Samstag, 8. Oktober 2016

Raceday No. 24 - Münsterland Giro 2016

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Hallo, mein Name ist Maren und ich bin süchtig. Meinen Rausch finde ich auf dem Rennrad. Ich brauche den Wind in den Ohren, den surrenden Freilauf, dieses leichte wohlige Brennen in den Oberschenkeln, das unermüdliche Kurbeln, den Sog im Windschatten in der Gruppe, die Geschwindigkeit. Ich kann nicht ohne und ich möchte absolut nichts daran ändern.

Der Giro ist mein letztes Rennen der Saison, ich müsste eigentlich im Halbmarathontraining sein und Laufkilometer abreißen, nachdem ich gefühlt die letzten Wochen nur auf dem Rad saß. Aber das Herz macht einen kleinen Hüpfer, als fest steht, dass aus der vagen Schnapsidee Realität wird: Wir fahren nach Münster. Wir fahren den Giro. Mittlerweile weiß ich, dass ich dieses unbeschreibliche und fantastische Radrenngefühl nirgendswo anders bekomme als im Radrennen - nicht im Training und auch nicht im Triathlon, und da ich das Race am Rhein dank fetter Erkältung ja nicht allzu sehr genießen konnte, ist die Vorfreude auf Münster einfach mal echt groß.


Zumindest bis zum Vortag, als ich mit Thermohose, langem Trikot und banküberfalltauglich bis weit über die Nase gezogenem Buff auf der kurzen Einrollrunde gegen Wind und Kälte kämpfe. Wieso habe ich eigentlich keine Überschuhe eingepackt und wieso nur die kurzen Handschuhe? Ich mag den Herbst, wirklich. Er ist die beste Jahreszeit, ich liebe den Wind, der den Kopf manchmal so wunderbar frei pustet, die bunten Blätter, die Kastanien, die Kürbisse - Gegenwind formt ja auch den Charakter, bla bla, aber ich möchte mich gerade wirklich am liebsten auf der Couch unter eine Wolldecke kuscheln, Tee trinken und lesen.

Münster, Montagmorgen, 3. Oktober. Feiertag. Die Nacht war kurz und verregnet. Als wir los müssen, ist es noch dunkel. Ich will zurück ins Bett. Bloß nicht aufs Rad. 10° und Wolken. Hallo Herbst! Ich gebe die Jacke und die lange Hose im Kleiderbeutel ab, behalte kurze Hose, kurzes Trikot und Armlinge an und hoffe auf irgendein Wunder, damit mir heute nochmal warm wird. Kurz vor dem Start kommt dann tatsächlich die Sonne raus. In letzter Sekunde beschließe ich, die ziemlich üppig gefütterten Armlinge noch auszuziehen, sie in die Trikotaschen zu stopfen und doch in kurz/kurz zu fahren. Frieren ist besser als schwitzen. Fährste halt schneller, wirds wärmer.


À propos. Die Strecke ist 70 km lang und ich habe nicht vor, länger als zwei Stunden dafür zu brauchen. In Düsseldorf habe ich trotz Hügel und Krankheit einen 35er Schnitt geschafft, der sollte auf der längeren Strecke mit etwas mehr Höhenmetern eigentlich auch drin sein - schließlich bin ich theoretisch fit. Nur so unheimlich müde. Tee und Sofa sind immer noch verlockend. Aber gut, du hast dir den Scheiß nun mal selbst ausgesucht, jetzt stehste im Startblock auf der nassen Straße, frierst dir den Arsch ab und musst halt nehmen, was kommt. Mit dem Startschuss beschließe ich, dass mir alles egal ist: Es ist das letzte Rennen (wirklich!), die letzte Chance für dieses Jahr, die letzte Gelegenheit, nochmal Rennluft zu schnuppern und im Geschwindigkeitsrausch zu schwelgen. Also: nichts anbrennen lassen.


