Nicht zu viel bremsen, nicht zu wenig, bloß nicht in der schlammigen Kurve! Danach wieder antreten, irgendwie raus aus diesem Sumpf und weiter, immer weiter, bis das nächste Hindernis kommt. Die nächste enge Kurve, ein steiler Anstieg, Strohballen, die matschige Wiese, die nicht mehr als Wiese zu erkennen ist, oder die Treppe. Heilige Scheiße, die Treppe. Sie ist mordsmäßig steil, die erdigen Stufen sind ungleichmäßig und verdammt weit auseinander. Zu weit für Menschen mit kurzen Beinen wie mich, und erst recht zu weit, wenn man nicht nur alleine da rauf klettern muss, sondern noch ein Rad über der Schulter hängen hat.
Die Treppe hat eine 400 Meter lange Anfahrt, die eine einzige matschige Rutschpartie ist. Geradeaus fahren ist so gut wie unmöglich und langsam fahren würde stecken bleiben bedeuten - also sieht die Taktik folgendermaßen aus: so schnell es geht dadurch und hoffen, dass niemand zufällig genau auf der Seite überholen will, zu der ich gerade den nächsten unfreiwilligen Haken schlage. Schlamm spritzt mir in die Augen, ich kneife erst das eine zu, probiere vorsichtig, ob ich wieder etwas sehe, dann das andere. Soll eben ein Auge dreckig werden, dann hebe ich mir das andere für später auf - unglaublich ausgeklügelte Rennlogik. Eine Brille würde nur mäßig helfen - weniger Brennen im Auge, aber dafür genauso wenig Sicht. Am Ende der matschigen Gerade warten Strohballen, die mich zum Absteigen zwingen. Direkt dahinter die Treppe aus der Hölle. Während des Schreibens überlege ich, wie mir irgendjemand glauben soll, dass das Spaß macht. Nasse, kalte Füße, überall Matsche am Rad und am Körper, der Puls in astronomischen Höhen, mehr Schnappatmung als alles andere. Schnodder in der Nase und brennende Beine bergauf, absteigen, aufsteigen, weiter fahren, dazu der ständige Nervenkitzel, ob man bei der nächsten schlammigen Wiesen-Durchfahrt auf dem Rad bleibt oder nicht.
Los ging's Anfang Oktober in Dorsten auf einer einfachen Strecke bei Dauerregen. In Führung liegend musste ich aussteigen, weil eine Scherbe in der Sandgrube meinem Hinterrad die Luft abgelassen hat. Bis dahin hat's Spaß gemacht - aber einen Kilometer für nichts mit Radschuhen inklusive Rad querfeldein rennen kann ich nur bedingt empfehlen.
Zwei Wochen später ging's in Radevormwald das zweite Mal in den Matsch: Das Wetter ebenfalls crosstauglich feucht, dazu eine anspruchsvolle Strecke mit engen Kurven durch den Wald, Wurzeln, kleinen Anstiegen, einer langen Treppe und einigen anderen Späßen. Wenige Chancen zum Überholen, aber für mich anscheinend leider genau die richtige Strecke, um mich dezent aus dem Leben zu fahren: Nach vier von fünf Runden waren sowohl die Kraft als auch die Konzentration komplett dahin und der Ofen aus. Die Rechnung kommt bei so einer Strecke sofort: zwei kleine Stürze, überholt worden, am Ende Platz 6 von 9.
Mountainbike möglicherweise leichter gefallen wäre als mit dem Crosser. In der Hobbyklasse sind oft beide Arten von Rädern erlaubt und so reifte langsam aber sicher die Idee, beim nächsten Mal einfach vor Ort je nach Bedingungen zu entscheiden, mit welchem Rad ich an den Start gehe. Kendenich nimmt mir die Entscheidung ab, weil im Cyclocross-Rennen nur Crosser erlaubt sind - ergibt ja irgendwie auch Sinn. Weil aber auch ein eigenes MTB-Rennen auf dem gleichen Kurs nach dem gleichen Format ausgeschrieben ist, muss ich nicht lange überlegen und melde beides: Erster Start mit dem MTB um 11 Uhr, zweiter Start mit dem Crosser um 15:40 Uhr - beide Rennen 30 Minuten lang, sollte genug Zeit zum Erholen dazwischen sein. Dazu das vermeintlich einfachere zuerst, danach mit dem Vorteil der Streckenkenntnis ins CX-Race. So weit die Theorie.
In der Praxis stellt sich heraus, dass die Geschichte mit dem MTB weniger einfach ist als gedacht. Meine Fahrtechnik-Skills sind so gut wie nicht vorhanden, schon gar nicht bei solchen matschigen Bedingungen. Der einzige Gedanke, der mir hilft: Das hast du in Daun auch geschafft. Die gleichen Umstände, aber eine viel schwierigere und längere Strecke. Mit richtigen Bergen, richtigen Downhills und nicht so einer Kindergeburtstags-Rutschpartie und einer lächerlichen Treppe, die sowieso alle zu Fuß gehen müssen. Achja, die Treppe. Während ich mich Stufe um Stufe hoch kämpfe, danke ich Markus, dem großzügigen MTB-Ausleiher dafür, dass sein Rad so verdammt leicht ist. Es könnte auch alles noch schlimmer sein!
Das Rennen selbst hält eine neue Situation für mich bereit: Auf dem MTB starten nur vier Frauen, zwei davon habe ich seit Beginn nicht mehr gesehen und die dritte fährt vor mir. Ich überhole sie ausgerechnet an den blöden Strohballen vor der furchtbaren Treppe und muss mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie es ist, so ein Rennen von vorne zu fahren. In Dorsten hat der Plattfuß alle taktischen Überlegungen im Keim erstickt, daher ist die Führungsposition für mich neu. All in und den Vorsprung möglichst weit ausbauen? Auf die Gefahr hin, dann gegen Ende einzugehen? Oder lieber konstant weiter machen und gucken, was passiert? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es geil oder scheiße finde, vorne zu sein, weil diese Position mich unter Druck setzt. Viel entspannter ist ja die zweite Stelle, so lange du den ersten noch im Blick hast - du bleibst dran, machst dir keinen Stress, sparst Kräfte und überholst im richtigen Moment. Oder?
Ich will eine Runde später am einzigen steilen Anstieg ein bisschen zu viel und brauche danach ein paar Meter mehr zum Klarkommen - zack, ist die Zweite wieder an mir vorbei und ich kann in diesem Moment nichts entgegensetzen. So viel zur komfortablen zweiten Position - jetzt habe ich sie und mache rein gar nichts draus. Nochmal rankommen ist utopisch, also konzentriere ich mich wieder auf die Kurven, die Bäume, den Matsch, die Treppen, die Strohballen ... und bringe den zweiten Platz ins Ziel.
Kneifen ist natürlich keine Option, also drehe ich eine Aufwärmrunde mit dem Crosser. Ich will wissen, wie die Strecke sich auf dem anderen Rad anfühlt, mache mir Sorgen um den steilen Anstieg und vor allem um die Matsche. Bergauf reicht die Kombination von Übersetzung und Beinen nicht - im Gegensatz zum MTB muss ich hoch laufen. Die Matsche ist weniger schlimm als befürchtet - Karlson pflügt sich tapfer durch das, was von der Wiese übrig ist, wenn ich nur nicht zu viel denke, geradeaus schaue und so schnell wie irgendwie möglich durch fahre. So richtig ist die Lust aber immer noch nicht wieder zurück. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, fängt es an zu schneien. Ja verdammt, mir ist kalt, aber doch nicht so! Der Schnee kommt plötzlich und in dicken Flocken. Natürlich bleibt rein gar nichts liegen, aber das ist egal. Ich bin froh, dass der Regen aufgehört hat und von diesen magischen weißen Dingern abgelöst wird. Der erste Schnee! Zum Start des Crossrennens! Kannste dir nicht ausdenken. Wie im Bilderbuch.
Mit dem Schnee kommt schlagartig meine Lust aufs Rennen zurück. Ich will da raus, gucken, was geht und vor allem herausfinden, wie ich mit dem Crosser über den Kurs komme. Ich habe lange nachgedacht, was mich am Rennen Fahren so reizt. Warum brauche ich den Wettstreit? Für die Anerkennung hinterher? Von Freunden und Familie, von mir selbst, online? Alles für die Likes? Wem will ich was beweisen? Es gibt auf Instagram den schönen Hashtag #findsomewheretoloseyourself. Ich verliere mich auf dem Rad. Gleichzeitig finde ich mich. Ich bin so sehr im Moment, im Hier und Jetzt, fokussiere mich auf die Kurven, die Bodenbeschaffenheit, die Schaltung, die Fahrer um mich herum, die Hindernisse, meine Atmung, meine Beine. Nichts anderes ist wichtig. Waren da vorhin noch Magenkrämpfe, Herzschmerz, Weltschmerz, irgendein anderes verdammtes Geschissel? Es ist alles egal. Zählt nicht. Denn ich muss über diese Strohballen.
Wenn acht Frauen und etwa 50 Männer im Rennen sind, ist es ziemlich unmöglich, den Überblick über die eigene Platzierung zu behalten. Ich weiß, dass einige Frauen hinter und andere vor mir sind, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele. Eine Zuschauerin ruft mir "Platz XY!!" zu, ich verstehe nichts, brülle zurück, höre die Antwort nicht. An der Sandgrube kennen Zuschauer meinen Namen, feuern großartig an, aber ich kann nicht aufsehen, bin damit beschäftigt, wieder auf das verdammte Rad zu klettern und einzuklicken. Der Sand und die Matsche in den Cleats machen das unmöglich. Ich donnere die Schuhe wie blöd gegen die Pedale, damit der ganze Scheiß raus fällt, eiere dabei durch die nächste Kurve. Mädchen, irgendwann musst du mal wieder treten!
Ich überhole eine Frau und weiß immer noch nicht, an welcher Position ich jetzt liege. Wenn du keine Ahnung hast, fährst du halt so, als ginge es ums Podium. Geht es auch tatsächlich - allerdings anders als gedacht. Ich werde noch auf der Zielgeraden wieder überholt und dann trotzdem zur Siegerehrung aufgerufen. Zum zweiten Mal heute. Hä? Freude, Verwirrung, zurück in der Realität. Schließlich stellt sich heraus, dass die theoretisch Drittplatzierte gar nicht in der Hobbyklasse hätte starten dürfen - meine Freude ist trotzdem ein kleines bisschen getrübt, weil ich ja eigentlich nur Vierte bin.
Wie auch immer - zwei Rennen, zwei Mal komplett nass und dreckig werden, zwei Räder einsauen bis zum Geht nicht mehr, kein Mal stürzen, zwei Mal aufs Podium klettern dürfen. Das macht Spaß! Weiter geht's am 16. Dezember in Pulheim. Ich freu mich drauf!
Danke an Christian Siedler für Begleitung und fantastische Bilder. Noch mehr Bilder gibt's hier.


