Mittwoch, 8. Juli 2015

Was muss ich beim Rennradkauf beachten? - Alles.

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Liebe Gabi, ich mag dich wirklich gerne. Ich bin froh, dass ich dich habe und dass du mir nach einem Jahr Spinning in der Halle gezeigt hast, dass draußen radeln viel toller ist. Bestimmt kannst du dich an das kleine Mädchen erinnern, das uns beim Ratingen Triathlon zugerufen hat: "Das ist aber ein schönes Fahrrad!" Deine pinke Gabel ist ganz wunderbar. Aber ich muss ehrlich zu dir sein: Du bist mir zu alt. Deine Knochen sind aus Stahl und deine Rahmenschaltung zu bedienen ist ein Balance-Akt.
Es war nicht leicht, einen Nachfolger für dich zu finden. Wie kompliziert ein Rennradkauf ist, wenn man eine Gabi in der Garage und sonst keine großartige Ahnung hat, will ich deshalb mal berichten.

Plan A: die großen Fahrradläden in der Stadt. Zuerst ZweiRad XXXL, klingt ja schon scheiße, ist es auch. "Rennräder verkaufen wir generell nicht mehr." - "Haben Sie eine Idee, wo ich stattdessen was finden könnte?" - "Weiß ich auch nicht, ich war letztens mal bei Luckybike und die hatten auch nicht viel." Also ab zu Luckybike, steht sowieso an zweiter Stelle auf meiner Liste. Hier gibt es immerhin ungefähr 10, 15 Räder zur Auswahl. In Rahmengrößen um die 60. Hervorragend. Der Verkäufer kramt mir das kleinste, einen 52er Cube Carbonrahmen raus, und meint, ich sollte doch mal Probe sitzen. Das Rad kostet über 2000€ und ich will es auf keinen Fall kaufen, schon gar nicht direkt. Der Verkäufer gibt mir auch genügend Argumente dagegen mit: ein Rennrad kauft man nicht einfach, indem man in einen Laden marschiert und dort ein fertiges mitnimmt. Nicht nur die Körpergröße bzw. Schrittlänge sind wichtig, sondern beim Rennrad spielt viel stärker als z.B. beim Mountainbike die komplette Geometrie eine Rolle. Schließlich steht man nicht so häufig im Sattel und ist nicht so beweglich und flexibel wie auf dem MTB. Die Position, die über längere Strecken auf dem Rennrad ziemlich starr gehalten werden muss, sollte also schon gut passen. Wichtig sind daher neben der Rahmenhöhe u.a. auch die Länge vom Oberrohr und die Lenkerbreite - ist ja total logisch, aber woher zur Hölle soll man das als blutiger Anfänger wissen?

Genau deshalb wollte ich jedenfalls kein Rad in einem Laden kaufen, der darauf nicht spezialisiert ist und rein gar nichts außer der Schrittlänge misst. Plan B: Online. Canyon fand ich von Anfang an preisleistungsmäßig sehr interessant - es gibt keine Zwischenhändler und Filialen. Man muss sich selbst zuhause vermessen (oder vermessen lassen). Für E-Commerce mit Rennrädern bin ich vor allem als Einsteiger wohl nicht gemacht. Ich möchte das Rad sehen und anfassen können, bevor ich eine vierstellige Summe ausgebe und ich möchte im Idealfall vorher auch drauf gesessen haben. Und ich möchte jemanden mit meinen blöden Fragen löchern können. Und das nicht nur am Telefon oder im Chat.

Plan C stand eigentlich nie so richtig zur Diskussion, aber wäre auch eine Möglichkeit gewesen: gebraucht kaufen. Ich kenne viele Leute, die jemanden kennen und ich habe eine Zeit lang meine Augen im Rennradflohmarkt auf Facebook und bei ebay Kleinanzeigen offen gehalten. Aber da ich nicht mal die richtige Rahmengröße kenne (beim Cube im Urlaub war es eine 49 - aber was hilft mir das, wenn ich es genau wissen will?), habe ich den Plan sehr schnell wieder verworfen - spätestens seitdem ich weiß, dass auch noch einige andere Werte zu beachten sind.

Plan D: Kleiner Radladen mit mehr Ahnung von Rennrädern. Also nochmal Google bemühen, der erste Weg führt mich nach Düsseldorf Derendorf zu Baboon Bikes. "Ja, wir verkaufen Rennräder, aber nicht zu dieser Jahreszeit." Entschuldigung, wir haben Sommer. Wann, wenn nicht jetzt? "Im Herbst werden die neuen Modelle vorgestellt, die Hersteller produzieren jetzt nicht mehr und außerdem liegts auch am Dollarkurs." Achso. Tschüss.

Danach lande ich in Düsseldorf Oberkassel bei La Bici. Und ich fühle mich zum ersten Mal richtig gut beraten. Ein toller kleiner Laden mit irgendeiner krassen Zeitfahrmaschine im Schaufenster. Huch. Ein Verkäufer, der sich super viel Zeit nimmt und erklärt, dass sie sehr wohl Rennräder verkaufen, ja, auch zu dieser Jahreszeit. Na wunderbar. Ich weiß natürlich noch immer nicht so genau, was ich will. Ich erzähle von Gabi und wie ich zum Triathlon gekommen bin, dass ich das gern weiter machen würde, aber natürlich bin ich Einsteiger und habe keine Monster-Ansprüche und auch kein Monster-Budget. Ein Triathlonrad kommt übrigens nicht in Frage, weil a) zu teuer und b) will ich nicht nur auf mein Vorderrad schauen, sondern auch mal "gemütlich" durch die Gegend fahren. Wir reden über Rahmen und Schaltgruppen und so langsam bekomme ich einen leisen Wind davon, was ich mir alles überlegen muss, wenn ich ein neues Rad möchte. Bei La Bici würden sie mich komplett ausmessen und die Sitzposition so lange einstellen, bis ich zufrieden bin. "Das merkt man nicht bei einer Runde um den Block, sondern da musst du schon 40, 50 Kilometer mit fahren und danach wieder kommen." Klingt vernünftig. Ich bekomme ein Quantec empfohlen, Alurahmen mit 105er Gruppe, 1100€. Dauert in schwarz oder weiß 1-2 Wochen, kann man aber auch in sämtlichen Farben lackieren lassen, dann dauert es länger. Pink gibt es nicht. Ich finde das Angebot okay, das Rad schreit aber nicht: "Nimm mich!" Es ist sicher in Ordnung, aber es ist nicht mein Rad.

