Dienstag, 20. September 2016

Raceday No. 23 - Race am Rhein Düsseldorf

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Liebe Kinder, bitte macht das nicht nach! Ich stand nur deshalb am Sonntag beim alltours Race am Rhein trotz dicker Erkältung am Start, weil meine Saison vorbei ist, weil ich jetzt zwei Wochen Urlaub habe und weil ich es mir deshalb gerade erlauben kann, mich etwas länger auszukurieren. Natürlich weiß ich, dass es keine schlaue Idee ist, mit verschleimten Nebenhöhlen und Bronchien überhaupt an den Start zu gehen, deshalb wirklich: Don't try this at home!

Wäre ich nicht gestartet, hätte mir allerdings sehr das Herz geblutet: Ein Radrennen in Düsseldorf, diese neu entdeckte Liebe, direkt vor der Haustür auf einem Teil der zweiten Tour-de-France-Etappe 2017. Wie gut ist das denn? Ich freue mich einfach viel zu sehr auf das zweite Heimspiel in Folge nach dem Ratingen Triathlon am letzten Wochenende - DNS ist also keine Option. Wie fabelhaft so ein Spektakel zuhause ist, stelle ich ziemlich schnell fest: Während ich nur ein paar Minuten alleine in der Gegend rumstehe, halbherzig bei einem Junioren-Rennen auf der Kö zuschaue und auf den Rest warte, quatschen mich nacheinander gleich drei Leute an, die mir entweder schon mal bei einer gemeinsamen Ausfahrt oder bei Strava begegnet sind oder die hier mitlesen. Hallo kleine Düsseldorfer Radsportwelt, du große Familie!


Mein überaus vernünftiger Plan für das Rennen sieht so aus: Es langsam angehen lassen. Wirklich langsam. Bloß nichts riskieren: Bronchitis, Lungenentzündung, Herzmuskelquatsch, was man sich halt so einfängt, wenn man es erkältet übertreibt. Im Startblock deshalb meine Ansage an Silke und Svenja, die beide heute ihr erstes Rennen fahren, aber theoretisch auf jeden Fall schneller sind als ich: Keiner soll auf mich warten! Würde ich auch nicht wollen, also soll einfach jeder sein eigenes Ding fahren. Die zwei halt schnell und ich gemütlich hinterher, so wie es die Lunge zulässt. Als wir zur Startlinie rollen, tippt mir von außen über die Absperrung Steffen aus dem Orga-Team auf die Schulter und meint: "Hau rein!" Wie nett! Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Mit dem Startschuss geht es mir genauso wie Jan von Pushing Limits: Erst mal gemütlich losrollen... Ach, scheiß auf den Plan! 

Plötzlich gilt das Motto: Du kannst nicht mehr, wenn du "Ich kann nicht mehr" nicht mehr sagen kannst. Bis dahin gib uns deine beste Show! Die gebe ich. Die ersten Kilometer zusammen mit Silke und Svenja, die sich beide ziemlich flott in diese wunderbare Radrenn-Atmosphäre einfinden. Die kurze Diskussion, wie schnell man denn am Anfang so fährt, endet damit, dass ich meine: Scheiß drauf, die Strecke ist arschkurz. Was sind schon 46 km. Lass mal reinhauen. Ne gute Gruppe finden. Dann mal gucken.


