Freitag, 6. Mai 2016

Raceday No. 13 - Breitscheider Nacht 2016

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Neben mehr Gelassenheit und weniger Druck habe ich mir für 2016 auch ein einziges Zeitziel vorgenommen: die 10 km unter einer Stunde laufen. Nachdem ich bei der Winterlaufserie ja froh war, dass ich überhaupt starten konnte, war klar, dass die Zeit dort gar keine Rolle spielen würde. Ein 10er "irgendwann später im Jahr" musste her. Im März habe ich dann gemerkt, dass ich eigentlich gerade ganz gut im Training bin und dass ich es jetzt einfach versuchen will. Der Test beim Düsseldorfer Brückenlauf hat gezeigt, dass ich für 5 km nur 26:13 Minuten brauche, wenn ich die Zähne zusammenbeiße - die Stunde auf 10 schien mir also nicht wirklich gefährdet. 10 km, sub60, Breitscheider Nacht, Tanz in den Mai. Here we go:


Abendläufe sind ja so eine Sache. Normalerweise trainiere ich unter der Woche natürlich auch abends (sonst müsste ich ja früher aufstehen), also eigentlich kein Problem. Aber sobald man das Etikett "Wettkampf" drauf pappt, bin ich verwirrt. Was mache ich vorher? Radfahren? Oh nee, bloß nicht. Was essen? Was besser nicht? Wann das letzte Mal vor dem Start? Wenn der Startschuss erst um 19.15 Uhr fällt, bleibt vorher auf jeden Fall genug Zeit, sich Gedanken zu machen. Oder sich einfach in ein Café zu setzen, Tee zu trinken und Kuchen zu mampfen. Und dabei zu merken, dass man eigentlich gar keinen Bock hat, sich heute noch zu bewegen. Zu schön wäre es, vom Café einfach auf die Couch umzusiedeln, sich in eine Decke zu rollen, die Beine hochzulegen und die Nase in ein schon viel zu lange nicht angerührtes Buch zu stecken.

War wohl nix. Stehe dann also doch an der Startlinie.
Ich habe keinen Bock. Gar keinen. Muss aber. Bin angemeldet, habe die schöne Startnummer 37 und habe außerdem schon überall rumposaunt, dass ich heute die 60-Minuten-Schallmauer durchbrechen werde. Ich, die gerade am liebsten noch mehr Kuchen essen und auf dem Sofa rumlümmeln würde. Es führt aber kein Weg daran vorbei, ins Nachbardorf Breitscheid aufzubrechen, schließlich habe ich noch am gleichen Morgen sogar einen Pacemaker rekrutiert. Das sowieso schon nicht ernsthaft gefährdete sub60-Projekt ist spätestens Dank Marcus in ziemlich trockenen Tüchern - das ist übrigens der gleiche Marcus, der mir damals 2014 auch die spontane Anmeldung zum allerersten Triathlon eingebrockt hat. Toll.

Marcus, ich, Naomi - 1A-Farbkombination
Am Vorabend war ich beim ersten Auswärtsspiel meines Lebens. Ich habe das Duell Not gegen Elend gesehen und miterlebt, wie die Fortuna 2:1 in Duisburg verloren hat. Kurz vor dem Start erreicht mich folgende Nachricht: "Nach gestern brauchen wir sportliche Erfolge! Go for it!" Na dann. Los gehts. Es sind zwei 5-km-Runden zu laufen und selbst als wir lostraben, denke ich nichts weiter als dass ich eigentlich ja gar keine Lust habe. Ich halte eine Zeit um die 58 Minuten für halbwegs realistisch, vielleicht eher 58:30. Die Absprache ist, dass Marcus die Zeit im Auge behält und ich einfach laufe. Nach 200 Metern kommt die erste Ansage: "Wir sind zu langsam! Da steht ne 6 vorne!" Äh hallo. Wir rennen doch schon!


Naomi, die vor weniger als einer Woche noch den Marathon in Düsseldorf gelaufen ist, wieselt uns davon. Mein Vater und Steffi, mit der ich eigentlich zusammen laufen wollte, haben kurz vor dem Start irgendwas von 55 Minuten erzählt, so dass ich die beiden auch ziehen lassen will. So richtig klappt das aber nicht: Steffi bleibt immer in Sichtweite vor uns und Papa fällt bei 1,5 km zurück und steigt dann nach 5 km schließlich aus.

