Freitag, 17. März 2017

Raceday No. 30 - Winterlaufserie Duisburg 15 km - 2017

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Es gibt Läufe, da fällt mir auch 14 Tage später noch nicht ein, was ich darüber sagen möchte. Am liebsten würde ich den zweiten Teil der Duisburger Winterlaufserie totschweigen, nie wieder ein Wort darüber verlieren. 15 Kilometer? Sind nie passiert. Doch es gibt Zeugen. Und außerdem gehört es ja nun mal dazu, dass nicht immer alles wie am Schnürchen läuft.

Duisburg, 4. März, zweiter Lauf der Winterlaufserie. 15 Kilometer. Eine garstige Länge, weil man sie nicht so schnell angehen darf wie einen 10er, aber auch nicht so langsam wie einen Halbmarathon. Die Strecke bin ich erst einmal im Wettkampf gelaufen, vor genau einem Jahr am gleichen Ort. Dass die Zeit aus 2016 von 1:34:nochwas zu schlagen sein sollte, ist mir klar, aber ein konkretes Ziel habe ich nicht formuliert. Eigentlich müssten 1:25:00 drin sein, aber ich hatte in den letzten Wochen Probleme mit der Achillessehne, habe kaum trainiert und weiß deshalb nicht mal, ob die Strecke nicht viel zu weit ist. Ich nehme mir vor: Wenn die Sehne schmerzt, ist Schluss. Bloß nichts riskieren, nicht für einen blöden 15er, nicht zu Beginn der Saison. Vernünftigerweise natürlich nie.


Ich habe nicht nur keinen konkreten Plan, sondern auch akut keine Lust. Ich beschließe, zusammen mit Lena zu laufen, die ich eigentlich nur aus diesem Internet und vom ersten Lauf der Serie kenne. Den hatte sie locker flockig quatschend mit Julia verbracht und genau so was schwebt mir für heute auch vor. Beim Überqueren der Startlinie bescheinigt uns der Kommentator puren Anmut. Ich weiß nicht, ob ich angesichts dieser dreisten Lüge lachen oder weinen soll, also laufen wir erst mal weiter. Und schweigen uns an. Nach einem Kilometer stelle ich fest, dass es verdammt warm ist. Ich hätte ein Top und kein T-Shirt anziehen sollen und die Kompressionssocken waren auch nicht gerade die beste Idee des Tages. Noch 14 Kilometer und meine Füße sind schon jetzt heiß. Die Schuhfrage ist auch noch so ein Thema: Ich stelle zurzeit von (leicht) gestützten auf neutrale Laufschuhe um und bin seit kurzem mit dem Asics Pursue 3 unterwegs - und normalerweise auch zufrieden. Leider ist der im Fersenbereich relativ hoch gebaut und drückt etwas mehr auf die vor kurzem angeschlagene Sehne als der 361° Sensation 2, den ich bisher nur einmal für 10 Kilometer gelaufen bin. Der ist zwar wieder ein gestützer Schuh, aber dafür schön leicht und hinten niedriger. Die Wahl fällt also auf den Sensation, obwohl der Pursue abgesehen vom möglichen Druck auf die Sehne die sicherere Nummer wäre.

Nach drei Kilometern wird das Schweigen langsam unangenehm. Wir sind ganz gut in Lenas Plan, ungefähr mit 5:40 min/km zu starten, aber keiner erzählt was. Wir versichern uns, dass das am Tempo und nicht an eventuellen Unsympathien liegt. Gut. Weiter gehts. Die Geschwindigkeit ist für mich alles andere als locker, aber der Fuß ist ruhig und deshalb will ich erst einmal nichts verändern. Weiter laufen. Schweigend neben Lena. Heute fliegen die Kilometer ganz und gar nicht vorbei. Ich sehne das nächste Schild herbei, dann wieder das nächste. Meine Füße kochen. Ich würde am liebsten die Socken ausziehen. Jetzt.


Irgendwo zwischen Kilometer 7 und 8 gibt es einen Getränkestand. Wasser ist gut. Für den Moment. Danach gehts genauso weiter wie vorher, im Kopf läuft permanent irgendwas mit "mimimi" ab und der einzige Grund, weshalb ich noch laufe und nicht wandere, ist Lena. Inzwischen gehen mir nicht nur die Temperaturen und das Tempo auf den Wecker, sondern auch noch die Läufer um mich herum, die knapp überholen, direkt vor uns einscheren und plötzlich im Weg sind. Oder die einen maximal fragwürdigen Laufstil haben und schon durch pure Anwesenheit nerven. Schlechte Laune aus der Hölle. Dazu kommt der unebene Waldboden mit Wurzeln, kleinen Steinen und großen Steinen. Die Achillessehne findet das gar nicht mehr so spaßig. Ich auch nicht. Als Lena mir die Geschwindigkeit verrät und ich beim Schild für Kilometer 9 auf die Uhr schaue und auch grob überschlage, kann ich nicht glauben, dass ich mit der gleichen Pace im Oktober noch einen Halbmarathon gelaufen bin.

