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Samstag, 9. Juni 2018
333 km ans Meer: ERG2Nordsee - Vitamin Sea
Du kannst dir diesen Artikel auch als Podcast anhören, zum Beispiel hier auf Spotify.
Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.
Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.
Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.
Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.
Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!
Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?
Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.
Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.
Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.
Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.
Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.
Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.
Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??
Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.
Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.
Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.
Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.
Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.
Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.
Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.
Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?
Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"
Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.
Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.
Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.
Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).
Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.
Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?
Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!
Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.
Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.
Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.
Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.
Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.
Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.
Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!
Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.
Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!
Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.
"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."
Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden
Gruppenbild: ERG 1900 e.V.
Von Essen an die Nordsee. 333 Kilometer. Mit dem Rennrad. Im Januar halte ich das für eine prima Idee und melde mich ohne Zögern an. Bis April ist erst einmal der Rotterdam Marathon wichtiger, so dass ich mehr laufe als radele. Im Mai gibt Kati, eine der Organisatorinnen von der ERG, Tipps, wo man eine 200-Kilometer-RTF fahren könnte. Als Training. Zum Equipment-Check. Ups. Ich habe bisher nicht in Erwägung gezogen, dass es Sinn ergeben könnte, vorher mal 200 Kilometer zu fahren, wenn man sich 300 vorgenommen hat. Eigentlich stelle ich mir die ganze Geschichte ziemlich easy vor: Um Beine und Kondition mache ich mir keine Sorgen. Die einzige Unsicherheit ist, ob ich 300 Kilometer lang auf dem Sattel sitzen kann oder mir nach 150 Kilometern einen Wolf fahre und in den Lenker beißen will.

Treffpunkt ist um 3 Uhr nachts in Essen, Abfahrt um 4. Am Vortag beschleicht mich die leise Vorahnung, es wäre vielleicht doch nicht blöd gewesen, längere Strecken zu trainieren und mal zu testen, wie lange der Akku vom Garmin und der Akku von Maren eigentlich halten. Stattdessen lade ich die Powerbank und kaufe Schokoriegel, weil mir Julia erzählt hat, dass sie so eine Tour auch schon einmal gemacht hat und nach drölfzig Powerriegeln und Gels einfach nur noch ein Snickers herbei gesehnt hat. Ich decke mich also mit Mars in rauen Mengen ein. Spoiler: Ich werde keines während der Tour essen, sondern die Hälfte davor und den Rest danach.
Ich bin nicht nur unterirdisch vorbereitet, sondern auch genauso mies bei der Zeitplanung. Am Vorabend arbeite ich bis 22 Uhr, packe in letzter Minute meine Sachen und falle um kurz vor eins ins Bett, nur um eine Stunde später wieder aufzustehen. Ich weiß nicht, ob eine Stunde oder gar nicht schlafen besser ist - am besten wäre wohl so viel wie möglich. Egal: Es ist, wie es ist.
Kilometer 0: Knapp 40 Teilnehmer und 4 Guides treten den Ritt an die Nordsee an. Aufgeteilt in zwei Gruppen rollen wir in die Nacht.
Kilometer 1: Keine Spur von Müdigkeit. Die frische Luft, die Dunkelheit und die volle Konzentration, die beim Fahren in der Gruppe vor allem nachts gefordert ist, schärfen die Sinne. Ich bin hellwach und fühle mich, als würden wir zu einem Eroberungszug ausrücken. Sea you soon, Nordsee!
Kilometer 23: Endlich raus aus dem Pott. Weg von den Städten, den Ampeln, dem Stop & Go nachts um 5. Es dämmert und ich wünsche mir nichts mehr, als in den Sonnenaufgang hinein zu radeln. Und dann mit der Sonne ans Meer. Wie schön wäre das?
Kilometer 30: Es ist so was wie hell, aber grau in grau.
Kilometer 50: Erste große Pause. Ich finde es übertrieben, nach einer so kurzen Strecke schon eine Pause zu machen, aber als ich die Leckereien auf dem Tapeziertisch entdecke, der uns noch den ganzen Tag verfolgen wird, ändere ich meine Meinung. Her mit den Keksen in Fahrradform! Wir sind am Schloss Raesfeld (nie gehört bisher) - definitiv eine schicke Kulisse für den ersten Stopp. Ein Fahrradverleih ist ausgeschildert und wirbt mit: "Mieten Sie ein E-Bike!" Ganz bestimmt nicht.

Irgendwo im Nirgendwo: Pipipause. Es gibt Männer-Pipipausen (jeder Straßenrand eignet sich) und Frauen-Pipipausen (richtige Toiletten kommen ins Spiel). Dies ist eine Männer-Pipipause, was aber keine der Frauen aus unserer Gruppe davon abhält, sich in den Wald zu hocken. Ich bin kein Fan vom Gruppenpinkeln, gehe noch um 23 andere Bäume und schäle mich schließlich aus Windjacke und Trikot. Wie nervig, dass man sich dank Bibshorts immer gleich obenrum auch komplett ausziehen muss, wenn man sich eigentlich nur kurz in den Wald hocken will.
Kilometer 60: Borken. Ich habe wieder eine grobe Idee, wo wir sind. Es ist weitläufig, alles ist grün, rechts uns links Felder, manchmal Bäume. In anderen Worten: Langweilig.
Irgendwo im Nirgendwo: Es beginnt zu regnen. Und zwar nicht zu knapp. Kurzer Stopp, um die Regenjacken anzuziehen.
Kilometer 90: Bäume, Felder, Felder, Bäume, Grün. Nass.

Kilometer 110: Wie groß ist eigentlich dieser verdammte Kreis Borken??
Kilometer 113: Zweite große Pause. Gronau. rock’n’popmuseum. Der Regen lässt nach. Wieder habe ich eigentlich gar keinen Hunger, stelle aber dann fest, dass es andere leckere Sachen als eben gibt und schiebe Bananenbrot in mich hinein.
Kilometer 120: Ab jetzt ist die Strecke länger als ich jemals zuvor am Stück geradelt bin. Als ich das beiläufig erwähne, fallen meinem Nebenmann fast die Augen aus dem Kopf.
Kilometer 145: Nordhorn. Endlich ein neuer Kreis, tschüss du blödes Borken! Haken: Hier wohnen anscheinend die beschissensten Autofahrer. Ein Kleinwagen in Elefantenschuhgröße meint, sofort nach dem Überholen beim Einscheren einen so scharfen Schlenker machen zu müssen, dass die erste Reihe ausweichen muss. Ich verbringe die nächsten Kilometer damit, innerlich das Kennzeichen aufzusagen, falls irgendjemand den Fahrer anzeigen möchte. Immerhin eine Beschäftigung.
Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet wieder.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Felder, Bäume, Felder, Bäume. Regen. Der untere Rücken tut weh, mir ist schlecht und ich fürchte, ich brauche gleich mal eine Frauen-Pipipause (und zwar nicht zum Pinkeln). Die Müdigkeit wird immer stärker.
Kilometer 160: Ich weiß nicht, ob es anstrengender ist, die Augen offen zu halten oder die Rückenschmerzen auszuhalten.
Kilometer 170: Ich wünsche mir das E-Bike von Kilometer 50.