Die Treppe hat eine 400 Meter lange Anfahrt, die eine einzige matschige Rutschpartie ist. Geradeaus fahren ist so gut wie unmöglich und langsam fahren würde stecken bleiben bedeuten - also sieht die Taktik folgendermaßen aus: so schnell es geht dadurch und hoffen, dass niemand zufällig genau auf der Seite überholen will, zu der ich gerade den nächsten unfreiwilligen Haken schlage. Schlamm spritzt mir in die Augen, ich kneife erst das eine zu, probiere vorsichtig, ob ich wieder etwas sehe, dann das andere. Soll eben ein Auge dreckig werden, dann hebe ich mir das andere für später auf - unglaublich ausgeklügelte Rennlogik. Eine Brille würde nur mäßig helfen - weniger Brennen im Auge, aber dafür genauso wenig Sicht. Am Ende der matschigen Gerade warten Strohballen, die mich zum Absteigen zwingen. Direkt dahinter die Treppe aus der Hölle. Während des Schreibens überlege ich, wie mir irgendjemand glauben soll, dass das Spaß macht. Nasse, kalte Füße, überall Matsche am Rad und am Körper, der Puls in astronomischen Höhen, mehr Schnappatmung als alles andere. Schnodder in der Nase und brennende Beine bergauf, absteigen, aufsteigen, weiter fahren, dazu der ständige Nervenkitzel, ob man bei der nächsten schlammigen Wiesen-Durchfahrt auf dem Rad bleibt oder nicht.