Ich starte relativ weit vorne aus Block D und mache sofort zwei Kandidaten aus, die mir fahrtechnisch (und auch optisch) zusagen: Ein Mädel im Racing-Aloha-Trikot und ein offenbar dazugehöriger Kerl im bunten dhb-Trikot. Sie machen einen vernünftigen Eindruck, fahren sicher und legen ein ordentliches Tempo vor - schon nach nur einem Kilometer deutlich über 40 km/h. Läuft. Ich hänge mich dran, andere machen es mir nach. Das Streckenprofil hatte ich mir angeschaut, weiß aber nicht mehr ganz genau, wann der erste richtige Anstieg kommt. Etwas angsteinflößend sah der im Profil aus, aber bisher ist davon nichts zu erahnen. Die Straßen sind halbwegs flach, es geht sofort raus aus der Stadt, ins menschenleere Umland. Schön hier. Nur ganz schön frisch.


Nach 12 km kommt der erste kleine Hügel. Wir fliegen ihn hoch. Ich bin gespannt auf den richtigen Berg: 90 Höhenmeter am Stück nach oben warten bei km 17. Ich komme nicht gut in die Kurve und verliere die Gruppe - schöne Scheiße. Baumberg, Longinus - ich kenne die ganzen Namen hier aus "Dicker Mann auf dünnen Reifen", weiß aber immer noch nicht, wo wir jetzt tatsächlich sind und ob das hier jetzt endlich mal der gefürchtete Berg ist. Er ist es. Aber wie so oft sah das Profil schlimmer aus als die Realität: Der erste Kilometer aufwärts ist mit 4-5 % Steigung noch gut machbar, dann wirds nach einer leichten Kurve deutlich knackiger. Gruppen gibt es keine mehr, am Berg kämpft jeder für sich. Das Gute: Ich friere nicht mehr. Die Straße wird schmaler, einige schieben, ein paar ganz Schlaue meinen, sie müssten nebeneinander gehen. Toll. Auf einmal habe ich nur noch 10 km/h auf dem Tacho stehen und meine größte Sorge ist es, umzufallen oder einem der Mittelspurschieber hinten rein zu fahren. Beides bleibt aus. Ich bin langsam, aber der Berg nervt mich nicht zu sehr. Wenn das der schlimmste Anstieg ist, kann der Rest von mir aus kommen!

Erst mal kommt der Gipfel. Und mit ihm eine Handvoll Menschen am Straßenrand, die das schönste Schild des Tages hoch halten: "Hier ist oben!" Wie wunderbar! Aussicht genießen ist allerdings nicht, denn alles versinkt im Nebel. Ist mir während des Aufstiegs gar nicht aufgefallen, dass es auf einmal so diesig geworden ist. Jetzt ist die Sicht gleich Null, was zugleich magisch und ein bisschen beängstigend ist. Die Hinterräder vor mir kann ich schon noch erkennen, aber die nächste Gruppe verschwindet irgendwo im Nichts. Es ist totenstill um uns herum - nur der Wind rauscht in den Ohren und bei der Abfahrt runter nach Billerbeck surrt der Freilauf. Würde ein kopfloser Reiter mal eben die Straße kreuzen - es würd mich nicht wundern. Kurven während der Abfahrt finde ich auf nasser Straße etwas bescheiden, aber als es dann nur noch geradeaus runter geht, scheiße ich auf das schöne Freilaufgeräusch und trete lieber voll rein. So macht das Spaß!


Es geht noch einen Hügel hoch, wieder runter, einen anderen hoch und noch immer habe ich keine neue Gruppe gefunden. Eine war zu langsam, zu ungleichmäßig, zu doof. Viele fahren alleine, ich auch. Meine Füße sind eingefroren, ich spüre sie schon ewig nicht mehr. Die Hände sind nicht mehr kalt, immerhin. km 40, ich schiele auf den Tacho und denke zum ersten Mal, dass 70 km irgendwie doch kein Klacks sind. Nicht in dem Tempo. Nicht, wenn man sich nur vom einen zum anderen Hinterrad hangelt und ansonsten alleine auf weiter Flur ist. Ab km 45 sieht die Welt dann plötzlich wieder anders aus: Ich komme an drei Fahrer ran, die mir schon von vorhin vom ersten Hügel bekannt vorkommen. Das Tempo pendelt irgendwo zwischen 38 und 43. Passt. Endlich. Ich hänge mich in den Windschatten, bin deutlich schneller als vorher unterwegs und kann trotzdem endlich mal durchschnaufen. Genau deshalb macht der Scheiß so viel Spaß!

