Donnerstag, 10. November 2016

Raceday No. 26 - Martinslauf 2016

Kommentare :
Im Stecken von Zielen war ich bisher ziemlich konservativ unterwegs. Als ich mir im April die sub60 auf 10 km vorgenommen hatte, war vorher klar, dass das klappen würde, wenn nichts komplett unvorhergesehenes dazwischen kommt. Die einzige Frage war tatsächlich, wie weit ich unter den 60 Minuten landen würde - nicht ob oder ob nicht. Beim letzten Triathlon wars genauso: unter 1:30 Stunden war der Plan, fünf Minuten weniger sinds geworden. Jeder liebt es, wenn Pläne funktionieren. Natürlich. Ist aber auch ein kleines bisschen langweilig. Neue Mission: Spannung erhöhen. Deshalb habe ich aufgehört, tief zu stapeln und vor dem letzten Halbmarathon überall herum erzählt, dass ich vorhabe, unter zwei Stunden zu laufen. Nun ja. Das ging etwas in die Hose: zu schneller Start, Wanderung ab km 14, am Ende 2:02 Stunden. Knapp daneben ist auch vorbei. Jetzt also das letzte Rennen des Jahres, ein 10er und der wahnwitzige Plan: sub50. Was zur Hölle.


Dieses Mal hänge ich das Ziel vorher nicht an die große Glocke, wahrscheinlich weil ich das ganze für - naja sagen wir mal - "ziemlich ambitioniert" halte. Meine Bestzeit auf 10 km liegt bei 52:44 Minuten. Und sie ist noch nicht sehr alt. Auf die Idee, beim nächsten Mal nicht etwa unter 52, sondern gleich unter 50 Minuten zu laufen, bin ich immerhin nicht von alleine gekommen. Das war so ein gruppendynamisches Ding, ich hab mich reinquatschen lassen und war dann auf einmal auch Feuer und Flamme. Und während wir uns bei 7° und kaltem Wind am Unterbacher See warmlaufen, brät der Anstifter zu dieser Harakiri-Aktion unter kubanischer Sonne. Schönen Dank auch, Ferdi.

Einlaufen ist ja auch so eine Sache. Habe ich bisher nicht für nötig gehalten. Hab ja 10 oder 21 km Zeit, dabei wird mir schon warm genug. Wenn der Plan allerdings so aussieht, direkt mit einer glatten 5er Pace loszulaufen, ist es vielleicht nicht die schlechteste Idee, vorher mal ein paar Runden zu traben. Als mir endlich langsam wärmer wird, wird die Startzeit verschoben. 20 Minuten renne ich jetzt nicht noch weiter hier über die Wiese. Wieder was drüber ziehen? Wäre schlau. Ich bin dumm. Und friere. In kurz/kurz. Denn: Wird schon noch warm genug. Denkste. Wirds nicht. Schließlich gehts los, wir reihen uns in die Startaufstellung ein (schön warm! Können wir hier bitte bleiben?). Der erste Block startet und unserer gleich mit. So viel also zu verschiedenen Startwellen, das hat ja schon mal super geklappt. Nicht. Ich bin etwas überrumpelt davon, dass wir jetzt auch schon loslaufen. Öh, also dann.


Der erste Kilometer verfliegt. Die Beine sind kalt, das ist nicht gut, aber das Tempo macht Spaß. Wir sind zu dritt, schlängeln uns durch die Horden von Läufern auf den engen Waldwegen, aber kommen gut voran. Zu gut. Ich habe keine Uhr und bin im Blindflug unterwegs. Vorhin habe ich das noch für eine romantische Idee gehalten: aufs Körpergefühl hören, nicht von Zahlen stressen lassen, einfach machen. Nun ja. Jetzt rennen Naomi und ich Christian hinterher, der auch unter 50 Minuten laufen will. Leider weiß keiner von uns, wie weit drunter. Naomi fragt nach, ob ich es für eine gute Idee halte, an ihm dran zu bleiben. Wir haben vorher ausgemacht, dass nicht gesprochen wird. Nicht dieses Mal. 15 km im Halbmarathon durchquasseln: kein Thema. Aber in diesem 10er ist unterhalten verboten. Ich nicke. Klar. Läuft doch super. Wir fliegen. Hab ich eine andere Wahl?