NRW Cross-Cup
Ja, es ist schwer zu erklären, wo hier der Spaß zu finden ist, und es sieht auch währenddessen nicht danach aus. Deshalb fange ich mal vorne an: In NRW gibt es diesen Winter eine hübsche Erfindung: Den Genesis NRW Cross-Cup. Auch wenn man als Hobbyfahrer rein gar nichts vom Cup hat, weil nämlich nur Lizenzfahrer in der Gesamtwertung gezählt werden, hat die ganze Geschichte für mich immerhin den Vorteil, dass ich auf die Renntermine aufmerksam geworden bin. In der Hobbyklasse starten kann man nämlich trotzdem - auch wenn man auf die Wertung im Cup verzichten muss.Los ging's Anfang Oktober in Dorsten auf einer einfachen Strecke bei Dauerregen. In Führung liegend musste ich aussteigen, weil eine Scherbe in der Sandgrube meinem Hinterrad die Luft abgelassen hat. Bis dahin hat's Spaß gemacht - aber einen Kilometer für nichts mit Radschuhen inklusive Rad querfeldein rennen kann ich nur bedingt empfehlen.
Zwei Wochen später ging's in Radevormwald das zweite Mal in den Matsch: Das Wetter ebenfalls crosstauglich feucht, dazu eine anspruchsvolle Strecke mit engen Kurven durch den Wald, Wurzeln, kleinen Anstiegen, einer langen Treppe und einigen anderen Späßen. Wenige Chancen zum Überholen, aber für mich anscheinend leider genau die richtige Strecke, um mich dezent aus dem Leben zu fahren: Nach vier von fünf Runden waren sowohl die Kraft als auch die Konzentration komplett dahin und der Ofen aus. Die Rechnung kommt bei so einer Strecke sofort: zwei kleine Stürze, überholt worden, am Ende Platz 6 von 9.

Das MTB Race
Auf der schwierigen Strecke in Radevormwald kam mir der Gedanke, dass sie mir mit demMountainbike möglicherweise leichter gefallen wäre als mit dem Crosser. In der Hobbyklasse sind oft beide Arten von Rädern erlaubt und so reifte langsam aber sicher die Idee, beim nächsten Mal einfach vor Ort je nach Bedingungen zu entscheiden, mit welchem Rad ich an den Start gehe. Kendenich nimmt mir die Entscheidung ab, weil im Cyclocross-Rennen nur Crosser erlaubt sind - ergibt ja irgendwie auch Sinn. Weil aber auch ein eigenes MTB-Rennen auf dem gleichen Kurs nach dem gleichen Format ausgeschrieben ist, muss ich nicht lange überlegen und melde beides: Erster Start mit dem MTB um 11 Uhr, zweiter Start mit dem Crosser um 15:40 Uhr - beide Rennen 30 Minuten lang, sollte genug Zeit zum Erholen dazwischen sein. Dazu das vermeintlich einfachere zuerst, danach mit dem Vorteil der Streckenkenntnis ins CX-Race. So weit die Theorie.

In der Praxis stellt sich heraus, dass die Geschichte mit dem MTB weniger einfach ist als gedacht. Meine Fahrtechnik-Skills sind so gut wie nicht vorhanden, schon gar nicht bei solchen matschigen Bedingungen. Der einzige Gedanke, der mir hilft: Das hast du in Daun auch geschafft. Die gleichen Umstände, aber eine viel schwierigere und längere Strecke. Mit richtigen Bergen, richtigen Downhills und nicht so einer Kindergeburtstags-Rutschpartie und einer lächerlichen Treppe, die sowieso alle zu Fuß gehen müssen. Achja, die Treppe. Während ich mich Stufe um Stufe hoch kämpfe, danke ich Markus, dem großzügigen MTB-Ausleiher dafür, dass sein Rad so verdammt leicht ist. Es könnte auch alles noch schlimmer sein!

Das Rennen selbst hält eine neue Situation für mich bereit: Auf dem MTB starten nur vier Frauen, zwei davon habe ich seit Beginn nicht mehr gesehen und die dritte fährt vor mir. Ich überhole sie ausgerechnet an den blöden Strohballen vor der furchtbaren Treppe und muss mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie es ist, so ein Rennen von vorne zu fahren. In Dorsten hat der Plattfuß alle taktischen Überlegungen im Keim erstickt, daher ist die Führungsposition für mich neu. All in und den Vorsprung möglichst weit ausbauen? Auf die Gefahr hin, dann gegen Ende einzugehen? Oder lieber konstant weiter machen und gucken, was passiert? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es geil oder scheiße finde, vorne zu sein, weil diese Position mich unter Druck setzt. Viel entspannter ist ja die zweite Stelle, so lange du den ersten noch im Blick hast - du bleibst dran, machst dir keinen Stress, sparst Kräfte und überholst im richtigen Moment. Oder?

Ich will eine Runde später am einzigen steilen Anstieg ein bisschen zu viel und brauche danach ein paar Meter mehr zum Klarkommen - zack, ist die Zweite wieder an mir vorbei und ich kann in diesem Moment nichts entgegensetzen. So viel zur komfortablen zweiten Position - jetzt habe ich sie und mache rein gar nichts draus. Nochmal rankommen ist utopisch, also konzentriere ich mich wieder auf die Kurven, die Bäume, den Matsch, die Treppen, die Strohballen ... und bringe den zweiten Platz ins Ziel.


