Montag, 20. November 2017

Raceday No. 51 - Raiba Radcross Kendenich

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Alles, was zählt, ist, heile um die nächste Kurve zu kommen. Nicht in der Matsche ausrutschen, nicht von der Strecke abkommen, mich möglichst nicht um einen Baum wickeln. Nicht zu viel bremsen, nicht zu wenig, bloß nicht in der schlammigen Kurve! Danach wieder antreten, irgendwie raus aus diesem Sumpf und weiter, immer weiter, bis das nächste Hindernis kommt. Die nächste enge Kurve, ein steiler Anstieg, Strohballen, die matschige Wiese, die nicht mehr als Wiese zu erkennen ist, oder die Treppe. Heilige Scheiße, die Treppe. Sie ist mordsmäßig steil, die erdigen Stufen sind ungleichmäßig und verdammt weit auseinander. Zu weit für Menschen mit kurzen Beinen wie mich, und erst recht zu weit, wenn man nicht nur alleine da rauf klettern muss, sondern noch ein Rad über der Schulter hängen hat.



Die Treppe hat eine 400 Meter lange Anfahrt, die eine einzige matschige Rutschpartie ist. Geradeaus fahren ist so gut wie unmöglich und langsam fahren würde stecken bleiben bedeuten - also sieht die Taktik folgendermaßen aus: so schnell es geht dadurch und hoffen, dass niemand zufällig genau auf der Seite überholen will, zu der ich gerade den nächsten unfreiwilligen Haken schlage. Schlamm spritzt mir in die Augen, ich kneife erst das eine zu, probiere vorsichtig, ob ich wieder etwas sehe, dann das andere. Soll eben ein Auge dreckig werden, dann hebe ich mir das andere für später auf - unglaublich ausgeklügelte Rennlogik. Eine Brille würde nur mäßig helfen - weniger Brennen im Auge, aber dafür genauso wenig Sicht. Am Ende der matschigen Gerade warten Strohballen, die mich zum Absteigen zwingen. Direkt dahinter die Treppe aus der Hölle. Während des Schreibens überlege ich, wie mir irgendjemand glauben soll, dass das Spaß macht. Nasse, kalte Füße, überall Matsche am Rad und am Körper, der Puls in astronomischen Höhen, mehr Schnappatmung als alles andere. Schnodder in der Nase und brennende Beine bergauf, absteigen, aufsteigen, weiter fahren, dazu der ständige Nervenkitzel, ob man bei der nächsten schlammigen Wiesen-Durchfahrt auf dem Rad bleibt oder nicht.

NRW Cross-Cup

Ja, es ist schwer zu erklären, wo hier der Spaß zu finden ist, und es sieht auch währenddessen nicht danach aus. Deshalb fange ich mal vorne an: In NRW gibt es diesen Winter eine hübsche Erfindung: Den Genesis NRW Cross-Cup. Auch wenn man als Hobbyfahrer rein gar nichts vom Cup hat, weil nämlich nur Lizenzfahrer in der Gesamtwertung gezählt werden, hat die ganze Geschichte für mich immerhin den Vorteil, dass ich auf die Renntermine aufmerksam geworden bin. In der Hobbyklasse starten kann man nämlich trotzdem - auch wenn man auf die Wertung im Cup verzichten muss.

Los ging's Anfang Oktober in Dorsten auf einer einfachen Strecke bei Dauerregen. In Führung liegend musste ich aussteigen, weil eine Scherbe in der Sandgrube meinem Hinterrad die Luft abgelassen hat. Bis dahin hat's Spaß gemacht - aber einen Kilometer für nichts mit Radschuhen inklusive Rad querfeldein rennen kann ich nur bedingt empfehlen.

Zwei Wochen später ging's in Radevormwald das zweite Mal in den Matsch: Das Wetter ebenfalls crosstauglich feucht, dazu eine anspruchsvolle Strecke mit engen Kurven durch den Wald, Wurzeln, kleinen Anstiegen, einer langen Treppe und einigen anderen Späßen. Wenige Chancen zum Überholen, aber für mich anscheinend leider genau die richtige Strecke, um mich dezent aus dem Leben zu fahren: Nach vier von fünf Runden waren sowohl die Kraft als auch die Konzentration komplett dahin und der Ofen aus. Die Rechnung kommt bei so einer Strecke sofort: zwei kleine Stürze, überholt worden, am Ende Platz 6 von 9.