Die drei Jungs kreiseln munter durch und lassen mich dabei aus. Als der erste das Tempo nicht mehr halten kann, packt mich der Übermut. Ich gebe meine komfortable zweite Position auf, ziehe vorbei und bin im Wind. Wie geil ist das bitte? Die drei bleiben dran und ich bin gespannt, wie lange ich das Tempo halten kann, das ich zuhause höchstens mal ein paar Meter als Sprint auf dem Deich fahre. Ich muss nicht lange, weil uns eine riesige Gruppe überholt und uns einfach einsaugt. km 57, eine Kurve und dann nur noch geradeaus. Landstraße, unheimlich breit, ganz leicht wellig, der Sonne entgegen. Ich wünschte, ich könnte den Anblick fotografieren, aber kann ja schlecht anhalten, also brenne ich mir diesen Moment ins Gedächtnis - wo er mit Sicherheit besser aufgehoben ist als auf irgendeiner Festplatte.


Wir düsen die wunderbare Straße in einem Affenzahn runter. Die Gruppe funktioniert wunderbar, ich bin mittendrin, sehe zu, dass ich vertrauenswürdige Hinterräder vor mir habe und freue mich, wie gut das läuft. Ist ja mega einfach im Windschatten. Radfahren im Triathlon ist viel ehrlicher, weil jeder auf sich selbst gestellt ist. Wie oft musste ich das in letzter Zeit diskutieren? Ja, natürlich ist es das. Aber in der Gruppe ist es nicht weniger anspruchsvoll - du musst das Tempo erst mal fahren und dann bei 44 oder 46 km/h jede Millisekunde lang aufmerksam bleiben. Was mich so fasziniert: Das Ganze funktioniert nur als Kollektiv. Nur, wenn die Führung regelmäßig wechselt, wenn mehrere bereit sind, sich in die Windkante zu stellen und nicht eine Einerreihe aus 30 Fahrern bilden wollen. Alle sind am schnellsten, wenn alle was dafür tun. Unser Zug funktioniert. Bestens.

Zum ersten Mal nach dem Velothon und den Cyclassics kann ich die letzten Kilometer wirklich genießen, bin nicht traurig, dass es gleich vorbei ist, aber auch nicht froh - es ist einfach verdammt genau richtig. Es ist hart, es macht Spaß, es muss genau so sein. Und kein bisschen anders.


Es sind 72 statt 70 km und ich brauche fucking 2:00:32 Stunden. Schnitt: 35,8 km/h. Die angekündigten 520 hm hat Strava nicht so gesehen, sondern hat bei den meisten irgendwas zwischen 300 und 400 getrackt. Kommt hin. Geil: Platz 25 von 220 bei den Frauen. Geiler: Platz 4 von 41 in der Altersklasse. Platz 4! Abstand auf die dritte: 1:20 min. Verdammt ey! Als ich das bei einem unheimlich großartigen Teller Pasta feststelle, ärgere ich mich genau so lange, bis ich rauskriege, wer Platz 3 in der AK belegt: Die Dame im Racing-Aloha-Trikot, die mich die ersten Kilometer gezogen hat. Okay, verdient! Es gibt beim Giro übrigens keine Medaille (schade!), aber dafür Nudeln (geil!). Hatte ich schon erwähnt, dass die Nudeln fantastisch sind?


Liebe Radrennsaison, ich werde dich vermissen! Ich kann nur schmunzeln, wenn ich dran denke, wie ich mir vor dem ersten Rennen beinahe in die Hose gemacht hätte. Was alles passieren kann. Klar, kann es immer. Ich hatte bisher Glück, war aufmerksam, hatte aufmerksame und vernünftige Mitfahrer. Ich wünsche mir, dass das 2017 so bleibt, und ich wünsche mir, dass sich bei 1400 Fahrern mal mehr als 200 Frauen auf die Strecke trauen. Aber bitte nicht zu schnelle, dann wird das mit dem Treppchen bei nächsten Mal vielleicht noch was ;-) Jetzt gehts erst mal dahin, wo ich wirklich keine Blumentöpfe gewinnen kann: ins Halbmarathontraining. Ich träume dabei vom surrenden Freilauf und vom Wind in den Ohren. Genau so muss es sein.

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