Das CX Race
Vier Stunden später. Nachdem ich eine halbe Stunde lang nass und kalt auf der Suche nach dem Autoschlüssel umher geirrt bin, habe ich mittlerweile geduscht, zum ersten Mal heute etwas gegessen und fühle mich so langsam wieder wie ein Mensch. Ich bin trocken und wenn ich unter dem Heizpilz stehe und die Hände nach oben strecke auch halbwegs warm. Zum Elite-Rennen kommt die Sonne raus, obwohl für den ganzen Tag Regen angesagt war. Ich schaue mir das Duell zwischen MTB- und Rennradprofi auf dem Crosser an - Ben Zwiehoff fährt das Ding vor Nils Politt nach Hause, ziemlich lässig zum Zuschauen. Gerade in dem Moment, als ich so langsam wieder ans Warmfahren denken müsste, schüttet es wie aus Eimern. Ich hab keinen Bock mehr. Nicht nochmal in die Kälte, nicht nochmal nass und dreckig werden, möchte am liebsten einfach nicht starten.
Kneifen ist natürlich keine Option, also drehe ich eine Aufwärmrunde mit dem Crosser. Ich will wissen, wie die Strecke sich auf dem anderen Rad anfühlt, mache mir Sorgen um den steilen Anstieg und vor allem um die Matsche. Bergauf reicht die Kombination von Übersetzung und Beinen nicht - im Gegensatz zum MTB muss ich hoch laufen. Die Matsche ist weniger schlimm als befürchtet - Karlson pflügt sich tapfer durch das, was von der Wiese übrig ist, wenn ich nur nicht zu viel denke, geradeaus schaue und so schnell wie irgendwie möglich durch fahre. So richtig ist die Lust aber immer noch nicht wieder zurück. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, fängt es an zu schneien. Ja verdammt, mir ist kalt, aber doch nicht so! Der Schnee kommt plötzlich und in dicken Flocken. Natürlich bleibt rein gar nichts liegen, aber das ist egal. Ich bin froh, dass der Regen aufgehört hat und von diesen magischen weißen Dingern abgelöst wird. Der erste Schnee! Zum Start des Crossrennens! Kannste dir nicht ausdenken. Wie im Bilderbuch.

Mit dem Schnee kommt schlagartig meine Lust aufs Rennen zurück. Ich will da raus, gucken, was geht und vor allem herausfinden, wie ich mit dem Crosser über den Kurs komme. Ich habe lange nachgedacht, was mich am Rennen Fahren so reizt. Warum brauche ich den Wettstreit? Für die Anerkennung hinterher? Von Freunden und Familie, von mir selbst, online? Alles für die Likes? Wem will ich was beweisen? Es gibt auf Instagram den schönen Hashtag #findsomewheretoloseyourself. Ich verliere mich auf dem Rad. Gleichzeitig finde ich mich. Ich bin so sehr im Moment, im Hier und Jetzt, fokussiere mich auf die Kurven, die Bodenbeschaffenheit, die Schaltung, die Fahrer um mich herum, die Hindernisse, meine Atmung, meine Beine. Nichts anderes ist wichtig. Waren da vorhin noch Magenkrämpfe, Herzschmerz, Weltschmerz, irgendein anderes verdammtes Geschissel? Es ist alles egal. Zählt nicht. Denn ich muss über diese Strohballen.

Wenn acht Frauen und etwa 50 Männer im Rennen sind, ist es ziemlich unmöglich, den Überblick über die eigene Platzierung zu behalten. Ich weiß, dass einige Frauen hinter und andere vor mir sind, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele. Eine Zuschauerin ruft mir "Platz XY!!" zu, ich verstehe nichts, brülle zurück, höre die Antwort nicht. An der Sandgrube kennen Zuschauer meinen Namen, feuern großartig an, aber ich kann nicht aufsehen, bin damit beschäftigt, wieder auf das verdammte Rad zu klettern und einzuklicken. Der Sand und die Matsche in den Cleats machen das unmöglich. Ich donnere die Schuhe wie blöd gegen die Pedale, damit der ganze Scheiß raus fällt, eiere dabei durch die nächste Kurve. Mädchen, irgendwann musst du mal wieder treten!


Ich überhole eine Frau und weiß immer noch nicht, an welcher Position ich jetzt liege. Wenn du keine Ahnung hast, fährst du halt so, als ginge es ums Podium. Geht es auch tatsächlich - allerdings anders als gedacht. Ich werde noch auf der Zielgeraden wieder überholt und dann trotzdem zur Siegerehrung aufgerufen. Zum zweiten Mal heute. Hä? Freude, Verwirrung, zurück in der Realität. Schließlich stellt sich heraus, dass die theoretisch Drittplatzierte gar nicht in der Hobbyklasse hätte starten dürfen - meine Freude ist trotzdem ein kleines bisschen getrübt, weil ich ja eigentlich nur Vierte bin.


Wie auch immer - zwei Rennen, zwei Mal komplett nass und dreckig werden, zwei Räder einsauen bis zum Geht nicht mehr, kein Mal stürzen, zwei Mal aufs Podium klettern dürfen. Das macht Spaß! Weiter geht's am 16. Dezember in Pulheim. Ich freu mich drauf!

