Sonntag, 31. Juli 2016

Problem zwischen den Ohren: Tipps gegen Angst vorm Schwimmen im Freiwasser

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Lauter erste Male in letzter Zeit: Das erste Radrennen, der erste Triathlon im Freiwasser. Einerseits liebe ich es, Dinge zum ersten Mal zu machen. Alles Neue ist aufregend. Andererseits ist es auch ein bisschen beängstigend. Oh Mann, was habe ich mir vor dem Velothon für Sorgen gemacht! Und dann, im Rennen: Alles wie weggeblasen. Kein Zweifel, kein ungutes Gefühl, einfach nur Spaß. Beim Schwimmen im Freiwasser ist das bei mir leider ganz und gar nicht so.


Ich bin vor einem Jahr das erste Mal im See geschwommen. Absurd, mit 28 Jahren Schwimmvereinsmitgliedschaft auf dem Buckel und diversen Rettungsschwimmscheinen. Es war vorher einfach nicht nötig. Damals hat es mich einiges an Überwindung gekostet, im See den Kopf unter Wasser zu lassen. Kraul zu schwimmen. Ich habe mich im Freiwasser kein Stück sicher gefühlt, aber musste ich ja auch nicht, weil ich nur Triathlons in Schwimmbädern gemeldet hatte. Diese Baustelle wollte ich 2016 angehen. Von vier Triathlons dieses Jahr sind drei im Freiwasser.

Ins Wasser? Muss ich? 
Anfang der Saison hatte ich das Glück, einen Neoprenanzug zu gewinnen. Das hat nur geklappt, weil über 600 von euch tatsächlich für mein beklopptes Foto auf "gefällt mir" gedrückt haben. Danke dafür! Das Ganze ist nicht nur toll, weil ich sonst jetzt keinen Neo hätte, sondern weil das Ding mir auch die Angst vor dem Freiwasser ein kleines bisschen genommen hat. Zumindest das Reinspringen ist im Neo überhaupt kein Thema mehr - als wäre das ein magischer Schutzanzug gegen die fiesen Monster im See. Der Auftrieb ist auch großartig und beides zusammen ist gibt mir gefühlt schon mal eine riesige Portion Sicherheit. Aber.


Wo ist eigentlich das verdammte Problem? 
Im Training hatte ich keine großartigen Schwierigkeiten, im Neo zu schwimmen. Sowohl im See als auch beim Testschwimmen im Düsseldorfer Hafen kam ich ganz gut klar. Trotzdem hatte ich bei beiden Rennen, die ich bisher mit Neo im Freiwasser hinter mich gebracht habe, mit Problemen zu kämpfen, die ich in dem Ausmaß nicht erwartet hatte. Beide Male gab es einen Punkt, an dem der Kopf komplett dicht gemacht und gesagt hat: Kraulschwimmen is nich. Brust. Nichts anderes. Sichten beim Kraulen nach vorne reicht nicht, der Überblick ist beim Brustschwimmen besser, die Atmung bei jedem Zug schadet auch nicht. In Hamburg kam der Punkt später als in Düsseldorf, also ist meine Theorie, dass ich mich an die Wettkampfsituation im Wasser einfach noch gewöhnen muss. Trotzdem würde ich das natürlich gern beschleunigen, deshalb versuche ich, der Sache auf den Grund zu gehen.


In der Woche nach Hamburg stand daher gleich 2x Freiwassertraining auf dem Programm. Einmal bei 35° im Badeanzug, weil echt einfach kein Stück von mir diesen Neo anziehen wollte. Das lief so weit gut - der Baggersee ist unheimlich klar und bietet im Gegensatz zur Brühe im Düsseldorfer Hafen und der Hamburger Alster eine fantastische Sicht. Es gab zwei oder drei Momente, in denen ich das tiefe Grünblau unter mir eine Sekunde lang gruselig fand. Ich bin gern im Wasser, gar keine Frage, aber so ein See konfrontiert mich doch von Zeit zu Zeit damit, dass da einfach ziemlich viel Wasser unter mir ist. Klar, so ein beschaulicher Baggersee ist keine Naturgewalt wie vielleicht das Meer, aber er beinhaltet doch eine ganze Menge Wasser. Zwei, drei Anflüge von Unsicherheit also, aber Kraulschwimmen oder nicht stand nicht zur Debatte, alles kein Thema. Augen zu und durch. Einfach machen, ist ja nur Training, keine Massen von anderen Leuten in der Nähe, es kann nichts passieren.


Ein paar Tage später mit Neo im gleichen See. Reingehen und losschwimmen war erst mal kein Problem, aber dann wieder von einer Sekunde auf die andere: nichts geht mehr. Anhalten, Brille richten, atmen. Schön, wenn die Schwimmbegleitung sich dann nicht gleich aus dem Staub macht, sondern sofort in die Nähe kommt und fragt, ob alles ok ist. Ist es natürlich. Eigentlich. Weiß ja auch nicht. Durchatmen, fluchen, zusammenreißen. Ab dann liefs.