Irgendwo im Nirgendwo: Es regnet immer noch.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Männer-Pipipause. Ich freue mich über das Anhalten und nutze die Zeit zum Essen. Bei der letzten Verpflegung habe ich einen selbstgebackenen Müsliriegel eingepackt. Er schmeckt gigantisch und ich lecke jede einzelne Haferflocke aus der Alufolie.
Immernoch irgendwo im Nirgendwo: Rechts und links ist es immer noch grün und die Straßen führen endlos geradeaus. Ich zähle die Kilometer bis zur nächsten Pause rückwärts und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich danach noch weitere 130 Kilometer auf dem Rad verbringen soll. Mit diesem Rücken. Kurz vor dem Einschlafen.
Ist ja auch scheißegal, wo: Hatte ich bereits erwähnt, dass es regnet?
Kilometer 203: Dritte große Pause. Niederlangen, dieses Mal keine Sehenswürdigkeit in der Nähe. Mir ist alles egal, ich freue mich nur wahnsinnig über die Pause. Ich will alles essen, aber habe Angst, dass mir wieder schlecht wird. Die Entscheidung fällt auf Kartoffel- und Couscoussalat. Und Kuchen. Kuchen ist wichtig. Cola auch. Weil die zweite Gruppe Probleme mit der Navigation hatte, haben wir einen zu großen Vorsprung herausgefahren. Gut für uns, denn so dauert unsere Pause länger. Nach einer guten halben Stunde werden wir wieder auf die Strecke geschickt: "Wir sehen uns in 70 Kilometern bei der nächsten Pause!"

Kilometer 204: Ich weiß nicht, was die Salate, der Kuchen oder die Cola mit mir gemacht haben, aber ich habe nicht nur keine so starken Schmerzen mehr, sondern vor allem wieder Bock. Die Selbstverständlichkeit, dass wir jetzt mal eben 70 weitere Kilometer radeln und dann zur vierten und letzten Pause anhalten, schwappt auf mich über. Okay, dann machen wir das mal.

Irgendwo im Nirgendwo: Mittlerweile ist es mir scheißegal, ob ich hinter meinem eigenen Baum hocke oder neben vier anderen Frauen auf einer Wiese aufgereiht. Pipipausen werden da gemacht, wo angehalten wird.
Kilometer 226: Wir überqueren die Ems und direkt darauf den Dortmund-Ems-Kanal.
Kilometer 236: Papenburg. Temperaturhöhepunkt mit 20°. Ich ziehe alles aus, was geht (also nur die Windjacke).
Kilometer 240: Aus irgendeinem Grund kommen die ersten Reihen auf die Idee, das Tempo anzuziehen. Ich würde mir eher die Zunge abbeißen, bevor ich "Kürzer!" rufe, aber ich komme nicht drum herum, zur Fahrweise etwas zu sagen. Es nervt unglaublich, wenn die vorderen Reihen nicht ruhig an Hindernissen vorbeifahren oder nach dem Anfahren an Ampeln so lange langsam rollen, bis die gesamte Gruppe wieder in Bewegung ist. Wenn Reihe eins nach jeder Ampel sofort kräftig reintritt, steht Reihe zehn noch an der Haltelinie und kann danach erst mal eine riesige Lücke zusprinten. Nach jeder Kurve, jeder Ampel, jedem Hindernis. Das kostet natürlich Kraft - vollkommen unnötig ausgerechnet bei einer Tour über 333 Kilometer. Leider wird meine Kritik ein bisschen falsch verstanden: "Ja, wir machen gleich mal was langsamer." Ich will nicht langsamer! Ich will nur nicht ständig Lücken schließen müssen. Es hilft auch nicht, weiter vorne zu fahren, außer man ist die allererste Reihe und bestimmt das Tempo. Ich versuche, mich nicht zu sehr aufzuregen. Immerhin lerne ich so meine disziplinierten Gruppen zuhause zu schätzen, mit deren ruhiger Fahrweise sich ein 30er Schnitt locker wie ein 25er anfühlt - egal an welcher Position du in der Gruppe bist. Geht nämlich auch.
Kilometer 260: Wie schön ist Leer eigentlich?
Kilometer 272: Vierte große Pause. Veenhusen. Es gibt Kuchen. Ich atme ein Stück Kuchen ein und entdecke dann die Tüte Chips. Geil! Nach all dem süßen Zeug endlich mal was Salziges. Wie großartig sind Chips bitte?!

Irgendwo im Nirgendwo: Ich bin mir sicher, dass wir über die allererste Straße fahren, die jemals in Ostfriesland gebaut wurde. Selbst der Mittelstreifen ist gepflastert.
Irgendwo im Nirgendwo vor 1000 Jahren: Immernoch Kopfsteinpflaster. Ein Hoch auf Gel-Lenkerband.
Kilometer 300: Aurich. So langsam nimmt das hier absurde Ausmaße an. Ich weiß exakt, wo wir sind und wie weit es noch ist - 25 Jahre Nordsee-Urlaub haben ihre Spuren hinterlassen.
Kilometer 315: Ich kenne jede Straße und finde es komplett absurd, dass wir heute morgen noch in Essen waren und jetzt hier. Und dazwischen nur Rad gefahren sind.
Kilometer 326: Ich überlege, ob die Holzmöwe auf dem Ortsschild von Westerbur ("Urlaub pur in Westerbur") aus Holz oder echt ist. Ich weiß, dass sie aus Holz ist, aber ich überlege trotzdem.
Kilometer 327: Wir biegen auf die Straße direkt am Deich ab und mir geht das Herz auf. Geht es schöner, als die letzten Kilometer direkt neben dem Deich zu radeln? Mit über 300 Kilometern in den Beinen, seit über 15 Stunden unterwegs und jetzt mit dem Wissen, dass wir direkt am Meer sind. Fast am Ziel. Die Endorphine schrauben das Tempo wieder ein bisschen höher. Fühlt sich gut an.
Kilometer 333: Hafeneinfahrt Bensersiel. Wie perfekt das auf den Kilometer genau aufgeht. Und wie wunderbar der Ort passt: An diesem Strand habe ich schon als 5-Jährige im Sand gespielt und Wattwanderungen unternommen. Zuletzt war ich Anfang des Jahres da und bin zusammen mit meiner Schwester auf das Klettergerüst geklettert, das früher irgendwie viel höher war. Und jetzt bin ich wieder hier. Mit dem Rad. Aus eigener Kraft. Einfach hingeradelt. An einem Tag. Vollkommen bescheuert. Auf jeden Fall bekloppt genug, um die Freudentränen in die Augen zu treiben und für Welt-umarmen-wollen-Stimmung zu sorgen. Wie geil ist das bitte?!