Danke an Christian Siedler für Begleitung und fantastische Bilder. Noch mehr Bilder gibt's hier.
Dienstag, 12. September 2017
Raceday No. 46 - Vulkanbike MTB-Halbmarathon
Wenn ich die Matschkruste vom Garmin abwische, kann ich für einen kurzen Moment sehen, wie weit wir schon gekommen sind – aber nur so lange, bis neue braune Spritzer die Sicht versperren. 35 Kilometer. Wenn ich mich für die kurze Distanz entschieden hätte, wäre ich jetzt im Ziel. Hab ich aber nicht. Bin ich also nicht. Als ich vor fünf Wochen eine Probefahrt auf dem Mountainbike gedreht habe und es leihweise mit nach Hause nehmen durfte, habe ich beschlossen, dass 35 Kilometer keine Herausforderung sind, die mich reizt. Jetzt habe ich den Salat: 65 Kilometer, 1300 Höhenmeter. In der Eifel. Bei Regen. Selbst Schuld.
Ich versuche, irgendwo den Galgenhumor wieder zu finden, aber ich weiß langsam nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Von Anfang an keine guten Beine, bergauf heißt es also nur irgendwie überstehen. Das habe ich mir selbst eingebrockt, schließlich musste ich die Woche ja unbedingt schon ein Kriterium und ein kleines Cyclocross-Rennen fahren. Bergab kommt die Angst dazu: Ich bin noch nie bei solchen nassen Bedingungen gefahren. Ich vertraue den Bremsen nicht, dem Grip im Schlamm schon gar nicht, fürchte möglicherweise plötzlich auftauchende Wurzeln, Steine oder ganze Bäume. Und ich bin nass. Bei jedem Aufstehen spüre ich, wie ein kaltes Rinnsal an mir herunterläuft und es sich im Polster bequem macht. Widerwillig setze ich mich zurück in die eiskalte Badewanne, die einmal meine Hose war. Zum Glück habe ich mich für die Neopren-Überschuhe entschieden, die immerhin das Gröbste von den Füßen fernhalten. Kalt und nass sind sie trotzdem. Die Handschuhe werden mit der Nässe immer rutschiger. Meine Brille liegt irgendwo in der ersten Abfahrt, stattdessen habe ich jetzt Dreck und eine Fliege im Auge.
Mein Hintern schläft ein. Da ist irgendwas taub geworden und das fühlt sich nicht gut an. Der Matsch ist magnetisch und hält mein Rad und mich am Boden fest. Es geht bergauf, die Beine wollen nicht mehr, die Lunge auch nicht, der Kopf schon längst nicht mehr. Wieder wische ich das Garmin frei. 40 Kilometer. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie zur Hölle ich noch verdammte 25 Kilometer mit wer weiß wie vielen Höhenmetern schaffen soll. Ich weiß es einfach nicht. Die Stimmung ist ganz kurz vorm endgültigen Kippen – und zwar in keine schöne Richtung. Nichts möchte ich lieber als das Rad hinschmeißen, mich daneben auf die Wiese setzen und keinen Meter mehr weiterfahren. Die Zeit anhalten. Sitzen bleiben oder hinlegen, einfach nur abwarten und nichts mehr tun. Das wäre schön. Mir ist alles so egal. Es fehlt nicht viel, aber ich kann das nicht bringen. Ansgar ist direkt hinter mir, ich weiß nicht, wie er das aushält, in diesem nicht vorhandenen Tempo hier den Berg rauf zu kriechen. Wahrscheinlich entdeckt er gerade eine neue Art von Langsamkeit. Vielleicht meditiert er. Vielleicht löst er nebenbei komplizierte Mathe-Aufgaben. Vielleicht schreibt er auch schon mal gedanklich einen Artikel vor. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mir jetzt hier nicht die Blöße geben und mich wie ein trotziges Kind heulend auf den Boden werfen kann.
Der zweite Verpflegungspunkt rettet mich. Anhalten, endlich ein Grund zum Anhalten. Ich will alles. Neues Iso für den Matschhaufen, unter dem sich meine Trinkflasche verbirgt, Banane, Cola. Kurz mal stehen bleiben, die Tränen runterschlucken, durchatmen. Und dann irgendwann weiter. Zu Fuß, weil ich an diesem Anstieg unter gar keinen Umständen wieder anfahren kann. Ich rede mir ein, dass die Cola mich ins Ziel bringen wird. Ich sage es laut, damit ich es selbst glaube. Trag mich ins Ziel, Cola! Noch 25 Kilometer. Wer weiß, was die noch so Schönes bereithalten.
Eine Abfahrt zum Beispiel. Und als ob mir die Tatsache, dass es bergab geht, nicht allein schon hektische Stressflecken ins Gesicht treiben würde, hat diese hier auch noch eine Mischung aus Matsche, Wurzeln, Kurven und Bäumen zu bieten. Ich will da nicht runter. Aber ich muss. Ansgar fährt vor. Ich verliere ihn schnell aus den Augen, suche mir meinen eigenen Weg. Für meine Begriffe ist das hier ganz schön steil. Und rutschig. Geradezu halsbrecherisch. Auf wundersame Weise bringe ich es irgendwie fertig, im Ganzen inklusive Rad unten anzukommen, wo Ansgar auf mich wartet. Ich beschwere mich über die Abfahrt. Er lobt mich, wie gut ich sie gemeistert habe. Vor Schreck falle ich in der Kurve um.
Scheißdreck. Ich würde gerne darüber lachen können, dass ich eine schwierige Abfahrt schaffe, nur um danach wie zum ersten Mal mit Klickpedalen an der Ampel umzukippen, aber ich bin nicht mehr zu Scherzen aufgelegt. Also schon wieder Tränen. Ellenbogen und Knie schmerzen. Jemand hält an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Naja, ein Taxi ins Ziel wäre fein. Nein, keine Hilfe. Ich kündige an, dass ich weiterfahren kann, aber nochmal kurz atmen muss. Beruhig dich. Es geht weiter, zum Glück ist der Weg nicht mehr so anspruchsvoll. Als Ansgar mich kurz wegen einer Pinkelpause allein lässt, kommt der Kloß im Hals zurück. Nicht weil ich alleine bin, zur Abwechslung stresst die Strecke mich gerade wirklich mal nicht, sondern weil ich mir das anders vorgestellt habe. In der kurzen Zeit habe ich in den letzten Wochen das Mountainbiken liebgewonnen, hübsche Unterschiede zum Cyclocross entdeckt und angefangen, eine komplett neue Radsport-Welt ins Herz zu schließen. Und jetzt vergieße ich bittere Tränen, weil mir der Spaß abhanden gekommen ist. Weil mich unter Druck setzt, dass mich alle, aber auch alle überholen. Bergauf, bergab, auf flacher Strecke. Weil es mich danach genauso beunruhigt, dass niemand mehr in unserer Nähe ist. Sind wir die letzten? Weil meine Beine und ich heute keinen Berg mehr hoch wollen. Weil ich in fast jeder Abfahrt Angst habe.
Ich muss aufhören. Aufhören zu heulen und das irgendwie zu Ende bringen. Wenn Ansgar gleich zurück kommt und ich immer noch so aufgelöst bin, wird der arme Kerl ja gar nicht wissen, was er noch mit mir machen soll. Also Zähne zusammenbeißen jetzt. Doofe Mantras aufsagen. Es geht, so schnell es geht und es dauert, so lange es eben dauert.
Bei einer wirklich furchteinflößenden Abfahrt empfehlen die Jungs von der Feuerwehr den Chickenway. Ich hake nochmal nach, ob die Abkürzung wirklich erlaubt ist und muss dann keine Sekunde mehr überlegen. Wenn die Streckenposten das Stück schon als “ziemlich heikel” ankündigen, bin ich der letzte Mensch, der da runter fahren wird. Nur noch zehn Kilometer. Das könnte also doch noch was werden mit der Ankunft im Ziel. Der letzte richtige Anstieg wartet bei Kilometer 53,5: Er ist 1,2 Kilometer lang und hat 10 % Steigung. Also genau das richtige zu diesem Zeitpunkt. Ich habe nicht mehr die Beine und nicht mehr den Biss, hier irgendwie hoch zu kurbeln. Also gehe ich zu Fuß. Konditionell kommt das von der Anstrengung her ungefähr aufs Gleiche raus, aber die Beine kommen auf Laufen besser klar. Mir ist nichts mehr peinlich. Selbst hier hoch wandern ist anstrengend, aber fühlt sich nicht mal so wahnsinnig nach Versagen an, sondern nur wie der Versuch, irgendwie diese verdammte Ziellinie zu erreichen. Die folgende Abfahrt führt über eine steile, rutschige Wiese mit Kurve. Ich klicke auf einer Seite aus und balanciere wie ein Seiltänzer über dem Abgrund. Nur eben ohne Eleganz.
Die Strecke führt noch einmal an einem der Maare vorbei und dafür liebe ich diese Vulkanbike-Geschichte wirklich. Sofern man Zeit zum Gucken hat, ist der Ausblick unheimlich schön. Ich genieße die spärlich gesäten Momente, die mich nicht stressen, die einfach schön sind. In denen man die Konzentration nicht bei 150 % oben halten muss, sondern mal kurz atmen und sich umsehen kann. Der Blick auf das strahlend blaue Wasser, das wunderschön und zugleich ein bisschen gruselig ist und mich an Top Of The Lake denken lässt. Der märchenhafte Tunnel aus Bäumen, den die Sonne hellgrün leuchten lässt. Die Ponys am Streckenrand, die ungerührt weiter grasen und denen es scheißegal ist, ob hier gerade hunderte Radfahrer vorbei kommen oder nicht. Die kleinen Bäche und Teiche, einsame Hütten und Bänke, die dazu einladen, sich niederzulassen und eine Brotzeit zu zelebrieren. Ja, es ist wirklich wunderschön rund um Daun. Man kann hier bestimmt super mountainbiken und nen tollen Tag haben. Bei schönem Wetter. Ohne einen Beinahe-Herzstillstand nach dem anderen.
Mein Lichtblick ist ein Radweg, den Ansgar mir schon vor einigen Kilometern angekündigt hat. Schon seit einer Weile freue ich mich über jedes noch so kurze Stück Asphalt, weil die technischen Herausforderungen dabei gleich Null sind, weil der Kopf entspannen kann, weil es hier einfach rollt. Jeder normale Mountainbiker schläft wahrscheinlich vor Langeweile ein, aber ich sehne das bekannte Terrain herbei. Der Radweg ist fantastisch. Obwohl es ziemlich spaßbefreit ist, mit einem MTB auf Asphalt zu versuchen, schnell zu fahren, freue mich wie ein Kind an Weihnachten. Ist das schön! Oh, wie sehr ich diesen Radweg liebe. Bei knapp 40 km/h und mit Wind im Gesicht fühle ich mich endlich wieder zuhause. Das Herz schlägt stärker für die Straße. Noch.
Der letzte Anstieg mit 8 % nervt nochmal, aber er ist kurz und das Ziel ist nah. Diese beschissene Ziellinie. Vor ein paar Stunden hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich sie aus eigener Kraft erreichen würde. Dummerweise ist es ja genau das, was uns immer wieder diese bekloppten Sachen machen lässt.
Ansgar entdeckt Denise und Christian am Rand, diese fantastischen Menschen, die nicht nur mit mir hier hin gefahren sind, sondern die mich sogar gefahren haben, damit ich im Auto noch dösen konnte. Die den halben Tag im Regen an der Strecke verbracht haben, um mich matschiges Etwas viereinhalb Stunden später wieder in die Arme zu schließen. Die Triathlon-Gang kann auch MTB - danke dafür!
Ein riesiges Dankeschön geht auch von Herzen an das Coffee & Chainrings Team, das mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ohne die Großzügigkeit und das Vertrauen von Markus wäre mein Start nicht möglich gewesen - denn dann hätte ich nämlich nicht nur 1,5 Kilometer laufen müssen, sondern die komplette Strecke. Danke für die Fahrrad-Leihgabe und das unermüdliche Bestärken, dass ich das kann. Gleiches gilt für Daniel: Danke fürs Zeit Nehmen und Motivieren. Tim, auch wenn deine Pläne manchmal vielleicht utopisch sind, hast du mir trotzdem Mut gemacht. Ansgar, ich habe es schon während unserer Reise oft genug festgestellt: Ohne dich wäre das extrem schwierig bis unmöglich geworden. Danke für deine Begleitung und fürs ins Ziel Schleppen! Das hast du ziemlich gut hingekriegt!
Und bevor sich das jetzt in Richtung Oscar-Rede abdriftet: Ist ja schon gut, ich verspreche euch, ich mach das nochmal!
Die Ergebnisse findet ihr übrigens hier bei Coffee & Chainrings.
P.S. Wer aufgepasst hat, wundert sich vielleicht über Raceday No. 46, weil der letzte Artikel über die Cyclassics die 43 hat. Das liegt daran, dass No. 44 das Wappen von Pulheim und No. 45 die Cyclingworld Cyclocross Challenge ist - auch wenn die keine eigenen Artikel bekommen haben, will ich mal in alter Frank-Turner-Manier richtig weiter zählen.
P.P.S. Wahrscheinlich ahnt ihr es schon, alle Bilder stammen vom großartigen Christian Siedler. Danke!