Das MTB Race

Auf der schwierigen Strecke in Radevormwald kam mir der Gedanke, dass sie mir mit dem
Mountainbike möglicherweise leichter gefallen wäre als mit dem Crosser. In der Hobbyklasse sind oft beide Arten von Rädern erlaubt und so reifte langsam aber sicher die Idee, beim nächsten Mal einfach vor Ort je nach Bedingungen zu entscheiden, mit welchem Rad ich an den Start gehe. Kendenich nimmt mir die Entscheidung ab, weil im Cyclocross-Rennen nur Crosser erlaubt sind - ergibt ja irgendwie auch Sinn. Weil aber auch ein eigenes MTB-Rennen auf dem gleichen Kurs nach dem gleichen Format ausgeschrieben ist, muss ich nicht lange überlegen und melde beides: Erster Start mit dem MTB um 11 Uhr, zweiter Start mit dem Crosser um 15:40 Uhr - beide Rennen 30 Minuten lang, sollte genug Zeit zum Erholen dazwischen sein. Dazu das vermeintlich einfachere zuerst, danach mit dem Vorteil der Streckenkenntnis ins CX-Race. So weit die Theorie.


In der Praxis stellt sich heraus, dass die Geschichte mit dem MTB weniger einfach ist als gedacht. Meine Fahrtechnik-Skills sind so gut wie nicht vorhanden, schon gar nicht bei solchen matschigen Bedingungen. Der einzige Gedanke, der mir hilft: Das hast du in Daun auch geschafft. Die gleichen Umstände, aber eine viel schwierigere und längere Strecke. Mit richtigen Bergen, richtigen Downhills und nicht so einer Kindergeburtstags-Rutschpartie und einer lächerlichen Treppe, die sowieso alle zu Fuß gehen müssen. Achja, die Treppe. Während ich mich Stufe um Stufe hoch kämpfe, danke ich Markus, dem großzügigen MTB-Ausleiher aus den Coffee & Chainrings-Reihen dafür, dass sein Rad so verdammt leicht ist. Es könnte auch alles noch schlimmer sein!


Das Rennen selbst hält eine neue Situation für mich bereit: Auf dem MTB starten nur vier Frauen, zwei davon habe ich seit Beginn nicht mehr gesehen und die dritte fährt vor mir. Ich überhole sie ausgerechnet an den blöden Strohballen vor der furchtbaren Treppe und muss mir zum ersten Mal Gedanken darüber machen, wie es ist, so ein Rennen von vorne zu fahren. In Dorsten hat der Plattfuß alle taktischen Überlegungen im Keim erstickt, daher ist die Führungsposition für mich neu. All in und den Vorsprung möglichst weit ausbauen? Auf die Gefahr hin, dann gegen Ende einzugehen? Oder lieber konstant weiter machen und gucken, was passiert? Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es geil oder scheiße finde, vorne zu sein, weil diese Position mich unter Druck setzt. Viel entspannter ist ja die zweite Stelle, so lange du den ersten noch im Blick hast - du bleibst dran, machst dir keinen Stress, sparst Kräfte und überholst im richtigen Moment. Oder?


Ich will eine Runde später am einzigen steilen Anstieg ein bisschen zu viel und brauche danach ein paar Meter mehr zum Klarkommen - zack, ist die Zweite wieder an mir vorbei und ich kann in diesem Moment nichts entgegensetzen. So viel zur komfortablen zweiten Position - jetzt habe ich sie und mache rein gar nichts draus. Nochmal rankommen ist utopisch, also konzentriere ich mich wieder auf die Kurven, die Bäume, den Matsch, die Treppen, die Strohballen ... und bringe den zweiten Platz ins Ziel.


Das CX Race 

Vier Stunden später. Nachdem ich eine halbe Stunde lang nass und kalt auf der Suche nach dem Autoschlüssel umher geirrt bin, habe ich mittlerweile geduscht, zum ersten Mal heute etwas gegessen und fühle mich so langsam wieder wie ein Mensch. Ich bin trocken und wenn ich unter dem Heizpilz stehe und die Hände nach oben strecke auch halbwegs warm. Zum Elite-Rennen kommt die Sonne raus, obwohl für den ganzen Tag Regen angesagt war. Ich schaue mir das Duell zwischen MTB- und Rennradprofi auf dem Crosser an - Ben Zwiehoff fährt das Ding vor Nils Politt nach Hause, ziemlich lässig zum Zuschauen. Gerade in dem Moment, als ich so langsam wieder ans Warmfahren denken müsste, schüttet es wie aus Eimern. Ich hab keinen Bock mehr. Nicht nochmal in die Kälte, nicht nochmal nass und dreckig werden, möchte am liebsten einfach nicht starten.