Der Empfang ist fantastisch: Es gibt bunte Luftballons, Bier und freudige Gesichter. Nur das Meer ist nicht da. Ich kriege das Grinsen trotzdem nicht mehr aus dem Gesicht und mache mich stattdessen auf die Suche nach dem Strandkorb mit der Nummer 333.

Kilometer 334: Das letzte, was ich möchte, ist sitzen. Weil wir nicht am Strand schlafen (schade eigentlich!), setze ich mich trotzdem nochmal aufs Rad (autsch). Diese letzten Handvoll Kilometer sind die schmerzhaftesten des Tages - aber das ist völlig egal. Es hat sich so sehr gelohnt. Was für ein Ritt! Danke, liebes ERG-Team. Was ihr hier auf die Beine gestellt habt, ist absolut fantastisch. Jede Sekunde war euch das Herzblut anzumerken, das in dieser Geschichte steckt. Darauf erstmal ne Portion Apfelmus mit Vanillesauce! Sea you soon!

Wen die Langstrecke jetzt reizt, dem möchte ich den zauberhaften Artikel von VeloQ ans Herz legen: 300 Kilometer sind nur 150 pro Bein.
"Ich habe es vorher nie verstanden, denn Dreihundert sind anders. Es ist kein gewonnener Sprint, kein KOM auf der Liste, kein PR für die Bücher. Dreihundert ist kein Wettbewerb gegen andere. Es ist ein Wettbewerb gegen sich selbst. Ein Wettbewerb, den man alleine austrägt, dessen Bedeutung man nicht suchen sondern nur finden kann. Aber nicht auf der Straße, nicht auf Asphalt, Kopfsteinpflaster, Strava oder Garmin. Dreihundert sind der ultimative Beweis an sich selbst. Es ist der Sieg über sich selbst. Man ist so weit weg, wie noch nie zuvor. Und man ist so weit weg, wie andere es nie sein werden."
Zahlen:
333,9 Kilometer
Fahrtzeit: 12:22 Stunden
Schnitt: 27 km/h
Gesamtzeit: 16:21 Stunden
Gruppenbild: ERG 1900 e.V.
Montag, 7. August 2017
Inside Tour de France
Ich war beim Grand Départ in Düsseldorf. Natürlich. Tour de France direkt vor der eigenen Haustür, geht es noch besser? Ja. Für Coffee & Chainrings durfte ich bei zwei Etappen in Frankreich ein bisschen hinter die Kulissen der Tour de France schauen. Tissot hatte zur Pressereise geladen und ich musste mich natürlich nicht zwei Mal bitten lassen. Mit Französisch-Kenntnissen, die stark gegen Null tendieren, habe ich mich zwei Tage lang mit Händen, Füßen und einem Herz voller Radsportliebe so durchgeschlagen. Herausgekommen sind zwei Artikel, einige Bilder und eine Unmenge einmaliger Erinnerungen.
Hier geht's zu Bildern und Texten:
Inside Tour de France - Teil 1 - 10. Etappe von Périgueux nach Bergerac
Inside Tour de France - Teil 2 - 11. Etappe von Eymet nach Pau
Hier geht's zu Bildern und Texten:
Inside Tour de France - Teil 1 - 10. Etappe von Périgueux nach Bergerac
Inside Tour de France - Teil 2 - 11. Etappe von Eymet nach Pau





Freitag, 28. Juli 2017
Rapha Women's 100 feat. Braver Than The Elements 2017
Wenn du irgendwem erzählst, der noch nie Rennrad gefahren ist, dass du gedenkst, 100 Kilometer auf eben diesem Gefährt zurück zu legen, wirst du schon mal schnell mit großen Augen angeguckt. Jeder Rennradfahrer hingegen zuckt höchstens müde mit den Schultern. 100 Kilometer? Die kommen schnell mal zusammen. Nichts Besonderes also?

Doch. Meine allerersten 100 Kilometer bin ich vor genau zwei Jahren geradelt. Bei der Rapha Women's 100 2015, zusammen mit einem Haufen Mädels und der Schicken Mütze. Alleine wäre ich sehr wahrscheinlich nicht auf die Idee gekommen. Damals tat mir hinterher alles weh und ich war mächtig stolz. Mittlerweile sind 100 Kilometer keine Distanz mehr, die mich auf dem Rennrad beeindruckt, aber ich habe nicht vergessen, dass es noch nicht allzu lange her ist, als das noch etwas anders aussah. Deshalb stand für mich fest, dass ich dieses Jahr wieder dabei sein würde. Etwas zu schaffen, was man vorher noch nie ausprobiert hat oder woran man nicht einmal gedacht hat; die Erfahrung, wie weit man aus eigener Kraft kommen kann - das ist nämlich auch von der anderen Seite schön. Nicht nur dann, wenn man sich durchkämpft und das Ganze selbst erlebt, sondern auch, wenn man dabei zusieht, die Gruppe führt oder anschiebt, wenn man motiviert und zur Not kleine Arschtritte verteilt.
Rapha hat also wieder Frauen dazu aufgerufen, 100 Kilometer zu radeln. Wieder an einem Sonntag im Juli, wieder am letzten Tag der Tour de France. Fein. Unsere Düsseldorfer Gruppe ist bunt gemischt. 25 Frauen, manche routinierte Fahrerinnen, manche noch nicht lange auf dem Rad oder unerfahren in Gruppen. Die ersten 30 hügeligen Kilometer eignen sich gut, um sich an das heranzutasten, was noch kommt: viel geradeaus und viel Wind. Sehr viel Wind. Und Regen. Und Wind. Und noch mehr Regen. Hatte ich Wind schon erwähnt?
An den Hügeln rollt es gut. Jede fährt ihr eigenes Tempo und die langsameren können oben immer wieder aufschließen, ohne dass die schnelleren ewig lange rumstehen und kalt werden. Nach den ersten beiden Hügeln wartet nur noch der Esel - genau wie vor zwei Jahren. Noch immer berühmt-berüchtigt, aber das einzig furchteinflößende an diesem Anstieg ist, dass er einen Namen hat. Wirklich. Aber mir glaubt ja keiner. Damit es sich unterwegs niemand anders überlegt, plappere ich einfach während der ganzen Kletterei dummes Zeug, das hoffentlich entweder a) ablenkt, b) gute Laune verbreitet oder c) so einen Hass auf mich schürt, dass die kämpfende Truppe erst recht vor mir oben ankommen will. Bitte wählen Sie jetzt.
Die blöden Geschichten sind mir noch lange nicht ausgegangen, aber wir haben die Kuppe erreicht. Esel: check. "Das war alles?" - "Hatte ich mir viel schlimmer vorgestellt!" Ach guck an. Ich habe noch nie jemanden sagen hören: "Das war schrecklich, das mache ich nie wieder!" Nie. Stattdessen: Erleichterung, Freude, Stolz. Am besten ist es eben, Sachen einfach mal zu machen.
Nachdem die Hügel jetzt hinter uns liegen, rollen wir der Kuchenpause entgegen - nur liegt die inmitten einer Schlechtwetterfront. Auf den Wirtschaftswegen zwischen den Feldern sind wir ein leichtes Opfer für den Wind. Er will uns bremsen, uns noch etwas im Nassen aufhalten. Das leichte Nieseln entwickelt sich gerade zu einem ordentlichen Platzregen. Wir schwimmen vorwärts. Gegen eine Wand aus Wind. Ist das hier Women's 100 oder Braver Than The Elements? Die Grenzen verschwimmen. Genau wie die Straße. Und die Sicht. Ich muss die Brille abnehmen, wenn ich nicht blind weiter fahren will. Der Wind peitscht die kalten Regentropfen ins Gesicht: auf Wangen, Nase, Lippen und in die Augen, auf Arme und Beine, auch von unten spritzt das Wasser hoch und wir sind alle so unendlich nass. Bis auf die Haut.
Wie wunderbar. Klar kannst du auch großartige Ausfahrten bei bestem Wetter haben. Aber die Geschichten, an die sich später alle erinnern, spielen immer unter widrigsten Bedingungen. Oder ist die Titanic unter strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel untergegangen? Eben. Bei uns heißt es dann halt: Wisst ihr noch, wie wir mit 25 pitschepatschenassen Mädels in das Café gestiefelt sind, wie komisch die anderen Gäste geguckt haben, wie wir alle Stühle und Polster komplett unter Wasser gesetzt haben und wie großartig dieser gigantische Eiskaffee war?