Kilometer 2, mir ist immer noch kalt, ganz schön kalt sogar. Die Muskeln sind hart, so viel zum Thema kurze Hose und 20 Minuten zu früh warmlaufen. Prima. Naomi fällt zurück und ich stelle zum ersten Mal für mich selbst in Frage, ob das mit dem Dranbleiben wirklich so eine gute Idee ist. Will ich das? Bin ich bereit, noch 8 km lang die Zähne zusammen zu beißen? Mich zu quälen? Als es zuletzt im Halbmarathon schwer wurde, habe ich mir einen 10er gewünscht. Kurze Strecke, absehbares Ende. Lieber kurz und hart als ewig lange immer mal ein bisschen leiden. Dachte ich. Seh ich jetzt grade anders. Die Vorfreude ist dahin, der Kopf ist nicht da, die Beine sowieso nicht. Wieso mach ich das hier? Wen interessiert überhaupt irgendeine Zeit? Warum zur Hölle hatte ich jemals gedacht, ich könnte Spaß dran haben, wenn es hart wird?

Kilometer 3. Im Vorfeld hatte ich überlegt, was mich daran hindern könnte, den 10er schnell zu laufen. An erster Stelle: ziemlich viel Schweinehund. Zweitens: die Sauerstoffversorgung. Am Ende scheitert es doch immer an der Atmung. An kalte Muskeln hatte ich irgendwie nicht gedacht. Daran, dass der Schweinehund so leicht gewinnen würde, allerdings auch nicht. Ich bin raus. Lasse Christian ziehen, der das Ding locker eineinhalb Minuten schneller nach Hause läuft, als ich geplant hatte. Naomi ist irgendwo hinter mir, ich bin alleine. Das große Ziel ist geplatzt. Dass Plan A (sub50) nichts wird, weiß ich an dieser Stelle ganz ohne Uhr. Ich verpasse es, mich für Plan B (schneller als 52:44) zu motivieren und bin mental komplett raus. Bis zum Schild von km 4 überlege ich, ob ich aussteige. Ernsthaft. Sehr ernsthaft. Ich könnte hier einfach die Abkürzung um den See nehmen, die Schleife durch den Wald weglassen, einfach zurück zum Start marschieren und dort kleinlaut auf die anderen warten. DNF. Did not finish. Nein. Dazu gibt es keinen Grund. Ich hatte noch nie Verständnis für die Leute, die wegen nicht mehr erreichbarer Zielzeiten aufgeben und ich werde jetzt  keiner von ihnen werden. Plan B habe ich irgendwie komplett aus meinem Kopf gelöscht und greife automatisch auf die letzte Möglichkeit zurück, die es gibt: durchkommen. Ankommen, ohne hinterher enttäuscht zu sein.


Der Kopf ist jetzt ausgeschaltet, die Stimme, die bei km 4 aussteigen und um den See spazieren wollte, gibt Ruhe. Ich laufe. In die andere Richtung. Auf die große Schleife. 2 km geradeaus an der Landstraße entlang, bis es wieder in den Wald geht. Was für eine ätzende Strecke. Vor einem Jahr bei meinem ersten und schrecklichsten Halbmarathon war das hier km 15 und 16. Ich hatte Schüttelfrost und war davon überzeugt, diese grauenvolle Landstraße würde niemals enden. Jetzt habe ich einen Vorteil: Ich muss nur 10 km laufen und nach ziemlich genau der Hälfte schließt Naomi wieder auf. Es herrscht wortloses Einverständnis darüber, dass Plan A gestorben ist. Wir sind uns allerdings genauso einig darüber, dass wir weitermachen. Auch wenns nicht schön wird. Es ist schon jetzt nicht schön. Am Getränkestand nehme ich nur deshalb einen Becher Wasser, um vor mir selbst eine kleine Gehpause zu rechtfertigen. Ansonsten wird nicht gegangen! Das ist ein verdammter 10er! Kurzes und vor allem selbstgewähltes Leid!

Wir laufen weiter. Zu zweit ist es schöner als allein. Ein wenig zumindest. Ich will trotzdem nicht mehr, will einfach ganz und gar nicht. Ich versuche der Situation und den negativen Gedanken zu entkommen, indem ich mir vorstelle, das hier wäre nicht der Martinslauf, sondern es wäre ein gemütlicher Sonntag und wir würden einen Trainingslauf zusammen hier im Wald laufen. Naomi und ich. Einfach so. Wie immer. Diese Welt ist fluffig, vielleicht glitzert sie sogar ein bisschen, ich schwebe auf meiner "das-ist-hier-alles-nur-Spaß"-Wolke weiter. Die Kilometermarkierungen reißen mich zurück in die Realität und ich mache den alten Fehler, rückwärts zu zählen. Nicht "schon 7 km geschafft, tschakka, super!", sondern "scheiße, immer noch 3 km, will nicht mehr". Gehen ist immer noch keine Option. Ich würde gerne, aber schiebe den Gedanken weg. Versuche, das Verlangen zu unterdrücken und erinnere mich an meine einzige Regel: Gegangen wird nicht. Nicht im 10er. Nicht jetzt. Langsamer laufen geht immer. Zur Not trabe ich über die Ziellinie, aber ich werde nicht gehen.