Erklärungsversuche
Das Problem liegt zwischen den Ohren. Angst ist verdammt nochmal irrational. Natürlich sind keine Monster im See. Natürlich passiert mir nichts. Ich weiß nicht, wovor genau ich Angst habe. Zuerst dachte ich, das Ganze hätte nichts mit dem Neo zu tun, sondern nur mit dem ungewohnten Gekloppe im Wettkampf, mit den vielen Armen, Beinen und Körpern um mich herum. Mittlerweile glaube ich, dass der Neo sehr wohl eine Rolle spielt. Ich empfinde das Schwimmen darin als anstrengend. Anstrengender als ohne. Die Wasserlage ist besser, ja klar. Aber die Schultern und Arme haben mehr zu tun, sind schwerer. Außerdem ist Luft ein großes Thema. Ich habe im Rennen schnell das Gefühl, ich bekäme zu wenig Luft, was bei herannahender Panik ja nicht gerade sonderlich förderlich ist. Eigentlich ist der Anzug im Brustbereich nicht sehr eng, aber natürlich ist es enger als ohne - also schon ein Unterschied zum Schwimmen im Badeanzug oder Trisuit. Eventuell schwimme ich auch einfach zu schnell - ja, zu schnell in meinem Schneckentempo, so dass ich das Gefühl habe, zu wenig Sauerstoff zur Verfügung zu haben.



Also: Das Schwimmen fühlt sich anstrengender an, die Luft ist knapper und die Umgebung hektisch. Dazu kommen gleich zwei Neuerungen: der Neo und das Freiwasser. Eigentlich könnte ich mal ein bisschen Verständnis für mich selbst aufbringen und nicht erwarten, dass ich beim ersten oder zweiten Versuch draußen so schwimme wie im Becken. Kopfprobleme lassen sich ja irgendwie am besten im Kopf in den Griff kriegen - ich denke, hier liegt der Knackpunkt: Ich muss akzeptieren, dass es (noch) nicht so läuft wie gewünscht. Von Plan A zu Plan B wechseln. Nicht nur sagen, dass das ok ist, sondern das auch fühlen. Leichtigkeit finden. Darin übe ich mich jetzt. Und bin gespannt, wie es Ende August in Krefeld läuft. 1500 Meter im See, mit oder ohne Neo. Mal sehen.


Meine Tipps bei Angst vorm Schwimmen im Freiwasser
Ich arbeite ja selbst noch an dieser Baustelle. Danke an die vielen hilfreichen Kommentare zum Freiwasserschwimmen auf Twitter! Was mir bisher hilft, fasse ich hier schon mal zusammen:

  • Mach dir klar, dass Angst nicht logisch ist. Du spinnst nicht, wenn du Angst vor Monstern im See hast. Du kannst dir noch so oft einreden, dass keine drin sind - es wird nicht helfen. Geh in den See und schau ihnen ins Gesicht!

  • Üben. Schwimmen im offenen Gewässer lernst du nicht im Schwimmbad. Ab in den See und zwar so oft wie möglich!

  • Begleitung suchen: Ich gehe nie alleine ins Freiwasser und habe immer jemanden dabei. Im Idealfall ist derjenige gelassener als ich. Oder hat Verständnis, wenns mal länger dauert.

  • Am Ufer entlang schwimmen. Quer durch den See? Ohne mich! Ich schwimme eine Runde um den See in Ufernähe. Hilft dem Kopf, weil ich weiß: Sollte irgendetwas sein, könnte ich jederzeit raus. Das kann eine Panikattacke sein oder einfach nur Gewitter.

  • Hab Geduld! Und zwar mit dir selbst. Wenn du auf Anhieb alles, was du im Becken schwimmst, in den See übertragen kannst - prima. Wenn nicht: Ist kein Weltuntergang! Akzeptiere das erst mal und versuche, dich selbst nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Leichter gesagt als getan, ich weiß.

  • Notlösung finden: Gibt es eine Position, in der du dich sicher fühlst? Bei mir ist das Brustschwimmen. Wenn nichts mehr geht, greife ich darauf zurück. Deine sichere Position kann auch Rückenschwimmen bedeuten - oder einfach nur mal kurzzeitig auf den Rücken drehen, inne halten und atmen.

  • Rechne damit, dass du den Notfallplan brauchen wirst. Ihn im Rennen einzusetzen bedeutet nicht zu versagen!

  • Trainiere das Schwimmen mit Atemmangel: Sauerstoffschuld ist kein angenehmes Gefühl! Es schadet aber nicht, Situationen zu üben, in denen du in Atemnot gerätst und zu lernen, dabei ruhig zu bleiben. Tipps dazu findest du hier: Keine Panik - Schwimmen mit Atemmangel oder hier Was du bei Atemnot im Kraulschwimmen tun kannst. Ich werde beispielsweise Streckentauchen mal wieder in den Trainingsplan mit aufnehmen - natürlich im Schwimmbad.


Habt ihr auch mit dem Freiwasser zu kämpfen? Angst vor Monstern? Liegt euer Problem auch zwischen den Ohren oder könnt ihr es ganz genau benennen? Was hat euch geholfen? Erzählt doch mal!

Die großartigen Fotos für diesen Artikel stammen von Christian Siedler. Der macht auch noch ganz andere großartige Bilder. Schaut mal vorbei!

Ann-Kathrin von triathlove hat hier übrigens auch ein paar Tipps und Tricks zum Schwimmen im offenen Gewässer zusammengestellt.

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