Nach unserer Stärkung hört der Regen auf. Der Wind bleibt uns noch erhalten. Er pustet von vorne, von der einen Seite, von der anderen Seite. Puh. Kurz vor Kilometer 70 entscheiden wir uns für eine Gruppentrennung, weil sich nicht alle trauen, im Windschatten zu bleiben - das bremst die ganze Gruppe aus und bei den Bedingungen wird es dadurch anstrengender als nötig. Wir spalten uns also in Peloton und Gruppetto, was allen mehr als recht ist.

Plötzlich meint es auch der Wind gut mit uns und schiebt uns zurück in Richtung Düsseldorf. Das beständige Rauschen in den Ohren wird jetzt unterbrochen von munterem Gemüse-Raten: Wir fahren an so vielen verschiedenen Feldern vorbei, dass sich schnell herausstellt, wer die besten naturkundlichen Kenntnisse hat. "Kartoffeln!" - "Steckrüben!" - "Ist das hier Kohl?" - "Um Himmels Willen, was für eine Pflanze stinkt so dermaßen?" - "Tagetes!" Jungs, das sind also die Themen, über die Frauen sprechen, wenn sie unter sich sind: Kuchen und Kohl.




Wir biegen genau an der richtigen Stelle auf den Deich ab und haben den allerbesten Blick auf Düsseldorf. Den Rheinturm, den Medienhafen, die Kniebrücke, all das viele Grün, die Schafe. Homecoming. Nach exakt 100 Kilometern. Unter Applaus rollen wir in der Schicken Mütze ein. Wenig später empfangen wir standesgemäß die zweite Gruppe. Geschafft! Ich blicke in lauter strahlende Gesichter. Zur Belohnung gibt es - natürlich - Gebäck, vielen Dank an den großzügigen Spender!








