Donnerstag, 12. Mai 2016

Mallorca 2016 Tag 4 - Kloster Lluc. No hay dolor.

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Ich wollte Berge. Ich habe Berge bekommen. Wie gerne würde ich jetzt irgendwas darüber schreiben, wie sehr ich Berge hasse. Über beschissene Anstiege, die nicht enden, über brennende Beine - aber es geht nicht. Eigentlich mag ich Berge wirklich nicht. Ich mag plattes Land, ich kann gerne weit gucken, ich verstehe Berge und Täler nicht, denn sie machen Wege umständlich und sie versperren die Sicht. Spätestens seit heute stehe ich nicht nur beim Radfahren auf Berge, sondern ich liebe es auch, wie die großen, schroffen Klötze so in der Gegend rumstehen. Seit Anfang der Woche schon bildet das Tramuntana-Gebirge die Kulisse für unsere flachen und hügeligen Touren. Majestätisch und furchteinflößend ragt eine ganze Bergkette hier einfach ziemlich weit nach oben, viel weiter, als mein rheinländisches Auge gewöhnt ist.


Mit einer Mischung aus Respekt und Vorfreude und noch ein bisschen mehr Respekt rollen wir los. Also zumindest in mir sieht es so aus. Ich hab Bock drauf, die Beine mal an ihre Grenzen zu bringen und ich hab gleichzeitig eine Scheißangst, dass viel zu früh entweder die Beine selbst oder der Kopf "Is nich! Du kannst uns mal!" beschließen und der Wandertag beginnt.

Praktischerweise sind mit Marc und Marcus noch zwei Radel-Kumpel aus der Heimat hier, so dass wir uns das Drama nicht zu zweit antun müssen. Wir nehmen also zu viert die nördliche Route zum Kloster Lluc: Erst mal geht es locker flockig durch Can Pic (die coolen Leute sagen nicht Can Picafort, habe ich gelernt), durch Alcúdia, Richtung Port de Pollença. Es gibt verdammt nochmal keine schönere Straße zum Radeln als die direkt am Meer genau hier. Das will ich ausnutzen und es ist einfach unmöglich, hier langsam zu fahren. Leider müssen wir bald in Richtung Pollença abbiegen. Alles klar. Weg von der Küste. Hin zu den Bergen.


Es beginnt harmlos. 14 km lang geht es minimal bergauf, ungefähr auf 100 Höhenmeter. Die merkt man kaum, wirklich nicht, ich fühle mich wie zuhause auf dem Panoramaradweg. Nur mit einer deutlich schöneren Aussicht als in Velbert. Die Berge kommen immer näher. Plötzlich stelle ich fest, dass ringsherum diese riesigen Dinger stehen und habe keine Ahnung, wie wir hier weiter kommen sollen. Wir sind umzingelt. Tunnel? Mittendurch? Nö. Rauf.

Und dann gehts zur Sache. 10 km nach oben, von 100 auf ungefähr 550 hm. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal höher als auf 240 Metern gewesen zu sein und das war letztes Jahr am Cap de Formentor. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals 24 km am Stück bergauf gefahren zu sein. Respekt ist vielleicht ein klitzekleines bisschen untertrieben. Relativ schnell teilen wir uns in zwei Gruppen, denn am Berg gilt nur ein Gesetz: Jeder fährt sein eigenes Tempo. Es ist unmöglich, langsamer oder schneller zu fahren, als es angenehm wäre. Angenehm. Haha.



Marcus und ich sind ein kleines bisschen flotter, Marc und mein Vater folgen uns. Am Anfang haben wir sogar noch genug Luft, um uns zu unterhalten. Ich denke an den Spruch "Du kannst nicht mehr, wenn du "Ich kann nicht mehr" nicht mehr sagen kannst!" und stelle fest: Ich kann noch. Dann werden die Sätze kürzer. "Ist das schön hier!" - "Guck dir die scheiß Berge mal an!" - "Das ist soo schön!" - "Schrecklich schön!" Ich mag die Berge. Sie sehen einfach unheimlich toll aus.