Steffi, Hagen, Maren - "das fröhliche Lauftrio". Aber nur manchmal!
Meine Uhr kann ja noch immer kein GPS, daher habe ich nur dann einen halbwegs verlässlichen Überblick über die Geschwindigkeit, wenn ich bei den Kilometermarkierungen auf die Zeit schiele und anfange zu rechnen. Anfangs lasse ich das lieber sein. Wir laufen so dahin, Marcus quasselt mich voll, genau so hatte ich mir das vorgestellt. Offenbar gehts mir noch zu gut, denn ich gebe mal mehr und mal weniger sinnvolle Antworten, aber plappere selber auch die meiste Zeit. Beim Verpflegungsstand an km 3 beschließe ich, dass ich jetzt kein Wasser brauche. Marcus nimmt eines und nippt so lange daran, bis wir den Stand schon weit hinter uns gelassen haben. Zu weit, um den Becher noch loszuwerden. Also hält er ihn fest.

Plötzlich ist die erste Runde dann auch schon rum - huch? 28 Minuten noch was? Mein (geheimer) Plan war eigentlich, die erste Runde nah an den 30 Minuten zu laufen und bei der zweiten dann noch etwas zuzulegen. Das machen wir jetzt einfach trotzdem. Marcus trägt immer noch seinen leeren Becher durch die Breitscheider Nacht.

Eine Runde geschafft, die Stimmung ist noch gut.
Die Strecke, die Fußbeinrunde, finde ich wirklich ganz schön. Sie ist übrigens auch ein Strava-Segment, allerdings bin ich sicher, dass die Höhenmeter lügen, weil es nämlich permanent rauf und runter geht. Nur leicht, aber ein bisschen hügelig ist es schon. Ich bin aber gut abgelenkt, weil Marcus es immer noch fertig bringt, mir von Gott und der Welt zu erzählen. Gedanklich mache ich Notizen, was alles in diesem Artikel erwähnt werden muss, leider ist das meiste nicht zitierfähig, anderes ist Situationskomik und wieder anderes habe ich komplett vergessen. Für den Moment ist es auf jeden Fall genau richtig und somit soll nur eines gesagt sein: Das Lied vom Spiderschwein hält mich offenbar ganz gut bei Laune. Vielleicht ist es auch nur die singende Laufbegleitung, ich werde das bei künftigen Läufen eruieren. Für Lacher sorgen wir auf jeden Fall auch beim zweiten Besuch am Verpflegungsstand, als Marcus seinen Becher aus der ersten Runde ordnungsgemäß zurück gibt. Bei km 7 schiele ich auf die Uhr und rechne aus, dass wir definitiv unter 58 Minuten bleiben, vielleicht sogar unter 57, wenn wir das Tempo halten. Huch.

Steffi läuft immer noch vor uns, aber ihr Vorsprung wird kleiner. Bei km 8 setze ich mir in den Kopf, dass wir sie noch einholen. Bei km 9 weiß ich, dass wir das schaffen. Ich kündige an, dass ich das Reden jetzt endlich mal einstellen werde. Es geht noch was. Also Tempo anziehen. Nur noch ein Kilometer! Wir überholen Steffi. Sie wundert sich kurz, wir halten das Tempo hoch, ich will sie auch einfach mit ins Ziel ziehen. Ich kann mich nicht mehr umdrehen, wir rennen einfach weiter, es geht bergab. Wir rennen und so langsam atme ich schwer, ich schweige und atme und renne, Marcus sagt auch nichts mehr, geht das Tempo mit, bremst nicht, rennt auch nicht weg, bleibt einfach da. Irgendwie ein schöner Moment, sich zusammen zu quälen, die letzten Meter nicht alleine zu leiden. Die letzte Kurve kommt, es geht noch einmal kurz steil bergauf, danach etwas sanfter, aber bergauf bis ins Ziel.


Ich habe keine Ahnung, wer hier alles an der Strecke steht, aber können die paar Leute, die ich kenne, wirklich so einen Lärm machen? Der Empfang ist unglaublich und beflügelt mich nochmal auf den allerletzten Metern. Die Zieluhr sagt irgendwas mit 56 Minuten, ich kanns überhaupt nicht fassen und taumele über die Ziellinie. Ich finde keine Worte für diese Mischung aus Glück, Erstaunen, Dankbarkeit und Stolz. Vielleicht sind genau das die Worte: Ich bin glücklich, dass ein Lauf so schön sein kann. Ich bin erstaunt, dass es so einfach war. Ich bin dankbar, dass ich das nicht alleine durchgemacht habe. Und ich bin stolz, dass dabei so eine Zeit rausgekommen ist, die ich mich vorher nie getraut hätte, als Ziel zu formulieren: 56:10 Minuten. Vor genau einem Jahr bin ich hier 1:03:42 gelaufen. Krass, einfach nur krass und schön, wie sich das Laufen einfacher anfühlt, nicht weil es einfacher wird, sondern weil wir besser werden. Tausend Dank an den unterhaltsamsten Pacemaker, den ich mir vorstellen kann, der genau richtig erkannt hat, dass das Ziel zu niedrig gesteckt war und dass mehr drin war. Merci!

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