Diejenigen, deren Couch noch nicht zu laut ruft, bleiben zum Rudelgucken. Die letzte Etappe der Tour de France, die vor drei Wochen genau hier begonnen hat, bei uns in Düsseldorf. Paris. Der letzte Sprint. Mein absolutes Highlight ist der großartige Paul Voß live in der Sportschau: "Greipel! Greipel! Greipel!!! Nee. Groenewegen. Fuck!" Was für ein Kommentar, so viele Emotionen in einem so kurzen Augenblick. Den zweitbesten Kommentar des Tages habe ich unterwegs aufgeschnappt: Ein älterer Herr, ebenfalls mit dem Rennrad unterwegs, musste kurz warten, um 25 Mädels durchzulassen. Er stellte dabei verwundert fest: "Ich wusste gar nicht, dass so viele Frauen Rennrad fahren!" #thisiswhy: Danke Rapha, danke Schicke Mütze, danke an alle Mitfahrerinnen!
Danke für die Fotos an Kerstin Kortekamp, Carsten Wien, Ellen Abendroth.
Montag, 3. Juli 2017
Grand Départ: Tour de France in Düsseldorf
Tour de France. In Düsseldorf. Grand Départ direkt vor meiner Haustür. Monatelange Vorfreude, die ersten Events als Vorboten der Tour - mein absolutes Highlight bisher der Streckentest der zweiten Etappe mit acht Profis, von denen sieben nun tatsächlich die Tour fahren. Mittlerweile: ein vor Pressemeldungen überquellendes E-Mail-Postfach und mehr Veranstaltungen, als in den Kalender passen. Alle Augen schauen nach Düsseldorf. Kritiker hinterfragen Kosten und Sinn. Zwei positive Dopingproben kurz vor der Tour sind das beschissenste Signal, das ich mir vorstellen kann. Senden wir ein anderes.
Muss das wirklich sein, Tour de France in Düsseldorf? Was für mich gerade sein muss: Der Versuch, diese wahnsinnige Woche mit Worten zu beschreiben. Denn neben allem offiziellen Geschissel sind es vor allem die Menschen, die die Tour zum Erlebnis machen. In den letzten Monaten habe ich durchs Radfahren unheimlich viele Leute kennengelernt: Mit den einen fahre ich jede Woche zusammen, mit anderen eher zu besonderen Anlässen. Einige sind mir zu schnell, trotzdem kennt man sich. Düsseldorf ist ein Dorf, das eine Radsportszene beherbergt, die ich als extrem vielfältig empfinde - für jeden ist was dabei, Rennrad, MTB, Fixed, gefühlt kennt trotz der Größe der Szene jeder jeden und bei den offenen Ausfahrten tauchen immer mehr Leute auf. Die Familie wächst. Und sie hat eingeladen. Zur Tour de France nach Düsseldorf.
Auf meinem Tourmaker-Ausweis steht "Presse-/Medienassistenz", dazu bekomme ich noch einen angebermäßigen Presseausweis. Meine Aufgabe: Stimmung einfangen, ein paar Bilder machen, Spaß haben. Wirklich! Und wie das so ist mit den Sachen, auf die man sich schon eine Ewigkeit lang freut, überrumpeln sie einen dann plötzlich. Zack, schon wieder Weihnachten. Zack, Grand Départ. Bims Bams. Plötzlich finden eine Milljausend Dinge gleichzeitig statt, alle klingen vielversprechend und aufregend, die Zeit rast und die Angst, nicht am richtigen Ort zu sein und etwas zu verpassen, verkompliziert die Planung. Ich würde mich am liebsten aufteilen.
Den ersten Hauch einer Ahnung, was für ein gigantischer Wanderzirkus die Tour ist, bekomme ich bei Diskussionen mit Händen und Füßen mit den französischen Ordnern rund ums Pressezentrum. Da geht's am Mittwoch gleich los mit der Eröffnung und der Kinderpressekonferenz. Marcel Kittel, André Greipel, Simon Geschke und Nikias Arndt beantworten geduldig und witzig die Fragen von rund 30 französischen und deutschen Kindern. Alles dabei von "Wie werde ich Radprofi?" über "Mit wem trainiert ihr gern zusammen?", "Was macht ihr in eurer Freizeit?" bis zu "Was esst ihr so bei der Tour?" Spannend zu sehen, wer PR-taugliche, druckreife Antworten gibt und wer sich schon mal ein wenig auf dem Stuhl windet und sich dann ein bisschen auf die Zunge beißt. André Greipel empfiehlt übrigens in Tee aufgelöste Gummibärchen, wenn das mal jemand ausprobiert hat, möge er bitte berichten!
Der neue heiße Scheiß: Social Rides. Bedeutet: Irgendwer lädt ein und alle kommen zum Radeln. Meistens organisiert von Fahrradläden, gerne in Kooperation mit Unternehmen, mit Testprodukten und Schnick und Schnack. Wer Rennräder, Schaltgruppen, Navis, Helme oder was auch immer ausprobieren will, hat die Qual der Wahl. Jeden Tag finden gefühlt drölf Rides statt und ich bin das Kind im Süßigkeitenladen. Am Mittwoch geht's für mich zur Schicken Mütze. Teile des Cannondale-Teams verstärken die heute mal an die 50 Fahrer starke Rookie-Runde und der spontane Geleitschutz der Polizei über sämtliche linksrheinischen roten Ampeln perfektioniert diese einmalige Sache. Im Anschluss wird gegrillt, zusammen gesessen, über Radsport gefachsimpelt. Das Herz hüpft ein bisschen. Und das schon am Mittwoch.
Donnerstag, Tag der Teampräsentation. Nachmittags gibt es eine TV-Probe zum Test der Abläufe, für die neun Statisten mit Fahrrädern gebraucht werden. Natürlich will ich mitmachen, wann hat man schon einmal die Gelegenheit, über die Bühne zu radeln? Während ich mir denke, dass ich da einfach lässig hoch fahre, kurz rumstehe, dann wieder runter rolle und deshalb mit der zur Stadtschlampe umfunktionierten Gabi anrücke, tauchen meine acht Teamkollegen fast alle in Trikots und mit vernünftigen Rennrädern auf. Okay. Peinlich zum zweiten: Rampe unterschätzen. Dicksten Gang drin lassen. Kurz vor Ende absteigen müssen. So viel zum Thema lässig auf die Bühne rollen! Beim zweiten Versuch auf dem kleinen Blatt geht dann alles gut. Schon schön da oben! Ich werd jetzt übrigens Radprofi.
Die Weltspitze ist zu Gast bei uns in Düsseldorf. Da trifft einer Nairo Quintana beim Bäcker, dem nächsten kommt Marcel Kittel auf der Radrunde entgegen. Als sei es das Normalste der Welt. Spätestens bei den Menschenmassen, die während der Teampräsentation ihre Helden feiern, dämmert mir so langsam, was die Tour bedeutet. Größtes Radrennen. Drittgrößtes Sportereignis der Welt. 3500 Kilometer in 21 Etappen. Wer hier mitfahren darf, wer von seinem Team nominiert wird, gehört zu den besten der Welt. Jeder träumt davon, ob aktueller oder Ex-Profi, und wer es schafft, dabei zu sein, ist ein Held, kann Radsportgeschichte schreiben. Da kann man schon mal etwas Gänsehaut kriegen.
Egal, wo man hingeht: Alle paar Meter stolpert man in irgendwen aus der Düsseldorfer Radsportgang hinein. Bei der Teampräsentation, auf dem Burgplatz, an den Kasematten, am Apolloplatz, natürlich am Fortunabüdchen. Aber auch der Rest der Stadt ist im Tourfieber. Während meine Social-Media-Teamkollegin Annette von den Radflamingos Peter Sagan vor dem Hotel auflauert, gurke ich am Freitagmorgen die Rennbahnstraße zur Bergwertung hoch. Ein Krankenwagen überholt mich, der Beifahrer lehnt sich aus dem Fenster und ruft: "So wird das aber nichts mit dem gelben Trikot!" Bis zur Rennbahn kriege ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Noch besser wirds nur auf dem Rückweg an einer Ampel, als eine ältere Dame - ebenfalls auf dem Rad - neben mir anhält und fragt, ob ich diese Tour de France auch mitfahre. Ich sage ihr, dass da leider nur Männer starten dürfen (was natürlich auch der einzige Grund ist, weshalb ich nicht teilnehme, ist ja klar). Sie: "Achso. Naja, Sie sehen so professionell aus." Alles klar.
Der restliche Freitag: Rapha Ride mit Canyon, Mieke Kröger und 70 anderen Leuten. Der helle Wahnsinn, dieses Mal ohne Polizei-Eskorte. Dann Mützenfest, Herzdings, viele tolle Menschen. Altstadt. Ich möchte nicht, dass die Tour startet, weil die letzten Tage so wunderbar waren, weil die Vorfreude so schön ist. Beim Start des Zeitfahrens am Samstag stehe ich vor der Countdown-Uhr am Burgplatz und bedauere, dass sie keine Sekunden anzeigt. Der Sprung auf Null ist so unspektakulär wie die Sportschau: "Achja der erste Fahrer ist schon auf der Strecke, wir berichten mal irgendein belangloses Zeug über unsere Moderatoren und dann geht's gleich auch richtig los." Achja danke!
Zeitfahren also. Im Regen. Ich wandere an der Strecke entlang und da ist sie wieder: Die Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Auf der Suche nach Fotomotiven achte ich nur aufs Drumherum und stelle nach einer Weile fest, dass ich noch keinen einzigen Radfahrer gesehen und nicht die leiseste Ahnung von den gefahrenen Zeiten oder einem Ranking habe. Also Stopp vor einer Leinwand. Die Fotos gelingen nicht so, wie ich möchte und daher kehre ich zur besten Ecke zurück, an der ich bisher vorbei gekommen bin, um endlich mal selbst etwas zu sehen: Der Cycling Club Düsseldorf belagert schon seit morgens um 10 die Fankurve in einer Brückenauffahrt. Perfekt!
Endlich bin ich nicht mehr alleine unterwegs, sondern stehe mit guten Leuten an einer guten Stelle. Annette gibt eine sagenhafte Ansagerin ab, man könnte sie ohne Probleme beim Boxen einsetzen. Zum Ansagen, nicht zum Boxen. Nehme ich an. Der letzte Teil der Startliste liest sich wie das Who-is-who des Radsports. Alle warten auf Tony Martin, den Weltmeister, den absoluten Favoriten. Bis er endlich kommt, feuern wir alle anderen Fahrer lautstark an und versuchen, die Belgier neben uns zu übertreffen - wird schwer. Sprechchöre, Klatschen, Geschrei, Jubel. Gänsehaut. Der absolute Wahnsinn. André Greipel ist dran. Die Gruppe von schräg gegenüber skandiert schon minutenlang "AN-DRE!". Wir antworten mit "GREI-PEL!" Es schaukelt sich hoch und explodiert, als er endlich vorbei kommt. Nicht weit dahinter, endlich, Tony Martin. Schon wieder läuft mir ein Schauer über den Rücken. Er könnte das packen heute, hier zuhause in Deutschland, beim Tourauftakt das Zeitfahren gewinnen und ins gelbe Trikot fahren. Wir wollen noch Marcel Kittel sehen ("MAR-CEL! KIT-TEL!"), schreien ihn durch die Kurve und sprinten dann zur nächsten Leinwand.
Fühlt sich an wie Elfmeterschießen beim WM-Finale. Eine Sekunde Vorsprung bei der Zwischenzeit für Tony Martin. Junge!! Hol dir das scheiß Ding! Mitten in unsere Euphorie platzt die Info, dass Alejandro Valverde nach seinem Sturz nicht weiter fahren kann, sondern die Tour für ihn schon am ersten Tag vorbei ist. Scheiße. So bitter. Mittlerweile ist Nairo Quintana auf der Strecke und wir fragen uns: Wie viel weiß er von Valverde? Ich hoffe, so wenig wie möglich. Man weiß es nicht. Tony Martin biegt auf die Zielgerade, die letzte Woche noch Triathlonstrecke war. Die letzten vier Kilometer führen nur noch flach geradeaus, keine Brücken mehr, keine Kurven. Wie weh das tun muss. Und es wird eng. Mit weit aufgerissenem Mund fliegt er über die letzten Kilometer, während wir uns vor der Leinwand abwechselnd die Seele aus dem Leib schreien und auf die Fingerkuppen beißen. Am Ende reicht es nicht.
Die Enttäuschung ist groß, aber gleichzeitig schaurig-schön. Scheiße, dass es mit dem Etappensieg zum Start nicht geklappt hat, aber was für ein wahnsinniges Gefühl, wie viele mitfiebern, wie die Emotionen hoch kochen. Das geht den 16 deutschen Fahrern offenbar genauso. Marcel Sieberg twittert: "Unglaublich!! Gestartet mit Gänsehaut und im Ziel mit tauben Ohren. Was für ein Auftakt. Danke an alle, die es möglich gemacht haben." Simon Geschke schreibt, er habe jede Sekunde auf dem Kurs genossen. Christian Knees berichtet von Gänsehaut während der gesamten Strecke. Wie schön ist das bitte, ein Teil davon sein zu dürfen?
Dass Deutschland Radsport kann, wird allerspätestens am Sonntag klar. Mit der zweiten Etappe geht es gefühlt so richtig los. Während das Einzelzeitfahren ein geschickter Zug zum Auftakt war, weil dabei auch nicht so radsportaffine Zuschauer mehrere Stunden lang die Gelegenheit zum Zuschauen hatten, fühlt sich die erste "richtige" Etappe noch mehr nach Tour an. Der neutralisierte Start gibt mir die Gelegenheit, das Peloton zunächst an zwei Stellen in der Stadt zu sehen.
Während die Strecke dann (wie schon beim Test im September, dem Race am Rhein) raus aus Düsseldorf und über Mettmann und Ratingen wieder zurück führt, radele ich über die Oberkasseler Brücke dorthin, wo ich das Stimmungsnest vermute: Leostraße. La Bici. Natürlich. Die Straße ist vollgestopft mit Fans, der Asphalt bemalt - genau so habe ich mir das vorgestellt!
Alle warten gespannt auf ihre Helden. Da sind so viele Gesichter, in die ich schaue und die alle sagen: Ja, das war eine gute Entscheidung, die Tour nach Deutschland, nach Düsseldorf zu holen. Wir empfangen euch mit offenen Armen. Wir haben Bock auf Radsport. Für die sowieso schon Radsportverrückten war diese Woche wie Geburtstag, Weihnachten, Heiraten, Kinderkriegen - alles zusammen, eine gigantische Party, für die man wahrscheinlich nur einmal im Leben ein Ticket bekommt. Ich bin aber sicher, dass es neben den Fahrrad-Ultras seit dem letztem Wochenende noch einige weitere gibt, die angefixt sind. Die auf Klappstühlen an der Strecke gesessen haben, Pavillons aufgebaut haben, Freunde auf den Balkon eingeladen haben. Achja, Wetter. Hatten wir auch, spielt aber echt keine Rolle. Wie schön das ist, wenn die Begeisterung einfach überschwappt.
So wehmütig ich bin, dass die Tour schon wieder weg ist, wo wir sie hier gerade so ins Herz geschlossen haben: Ich hoffe und wünsche mir, dass Düsseldorf viel davon mitnimmt. Danke an alle, die sich dafür eingesetzt haben, die das möglich gemacht haben. Diese Woche bleibt in Köpfen und Herzen. Danke!
Und: Für mich ist die Tour noch nicht ganz weg, denn ich reise ihr hinterher. Nächste Woche geht's los, mehr wird noch nicht verraten. Außer: Ich bräuchte da noch so ein gewisses T-Shirt ...
Fotos für diesen Artikel stammen von Christian Siedler, von Annette Feldmann und von mir.
Muss das wirklich sein, Tour de France in Düsseldorf? Was für mich gerade sein muss: Der Versuch, diese wahnsinnige Woche mit Worten zu beschreiben. Denn neben allem offiziellen Geschissel sind es vor allem die Menschen, die die Tour zum Erlebnis machen. In den letzten Monaten habe ich durchs Radfahren unheimlich viele Leute kennengelernt: Mit den einen fahre ich jede Woche zusammen, mit anderen eher zu besonderen Anlässen. Einige sind mir zu schnell, trotzdem kennt man sich. Düsseldorf ist ein Dorf, das eine Radsportszene beherbergt, die ich als extrem vielfältig empfinde - für jeden ist was dabei, Rennrad, MTB, Fixed, gefühlt kennt trotz der Größe der Szene jeder jeden und bei den offenen Ausfahrten tauchen immer mehr Leute auf. Die Familie wächst. Und sie hat eingeladen. Zur Tour de France nach Düsseldorf.