Es läuft zu gut. Nach nur 6 km steht mit der Rennbahnstraße in Grafenberg der erste Anstieg an. Bergwertung! Ich merke, dass mich das bisschen bis hier hin schon unnormal angestrengt hat und bin sicher, dass die beiden Mädels mich gleich abhängen werden, aber so schnell will ich nicht aufgegeben und nehme daher allen Schwung mit in den Berg, den ich finden kann. Im Wiegetritt heize ich die ersten Meter hoch und lasse dabei überraschend die anderen zwei erst mal hinter mir. Ich leide lieber kurz und hart als lange und ein bisschen. Trotzdem eine bescheuerte Idee, denn erst oben an der Kurve fällt mir ein, dass sich der Berg ja noch ein Stückchen zieht. Nicht ganz 2 km sind es insgesamt bis nach oben und der schnelle Anfang rächt sich. Natürlich. Wenn ich meine Lunge nicht gleich vom Boden aufsammeln will, muss ich also langsamer machen. Was mich freut, sind die Beine - die sind nämlich völlig ok. Silke ist mittlerweile längst über alle Berge (true!) und Svenja sammelt mich auch wieder auf, so dass wir die Abfahrt zusammen nehmen können.

Ich komme wieder zum Atmen und versuche, das Ausmaß des Schadens abzuschätzen, den mir das bergauf Ballern eingebrockt hat. Die Lage lässt sich am besten im Windschatten sondieren und so klemme ich mich erst mal hinter Svenja, die zwar höchstens halb so breit ist wie ich, aber mich aus irgendeinem Grund trotzdem hervorragend zieht. Und das ist auch nötig. Beschissen siehts aus. Nachdem wir aus Gerresheim raus sind, gehts durch Erkrath ins Neandertal bis nach Mettmann. Ich hasse das Tal. Es geht fast 9 km lang bergauf und die Steigung ist kaum zu sehen, aber trotzdem zu spüren. Ich hasse solche tückischen Scheißberge. Dann lieber ehrlich und hart. Kurz und angsteinflößend bergauf, steil, aber mit absehbarem Ende - das sind mir die liebsten. Was ist das überhaupt für ein Tal, in dem es direkt wieder hoch geht?


Wir finden keine vernünftige Gruppe. Die einen sind zu schnell, die anderen zu langsam. Und so krebse ich hinter Svenja her, die sich nicht davon irritieren lässt, dass sie nicht auf mich warten soll. "Macht doch auch zusammen Spaß!" Äh ja, theoretisch schon. Ich wär nur halt gern fit! Würd auch mal im Wind fahren, gerne an irgendeine Gruppe ran fahren, schnell fahren, was man eben so macht im Radrennen! Stattdessen versuchen wir ein paar Kilometer lang, zu einem Bekannten aufzuschließen und ich möchte währenddessen sterben. 27x lege ich mir ein "Ok! Das wars, ich bin raus! Fahr die Scheiße alleine zu Ende! Echt jetzt!" zurecht und beiße mir dann doch lieber die Zunge ab. Ich weiß, dass in Mettmann nochmal ein fieser Anstieg kommt, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich da rauf kommen soll, wenn ich schon auf dem Weg dahin so dermaßen hinüber bin.

Schließlich holen wir meinen Vater ein, der in Block A kurz vor uns gestartet ist und das nehme ich als Anlass, Svenja jetzt wirklich alleine auf die weitere Reise zu schicken. Sie soll endlich ihr Tempo fahren, ich bin nicht alleine, alles cool. Wenn da nicht jetzt dieser beknackte Berg käme. Aber wie war das? Lieber kurz und heftig als lang und gemein? Zum ersten Mal mache ich was wirklich Vernünftiges und gehe diesen Anstieg langsam an. Kleinster Gang, gemütlich, so dass noch Luft zum Atmen bleibt. Aber nicht genug Luft, um dem älteren Herrn irgendwas zu entgegnen, der unsere Kletterei mit "Na da haben Sie sich aber was ausgesucht! Hier mit dem Rad hoch?!" kommentiert.