Die Straße ist voller Kreidebotschaften, wohl noch vom Ironman 70.3 am letzten Wochenende: "Vamos", "Go, go go". "Hopp mein Mädchen" bringt mich immerhin zum Lächeln. Ich versuche alle Namen und Anfeuerungen zu entziffern, bei den kyrillischen wirds schwer bis unmöglich, die anderen beschäftigen mich immerhin eine Weile. Sofort ins Herz trifft "no hay dolor" - es gibt keinen Schmerz. Was für eine Lüge. An diesem steilen Stück. Dreist. Wie schön, wenn man sich ihr hingeben kann. Nach "shut up legs" und "it's only pain" jetzt also ein neues Mantra: "no hay dolor".



Marcus schlägt vor, anzuhalten und auf die anderen beiden zu warten. Ich erkläre ihn für verrückt, weil ich es nicht für möglich halte, jemals wieder anzutreten, wenn wir einmal gestanden haben. 100 Meter weiter gebe ich zu, dass ich anhalten und Pause machen in Betracht ziehe. Nochmal 100 Meter später stehen wir am Straßenrand und lassen die anderen beiden aufschließen. Atmen, trinken, kurz die Aussicht genießen. Weiter radeln. Die ersten Meter geben wir uns der Illusion hin, es wäre jetzt alles leichter. Ist es auch. Kurz. Und dann melden sich die Beine wieder. Und die Lunge. Wir klettern weiter. "Go, go, go!" kommt mir bei unserem Witz von Tempo übertrieben vor. Ich frage mich, ob die Triathleten im Rennen eigentlich Zeit hatten, sich die Botschaften auf der Straße durchzulesen. Ob sie dann helfen, Kraft geben, ein Lächeln in schmerzverzerrte Gesichter zaubern. No hay dolor. Eine bittersüße Lüge, die ich mir heute noch oft gedanklich vorsage. Vielleicht sage ich das demnächst meinen Grundschülern, wenn sich mal wieder einer beschwert, dass ein anderer ihn mit einem Softball abgeworfen hat.

Wir legen noch die eine oder andere Trinkpause ein und noch bevor wir am Kloster ankommen, habe ich eine Flasche Wasser, eine Flasche Iso und ein Gel intus. Die Beine sind noch nicht komplett durch, haben schon schlimmer gebrannt, aber die kleinen Pausen tun gut. Ziemlich gut. Ich habe keinen Überblick, wie weit es noch ist, wie weit oben wir schon sind, was da noch kommen muss, was wir schon geschafft haben. Und plötzlich ist da eine Kuppe. Coll de Femenia, auf 515 Meter Höhe. Die Straße begrüßt uns mit "Hammer Time".



Pause, obligatorisches Poser-Foto, kurz mit anderen Radfahrern quatschen und dann: Hammer Time! Es geht abwärts. Und zwar erst mal lange geradeaus - so machen auch mir als Angsthase Abfahrten Spaß! Wir müssen nochmal etwas klettern, dann kommt auch schon die Abzweigung zum Kloster. Keiner von uns will sich das Kloster selbst angucken, wir wollen eigentlich nur eines: Wasservorräte auffüllen, Cola trinken, Eis essen.

Die 70er haben angerufen, sie wollen ihr Eis zurück.

Theoretisch müsste es jetzt nur noch bergab nach Hause gehen. Praktisch müssen wir erst mal aus dem Tal wieder raus, in dem das Kloster liegt - na schön. Die ersten Stimmen werden laut, dass man ja auch theoretisch, jetzt, wo wir schon mal hier sind, weiter bis zum Puig Major fahren könnte - sind ja nur noch über 300 Höhenmeter bis zum höchsten Berg der Insel, der für Rennradfahrer zu erreichen ist. Zum Glück merkt Marc, Sternzeichen Fuchs, ziemlich bald an, dass es mit den 300 hm nicht getan wäre und wir von dort ja auch noch irgendwie zurück kommen müssen. Also nein. Ich brauche außerdem auch noch Ziele fürs nächste Jahr - Sa Calobra können wir auch gleich mit auf die Liste schreiben, ist ja auch um die Ecke.