Auf meinem Tourmaker-Ausweis steht "Presse-/Medienassistenz", dazu bekomme ich noch einen angebermäßigen Presseausweis. Meine Aufgabe: Stimmung einfangen, ein paar Bilder machen, Spaß haben. Wirklich! Und wie das so ist mit den Sachen, auf die man sich schon eine Ewigkeit lang freut, überrumpeln sie einen dann plötzlich. Zack, schon wieder Weihnachten. Zack, Grand Départ. Bims Bams. Plötzlich finden eine Milljausend Dinge gleichzeitig statt, alle klingen vielversprechend und aufregend, die Zeit rast und die Angst, nicht am richtigen Ort zu sein und etwas zu verpassen, verkompliziert die Planung. Ich würde mich am liebsten aufteilen.
Den ersten Hauch einer Ahnung, was für ein gigantischer Wanderzirkus die Tour ist, bekomme ich bei Diskussionen mit Händen und Füßen mit den französischen Ordnern rund ums Pressezentrum. Da geht's am Mittwoch gleich los mit der Eröffnung und der Kinderpressekonferenz. Marcel Kittel, André Greipel, Simon Geschke und Nikias Arndt beantworten geduldig und witzig die Fragen von rund 30 französischen und deutschen Kindern. Alles dabei von "Wie werde ich Radprofi?" über "Mit wem trainiert ihr gern zusammen?", "Was macht ihr in eurer Freizeit?" bis zu "Was esst ihr so bei der Tour?" Spannend zu sehen, wer PR-taugliche, druckreife Antworten gibt und wer sich schon mal ein wenig auf dem Stuhl windet und sich dann ein bisschen auf die Zunge beißt. André Greipel empfiehlt übrigens in Tee aufgelöste Gummibärchen, wenn das mal jemand ausprobiert hat, möge er bitte berichten!