Ich bin oben. Nur noch 20 km. Mehr als die Hälfte ist geschafft, alle Berge sind geschafft, in meinem Kopf geht es jetzt nur noch bergab. Das tut nicht weh, also Vollgas. Eine scharfe Kurve und dann: Kette rechts. Ab ins Schwarzbachtal. Leider habe ich vergessen, dass vorher noch Metzkausen auf der Route liegt und es hier nicht nur bergab geht, sondern auch noch zwei mal leicht rauf. Och Mann ey. Alle Typen, die ich auf der Abfahrt überholt habe (Ich! Bergab! Vollkommen verrückt), kassieren mich sofort wieder beim leichtesten Anstieg. Okay. Mir ist alles egal. Ich warte auf die richtige Abfahrt, die für all die Kletterei entschädigt. Der schönste Moment des gesamten Rennens kommt ganz kurz vorher: Mettmanner Straße, kurz nach der Brücke über die A3. Oben auf der Kuppe, rechts und links Felder, am Horizont ist Düsseldorf zu erahnen. Weit weg. Weit unten. Hinter mir die Hügel, die Anstrengung, die Quälerei, vor mir die großartige Aussicht, die Abfahrt, das Ziel. Am liebsten würde ich anhalten, ein Foto machen, den Moment einfrieren, aber ich bin immer noch in einem beschissenen Rennen, ich kann das alles nur in mich aufsaugen. Und dann runter ins Schwarzbachtal schießen.


Ich bin bergab so ein Angsthase. Ich fahre lieber bergauf. Fahrt niemals mit mir in die Berge, ihr werdet unten immer warten müssen. Eigentlich. Für eine Jedermann-Rennstrecke finde ich diese Abfahrt ein bisschen gewagt, denn die Straße ist schmal, es gibt zwei Kurven und es geht verdammt ordentlich runter. Aus irgendeinem Grund ist keine Angst da, sondern einfach nur volles Vertrauen. Ins Material, in mich, in die Leute vor und neben mir. Voll toll ohne Gegenverkehr! Ich liebe die Strecke. Ich liebe die Kurven. Auf keinen Fall kann ich schreiben, wie schnell ich da runter gefahren bin, weil meine Mutter hier mitliest und sehr wahrscheinlich sonst einen Herzinfarkt bekäme. So bleibt das Brunos und mein Geheimnis und ich kann nur sagen: Wenn Abfahrten immer autofrei wären, hätte ich so viel weniger Angst!

Die letzten 15 km sind ein Traum. Es geht durch Ratingen und obwohl ich die Augen offen halte, entdecke ich kein bekanntes Gesicht am Streckenrand, aber dafür was anderes wichtiges: Endlich den perfekten Zug. Ich reihe mich ein und plötzlich ist alles leicht. Das Tempo passt perfekt: auf flacher Strecke jenseits der 40, bergauf immernoch mit 36, mal Einerreihe, mal Zweierreihe, ich werde mitgezogen, sauge hinter mir andere mit, genieße endlich die Geschwindigkeit und bin schon wieder traurig, dass es gleich vorbei ist. So muss sich Radrennen anfühlen! Schnell und toll und viel zu kurz.

Der Tunnel am Kö-Bogen ist schön und schrecklich zugleich: Es geht bergab, der Asphalt ist großartig und ich sause mit gut 50 Sachen durch die Kurven im Tunnel - bis es direkt am Ausgang nochmal bergauf geht, verdammt! Wie unnötig nochmal so kurz vor dem Ziel. Also hoch kurbeln, wieder antreten, nochmal Tempo rausnehmen und um die letzte 180°-Kurve eiern, auf die mein Nebenmann großzügigerweise alle Fahrer im 100-Meter-Umkreis mit "VORSICHT, KURVE!!" hinweist (wer hätte das gedacht!) und dann: Zielsprint. 46 km, 1:18:21, Schnitt 35,23 km/h. Huch.


Geschafft! Ich bin im Ziel, habs überstanden, hab die Berge gerockt, lebe noch, ne verdammt ordentliche Zeit hingelegt und mir ist ein bisschen schwummrig und ich brauche dringend so ein zuckriges Iso-Drink-Gedöns. Und Obst. Und Laugenstange. Wie spitzenmäßig ist die Zielverpflegung denn bitteschön? Kuchen, Energydrink und Bier hätte ich auch noch haben können. Im Nachzielbereich turnt außerdem der Oberbürgermeister rum, der das Rennen ebenfalls mitgefahren ist - mit der Fortuna-Startnummer 1895 - super Sache!