Ich versuche, irgendwo den Galgenhumor wieder zu finden, aber ich weiß langsam nicht mehr, wo ich noch suchen soll. Von Anfang an keine guten Beine, bergauf heißt es also nur irgendwie überstehen. Das habe ich mir selbst eingebrockt, schließlich musste ich die Woche ja unbedingt schon ein Kriterium und ein kleines Cyclocross-Rennen fahren. Bergab kommt die Angst dazu: Ich bin noch nie bei solchen nassen Bedingungen gefahren. Ich vertraue den Bremsen nicht, dem Grip im Schlamm schon gar nicht, fürchte möglicherweise plötzlich auftauchende Wurzeln, Steine oder ganze Bäume. Und ich bin nass. Bei jedem Aufstehen spüre ich, wie ein kaltes Rinnsal an mir herunterläuft und es sich im Polster bequem macht. Widerwillig setze ich mich zurück in die eiskalte Badewanne, die einmal meine Hose war. Zum Glück habe ich mich für die Neopren-Überschuhe entschieden, die immerhin das Gröbste von den Füßen fernhalten. Kalt und nass sind sie trotzdem. Die Handschuhe werden mit der Nässe immer rutschiger. Meine Brille liegt irgendwo in der ersten Abfahrt, stattdessen habe ich jetzt Dreck und eine Fliege im Auge.