Wir ziehen uns abwechselnd. Noch immer habe ich keinen Überblick über das Tempo, ich will es auch gar nicht wissen. Es fühlt sich langsam an. Langsam und schrecklich. Strava erzählt später etwas anderes - natürlich. Bei km 9 steht plötzlich Alex mit der Kamera da - na prima. Ich bin überfordert vom Signalisieren, dass ich ihn gesehen habe, Lächeln, einen Fuß vor den anderen Setzen, Atmen. Alles gleichzeitig. Dabei kommt das Augen offen haben zu kurz - alles geht eben nicht. Ich hatte mir vorgenommen, bis hier hin irgendwie durchzukommen und auf dem letzten Rest nochmal Vollgas zu geben. Ein einziger verdammter Kilometer. In weniger als 5 Minuten könnte es vorbei sein. Aber wenn ich jetzt noch Tempo zulege, muss ich eventuell doch über die Ziellinie wandern. Nicht gut. Scheiß auf den Plan. Dann eben weiter traben.


Die letzten Meter ziehen sich. Ich will, dass es vorbei ist, aber ich traue mich nicht, schneller zu laufen. Noch nicht. Da ist nicht mehr viel Luft nach oben. Wir müssen die Startlinie noch einmal überqueren und dann geht es minimal bergauf bis ins Ziel. Jetzt ist mir alles egal. Ich kann die Ziellinie sehen - ab dafür. Wir hatten vorher kurz gewitzelt, ob wir die Hahners geben wollen und deutlich hinter der erhofften Zeit Hand in Hand ins Ziel laufen, aber das ist mir jetzt doch zu doof. Es schafft auch jeder alleine über die Linie - endlich. 53:24 Minuten hat es gedauert. Weit weg vom ursprünglichen, ziemlich hoch gesteckten Ziel. Für den gefühlten Totaleinbruch aber gar nicht so übel.

Ich weiß noch nicht so genau, was ich aus den beiden letzten Läufen mitnehme. Klar, ich weiß, was hier negativ reingespielt hat: die ersten 3 km in 4:50 min/km statt 5:00, das viel zu frühe Aufwärmen, die Kälte (zum ersten Mal habe ich es tatsächlich geschafft, zu wenig und nicht zu viel anzuziehen), der erst verschobene und dann ziemlich plötzliche Start, die schlechte mentale Verfassung. Aber neben all den offensichtlichen Dingen: Vielleicht tut es mir einfach nicht gut, mich unter Druck zu setzen. Vielleicht bekommt mir die Leichtigkeit eines Ziels besser, dessen Erreichen nicht so sehr in Frage steht. Ich weiß es nicht. Ich denke bis zum nächsten Lauf drüber nach. Bis dahin nehme ich allerdings mit: Ich kann mich sehr wohl durchbeißen. Wenn es auch nur für Plan C gereicht hat - ich habe alles gegeben, was möglich war, obwohl ich mehr als einmal gerne aufgehört hätte. Und allein für diese Lektion hat es sich gelohnt. Danke Martinslauf! Danke Alex für die Bilder, danke Naomi fürs Ziehen und Mitleiden, danke unbekannte Dame in der Kloschlange, die hier mitliest. Die sub50 schreibe ich dann mal auf die Liste für 2017.

Wenn man sie nicht extra zahlt, gibts beim Martinslauf übrigens keine Medaille. Aber dafür einen Weckmann für jeden. Bisschen trocken, aber auch gut.

Kommentare :

  1. Zunächst einmal Glückwunsch zum Finish!

    Es kann halt nicht bei jedem Lauf eine neue Bestzeit rausspringen, von daher würde ich mir da erstmal keinen Kopf drum machen. Hauptsache den inneren Schweinehund besiegt und gefinisht :-)

    Was mich immer wieder wundert, auf den Bildern siehst Du immer so locker und relaxed aus, so als ob es gar nicht so schwer sein kann, Bestzeit zu laufen :-D

    Tobi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Tobi,
      danke! :) Klar, alles gut, aber ich mache mir natürlich trotzdem Gedanken, woran es gelegen hat. Wie immer ;-)
      Das locker täuscht definitiv! Ich hab nur den Fotografen rechtzeitig entdeckt und ein Lächeln irgendwo ausgegraben...

      Löschen