Donnerstag, 27. April 2017

Training mit den Profis - Tour de France Streckentest

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"Warum ist es so wichtig, die Strecke einmal abzufahren?" - "Weil wir heute auch Kuchen essen wollen, und da ist es natürlich gut, ein paar Kalorien zu verbrennen." 


Achso. Acht deutsche Radprofis aus sechs verschiedenen Teams treffen sich in Düsseldorf, um gemeinsam die zweite Etappe der Tour de France bei einer Trainingsfahrt zu besichtigen - und machen daraus anstatt einer bierernsten Trainingseinheit einfach mal einen Ausflug mit Klassenfahrtscharakter. Die Stimmung ist ausgelassen, das Hauptgesprächsthema ist Kuchen. Radgefahren wird natürlich auch. Klingt so märchenhaft, das kannste dir gar nicht ausdenken.

Laut Pressemeldung darf man die Tour bei eigener Organisation begleiten, wenn man die 165 km von Düsseldorf bis Lüttich mit einem Schnitt zwischen 30 und 35 km/h fahren möchte. Möchte ich nicht. Kann ich nicht. Einen Schnitt über 35 bin ich zuletzt im Oktober in Münster gefahren, auf nur 70 km und vor allem auf gesperrten Straßen. Unter keinen Umständen fahre ich bis Lüttich. Aber einen Teil der Strecke, so ein klitzekleines Stück...? Ein paar Mails und ein Telefonat später weiß ich mehr. Ich soll mir keine Sorgen um das Tempo machen, bei dem angesagten Gegenwind wirds nichts so schnell. Ach ja prima! Aber der Wind ist dann harmlos, oder was?


Am Abend vorher bin ich so aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten. Morgens wirds nicht besser. Freundinnen bezeichnen die Aktion hinterher als furchtlos, ich weiß noch nicht, wie ich das alles einsortiere, eher irgendwo zwischen aufregend, bescheuert und Harakiri. Am Treffpunkt sind eine Handvoll Neugierige und einige Medienvertreter zu sehen, aber erst mal keine Radprofis. Der Oberbürgermeister steht schon zum Fototermin bereit, als die Meute geschlossen angerollt kommt - ziemlich lässiger Auftritt! Mit dabei sind André Greipel, Marcel Sieberg (beide Lotto Soudal), John Degenkolb (Trek-Segafredo), Christian Knees (Sky), Robert Wagner (Lotto NL-Jumbo), Jasha Sütterlin (Movistar), Nikias Arndt und Phil Bauhaus (beide Sunweb). Plus Hanka Kupfernagel - schön, dass sich Jungs und Mädels zusammen auf den Weg nach Lüttich machen.


Weil ich ja weiß, dass ich nicht in Lüttich ankommen werde und zwischendurch nicht mit einer Kuchenpause rechne, muss ich peinliche Fangirl-Fotos vorher erledigen. Außerdem weiß ich ja noch nicht mal, ob ich überhaupt irgendwo ankomme, vielleicht halte ich grade mal einen Kilometer mit, vielleicht 20, vielleicht ist auch nach ein paar Metern schon Schluss. Schwupps, alle weg. Oder so. Es geht los. Erst mal locker durch die Stadt, noch einen Stopp am Countdown zum Tour-Start auf dem Burgplatz, eine Schleife über die Kö und dann rüber über den Rhein und raus auf die Strecke. Außer mir haben sich noch eine Handvoll andere der illustren Runde angeschlossen. Wir halten lieber mal einen Sicherheitsabstand. Meine größte Sorge: Irgendwem hinten rein fahren und für den Rest der Saison außer Gefecht setzen. Schlagzeile: "Profi dank Hobby-Fahrerin im Krankenhaus" Nicht auszudenken.


Wir lassen die Schleife übers Neandertal glücklicherweise aus; ich kenne sie ja schon vom Race am Rhein. Es geht raus nach Meerbusch, nochmal einen Schlenker durchs linksrheinische Düsseldorf, dann nach Neuss, durch die Radsporthochburg Büttgen, Korschenbroich, Mönchengladbach. Die Strecke hält ungefähr 523 rote Ampeln für uns bereit, so dass sich das Tempo tatsächlich in Grenzen hält. Zwischendurch frage ich mich, ob ich gerade träume oder wirklich im Windschatten von Hanka Kupfernagel und John Degenkolb über die Landstraßen rolle. Offensichtlich ist letzteres der Fall.



Während die einen quengeln, dass das kein richtiges Training sei, planen die anderen schon die Kuchenpause. Aber zuerst: Pinkelpause. Nach nur 13 km - Jungs, das müsst ihr mir echt mal erklären! Wir Mädels fahren 70 km ohne eine Pipipause und ihr müsst nach einer knappen halben Stunde zum ersten Mal anhalten? Das Kuchenthema gewinnt wieder die Oberhand, als es in Mönchengladbach anfängt zu regnen. Ich dachte, wer eine Milljausend Kilometer im Jahr abreißt, der ist sämtliche ekligen Wetterbedingungen gewöhnt, aber auf einmal eiern wir neben der Straße umher, suchen den möglichst trockensten Weg und ich höre wieder nur noch Kuchen. Den gibts tatsächlich. André Greipel schaut sich nicht nur den Ort der Sprintwertung genau an, sondern hat auch für alle Kuchen mitgebracht. Ganz schön nett! Die Begleitfahrzeuge und der Mönchengladbacher Bürgermeister warten schon an der Kaiser-Friedrich-Halle. Journalisten mit sinnvollen Fragen stehen auch bereit: "Ist es nicht komisch, hier ständig an roten Ampeln anhalten zu müssen?" - "Ääääh... das sind wir eigentlich aus dem Training so gewohnt." Wer hätte das gedacht! Weil es immer noch regnet, fällt die Pause recht kurz aus.