Mein Hintern schläft ein. Da ist irgendwas taub geworden und das fühlt sich nicht gut an. Der Matsch ist magnetisch und hält mein Rad und mich am Boden fest. Es geht bergauf, die Beine wollen nicht mehr, die Lunge auch nicht, der Kopf schon längst nicht mehr. Wieder wische ich das Garmin frei. 40 Kilometer. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie zur Hölle ich noch verdammte 25 Kilometer mit wer weiß wie vielen Höhenmetern schaffen soll. Ich weiß es einfach nicht. Die Stimmung ist ganz kurz vorm endgültigen Kippen – und zwar in keine schöne Richtung. Nichts möchte ich lieber als das Rad hinschmeißen, mich daneben auf die Wiese setzen und keinen Meter mehr weiterfahren. Die Zeit anhalten. Sitzen bleiben oder hinlegen, einfach nur abwarten und nichts mehr tun. Das wäre schön. Mir ist alles so egal. Es fehlt nicht viel, aber ich kann das nicht bringen. Ansgar ist direkt hinter mir, ich weiß nicht, wie er das aushält, in diesem nicht vorhandenen Tempo hier den Berg rauf zu kriechen. Wahrscheinlich entdeckt er gerade eine neue Art von Langsamkeit. Vielleicht meditiert er. Vielleicht löst er nebenbei komplizierte Mathe-Aufgaben. Vielleicht schreibt er auch schon mal gedanklich einen Artikel vor. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich mir jetzt hier nicht die Blöße geben und mich wie ein trotziges Kind heulend auf den Boden werfen kann.



Der zweite Verpflegungspunkt rettet mich. Anhalten, endlich ein Grund zum Anhalten. Ich will alles. Neues Iso für den Matschhaufen, unter dem sich meine Trinkflasche verbirgt, Banane, Cola. Kurz mal stehen bleiben, die Tränen runterschlucken, durchatmen. Und dann irgendwann weiter. Zu Fuß, weil ich an diesem Anstieg unter gar keinen Umständen wieder anfahren kann. Ich rede mir ein, dass die Cola mich ins Ziel bringen wird. Ich sage es laut, damit ich es selbst glaube. Trag mich ins Ziel, Cola! Noch 25 Kilometer. Wer weiß, was die noch so Schönes bereithalten.
Eine Abfahrt zum Beispiel. Und als ob mir die Tatsache, dass es bergab geht, nicht allein schon hektische Stressflecken ins Gesicht treiben würde, hat diese hier auch noch eine Mischung aus Matsche, Wurzeln, Kurven und Bäumen zu bieten. Ich will da nicht runter. Aber ich muss. Ansgar fährt vor. Ich verliere ihn schnell aus den Augen, suche mir meinen eigenen Weg. Für meine Begriffe ist das hier ganz schön steil. Und rutschig. Geradezu halsbrecherisch. Auf wundersame Weise bringe ich es irgendwie fertig, im Ganzen inklusive Rad unten anzukommen, wo Ansgar auf mich wartet. Ich beschwere mich über die Abfahrt. Er lobt mich, wie gut ich sie gemeistert habe. Vor Schreck falle ich in der Kurve um.


Scheißdreck. Ich würde gerne darüber lachen können, dass ich eine schwierige Abfahrt schaffe, nur um danach wie zum ersten Mal mit Klickpedalen an der Ampel umzukippen, aber ich bin nicht mehr zu Scherzen aufgelegt. Also schon wieder Tränen. Ellenbogen und Knie schmerzen. Jemand hält an und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Naja, ein Taxi ins Ziel wäre fein. Nein, keine Hilfe. Ich kündige an, dass ich weiterfahren kann, aber nochmal kurz atmen muss. Beruhig dich. Es geht weiter, zum Glück ist der Weg nicht mehr so anspruchsvoll. Als Ansgar mich kurz wegen einer Pinkelpause allein lässt, kommt der Kloß im Hals zurück. Nicht weil ich alleine bin, zur Abwechslung stresst die Strecke mich gerade wirklich mal nicht, sondern weil ich mir das anders vorgestellt habe. In der kurzen Zeit habe ich in den letzten Wochen das Mountainbiken liebgewonnen, hübsche Unterschiede zum Cyclocross entdeckt und angefangen, eine komplett neue Radsport-Welt ins Herz zu schließen. Und jetzt vergieße ich bittere Tränen, weil mir der Spaß abhanden gekommen ist. Weil mich unter Druck setzt, dass mich alle, aber auch alle überholen. Bergauf, bergab, auf flacher Strecke. Weil es mich danach genauso beunruhigt, dass niemand mehr in unserer Nähe ist. Sind wir die letzten? Weil meine Beine und ich heute keinen Berg mehr hoch wollen. Weil ich in fast jeder Abfahrt Angst habe.
Ich muss aufhören. Aufhören zu heulen und das irgendwie zu Ende bringen. Wenn Ansgar gleich zurück kommt und ich immer noch so aufgelöst bin, wird der arme Kerl ja gar nicht wissen, was er noch mit mir machen soll. Also Zähne zusammenbeißen jetzt. Doofe Mantras aufsagen. Es geht, so schnell es geht und es dauert, so lange es eben dauert.