Als Teilnehmer habe ich an der Race-am-Rhein-Premiere nichts auszusetzen: von der Information über die Sicherheit bis zur Versorgung war für mich alles tiptop. 700 Helfer sind der reinste Wahnsinn, danke für euren Einsatz! Zwei Kleinigkeiten hab ich dann aber doch: Bei Verkehrsinseln auf der Strecke halte ich Fahnenschwenker für deutlich besser sichtbar als Pylonen auf dem Boden - ist alles gut gegangen, aber wenn sich der ein oder andere Helfer hierfür gefunden hätte, wäre es perfekt gewesen. Anderer Punkt: Danke Henkel für ein Duschgel in Originalgröße im (übrigens ganz gut gefüllten!) Startbeutel - aber ist es wirklich so schwer, für 300 Frauen extra Beutel zu packen? Ich bin die erste, die bei dem Radfahrer/innen-Gender-Quatsch kotzt, aber im Ernst: Den wenigen Frauen, die bei der Veranstaltung teilnehmen, sendet ein Männerduschgel ein echt blödes Signal: Achja, hm, ihr seid auch irgendwie dabei, aber ihr seid so wenige, das kümmert uns gar nicht so richtig, tja, Pech gehabt. Sponsoren, lasst euch mal was einfallen! Muss ja nicht gleich Nagellack sein (bitte nicht!), aber ein simples Duschgel für Frauen wäre schon spitze!

Und weil ich durchs Kommentare-Lesen echt schlechte Laune gekriegt habe und das Social-Media-Team des Race am Rhein mein volles Mitleid hat: Ihr ignoranten Anwohner, die Teilnehmer eines Jedermannrennens als dopingverseuchte Drogenopfer betiteln, mit Klagen drohen, Mähdrescher auf der Rennstrecke parken wollen und Radfahrer mit Wasserbomben bewerfen wollen - ich hoffe, all das ist nicht passiert. Zieht nicht in die verdammte Stadt, wenn ihr nicht wollt, dass Straßen für eine sportliche Großveranstaltung gesperrt werden. Und wenn ihr in einem der umliegenden Dörfer wohnt - freut euch doch, dass vor eurer Haustür endlich auch mal was los ist. Macht es wie all die fantastischen Zuschauer an der Strecke, trefft die Nachbarn, schmeißt Grillpartys, stellt Stühle und Tische raus, macht Lärm, erlebt was. Wie wärs mit etwas mehr Toleranz? Wir sind hier nicht in Hamburg, wo Anwohner jedes Wochenende von irgendwas beeinträchtigt werden - es geht nur zufällig nächstes Jahr um die größte Sportveranstaltung der Welt. Ich bin froh, dass die Stadt die Eier hat, die Tour nach Düsseldorf zu holen und ich freue mich riesig auf das Spektakel. Ich vertraue darauf, dass die Kritik an der Informationspolitik ernst genommen wird und hoffe vorsichtig auf eine Race-am-Rhein-Neuauflage. Wer so verbittert ist, dass er Kommentare wie die oben angerissenen schreiben muss, der tur mir nach dem ersten Wutanfall nur noch leid. Ich wünsche denjenigen, die sowas nötig haben, dass auch sie in ihrem Leben etwas finden, was sie lieben, wofür sie brennen, dass sie mal was Einmaliges erleben und sagen: Boah, war das geil. Leidenschaft ist sexy, meckern ist scheiße.


Die Startplätze wurden mir vom alltours Race am Rhein zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! Meine Meinung zum Rennen ist unabhängig davon natürlich meine eigene.
Fotos: Christian Siedler. Ebenfalls dankeschön!

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