Kneifen ist natürlich keine Option, also drehe ich eine Aufwärmrunde mit dem Crosser. Ich will wissen, wie die Strecke sich auf dem anderen Rad anfühlt, mache mir Sorgen um den steilen Anstieg und vor allem um die Matsche. Bergauf reicht die Kombination von Übersetzung und Beinen nicht - im Gegensatz zum MTB muss ich hoch laufen. Die Matsche ist weniger schlimm als befürchtet - Karlson pflügt sich tapfer durch das, was von der Wiese übrig ist, wenn ich nur nicht zu viel denke, geradeaus schaue und so schnell wie irgendwie möglich durch fahre. So richtig ist die Lust aber immer noch nicht wieder zurück. Als ich mich in die Startaufstellung einreihe, fängt es an zu schneien. Ja verdammt, mir ist kalt, aber doch nicht so! Der Schnee kommt plötzlich und in dicken Flocken. Natürlich bleibt rein gar nichts liegen, aber das ist egal. Ich bin froh, dass der Regen aufgehört hat und von diesen magischen weißen Dingern abgelöst wird. Der erste Schnee! Zum Start des Crossrennens! Kannste dir nicht ausdenken. Wie im Bilderbuch.


Mit dem Schnee kommt schlagartig meine Lust aufs Rennen zurück. Ich will da raus, gucken, was geht und vor allem herausfinden, wie ich mit dem Crosser über den Kurs komme. Ich habe lange nachgedacht, was mich am Rennen Fahren so reizt. Warum brauche ich den Wettstreit? Für die Anerkennung hinterher? Von Freunden und Familie, von mir selbst, online? Alles für die Likes? Wem will ich was beweisen? Es gibt auf Instagram den schönen Hashtag #findsomewheretoloseyourself. Ich verliere mich auf dem Rad. Gleichzeitig finde ich mich. Ich bin so sehr im Moment, im Hier und Jetzt, fokussiere mich auf die Kurven, die Bodenbeschaffenheit, die Schaltung, die Fahrer um mich herum, die Hindernisse, meine Atmung, meine Beine. Nichts anderes ist wichtig. Waren da vorhin noch Magenkrämpfe, Herzschmerz, Weltschmerz, irgendein anderes verdammtes Geschissel? Es ist alles egal. Zählt nicht. Denn ich muss über diese Strohballen.


Wenn acht Frauen und etwa 50 Männer im Rennen sind, ist es ziemlich unmöglich, den Überblick über die eigene Platzierung zu behalten. Ich weiß, dass einige Frauen hinter und andere vor mir sind, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viele. Eine Zuschauerin ruft mir "Platz XY!!" zu, ich verstehe nichts, brülle zurück, höre die Antwort nicht. An der Sandgrube kennen Zuschauer meinen Namen, feuern großartig an, aber ich kann nicht aufsehen, bin damit beschäftigt, wieder auf das verdammte Rad zu klettern und einzuklicken. Der Sand und die Matsche in den Cleats machen das unmöglich. Ich donnere die Schuhe wie blöd gegen die Pedale, damit der ganze Scheiß raus fällt, eiere dabei durch die nächste Kurve. Mädchen, irgendwann musst du mal wieder treten!



Ich überhole eine Frau und weiß immer noch nicht, an welcher Position ich jetzt liege. Wenn du keine Ahnung hast, fährst du halt so, als ginge es ums Podium. Geht es auch tatsächlich - allerdings anders als gedacht. Ich werde noch auf der Zielgeraden wieder überholt und dann trotzdem zur Siegerehrung aufgerufen. Zum zweiten Mal heute. Hä? Freude, Verwirrung, zurück in der Realität. Schließlich stellt sich heraus, dass die theoretisch Drittplatzierte gar nicht in der Hobbyklasse hätte starten dürfen - meine Freude ist trotzdem ein kleines bisschen getrübt, weil ich ja eigentlich nur Vierte bin.



Wie auch immer - zwei Rennen, zwei Mal komplett nass und dreckig werden, zwei Räder einsauen bis zum Geht nicht mehr, kein Mal stürzen, zwei Mal aufs Podium klettern dürfen. Das macht Spaß! Weiter geht's am 16. Dezember in Pulheim. Ich freu mich drauf!


Danke an Christian Siedler für Begleitung und fantastische Bilder. Noch mehr Bilder gibt's hier.

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