Bei einer wirklich furchteinflößenden Abfahrt empfehlen die Jungs von der Feuerwehr den Chickenway. Ich hake nochmal nach, ob die Abkürzung wirklich erlaubt ist und muss dann keine Sekunde mehr überlegen. Wenn die Streckenposten das Stück schon als “ziemlich heikel” ankündigen, bin ich der letzte Mensch, der da runter fahren wird. Nur noch zehn Kilometer. Das könnte also doch noch was werden mit der Ankunft im Ziel. Der letzte richtige Anstieg wartet bei Kilometer 53,5: Er ist 1,2 Kilometer lang und hat 10 % Steigung. Also genau das richtige zu diesem Zeitpunkt. Ich habe nicht mehr die Beine und nicht mehr den Biss, hier irgendwie hoch zu kurbeln. Also gehe ich zu Fuß. Konditionell kommt das von der Anstrengung her ungefähr aufs Gleiche raus, aber die Beine kommen auf Laufen besser klar. Mir ist nichts mehr peinlich. Selbst hier hoch wandern ist anstrengend, aber fühlt sich nicht mal so wahnsinnig nach Versagen an, sondern nur wie der Versuch, irgendwie diese verdammte Ziellinie zu erreichen. Die folgende Abfahrt führt über eine steile, rutschige Wiese mit Kurve. Ich klicke auf einer Seite aus und balanciere wie ein Seiltänzer über dem Abgrund. Nur eben ohne Eleganz.
Die Strecke führt noch einmal an einem der Maare vorbei und dafür liebe ich diese Vulkanbike-Geschichte wirklich. Sofern man Zeit zum Gucken hat, ist der Ausblick unheimlich schön. Ich genieße die spärlich gesäten Momente, die mich nicht stressen, die einfach schön sind. In denen man die Konzentration nicht bei 150 % oben halten muss, sondern mal kurz atmen und sich umsehen kann. Der Blick auf das strahlend blaue Wasser, das wunderschön und zugleich ein bisschen gruselig ist und mich an Top Of The Lake denken lässt. Der märchenhafte Tunnel aus Bäumen, den die Sonne hellgrün leuchten lässt. Die Ponys am Streckenrand, die ungerührt weiter grasen und denen es scheißegal ist, ob hier gerade hunderte Radfahrer vorbei kommen oder nicht. Die kleinen Bäche und Teiche, einsame Hütten und Bänke, die dazu einladen, sich niederzulassen und eine Brotzeit zu zelebrieren. Ja, es ist wirklich wunderschön rund um Daun. Man kann hier bestimmt super mountainbiken und nen tollen Tag haben. Bei schönem Wetter. Ohne einen Beinahe-Herzstillstand nach dem anderen.

Mein Lichtblick ist ein Radweg, den Ansgar mir schon vor einigen Kilometern angekündigt hat. Schon seit einer Weile freue ich mich über jedes noch so kurze Stück Asphalt, weil die technischen Herausforderungen dabei gleich Null sind, weil der Kopf entspannen kann, weil es hier einfach rollt. Jeder normale Mountainbiker schläft wahrscheinlich vor Langeweile ein, aber ich sehne das bekannte Terrain herbei. Der Radweg ist fantastisch. Obwohl es ziemlich spaßbefreit ist, mit einem MTB auf Asphalt zu versuchen, schnell zu fahren, freue mich wie ein Kind an Weihnachten. Ist das schön! Oh, wie sehr ich diesen Radweg liebe. Bei knapp 40 km/h und mit Wind im Gesicht fühle ich mich endlich wieder zuhause. Das Herz schlägt stärker für die Straße. Noch.
Der letzte Anstieg mit 8 % nervt nochmal, aber er ist kurz und das Ziel ist nah. Diese beschissene Ziellinie. Vor ein paar Stunden hätte ich wirklich nicht gedacht, dass ich sie aus eigener Kraft erreichen würde. Dummerweise ist es ja genau das, was uns immer wieder diese bekloppten Sachen machen lässt.


Ansgar entdeckt Denise und Christian am Rand, diese fantastischen Menschen, die nicht nur mit mir hier hin gefahren sind, sondern die mich sogar gefahren haben, damit ich im Auto noch dösen konnte. Die den halben Tag im Regen an der Strecke verbracht haben, um mich matschiges Etwas viereinhalb Stunden später wieder in die Arme zu schließen. Die Triathlon-Gang kann auch MTB - danke dafür!



Ein riesiges Dankeschön geht auch von Herzen an das Coffee & Chainrings Team, das mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat. Ohne die Großzügigkeit und das Vertrauen von Markus wäre mein Start nicht möglich gewesen - denn dann hätte ich nämlich nicht nur 1,5 Kilometer laufen müssen, sondern die komplette Strecke. Danke für die Fahrrad-Leihgabe und das unermüdliche Bestärken, dass ich das kann. Gleiches gilt für Daniel: Danke fürs Zeit Nehmen und Motivieren. Tim, auch wenn deine Pläne manchmal vielleicht utopisch sind, hast du mir trotzdem Mut gemacht. Ansgar, ich habe es schon während unserer Reise oft genug festgestellt: Ohne dich wäre das extrem schwierig bis unmöglich geworden. Danke für deine Begleitung und fürs ins Ziel Schleppen! Das hast du ziemlich gut hingekriegt!
Und bevor sich das jetzt in Richtung Oscar-Rede abdriftet: Ist ja schon gut, ich verspreche euch, ich mach das nochmal!
Die Ergebnisse findet ihr übrigens hier bei Coffee & Chainrings.



P.S. Wer aufgepasst hat, wundert sich vielleicht über Raceday No. 46, weil der letzte Artikel über die Cyclassics die 43 hat. Das liegt daran, dass No. 44 das Wappen von Pulheim und No. 45 die Cyclingworld Cyclocross Challenge ist - auch wenn die keine eigenen Artikel bekommen haben, will ich mal in alter Frank-Turner-Manier richtig weiter zählen.
P.P.S. Wahrscheinlich ahnt ihr es schon, alle Bilder stammen vom großartigen Christian Siedler. Danke!
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