Wir halten uns also in Richtung Caimari und Selva. Ab jetzt geht es vorerst nur noch bergab. Ich kann das nicht genießen, weder die Aussicht, noch eine möglicherweise rasante Abfahrt, die nicht mehr vorhandene Anstrengung - nichts davon, denn für mich ist das anstrengend. Kein Wunder, wenn man die ganze Zeit "Ohgottohgottohgott" denkt, bei den kurzen geraden Stücken mal ein bisschen laufen lässt, nur um sich dann wieder fast die Finger taub zu bremsen, weil ich mit minus sieben km/h durch die Serpentinen gurke, um bloß nicht die Kurve zu schneiden. Hier fahren Autos, Reisebusse, Radfahrer, Ziegen rennen über die Straße, ich kann die Kurven nicht leiden und vor allem dann nicht, wenn ich sie nicht einsehen kann. Als die Jungs mir verraten, dass man Bremsen auch weich bremsen kann und ich um Himmels Willen nicht die ganze Zeit bremsen soll, und dass wir außerdem erst 100 Höhenmeter nach unten zurückgelegt haben, also noch 400 kommen, will ich mich kurz an den Straßenrand setzen und einfach da bleiben. Oder zu Fuß gehen. Oder den Bus nehmen. Wie ironisch, dass ich den Anstieg so gut weggesteckt habe, der Kopf schön bei der Sache war und jetzt wegen einer läppischen Abfahrt die Stimmung zu kippen droht. Ich reiße mich zusammen, rolle im Schneckentempo weiter den Berg runter und drehe dabei das langweiligste Actioncam-Video der Welt. Eventuell zeige ich hier irgendwann mal die Zeitraffer-Version.




Als wir endlich unten ankommen und es ein längeres flaches Stück Straße gibt, mache ich das, was mir wirklich Spaß macht: Schnell fahren und die Kontrolle behalten. Blöderweise kommt direkt danach ein kleiner Anstieg, den ich auch hoch düsen muss, dicht gefolgt von Marcus. Oben angekommen wollen wir auf den Rest warten und es passiert, was passieren muss: Ich klicke den rechten Fuß aus, setze ihn auf den Boden, drehe mich nach hinten um und kippe in Zeitlupe samt Rad auf die linke Seite. War ja klar: Ich mache mir bei der Abfahrt fast in die Hose, beschwöre Kollisionen mit Reisebussen herauf, befürchte wegrutschende Reifen, Bremsen, die nicht mehr greifen, sehe mich gegen Bäume prallen und Klippen hinunter sausen - nichts davon geschieht. Aber aus dem Stand kippe ich um. Und ramme mir dabei das große Kettenblatt so geschickt in die Wade, dass ich aussehe, als hätte ich mit einem riesigen Tier mit ziemlich vielen Krallen gekämpft. Das Tolle: Ich spüre keinen Schmerz (es gibt ja auch keinen!). Adrenalin ist schon ne prima Sache. Das Blut sifft aus dem Bein, vermischt sich mit dem Kettenfett und ich ärgere mich erst mal über meine eigene Doofheit, um mich gleich danach über das schön kühle Blut auf dem Bein zu freuen. Ups, Blut?!


Die restliche Rückfahrt ist unspektakulär, wir durchqueren noch ein paar Orte und sausen über eine frisch geteerte wunderbare Straße. Das Thema Nummer eins ist Lasagne. Auf einmal vergesse ich dann mein neues Mantra und stelle fest, dass es doch Schmerzen gibt. Sie sind in meiner rechten Wade, der zerstückelten, die immer dicker und blau wird und bei jedem kleinen Schlagloch ordentlich aufmuckt. Als dann noch übelster böiger Seitenwind dazu kommt, bin ich restlos bedient und will einfach nur nach Hause. Nach gut 80 km ist es geschafft. Die übrigen Fakten: 1.170 Höhenmeter, Schnitt 21,8 km/h (ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie wir das geschafft haben), Höchstgeschwindigkeit 50 km/h (ich habe nicht die leiseste Ahnung, wann ich die gefahren sein soll, bei der Serpentinenabfahrt kanns nicht gewesen sein).



Puh. Das war anstrengend, aber sehr großartig!

Sonstige Beobachtungen und Erkenntnisse:

Lügen sind kein Problem, wenn man weiß, dass sie gelogen sind, man aber trotzdem an sie glauben will.

Diese Beine sind doch müde zu kriegen.

Tiersichtungen lebendig: elf Pferde (davon eins mit Flecken und eins mit Punkten), sechs Ziegen, fünf bis sieben Weinbergschnecken, sehr viele Schafe.

Tiersichtungen tot: eins undefinierbar, einmal nur Eingeweide, ein Vogelküken.

Bisher verzehrte Oliven: 95.

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