Der neue heiße Scheiß: Social Rides. Bedeutet: Irgendwer lädt ein und alle kommen zum Radeln. Meistens organisiert von Fahrradläden, gerne in Kooperation mit Unternehmen, mit Testprodukten und Schnick und Schnack. Wer Rennräder, Schaltgruppen, Navis, Helme oder was auch immer ausprobieren will, hat die Qual der Wahl. Jeden Tag finden gefühlt drölf Rides statt und ich bin das Kind im Süßigkeitenladen. Am Mittwoch geht's für mich zur Schicken Mütze. Teile des Cannondale-Teams verstärken die heute mal an die 50 Fahrer starke Rookie-Runde und der spontane Geleitschutz der Polizei über sämtliche linksrheinischen roten Ampeln perfektioniert diese einmalige Sache. Im Anschluss wird gegrillt, zusammen gesessen, über Radsport gefachsimpelt. Das Herz hüpft ein bisschen. Und das schon am Mittwoch.

Donnerstag, Tag der Teampräsentation. Nachmittags gibt es eine TV-Probe zum Test der Abläufe, für die neun Statisten mit Fahrrädern gebraucht werden. Natürlich will ich mitmachen, wann hat man schon einmal die Gelegenheit, über die Bühne zu radeln? Während ich mir denke, dass ich da einfach lässig hoch fahre, kurz rumstehe, dann wieder runter rolle und deshalb mit der zur Stadtschlampe umfunktionierten Gabi anrücke, tauchen meine acht Teamkollegen fast alle in Trikots und mit vernünftigen Rennrädern auf. Okay. Peinlich zum zweiten: Rampe unterschätzen. Dicksten Gang drin lassen. Kurz vor Ende absteigen müssen. So viel zum Thema lässig auf die Bühne rollen! Beim zweiten Versuch auf dem kleinen Blatt geht dann alles gut. Schon schön da oben! Ich werd jetzt übrigens Radprofi.


Die Weltspitze ist zu Gast bei uns in Düsseldorf. Da trifft einer Nairo Quintana beim Bäcker, dem nächsten kommt Marcel Kittel auf der Radrunde entgegen. Als sei es das Normalste der Welt. Spätestens bei den Menschenmassen, die während der Teampräsentation ihre Helden feiern, dämmert mir so langsam, was die Tour bedeutet. Größtes Radrennen. Drittgrößtes Sportereignis der Welt. 3500 Kilometer in 21 Etappen. Wer hier mitfahren darf, wer von seinem Team nominiert wird, gehört zu den besten der Welt. Jeder träumt davon, ob aktueller oder Ex-Profi, und wer es schafft, dabei zu sein, ist ein Held, kann Radsportgeschichte schreiben. Da kann man schon mal etwas Gänsehaut kriegen.

Egal, wo man hingeht: Alle paar Meter stolpert man in irgendwen aus der Düsseldorfer Radsportgang hinein. Bei der Teampräsentation, auf dem Burgplatz, an den Kasematten, am Apolloplatz, natürlich am Fortunabüdchen. Aber auch der Rest der Stadt ist im Tourfieber. Während meine Social-Media-Teamkollegin Annette von den Radflamingos Peter Sagan vor dem Hotel auflauert, gurke ich am Freitagmorgen die Rennbahnstraße zur Bergwertung hoch. Ein Krankenwagen überholt mich, der Beifahrer lehnt sich aus dem Fenster und ruft: "So wird das aber nichts mit dem gelben Trikot!" Bis zur Rennbahn kriege ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Noch besser wirds nur auf dem Rückweg an einer Ampel, als eine ältere Dame - ebenfalls auf dem Rad - neben mir anhält und fragt, ob ich diese Tour de France auch mitfahre. Ich sage ihr, dass da leider nur Männer starten dürfen (was natürlich auch der einzige Grund ist, weshalb ich nicht teilnehme, ist ja klar). Sie: "Achso. Naja, Sie sehen so professionell aus." Alles klar.