Ich bin immer noch erstaunt, dass ich überhaupt bis hier her mitgefahren bin und muss mir so langsam über den Rückweg Gedanken machen. In Mönchengladbach in den Zug steigen? Umdrehen und vom Rückenwind zurückpusten lassen? Coffee & Chainrings Kollege Daniel hat Mittagessen angeboten, falls ich es bis Erkelenz schaffen sollte. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich da hin komme, nur die grobe Ahnung, dass ich nach Mönchengladbach irgendwo rechts abbiegen muss. Aber erst mal gehts raus aus der Stadt. Über einen winzigen Hügel. Ach was, eine kleine Welle. Eigentlich kaum erwähnenswert. Meine Beine sehen das anders. Ich will nicht schon an der allerersten mikroskopisch kleinen Erhebung abgehängt werden, also trete ich in die Pedale. Hätte ich eben mal lieber Kuchen gegessen. Die Oberschenkel wollen nicht mehr, ich will aber noch. Mit 32 Sachen bergauf. Keine Ahnung wie, aber ich bleibe dran. Gleichzeitig ahne ich, dass bald für mich Ende ist, wenn es so weiter geht. Weniger Ampeln bedeuten eine höhere Geschwindigkeit - mit leichten Wellen keine gute Kombination für meine Beine.




Vorsichtshalber verabschiede ich mich bei der nächsten Gelegenheit und kündige meinen Ausstieg Richtung Erkelenz an. Gute Idee, denn die nächste Ampel trennt André Greipel, Steffen und mich vom Peloton. Dass die zwei wieder an die Gruppe ran fahren, bezweifle ich nicht (der eine übrigens im Windschatten des anderen), aber ich gucke mir das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung an. Nach etwa 50 Kilometern bin ich also raus, schlage mich quer über die Felder alleine durch den Wind und stelle fest, dass das nicht weniger anstrengend ist als das Programm zuvor. Obwohl sich Garmin und Google Maps uneinig sind (danke für eine komplett unnötige 9-km-Schleife), erreiche ich schließlich mein Ziel, wo mich Daniel freundlicherweise mit einer riesigen Portion Nudeln wieder aufpäppelt.

Zurück gehts nach 70 km mit dem Zug. Kann mich mal jemand kneifen? Life Goals: Radfahren mit André Greipel und John Degenkolb - check! Verrückter Scheiß. Manchmal - Quatsch, wahrscheinlich immer - ist es wohl doch am besten, nicht zu viel nachzudenken und einfach zu machen. Egal wie absurd, größenwahnsinnig oder bescheuert die Idee ist. Einfach machen! Danke Le Tour Düsseldorf für die einmalige Chance, fürs Organisieren und fürs Mitnehmen!


Hier noch die Fakten:
Mein Schnitt auf 70 km lag bei mickrigen 24,4 km/h. Der Rest der Truppe hat die 165 km bis Lüttich mit 800 hm laut Strava mit einem knappen 30er Schnitt zurückgelegt. Nicht nur mit permanentem Gegenwind, sondern auch inklusive Regen, Hagel und Schneeregen. Aprilwetter vom Feinsten.
Nichtsdestotrotz: Das Tempo hat für mich gereicht, um mal eben vier QOMs einzukassieren, eine davon mit sagenhaften 14,8 km/h bei der Sprintwertung in Mönchengladbach. Muss man auch erst mal schaffen! Ich werde die zweite Etappe am 2. Juli auf jeden Fall sehr aufmerksam verfolgen, mit Sicherheit auch mit etwas anderen Augen als bisher. Ich drücke André Greipel und seinem Anfahrer Marcel Sieberg die Daumen, dass es mit der Sprintwertung und vielleicht sogar dem Etappensieg in Lüttich was wird und freue mir bis dahin einfach schon mal ein Loch in den Bauch.

Hier gibts noch mehr zu sehen:
Bilder:
Steffen Weigold hat die Kuchenpausen ausgelassen und stattdessen fotografiert. Lässig wie immer. Vielen Dank für die Bilder, die ich hier im Artikel verwenden durfte. Noch mehr absolut sehenswerte Bilder gibt es hier.

Videos:
Kurz, aber trotzdem fein mit Maren auf Bruno im Bewegtbild: DW | Sport auf Twitter.

Auf der Le Tour Düsseldorf Facebookseite - hier.

Etwas länger, aber fängt die Stimmung grandios ein, unbedingt anschauen:

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