Plan E. Ich überlege, mich unabhängig vermessen zu lassen, z.B. bei Komsport in Köln. Dann könnte ich gezielter nach gebrauchten Rädern gucken. Will ich aber eigentlich gar nicht. Ich verstehe nicht, wie der Vertrieb der Radhersteller funktioniert. Wie kommen die ganzen Leute denn an ihre Bikes? Hat jeder kleine Shop nur 1-2 Marken im Sortiment? Rose hat ja immerhin Stores, in denen man sich auch vermessen lassen kann. Leider finde ich Rose ungefähr so sexy wie Quantec, aber es ist immerhin eine Möglichkeit. Theoretisch.
Plan F. Ich höre über die eine oder andere Ecke, dass unser Nachbarstädtchen Kaarst bekannt für Bahnradsport ist. Günther Schumacher, Olympiasieger und Weltmeister auf der Bahn, hat dort seinen Fahrradladen: Radschumi. Nicht für Bahnräder, sondern für Rennräder. Und andere. Der Laden ist auf dem Dorf, zwischen Wohngebiet und Feld. Nein wir sind hier nicht falsch, man muss nur wissen, wo man hin muss.

Mittlerweile weiß ich so einigermaßen, was ich will. Ein gutes Einsteiger-Rad mit vernünftigen, aber bezahlbaren Komponenten. Wieder diskutieren wir Rahmengrößen und Schaltgruppen ("An ein italienisches Bike eine Shimano 105er? Nee. Da muss ne Campagnolo dran!"). Ich krabbele auf den Dachboden, schwitze mich halb tot und schaue mir drei verschiedene Räder an. Günstiger Alurahmen mit Shimano Claris. Besserer Alurahmen mit Campagnolo Veloce oder - schweren Herzens für Herrn Schumacher - auch 105er. Und: Carbonrahmen, nur 350€ teurer, Ausstattung habe ich schon wieder vergessen. Ich kann so eine Entscheidung nicht in 10 Minuten fällen, also bekomme ich den Katalog in die Hand gedrückt.

Schon auf der Rückfahrt bin ich leicht verliebt. In ein Bianchi. Eine Woche und einiges an Recherche über Schaltgruppen später habe ich mich entschieden. Es wird das Impulso. Ich möchte ein vernünftiges Rad, an dem ich auch noch die nächsten Jahre Freude habe, aber es muss nicht gleich aus Carbon sein. So lange an mir selbst noch Optimierungsbedarf besteht, muss ich beim Rad nicht um 300 g Gewicht feilschen. Es wird etwas teurer als das Quantec, aber es hat sowas wie "Mama" gesagt.
Die Frau vom Radschumi ist für die Vermessung zuständig. Das bedeutet einmal über die Straße laufen, aus der Werkstatt in den Laden und Schuhe aus. Zuerst stellt sich heraus, dass mein rechter Fuß 0,5 cm länger ist als der linke. Hab ich noch nie in Schuhen bemerkt. Schrittlänge: 77,5 cm - da waren die Kollegen von Hürzeler auf Mallorca mit 78 cm ja gar nicht so weit von entfernt. Mein rechter Arm ist einen ganzen Zentimeter länger als der linke. Der Rest ist normal. Ja, ich möchte beim SPD-Pedalsystem bleiben, auch wenn ich die MTB-Variante fahre. Die Rennrad-Stil-Polizei wird das nicht gutheißen. Ich will aber gerade weder neue Schuhe noch neue Cleats und außerdem bin ich nicht so weit, dass meine Schuhe beim Triathlon am Rad baumeln, sondern ich renne damit durch die Wechselzone. Und da möchte ich mich ungern auf die Nase legen - mit den SPDs kann man einfach besser laufen und daher bleibt das jetzt erst mal so.
Warum ich schaue wie 7 Tage Regenwetter, weil dieser Arm einen Zentimeter länger ist, weiß ich auch nicht.
"Bitte setzen Sie sich in die Kabine, wir messen die Rumpflänge."
Der Rahmen in meiner Größe ist vorrätig. "Möchten Sie damit ins Hochgebirge?" - "Gibts sowas hier in NRW?" - "Nee." - "Dann nicht." Weitere wichtige Fragen sind zu klären, zum Beispiel: "Ein oder zwei Flaschenhalter?" So viele Entscheidungen, meine Güte. Viel hilft viel, also zwei. Eine Woche muss ich warten. Am Freitag kann ich ihn abholen. Ja, ihn. Er ist Celeste (die Bianchi-Farbe) mit etwas bisschen Schwarz. Eher männlich als weiblich. Sorry Gabi, ich verlasse dich für einen Kerl.
Er wird Bruno heißen und ist das hintere Modell. Alle weißen Teile sind schwarz und richtige Bilder gibt es, sobald ich ihn Freitag endlich abgeholt habe.

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