Der restliche Freitag: Rapha Ride mit Canyon, Mieke Kröger und 70 anderen Leuten. Der helle Wahnsinn, dieses Mal ohne Polizei-Eskorte. Dann Mützenfest, Herzdings, viele tolle Menschen. Altstadt. Ich möchte nicht, dass die Tour startet, weil die letzten Tage so wunderbar waren, weil die Vorfreude so schön ist. Beim Start des Zeitfahrens am Samstag stehe ich vor der Countdown-Uhr am Burgplatz und bedauere, dass sie keine Sekunden anzeigt. Der Sprung auf Null ist so unspektakulär wie die Sportschau: "Achja der erste Fahrer ist schon auf der Strecke, wir berichten mal irgendein belangloses Zeug über unsere Moderatoren und dann geht's gleich auch richtig los." Achja danke!
Zeitfahren also. Im Regen. Ich wandere an der Strecke entlang und da ist sie wieder: Die Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Auf der Suche nach Fotomotiven achte ich nur aufs Drumherum und stelle nach einer Weile fest, dass ich noch keinen einzigen Radfahrer gesehen und nicht die leiseste Ahnung von den gefahrenen Zeiten oder einem Ranking habe. Also Stopp vor einer Leinwand. Die Fotos gelingen nicht so, wie ich möchte und daher kehre ich zur besten Ecke zurück, an der ich bisher vorbei gekommen bin, um endlich mal selbst etwas zu sehen: Der Cycling Club Düsseldorf belagert schon seit morgens um 10 die Fankurve in einer Brückenauffahrt. Perfekt!

Endlich bin ich nicht mehr alleine unterwegs, sondern stehe mit guten Leuten an einer guten Stelle. Annette gibt eine sagenhafte Ansagerin ab, man könnte sie ohne Probleme beim Boxen einsetzen. Zum Ansagen, nicht zum Boxen. Nehme ich an. Der letzte Teil der Startliste liest sich wie das Who-is-who des Radsports. Alle warten auf Tony Martin, den Weltmeister, den absoluten Favoriten. Bis er endlich kommt, feuern wir alle anderen Fahrer lautstark an und versuchen, die Belgier neben uns zu übertreffen - wird schwer. Sprechchöre, Klatschen, Geschrei, Jubel. Gänsehaut. Der absolute Wahnsinn. André Greipel ist dran. Die Gruppe von schräg gegenüber skandiert schon minutenlang "AN-DRE!". Wir antworten mit "GREI-PEL!" Es schaukelt sich hoch und explodiert, als er endlich vorbei kommt. Nicht weit dahinter, endlich, Tony Martin. Schon wieder läuft mir ein Schauer über den Rücken. Er könnte das packen heute, hier zuhause in Deutschland, beim Tourauftakt das Zeitfahren gewinnen und ins gelbe Trikot fahren. Wir wollen noch Marcel Kittel sehen ("MAR-CEL! KIT-TEL!"), schreien ihn durch die Kurve und sprinten dann zur nächsten Leinwand.

Fühlt sich an wie Elfmeterschießen beim WM-Finale. Eine Sekunde Vorsprung bei der Zwischenzeit für Tony Martin. Junge!! Hol dir das scheiß Ding! Mitten in unsere Euphorie platzt die Info, dass Alejandro Valverde nach seinem Sturz nicht weiter fahren kann, sondern die Tour für ihn schon am ersten Tag vorbei ist. Scheiße. So bitter. Mittlerweile ist Nairo Quintana auf der Strecke und wir fragen uns: Wie viel weiß er von Valverde? Ich hoffe, so wenig wie möglich. Man weiß es nicht. Tony Martin biegt auf die Zielgerade, die letzte Woche noch Triathlonstrecke war. Die letzten vier Kilometer führen nur noch flach geradeaus, keine Brücken mehr, keine Kurven. Wie weh das tun muss. Und es wird eng. Mit weit aufgerissenem Mund fliegt er über die letzten Kilometer, während wir uns vor der Leinwand abwechselnd die Seele aus dem Leib schreien und auf die Fingerkuppen beißen. Am Ende reicht es nicht.



Die Enttäuschung ist groß, aber gleichzeitig schaurig-schön. Scheiße, dass es mit dem Etappensieg zum Start nicht geklappt hat, aber was für ein wahnsinniges Gefühl, wie viele mitfiebern, wie die Emotionen hoch kochen. Das geht den 16 deutschen Fahrern offenbar genauso. Marcel Sieberg twittert: "Unglaublich!! Gestartet mit Gänsehaut und im Ziel mit tauben Ohren. Was für ein Auftakt. Danke an alle, die es möglich gemacht haben." Simon Geschke schreibt, er habe jede Sekunde auf dem Kurs genossen. Christian Knees berichtet von Gänsehaut während der gesamten Strecke. Wie schön ist das bitte, ein Teil davon sein zu dürfen?

Dass Deutschland Radsport kann, wird allerspätestens am Sonntag klar. Mit der zweiten Etappe geht es gefühlt so richtig los. Während das Einzelzeitfahren ein geschickter Zug zum Auftakt war, weil dabei auch nicht so radsportaffine Zuschauer mehrere Stunden lang die Gelegenheit zum Zuschauen hatten, fühlt sich die erste "richtige" Etappe noch mehr nach Tour an. Der neutralisierte Start gibt mir die Gelegenheit, das Peloton zunächst an zwei Stellen in der Stadt zu sehen.


Während die Strecke dann (wie schon beim Test im September, dem Race am Rhein) raus aus Düsseldorf und über Mettmann und Ratingen wieder zurück führt, radele ich über die Oberkasseler Brücke dorthin, wo ich das Stimmungsnest vermute: Leostraße. La Bici. Natürlich. Die Straße ist vollgestopft mit Fans, der Asphalt bemalt - genau so habe ich mir das vorgestellt!

Alle warten gespannt auf ihre Helden. Da sind so viele Gesichter, in die ich schaue und die alle sagen: Ja, das war eine gute Entscheidung, die Tour nach Deutschland, nach Düsseldorf zu holen. Wir empfangen euch mit offenen Armen. Wir haben Bock auf Radsport. Für die sowieso schon Radsportverrückten war diese Woche wie Geburtstag, Weihnachten, Heiraten, Kinderkriegen - alles zusammen, eine gigantische Party, für die man wahrscheinlich nur einmal im Leben ein Ticket bekommt. Ich bin aber sicher, dass es neben den Fahrrad-Ultras seit dem letztem Wochenende noch einige weitere gibt, die angefixt sind. Die auf Klappstühlen an der Strecke gesessen haben, Pavillons aufgebaut haben, Freunde auf den Balkon eingeladen haben. Achja, Wetter. Hatten wir auch, spielt aber echt keine Rolle. Wie schön das ist, wenn die Begeisterung einfach überschwappt.


So wehmütig ich bin, dass die Tour schon wieder weg ist, wo wir sie hier gerade so ins Herz geschlossen haben: Ich hoffe und wünsche mir, dass Düsseldorf viel davon mitnimmt. Danke an alle, die sich dafür eingesetzt haben, die das möglich gemacht haben. Diese Woche bleibt in Köpfen und Herzen. Danke!
Und: Für mich ist die Tour noch nicht ganz weg, denn ich reise ihr hinterher. Nächste Woche geht's los, mehr wird noch nicht verraten. Außer: Ich bräuchte da noch so ein gewisses T-Shirt ...
Fotos für diesen Artikel stammen von Christian Siedler, von Annette Feldmann und von mir.
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