Nachdem ich seit dem Verpflegungspunkt darüber nachgedacht habe, wie ich Lena beibringe, dass sie besser alleine weiter läuft und ich nicht mehr kann, nicht mehr will und überhaupt, kommt die Rettung bei Kilometer 10. Naomi taucht neben uns auf. Ich sehe sie nicht, weil ich in irgendeiner Traumwelt versunken zur anderen Seite auf den See schaue, um möglichst wenig nachdenken zu müssen. Lena entdeckt sie aber sofort und will sie aufsammeln, weil sie nicht mehr allzu frisch aussieht. Genau wie ich, willkommen im Club. Naomi murmelt, sie habe gehofft, wir würden sie einholen und trabt unwillig mit uns weiter. Wir lassen Lena endlich ziehen und verbünden uns gegen das Aufgeben.


Ob wir uns damit einen Gefallen tun, weiß ich nicht. Mein Fuß macht sich noch immer bemerkbar und Naomi klagt über Magenschmerzen. Sie will gehen, ich soll alleine weiter. Ich kann nicht, weil ich weiß, dass ich dann auch aufhören würde. Stattdessen ordne ich an, dass wir beide laufen, und zwar so langsam, wie es eben geht, Hauptsache wir laufen. In irgendeinem Tempo, das gerade eben schneller als gehen ist. Ich frage mich, ob das gut ist, ob das nicht selten dämlich ist, was wir hier machen, ob wir nicht abbrechen sollten. Die letzten 5 Kilometer zurück spazieren. Es fällt mir schwer zu entscheiden, ob es unvernünftig ist, mit dem Fuß weiter zu laufen, oder ob die Schmerzen vielleicht gar nicht so schlimm sind und der Schweinehund sie nur unnötig aufbauscht. Als Vorwand zum Gehen. Ich beschließe, dass ich schon spüren würde, wenn es ernst wäre, dass es sich dann anders anfühlen würde, dass Laufen noch weniger möglich wäre. Dass ich nicht drüber nachdenken würde, mir keine Ausreden zurecht legen würde, sondern den Ernst der Lage erkennen würde. Ich denke, der Schweinehund spielt mir einen Streich und ich bin drauf und dran, darauf rein zu falllen. Das größte Problem ist heute nicht die Achillessehne, auch nicht die Kondition, die gefühlt nicht vorhanden ist, sondern mal wieder der Kopf. Ich will einfach nicht.

Naomi auch nicht. Aber zusammen müssen wir. Was machen wir, wenn einer wirklich gar nicht mehr kann? Wenn ihr Magen oder mein Fuß komplett streiken? Oder wenn es einem von uns gleich schlagartig besser geht? Überlassen wir den anderen dann seinem Schicksal? Wir bestätigen uns, dass es wirklich für keinen gerade schneller geht und erinnern uns an den 10er im November beim Martinslauf, als wir die 50 Minuten knacken wollten und stattdessen zusammen mit Hängen und Würgen gerade so eben ohne Gehen durchgekommen sind. Haha. Immerhin können wir wieder reden, es dreht sich um Waschmaschinen und Umzüge und so schlimm kann das hier doch alles gar nicht sein.


Zwei Kilometer vor dem Ziel stelle ich fest, dass ich schneller als im Vorjahr wäre, selbst wenn ich ab jetzt zügig gehen würde. Mit dem Gedanken im Hinterkopf wird der Rest zwar nicht schöner, aber ein bisschen erträglicher. Wenn wir uns bis hier hin durchgebissen haben, schaffen wir das letzte Stück auch noch. Ich vermisse den nervigen Schlenker durch den Wald, der beim 10er auf dem vorletzten Kilometer eingebaut war - beim 15er ist er offenbar nicht nötig, was ich erst mal für einen Fehler halte, dann aber erfreut hinnehme. Sehr schön. Noch ein Kilometer. Irgendwie schaffen wir es durch Zauberei, vom Schlurfen wieder etwas mehr in die Nähe von Laufen zu gelangen.


Dass man die Stadionrunde am Ende besser nicht unterschätzt, habe ich schon beim 10er gelernt - wir traben also weiter bis zur letzten Geraden, als ich vor uns eine Läuferin entdecke, die mir vorhin im Wald mehrfach direkt vor die Füße gesprungen ist und die ich am liebsten gefressen hätte. Die würde ich jetzt ja gern noch einholen. Kurze Rücksprache mit Naomi, wie es mit einem Zielsprint aussieht und dann ab dafür. Nach dieser eher kläglichen Vorstellung haben wir unseren Hahner-Moment mit gemeinsamem Zieleinlauf nach 01:28:49. Knapp vor der rücksichtslosen Tante, was aber auch vollkommen egal ist - das Wichtigte ist: Wir sind vielleicht nicht stolz drauf, aber trotzdem zufrieden, wie es unter den Umständen gelaufen ist. Was wir daraus gemacht haben, dass wir nicht aufgegeben haben. Dass wir dran geblieben sind, auch wenn es alles andere als schön war. Die wichtigsten Lektionen heute sind: Erstens: Auch wenn jeder sein Rennen läut, manchmal geht es einfach nicht allein. Deshalb danke an die hervorragenden Racing Buddies Lena und Naomi. Zweitens: Beißen lohnt sich. Calm seas don't make good sailors. Beim nächsten Mal werden wir wieder besser segeln.


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